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Das Buch Hiob / Ijob

 

Das Buch Hiob hat mit Blick auf die Theodizee-Frage eine besondere Stellung. Warum? Das erschließt sich den folgenden Anmerkungen.

 

Das Buch Hiob wurde durch nichtjüdische Traditionen angeregt und seine Entstehung wird entsprechend selbst nicht in Judäa verortet, sondern im Land "Uz". Das bedeutet aber nicht, dass es in seiner Theologie nicht in der jüdischen Tradition zu verankern ist. In ihm wird die in der damaligen Welt weit verbreitete Weisheit, dass es den Menschen, die gerecht und gut leben auch gut gehen wird, angegriffen. Der so genannte Tun-Ergehen-Zusammenhang ist Kennzeichen dieser alten Weisheit: Handelt ein Mensch gut - geht es ihm gut - an seinem Leiden kann man sehen, dass er schuldig geworden ist. Diese alte Tradition wird in unterschiedlicher Weise argumentativ bekämpft. Wie das Hiob-Buch dagegen angeht, wird gleich darzustellen sein. Das Buch Kohelet (Prediger Salomo) stellt dem entgegen, dass alles Tun des Menschen eitel ist - der Mensch muss sterben, von daher ist es wichtig, sein Leben gut zu leben und es sich gut gehen zu lassen.

Das Buch Hiob ist zeitlich nicht eindeutig einzuordnen, und so wird es zwischen dem 5. und 3. Jahrhundert vor Christus datiert. In der babylonischen Literatur gibt es eine Art Vorgängerwerk - der babylonische Hiob: Ludlul bel nemeqi - der Hauptgott Marduk, der zornig und gnädig ist, wirkt Leiden und Wohlergehen https://de.wikipedia.org/wiki/Ludlul_b%C4%93l_n%C4%93meqi

 

Das Hiob-Buch hat 42 Kapitel.

Die Kapitel 1 und 2 (Prolog) sowie 42,10ff. (Epilog) gehören zur Rahmenerzählung: Hiob ein Mann der Oberschicht, ein sehr reicher Patriarch lebt gerecht, das heißt er lebt ganz so, wie es Gott gefällt. Das gefällt dem Satan nicht und er diskutiert mit Gott und meint, dass Hiob nur darum so gerecht lebe, weil es ihm gut geht. Satan meint, Gott habe alles in der Hand - und wenn er seine Hand gegen Hiob wenden würde, würde dieser ihn verlassen. Gott sagt das Gegenteil, weil er dem Hiob vertraut, vertraut, dass er von Herzen gerecht ist. Zum Beweis, dass er, Gott, Recht hat, legt er dem Satan in die Hand, Hiob zu versuchen. Hiob darf alles genommen werden, nur nicht das Leben. Und so wird Hiob auf einen Schlag alles genommen (Kinder und Besitz: Hiobsbotschaften). Die Antwort des Hiob: "Der Herr hat es gegeben, der Herr hat es genommen, der Name des Herrn sei gelobt." Der Satan sagt dann Gott, dass Hiob sich abwenden würde, wenn man ihm die Gesundheit nehmen würde. Gott überlässt Hiob wieder dem Satan - doch Hiob gibt nicht klein bei: "Haben wir Gutes empfangen von Gott und sollten das Böse nicht auch annehmen?" Im Epilog wird erzählt, dass Hiob alles, was er hatte, vielfach wieder bekommt, weil er treu geblieben ist.

 

Dualismus:

Woher kommt das Böse? Ist es der Kampf zwischen Satan und seinen bösen Mächten gegen Gott und seinen guten Mächten? Wenn der gute Gott und die böse Macht als eigenständige Größen dargestellt werden, die einander bekämpfen, dann spricht man von Dualismus. Der Mensch steht vor der Wahl: Er kann sich den bösen Mächten anschließen oder Gott. Jeder Gerechte ist ein Vertreter des guten Gottes auf der Erde und muss damit rechnen, von den bösen Mächten entsprechend drangsaliert und gequält zu werden. Die Welt gehört im Grunde dem Satan und Gott wird dem gerechten im jenseits ein gutes Leben geben oder er wird, wie in apokalyptischen Schriften betont, mit seinen guten Mächten auf die Erde kommen und Satan mit seinen bösen Mächten in einem Endkampf besiegen.

Der Dualismus hat jedoch Varianten. So kann er gebrochen sein. Wie im Hiobbuch ist Gott auch der Herr über den Satan. Wenn dem Menschen etwas Schlimmes geschieht, dann liegt es daran, dass Gott dem Satan die Vollmacht gegeben hat, das Unheil über den Menschen kommen zu lassen.

Die Alternative zum Dualismus ist, dass der Mensch das, was ihm an Schlimmem widerfährt, aus Gottes Hand nimmt. Auch das finden wir im Hiobbuch. Und dann wird gefragt: Warum lässt Gott dieses Unheil kommen? Auch da gibt es dann unterschiedliche Antworten: Es handelt sich um eine Prüfung, der Mensch ist Sünder und wird auf diese Weise durch Gott bestraft, damit er wieder den Weg zurück findet.

 

Der Hauptteil, das eigentliche Hiob-Buch ist in zwei Teile zu gliedern: In den Kapiteln 3-37 diskutieren die Freunde mit Hiob, ab Kapitel 38 reagiert Gott selbst.

 

Drei Freunde besuchen Hiob und wollen ihn trösten. Sie setzen sich zu ihm, und ertragen schweigend seinen Schmerz und sein Leid. Dann beginnt Hiob zu klagen - und diese Klagen haben es in sich.

 

Aufgabe:

Man muss die Klagen gelesen haben, um zu verstehen, warum das Hiob-Buch so eine große Bedeutung bekommen konnte. Also: Bitte selbst lesen!

 

Die Freunde Hiobs versuchen, ihn argumentativ zu trösten, versuchen, ihn mit Hilfe der alten Weisheit auf neue Gedanken zu bringen.

Manchmal wird gesagt, dass die jeweiligen Freunde ein besonderes Anliegen haben.

  • Elihu liege daran zu sagen, dass Leiden Prüfung sei.
  • Bildad liege daran zu sagen, dass diejenigen, die Leiden, Sünder seien und zur Rechenschaft gezogen würden.
  • Zofar liege daran zu sagen, dass im Jenseits das Leben erträglicher wäre.

Das kann ich jedoch nicht erkennen. Alle sprechen dann und wann die jeweiligen Themen an. Wie dem auch sei: Hiob beginnt die Klage, dann beginnt einer der Freunde eine Rede, darauf reagiert Hiob wieder usw.

 

Es geht in den Reden darum, dass Leiden zum sündigen Menschen gehöre, dass man am Tun-Ergehen-Zusammenhang festhalten müsse. Und das ist zunächst auch Hiobs Sichtweise - aber anders als die Freunde es sehen. Die Freunde sagen: Weil Hiob gesündigt habe, darum müsse er leiden, Gott sei gerecht. Hiob sagt: Weil er keine Sünde begangen habe, müsse es ihm gut gehen, Gott sei ungerecht. Während die Freunde sachlich argumentieren, dabei die Tradition der Weisheit anführen und auch Lebenserfahrungen mitteilen, schreit Hiob seine Klagen Gott zu. Er argumentiert nicht mit Blick auf die Freunde, sondern sein eigentlicher Diskussionspartner ist Gott - Gott jedoch schweigt. Gott habe ihm alle Würde genommen (30,15), Gott, solle den Menschen nicht so ernst nehmen, ihn nicht mit den Grausamkeiten zur Zielscheibe machen (7,17ff.). Hiob schreit einen schweigenden Himmel an. Er ruft: "O hätte ich einen, der mich anhört... Der Allmächtige antworte mir!" (31,35) Aber der Allmächtige ist still. Hiob kann ihn herausfordern wie er will, ihm vorwerfen, Gott sei Ankläger und Richter in einem, was ungerecht sei - Gott schweigt.

 

Der theologische Höhepunkt dürfte mit dem 19. Kapitel gegeben sein. Hiob ruft Gott gegen Gott an:

"Ich weiß, dass mein Erlöser lebt, und als der Letzte wird er über den Staub sich erheben" (19,24).

Der angedeutete Dualismus der Rahmenhandlung ist aufgehoben.

 

Ab den Kapiteln 38ff. reagiert Gott. Gott selbst spricht mit Hiob. Aber er gibt keine Antwort, er verteidigt sich nicht, Gott zeigt nur seine Größe. Hiermit haben wir ein weiteres Thema der Weisheit: Die Schöpfung. Alles wurde erschaffen, alles hat seine Ordnung. Gott legt alles fest - alles, was auf der Erde und im Kosmos zu sehen und zu erfahren ist. Angesichts dieser Reaktion Gottes, erkennt Hiob, wie gering er doch ist: "Siehe, ich bin zu gering, was soll ich antworten? Ich will meine Hand auf den Mund legen." (40,4) Und dann erkennt er: "Ich hatte von dir nur vom Hörensagen vernommen; aber nun hat mein Auge dich gesehen, darum spreche ich mich schuldig." (42,5f.) In der Gottesbegegnung weiß Hiob, dass Gott ihm die Würde zurückgibt - obgleich er unermesslich leidet.

 

Gott gibt Hiob Recht - und damit wird die Sichtweise der neuen Weisheit deutlich. Damit legitimiert das Hiob-Buch die Klage und die Anklage. Gott kann angeklagt werden, weil der Mensch in seinem Leiden Gott nicht verstehen kann. Der Mensch darf Mensch sein und bleiben - auch angesichts Gottes. Nicht nur der Mensch darf bleiben, der er ist - auch Gott bleibt, der er ist: der Geheimnisvolle, der für den Menschen Undurchschaubare, der in seiner Freiheit handelnde Gott.

 

Der Mensch muss nicht zum vom Verstand bestimmten Ideologen werden, der nur "richtig" handelt in seinem Leiden. Die Theodizeefrage kann nicht mit der Vernunft gelöst werden. Sie wird nur in der Begegnung mit Gott gelöst. Nicht die Weisheit / Philosophie, die Vernunft ist es, die Gott rechtfertigen kann. Der Mensch mag noch so voller Verstand und gut gemeint Gott verteidigen zu wollen - das klappt nicht. Der Mensch kommt, wie die Freunde Hiobs an seine Grenzen. Die Lösung der Theodizeefrage ist die unbegreifliche Gottesbegegnung. Der Mensch, der durch das Leiden Entwürdigung erfährt, bekommt durch die Gottesbegegnung seine Würde zurück.

 

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Die Bedeutung dieses Buches wird auch dann deutlich, wenn man es mit der Sicht der Stoa bzw. auch mit der des Epikur vergleicht. Die Stoa verlangt das Anpassen an das Schicksal, das von Zeus/Gott Gegebene. Sich auflehnen ist sinnlos, vergeudet nur Kräfte. Epikur sieht - vergleichbar mit Kohelet -, man solle gut leben, das Leiden möglichst meiden, sterben müsse jeder. Diese Haltungen mögen heldenhaft und heroisch sein. Ihnen eignet eine gewisse Kälte an. Im Vergleich dazu ist das Buch Hiob ein äußerst menschliches Buch.

 

Christen haben einige Jahrhunderte später Gott als Erlöser in Jesus Christus erkannt. Hiob ruft Gott gegen Gott an. Gott hat sich dann in Jesus Christus den Menschen zu erkennen gegeben - und zwar als Gott, der gegen Leiden angeht aber auch das Leiden auf sich nimmt. Gott wird nicht nur - wie bei Hiob - erlitten, sondern zeigt sich als der, der entwürdigendes Leiden auf sich nimmt. Aber auch im christlichen Glauben wird die undurchschaubare Freiheit Gottes nicht aufgehoben, denn dass sich Gott im Leiden Jesu Christi zeigt, zeigt seine geheimnisvolle Freiheit. Wenn einer meint, er könne einen Menschen durchschauen, dann meint er auch, er habe ihn in der Hand. Doch der Mensch bleibt geheimnisvoll - und auch darin besteht seine Würde. Entsprechend ist es mit Gott: Wer meint, Gott zu durchschauen, meint, Gott in der Hand zu haben. Und das ist die Sichtweise der alten Weisheit, vertreten durch die Freunde aber auch die Sichtweise der Philosophie, wenn sie meint, die Theodizeefrage durchdrungen zu haben. In dieser Hinsicht lehrt Hiob Bescheidenheit. Wie aus christlicher Perspektive mit dem Leiden umzugehen ist, das zeigt ein anderer Abschnitt.

 

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Auch der Hinduismus kennt den Tun-Ergehen-Zusammenhang. Er umgeht die Frage der Weisheit: Warum muss der Gerechte leiden? dadurch, dass er den Grund für das Leiden in das Vorleben verlagert: Du musst leiden, weil du in deinem vorangegangenen Leben Übles getan hast. Die Frage also: Warum ich? Erübrigt sich. Diese kann nur in dieser westlichen Weisheit aufbrechen.

 

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Es handelt sich mit dem Buch Hiob um ein literarisches Werk. Das Gottesbild, das der Autor zeigt, ist aus gegenwärtiger Perspektive kurios: Er und der Satan (der Verwirrer) wetten - ein Mann muss leiden, viele junge Menschen und andere kommen um. Es ist nicht einmal Zorn im Spiel, wie im babylonischen Hiob. Hier wird aufgegriffen, dass Menschen das Gefühl haben: Gott macht, was er will, der Mensch ist ihm ausgeliefert, aber eben dadurch abgeschwächt (aber letztlich doch verstärkend) verbunden mit dem Satan, der der eigentliche Verwirrer ist. Aber im Buch Hiob selbst ist von diesem kaum mehr die Rede - Gott wird zu recht angesprochen. Dieses Gefühl des Menschen, Gott bzw. den Göttern ausgeliefert zu sein, wird durch die Wette auf die Spitze getrieben. Gott ist im Grunde auch abhängig vom Satan, er ist abhängig davon, dass ein Mensch trotz des Leidens sich weiter zu ihm bekennt. Am Ende zeigt dieser Gott dann seine Macht, er kann alles - außer eben: Hiob, um ihn in seiner Arroganz unmenschlich zu prüfen, in Ruhe lassen. Dieses Werk ist im Grunde eine Gottes-Kritik, die schärfer ist als jegliche atheistische Kritik, die in der Ablehnung Gottes mündet - und dieses Werk, das eine Art Gegen-Gott-Werk ist, steht in der Bibel. Warum? Der Protagonist hält an Gott fest - gegen diesen undurchsichtig finsteren Wett- und Arroganz-Gott. Dieser Gott spiegelt die Herrscher damaliger Zeit wider - wie es die Thronszene zeigt. Diesem abgehobenen Herrscher wird der an ihm leidende Mensch gegenüber gestellt. Menschen solidarisieren sich mit dem leidenden Menschen - nicht mit diesem Gott, auch wenn der dem Hiob letztlich märchenhaft als Belohnung alles Mögliche wieder schenkt. Das Hiob-Buch rechnet mit einem solchen Gottesbild ab - wagt es aber nicht ganz, da es ein solches dann doch wieder installiert.

 

Elie Wiesel, der in Ausschwitz leiden musste und Auschwitz überlebt hat, hielt auch an Gott fest. Er schrieb: Selbst wenn Du mich vergisst, mein Gott, wirst Du mich nicht so weit bringen, dass ich Dich vergesse. Wiesel hat eindeutige Gotteserfahrungen gemacht, die er angesichts der folgenden Leiden nicht ignorieren konnte.

Christen halten sich an dem Satz fest, der im Hiob-Buch steht: Ich aber weiß, dass mein Erlöser lebt, diesen sehen sie in Jesus Christus. Hier bleibt ein Nicht-Verstehen Gottes, aber man schaut nicht auf das Nicht-Verstehen, sondern auf den, der in Jesus Christus selbst gelitten hat und anwesend ist. Das erklärt das Leiden nicht. Das hilft im Leiden.

 

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Ein kurioses Gottesbild liefern auch die Noah-Kapitel: Die Menschen sind böse, Gott will sie bestrafen, erwählt sich den gerechten Noah. Dieser baut ein Schiff. Alles, was darin aufgenommen wird, überlebt - alles andere wird dem Tod durch Ertrinken preisgegeben und dann, als die Flut vorbei ist, bereut Gott das Tun, sagt, es solle nie wieder geschehen, ebenso darf keiner andere umbringen (Genesis 7-9). Auch diese Geschichte findet ihre Vorlage in einem Babylonischen Werk, dem Gilgamesch Epos. https://de.wikipedia.org/wiki/Arche_Noah

Noah ist ein Gegenbild zu Hiob: Er macht alles mit, was Gott mit ihm und der Menschheit vorhat. Leiden der Menschen spielt keine Rolle. Anders als zum Beispiel Abraham oder Moses, die sich gegen Gottes Zorn wenden und gegen die Vernichtung der jeweiligen Objekte des Zorns angehen. Gott lässt sich ein wenig besänftigen - aber Noah wendet sich nicht dagegen. Er tut, was ihm gesagt wird. Er ist nicht solidarisch mit den Menschen. Während die Abraham und Mose-Geschichte zeigen: Der solidarische Mensch ist im Grunde besser als der zornige Gott. Auch ein sonderbares Gottesbild.

 

All diese Geschichten sind jeweils  Ausdruck ihrer Zeit, Menschen erleiden die Bosheit anderer Menschen, Gott leidet an der Bosheit der Menschen - gleichzeitig sollen sie zeigen, dass sich Gott den gerechten Menschen zuwendet - eine Aufforderung, selbst gerecht zu sein. Zudem wird erklärt, warum Gott gegenwärtig nicht die bösen Menschen vernichtet, sie gewähren lässt. Er hatte es schon einmal gewollt, aber dann hat es ihn gereut. Entsprechend haben nun auch Menschen nicht das recht, die bösen Menschen zu vernichten, weil sie meinen, Gottes Stelle einnehmen zu müssen. Und der gerechte Noah? Nach all den schlimmen Erlebnissen baut er sich einen Weinberg, betrinkt sich - und das Schicksal der Bosheit nimmt erneut seinen Lauf. Dem setzt Gott - so das weitere Alte Testament - dann die Erwählung seines Volkes entgegen, das Gebote bekommt, damit es sich vom Bösen abwendet, dem er Propheten sendet, damit sie dem Volk verkünden, wie es sich richtig verhält.

 

Christen sehen in Jesus Christus Gott wirken: Er nimmt die Schuld auf sich, vergibt, wendet sich Menschen befreiend zu.