{"id":812,"date":"2019-07-02T16:50:37","date_gmt":"2019-07-02T14:50:37","guid":{"rendered":"https:\/\/evangelische-religion.de\/ReligionNeu\/?page_id=812"},"modified":"2022-07-28T09:58:50","modified_gmt":"2022-07-28T07:58:50","slug":"das-buch-hiob","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/evangelische-religion.de\/ReligionNeu\/gott\/das-buch-hiob\/","title":{"rendered":"Das Buch Hiob"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"has-text-align-center has-medium-font-size\">DAS BUCH HIOB \/ IJOB<\/p>\n\n\n\n<p>Das Buch Hiob hat mit Blick auf die Theodizee-Frage eine besondere Stellung. Warum? Das erschlie\u00dft sich den folgenden Anmerkungen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center has-white-color has-text-color has-background\" style=\"background-color:#8700a3\"><strong>Entstehung und Tradition des Buches<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Das Buch Hiob wurde durch nichtj\u00fcdische Traditionen angeregt und seine Entstehung wird entsprechend selbst nicht in Jud\u00e4a verortet, sondern im Land \u201eUz\u201c. Das bedeutet aber nicht, dass es in seiner Theologie nicht in der j\u00fcdischen Tradition zu verankern ist. In ihm wird die in der damaligen Welt weit verbreitete Weisheit, dass es den Menschen, die gerecht und gut leben, auch gut gehen wird, angegriffen. Der so genannte <strong>Tun-Ergehen-Zusammenhang<\/strong> ist Kennzeichen dieser alten Weisheit: Handelt ein Mensch gut \u2013 geht es ihm gut \u2013 an seinem Leiden kann man sehen, dass er schuldig geworden ist. Diese alte Tradition wird in unterschiedlicher Weise argumentativ bek\u00e4mpft. Wie das Hiob-Buch dagegen angeht, wird gleich darzustellen sein. Das Buch <strong>Kohelet (Prediger Salomo)<\/strong> stellt dem entgegen, dass alles Tun des Menschen eitel ist \u2013 der Mensch muss sterben, von daher ist es wichtig, sein Leben gut zu leben und es sich gut gehen zu lassen.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Buch Hiob ist zeitlich nicht eindeutig einzuordnen, und so wird es zwischen dem 5. und 3. Jahrhundert vor Christus datiert. In der babylonischen Literatur gibt es eine Art Vorg\u00e4ngerwerk \u2013 der <strong>babylonische Hiob<\/strong>: Ludlul bel nemeqi \u2013 der Hauptgott Marduk, der zornig und gn\u00e4dig ist, wirkt Leiden und Wohlergehen&nbsp;<a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Ludlul_b%C4%93l_n%C4%93meqi\">https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Ludlul_b%C4%93l_n%C4%93meqi<\/a><\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center has-white-color has-text-color has-background\" style=\"background-color:#8700a3\"><strong>Das Hiob-Buch hat 42 Kapitel.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Die Kapitel 1 und 2 (Prolog) sowie 42,10ff. (Epilog) geh\u00f6ren zur Rahmenerz\u00e4hlung: Hiob ein Mann der Oberschicht, ein sehr reicher Patriarch lebt gerecht, das hei\u00dft er lebt ganz so, wie es Gott gef\u00e4llt. Das gef\u00e4llt dem Satan nicht, und er diskutiert mit Gott und meint, dass Hiob nur darum so gerecht lebe, weil es ihm gut geht. Satan meint, Gott habe alles in der Hand \u2013 und wenn er seine Hand gegen Hiob wenden w\u00fcrde, w\u00fcrde dieser ihn verlassen. <em>Gott <\/em>sagt das Gegenteil, weil er dem Hiob vertraut, <em>vertraut, dass Hiob von Herzen gerecht ist<\/em>. Zum Beweis, dass er, Gott, Recht hat, legt er dem Satan in die Hand, Hiob zu versuchen. Hiob darf alles genommen werden, nur nicht das Leben. Und so wird Hiob auf einen Schlag alles genommen (Kinder und Besitz: Hiobsbotschaften). Die Antwort des Hiob: \u201e<em>Der Herr hat es gegeben, der Herr hat es genommen, der Name des Herrn sei gelobt<\/em>.\u201c Der Satan sagt dann Gott, dass Hiob sich abwenden w\u00fcrde, wenn man ihm die Gesundheit nehmen w\u00fcrde. Gott \u00fcberl\u00e4sst Hiob wieder dem Satan \u2013 doch Hiob gibt nicht klein bei: <em>\u201eHaben wir Gutes empfangen von Gott und sollten das B\u00f6se nicht auch annehmen?\u201c<\/em> Im Epilog wird erz\u00e4hlt, dass Hiob alles, was er hatte, vielfach wieder bekommt, weil er treu geblieben ist.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center has-white-color has-text-color has-background\" style=\"background-color:#8700a3\"><strong>Dualismus:<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Woher kommt das B\u00f6se? Ist es der Kampf zwischen Satan und seinen b\u00f6sen M\u00e4chten gegen Gott und seinen guten M\u00e4chten? Wenn der gute Gott und die b\u00f6se Macht als eigenst\u00e4ndige Gr\u00f6\u00dfen dargestellt werden, die einander bek\u00e4mpfen, dann spricht man von <strong>Dualismus<\/strong>. Der Mensch steht vor der Wahl: Er kann sich den b\u00f6sen M\u00e4chten anschlie\u00dfen oder Gott. Jeder Gerechte ist ein Vertreter des guten Gottes auf der Erde und muss damit rechnen, von den b\u00f6sen M\u00e4chten entsprechend drangsaliert und gequ\u00e4lt zu werden. Die Welt geh\u00f6rt im Grunde dem Satan und Gott wird dem Gerechten im Jenseits ein gutes Leben geben oder er wird, wie in apokalyptischen Schriften betont, mit seinen guten M\u00e4chten auf die Erde kommen und Satan mit seinen b\u00f6sen M\u00e4chten in einem Endkampf besiegen.<\/p>\n\n\n\n<p>Der<strong> Dualismus hat jedoch Varianten<\/strong>. So kann er gebrochen sein. Wie im Hiobbuch ist Gott auch der Herr \u00fcber den Satan. Wenn dem Menschen etwas Schlimmes geschieht, dann liegt es daran, dass Gott dem Satan die Vollmacht gegeben hat, das Unheil \u00fcber den Menschen kommen zu lassen.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Alternative zum Dualismus ist, dass der Mensch das, was ihm an Schlimmem widerf\u00e4hrt, aus Gottes Hand nimmt. Auch das finden wir im Hiobbuch. Und dann wird gefragt: Warum l\u00e4sst Gott dieses Unheil kommen? Auch da gibt es dann unterschiedliche Antworten: Es handelt sich um eine Pr\u00fcfung, der Mensch ist S\u00fcnder und wird auf diese Weise durch Gott bestraft, damit er wieder den Weg zur\u00fcck findet.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center has-white-color has-text-color has-background\" style=\"background-color:#8700a3\"><strong>Reden: Trost durch Freunde &#8211; Trost-Verweigerung durch Hiob<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Der Hauptteil, das eigentliche Hiob-Buch ist in drei Teile zu gliedern: In den Kapiteln 3-31 diskutieren erst drei Freunde mit Hiob, dann kommt der junge Freund Elihu dazu (32-37) ab Kapitel 38 reagiert Gott selbst.<\/p>\n\n\n\n<p>Drei Freunde besuchen Hiob und wollen ihn tr\u00f6sten. Sie setzen sich zu ihm, und ertragen schweigend seinen Schmerz und sein Leid. Dann beginnt Hiob zu klagen \u2013 und diese Klagen haben es in sich.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-color\" style=\"color:#a30003\"><strong>Aufgabe 1: <\/strong>Man muss die Klagen gelesen haben, um zu verstehen, warum das Hiob-Buch so eine gro\u00dfe Bedeutung bekommen konnte.\u00a0Also: Bitte selbst lesen!<\/p>\n\n\n\n<p>Die Freunde Hiobs versuchen, ihn argumentativ zu tr\u00f6sten, versuchen, ihn mit Hilfe der alten Weisheit auf neue Gedanken zu bringen.<\/p>\n\n\n\n<p>Manchmal wird gesagt, dass die jeweiligen Freunde ein besonderes Anliegen haben, zum Beispiel:<\/p>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\"><li>Elifas liege daran zu sagen, dass Leiden Pr\u00fcfung sei.<\/li><li>Bildad liege daran zu sagen, dass diejenigen, die Leiden, S\u00fcnder seien und zur Rechenschaft gezogen w\u00fcrden.<\/li><li>Zofar liege daran zu sagen, dass im Jenseits das Leben ertr\u00e4glicher w\u00e4re.<\/li><\/ul>\n\n\n\n<p>Das kann ich jedoch nicht erkennen. Alle sprechen dann und wann die jeweiligen Themen an. Wie dem auch sei: Hiob beginnt die Klage, dann beginnt einer der Freunde eine Rede, darauf reagiert Hiob wieder usw.<\/p>\n\n\n\n<p>Es geht in den Reden darum, dass Leiden zum s\u00fcndigen Menschen geh\u00f6re, dass man am <strong>Tun-Ergehen-Zusammenhang<\/strong> festhalten m\u00fcsse. Und das ist zun\u00e4chst auch Hiobs Sichtweise \u2013 aber anders als die Freunde es sehen. <em>Die Freunde sagen: Weil Hiob ges\u00fcndigt habe, darum m\u00fcsse er leiden, Gott sei gerecht. Hiob sagt: Weil er keine S\u00fcnde begangen habe, m\u00fcsse es ihm gut gehen, Gott sei ungerecht. <\/em>W\u00e4hrend die Freunde sachlich argumentieren, dabei die <strong>Tradition der Weisheit <\/strong>anf\u00fchren und auch Lebenserfahrungen mitteilen, schreit Hiob seine Klagen Gott zu. Er argumentiert nicht mit Blick auf die Freunde, sondern sein eigentlicher <strong>Diskussionspartner ist Gott<\/strong> \u2013 <strong>Gott jedoch schweigt<\/strong>. Gott habe ihm alle W\u00fcrde genommen (30,15), Gott, solle den Menschen nicht so ernst nehmen, ihn nicht mit den Grausamkeiten zur Zielscheibe machen (7,17ff.). Hiob schreit einen schweigenden Himmel an. Er ruft:&nbsp;<em>\u201eO h\u00e4tte ich einen, der mich anh\u00f6rt\u2026 Der Allm\u00e4chtige antworte mir!\u201c<\/em> (31,35) Aber der Allm\u00e4chtige ist still. Hiob kann ihn herausfordern wie er will, ihm vorwerfen, Gott sei Ankl\u00e4ger und Richter in einem, was ungerecht sei \u2013 Gott schweigt.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Der theologische H\u00f6hepunkt<\/strong> d\u00fcrfte mit dem 19. Kapitel gegeben sein. Hiob ruft Gott gegen Gott an:<\/p>\n\n\n\n<p><em>\u201eIch wei\u00df, dass mein Erl\u00f6ser lebt, und als der Letzte wird er \u00fcber den Staub sich erheben<\/em>\u201c (19,24).<\/p>\n\n\n\n<p>Der angedeutete Dualismus der Rahmenhandlung ist aufgehoben.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center has-white-color has-text-color has-background\" style=\"background-color:#8700a3\"><strong>Jetzt redet Gott<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Ab den Kapiteln 38ff. reagiert Gott. Gott selbst spricht mit Hiob. Aber er gibt keine Antwort, er verteidigt sich nicht, Gott zeigt nur seine Gr\u00f6\u00dfe. Hiermit haben wir ein weiteres Thema der Weisheit: Die Sch\u00f6pfung. Alles wurde erschaffen, alles hat seine Ordnung. Weisheit ist Teil der damaligen Wissenschaft: Naturereignisse werden beobachtet, werden benannt, die Ursache wird gedeutet. In dieser Wissenschaft spielt Gott eine immense Rolle, denn Gott legt alles fest \u2013 alles, was auf der Erde und im Kosmos zu sehen und zu erfahren ist. Die Welt wird mit Hilfe Gottes gedeutet. Die wunderbare Welt, die wunderbare, unbegreifliche Sch\u00f6pfung wird erkannt und mit gro\u00dfartigen Worten dargestellt. Angesichts dieser Reaktion Gottes, erkennt Hiob, wie gering er doch ist: \u201e<em>Siehe, ich bin zu gering, was soll ich antworten? Ich will meine Hand auf den Mund legen.\u201c<\/em>\u00a0(40,4) Und dann erkennt er:\u00a0<em>\u201eIch hatte von dir nur vom H\u00f6rensagen vernommen; aber nun hat mein Auge dich gesehen, darum spreche ich mich schuldig.\u201c<\/em>\u00a0(42,5f.) <strong>In der Gottesbegegnung wei\u00df Hiob, dass Gott ihm die W\u00fcrde zur\u00fcckgibt \u2013 obgleich er unermesslich leidet.<\/strong> Hiob, der nur um sein Leiden kreist, bekommt durch Gott vor sein Auge gemalt, wie sch\u00f6n alles ist, wie gesetzm\u00e4\u00dfig, wie wunderbar Gott in seiner Macht handelt. <strong>Hiob werden die Augen ge\u00f6ffnet f\u00fcr das, was au\u00dfer seiner Selbst liegt.<\/strong> <strong>Gott nimmt ihn rigoros an die Hand und f\u00fchrt ihn durch die Natur.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Gott gibt Hiob Recht <\/strong>\u2013 und damit wird die Sichtweise der <strong>neuen Weisheit <\/strong>deutlich. Damit legitimiert das Hiob-Buch die Klage und die Anklage.<strong> Gott kann angeklagt werden<\/strong>, weil der Mensch in seinem Leiden Gott nicht verstehen kann. Der Mensch darf Mensch sein und bleiben \u2013 auch angesichts Gottes. Nicht nur der Mensch darf bleiben, der er ist \u2013 auch <strong>Gott bleibt, der er ist: der Geheimnisvolle<\/strong>, der f\u00fcr den Menschen Undurchschaubare, der in seiner Freiheit handelnde Gott.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Mensch muss nicht zum vom Verstand bestimmten Ideologen werden, der nur \u201erichtig\u201c handelt in seinem Leiden. <strong>Die Theodizeefrage kann nicht mit der Vernunft gel\u00f6st werden. Sie wird nur in der Begegnung mit Gott gel\u00f6st.<\/strong> Nicht die Weisheit \/ Philosophie, die Vernunft ist es, die Gott rechtfertigen kann. Der Mensch mag noch so voller Verstand und gut gemeint Gott verteidigen zu wollen \u2013 das klappt nicht. Der Mensch kommt, wie die Freunde Hiobs an seine Grenzen. Die L\u00f6sung der Theodizeefrage ist die unbegreifliche Gottesbegegnung. Der Mensch, der durch das Leiden Entw\u00fcrdigung erf\u00e4hrt, bekommt durch die Gottesbegegnung seine W\u00fcrde zur\u00fcck. (<em>Beachte unten: Elihus Reden.<\/em>)<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center has-white-color has-text-color has-background\" style=\"background-color:#8700a3\"><strong>Bedeutung des Buches Hiob<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Die Bedeutung dieses Buches wird auch dann deutlich, wenn man es mit der Sicht der <strong>Stoa<\/strong> bzw. auch mit der des <strong>Epikur<\/strong> vergleicht. Die Stoa verlangt das Anpassen an das Schicksal, das von Zeus\/Gott Gegebene. Sich auflehnen ist sinnlos, vergeudet nur Kr\u00e4fte. Epikur sieht \u2013 vergleichbar mit <strong>Kohelet<\/strong> -, man solle gut leben, das Leiden m\u00f6glichst meiden, sterben m\u00fcsse jeder. Diese Haltungen m\u00f6gen heldenhaft und heroisch sein. Ihnen eignet eine gewisse K\u00e4lte an. Im Vergleich dazu ist das Buch Hiob ein \u00e4u\u00dferst menschliches Buch.  Auch der <strong>Hinduismus<\/strong> kennt den Tun-Ergehen-Zusammenhang. Er umgeht die Frage der Weisheit:&nbsp;<em>Warum muss der Gerechte leiden?<\/em>&nbsp;dadurch, dass er den Grund f\u00fcr das Leiden in das Vorleben verlagert: Du musst leiden, weil du in deinem vorangegangenen Leben \u00dcbles getan hast. Die Frage also: <em>Warum ich? <\/em>Er\u00fcbrigt sich. Diese kann nur in dieser westlichen Weisheit aufbrechen. <\/p>\n\n\n\n<p>Christen haben einige Jahrhunderte sp\u00e4ter Gott als Erl\u00f6ser in Jesus Christus erkannt. <strong>Hiob ruft Gott gegen Gott an.<\/strong> Gott hat sich dann in Jesus Christus den Menschen zu erkennen gegeben \u2013 und zwar als Gott, der gegen Leiden angeht aber auch das Leiden auf sich nimmt. Gott wird nicht nur \u2013 wie bei Hiob \u2013 erlitten, sondern zeigt sich als der, der entw\u00fcrdigendes Leiden auf sich nimmt. Aber auch im christlichen Glauben wird die undurchschaubare Freiheit Gottes nicht aufgehoben, denn dass sich <strong>Gott im Leiden Jesu Christi<\/strong> zeigt, zeigt seine geheimnisvolle Freiheit. Wenn einer meint, er k\u00f6nne einen Menschen durchschauen, dann meint er auch, er habe ihn in der Hand. Doch der Mensch bleibt geheimnisvoll \u2013 und auch darin besteht seine W\u00fcrde. Entsprechend ist es mit Gott: Wer meint, Gott zu durchschauen, meint, Gott in der Hand zu haben. Und das ist die Sichtweise der alten Weisheit, vertreten durch die Freunde aber auch die Sichtweise der Philosophie, wenn sie meint, die Theodizeefrage durchdrungen zu haben. In dieser Hinsicht <strong>lehrt Hiob Bescheidenheit<\/strong>. Die alte Weisheit schaut auf den Menschen als S\u00fcnder und Gerechter, auf den belohnenden und strafenden Gott. Das Hiobbuch schaut letztlich in erster Linie auf Gottes Gr\u00f6\u00dfe, die keiner wirklich ermessen, sondern nur wahrnehmen und bestaunen kann.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center has-white-color has-text-color has-background\" style=\"background-color:#8700a3\"><strong>Gott und Satan\/Verwirrer<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Es handelt sich mit dem Buch Hiob um ein literarisches Werk. Das Gottesbild, das der Autor zeigt, ist aus gegenw\u00e4rtiger Perspektive kurios: Er und der Satan (der Verwirrer) wetten \u2013 ein Mann muss leiden, viele junge Menschen und andere kommen um. Es ist nicht einmal Zorn im Spiel, wie im babylonischen Hiob. Hier wird aufgegriffen, dass Menschen das Gef\u00fchl haben: Gott macht, was er will, der Mensch ist ihm ausgeliefert, aber eben dadurch abgeschw\u00e4cht (aber letztlich doch verst\u00e4rkend) verbunden mit dem Satan, der der eigentliche Verwirrer ist. Aber im Buch Hiob selbst ist von diesem kaum mehr die Rede \u2013 Gott wird zu recht angesprochen. Warum? Der Satan will die Zerst\u00f6rung, die Erniedrigung des Menschen durch die Zerst\u00f6rung der Gottesbeziehung &#8211; Gott will den Menschen durch die gest\u00f6rte Gottesbeziehung hindurch wieder gro\u00df machen. Aber: Dieses Gef\u00fchl des Menschen, Gott bzw. den G\u00f6ttern ausgeliefert zu sein, wird durch die Wette auf die Spitze getrieben. Gott ist im Grunde auch abh\u00e4ngig vom Satan, er ist abh\u00e4ngig davon, dass ein Mensch trotz des Leidens sich weiter zu ihm bekennt. Am Ende zeigt dieser Gott dann seine Macht, er kann alles \u2013 au\u00dfer eben: Hiob, um ihn in seiner Arroganz unmenschlich zu pr\u00fcfen, in Ruhe lassen. <strong>Dieses Werk ist im Grunde eine Gottes-Kritik, die sch\u00e4rfer ist als jegliche atheistische Kritik, die in der Ablehnung Gottes m\u00fcndet<\/strong> \u2013 und dieses Werk, das eine Art Gegen-Gott-Werk ist, steht in der Bibel. Warum? Der Protagonist h\u00e4lt an Gott fest \u2013 gegen diesen undurchsichtig finsteren Wett- und Arroganz-Gott. Dieser Gott spiegelt die <strong>Herrscher damaliger Zeit <\/strong>wider \u2013 wie es die Thronszene zeigt. Diesem abgehobenen Herrscher wird der an ihm leidende Mensch gegen\u00fcber gestellt. Menschen solidarisieren sich mit dem leidenden Menschen \u2013 nicht mit diesem Gott, auch wenn der dem Hiob letztlich m\u00e4rchenhaft als Belohnung alles M\u00f6gliche wieder schenkt. <strong>Das Hiob-Buch rechnet mit einem solchen Gottesbild ab<\/strong> \u2013 wagt es aber nicht ganz, da es ein solches dann doch wieder installiert. Es installiert das Gottesbild aber auf einer neuen Ebene: Gott ist nicht ein Herrscher wie all die arroganten und machthungrigen und ungerechten Herrscher. Gott steht \u00fcber allem, unvergleichlich, vor ihm sind alle Menschen gleich. Und: Gott \u00fcbt Recht, auch wenn es der unverst\u00e4ndige Mensch nicht durchschaut.   <\/p>\n\n\n\n<p><em>Elie Wiesel<\/em>, der in Ausschwitz leiden musste und Auschwitz \u00fcberlebt hat, hielt auch an Gott fest. Er schrieb:&nbsp;<em>Selbst wenn Du mich vergisst, mein Gott, wirst Du mich nicht so weit bringen, dass ich Dich vergesse<\/em>. Wiesel hat eindeutige Gotteserfahrungen gemacht, die er angesichts der folgenden Leiden nicht ignorieren konnte.<\/p>\n\n\n\n<p>Christen halten sich an dem Satz fest, der im Hiob-Buch steht:&nbsp;<em><strong>Ich aber wei\u00df, dass mein Erl\u00f6ser lebt<\/strong><\/em><strong>, diesen sehen sie in Jesus Christus<\/strong>. Hier bleibt ein Nicht-Verstehen Gottes, aber man schaut nicht auf das Nicht-Verstehen, sondern auf den, der in Jesus Christus selbst gelitten hat und anwesend ist. Das erkl\u00e4rt das Leiden nicht. Das hilft im Leiden.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center has-white-color has-text-color has-background\" style=\"background-color:#8700a3\"><strong>Noah und Hiob<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Ein kurioses Gottesbild liefern auch die Noah-Kapitel im Buch Genesis: Die Menschen sind b\u00f6se, Gott will sie bestrafen, erw\u00e4hlt sich den gerechten Noah. Dieser baut ein Schiff. Alles, was darin aufgenommen wird, \u00fcberlebt \u2013 alles andere wird dem Tod durch Ertrinken preisgegeben und dann, als die Flut vorbei ist, bereut Gott sein Tun und sagt, es solle nie wieder geschehen, ebenso darf keiner andere umbringen (Genesis 7-9). Auch diese Geschichte findet ihre Vorlage in einem Babylonischen Werk, dem <strong>Gilgamesch Epos.<\/strong>&nbsp;<a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Arche_Noah\">https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Arche_Noah<\/a> (Am Rande: Noah wurde 950 Jahre alt. Das bringt so manchen zum Gr\u00fcbeln. Aber es war in dieser Zeit \u00fcblich, zwischen der &#8222;Jetztzeit&#8220; und den Anf\u00e4ngen die Jahre durch solche immensen Altersangaben zu \u00fcberbr\u00fccken. In nichtj\u00fcdischer Literatur regierten manche \u00fcber 30.000 Jahre. Auch das: Man wollte unbekannte Geschichtszeitr\u00e4ume damit f\u00fcllen.) Zu Noah siehe auch: <a href=\"https:\/\/evangelische-religion.de\/ReligionNeu\/verhalten-ethik\/noah-und-die-sintflut\/\">https:\/\/evangelische-religion.de\/ReligionNeu\/verhalten-ethik\/noah-und-die-sintflut\/<\/a><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Noah ist ein Gegenbild zu Hiob<\/strong>: Er macht alles mit, was Gott mit ihm und der Menschheit vorhat. Leiden der Menschen spielt keine Rolle. Anders als zum Beispiel Abraham oder Moses, die sich gegen Gottes Zorn wenden und gegen die Vernichtung der jeweiligen Objekte des Zorns angehen. Gott l\u00e4sst sich ein wenig bes\u00e4nftigen \u2013 aber Noah wendet sich nicht dagegen. Er tut, was ihm gesagt wird. Er ist nicht solidarisch mit den Menschen. <em>W\u00e4hrend die Abraham und Mose-Geschichte zeigen: Der solidarische Mensch ist im Grunde besser als der zornige Gott. Auch ein sonderbares Gottesbild.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>All <strong>diese Geschichten<\/strong> sind jeweils&nbsp; Ausdruck ihrer Zeit, Menschen erleiden die Bosheit anderer Menschen, Gott leidet an der Bosheit der Menschen \u2013 gleichzeitig <strong>sollen sie zeigen: Gott wendet sich den gerechten Menschen zu<\/strong> \u2013 eine Aufforderung, selbst gerecht zu sein. Zudem wird erkl\u00e4rt, <strong>warum Gott gegenw\u00e4rtig nicht die b\u00f6sen Menschen vernichtet<\/strong>, sie gew\u00e4hren l\u00e4sst. Er hatte es schon einmal gewollt, aber dann hat es ihn gereut. Entsprechend haben nun auch Menschen nicht das recht, die b\u00f6sen Menschen zu vernichten, weil sie meinen, Gottes Stelle einnehmen zu m\u00fcssen. Und der gerechte Noah? Nach all den schlimmen Erlebnissen baut er sich einen Weinberg, betrinkt sich \u2013 und das Schicksal der Bosheit nimmt erneut seinen Lauf. Dem setzt Gott \u2013 so das weitere Alte Testament \u2013 dann die Erw\u00e4hlung seines Volkes entgegen, das Gebote bekommt, damit es sich vom B\u00f6sen abwendet, dem er Propheten sendet, damit sie dem Volk verk\u00fcnden, wie es sich richtig verh\u00e4lt.<\/p>\n\n\n\n<p>Christen sehen in Jesus Christus Gott wirken: Er nimmt die Schuld auf sich, bietet &#8222;L\u00f6segeld&#8220; (siehe unten) vergibt, wendet sich Menschen befreiend zu.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center has-white-color has-text-color has-background\" style=\"background-color:#8700a3\"><strong>Elihu<\/strong>s <strong>Reden<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-color\" style=\"color:#f51919\">Aufgabe 2: Ein weiterer Freund kam sp\u00e4ter dazu: Elihu. Was sagt er dem Hiob? Fasse zusammen, so gut es geht. Eine Mindmap hilft dabei.<\/p>\n\n\n\n<p>Elihu stellt sich als junger Mann vor. Er sagt, er habe sich zur\u00fcckgehalten in der Diskussion, damit er die Weisheit der Alten h\u00f6ren kann. Aber sie haben versagt, haben keine Worte mehr angesichts der b\u00f6sen Worte Hiobs. Er selbst kennt die Wahrheit, er ist im Recht &#8211; anders als die Alten: Es ist Vernunft, \u00fcber die der Mensch verf\u00fcgt &#8211; der Geist Gottes bringt Einsicht (32,8f.).  <\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-color\" style=\"color:#fa0d0d\">Aufgabe 3: Es finden sich sehr gute Worte in den Kapiteln 32-37. Streiche die Worte an, die Dir wichtig sind! <\/p>\n\n\n\n<p>Die Worte des Elihu bilden den \u00dcbergang zu den Schlusskapiteln &#8211; ihnen wird von Hiob nicht mehr widersprochen. Elihu steigert sich in seiner Rede. Zun\u00e4chst betont er: Gott k\u00fcmmert sich um den Menschen und warnt ihn vor s\u00fcndigen Wegen. Ein Engel tritt f\u00fcr den s\u00fcndigen Menschen ein und bietet L\u00f6segeld (33,24). Der Mensch \u00e4ndert sich, ein Freudenfest beginnt. Gott verwirft hingegen b\u00f6sartige Menschen, st\u00fcrzt Herrscher. Der Reichtum Hiobs war Hiobs Verh\u00e4ngnis, war seine Schuld. Doch dann: Im weiteren Verlauf der Rede wird Gott als \u00e4u\u00dferst erhaben dargestellt. Er ist im Grunde so erhaben, das zeigt die Sch\u00f6pfung, dass er mit Menschen kaum mehr zu tun hat. Er ist eine unendliche, unangreifbare Macht, die in Wundern der Natur erfahrbar wird. Diese Macht, Gott, erh\u00e4lt die Welt durch ihren Lebensatem, durch den Geist &#8211; auch Hiob. <\/p>\n\n\n\n<p>Auch dieser Sicht wird dann in den Kapiteln 38ff. widersprochen, denn Gott redet mit Hiob, wendet sich also als diese eigentlich unnahbare Macht doch Hiob direkt zu &#8211; aber die Intention der Sch\u00f6pfermacht aufgreifend. Dieser Elihu wird am Schluss der Rahmenerz\u00e4hlung (42,7ff.) nicht mehr erw\u00e4hnt, nicht von Gott getadelt. Hat er keine unrechten Worte gesprochen wie die drei anderen Freunde? <\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-color\" style=\"color:#f50c0c\">Aufgabe 3: Hat damit die alte Weisheit doch wieder die Oberhoheit gewonnen? <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>DAS BUCH HIOB \/ IJOB Das Buch Hiob hat mit Blick auf die Theodizee-Frage eine besondere Stellung. Warum? Das erschlie\u00dft sich den folgenden Anmerkungen. 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