{"id":778,"date":"2019-07-02T16:31:22","date_gmt":"2019-07-02T14:31:22","guid":{"rendered":"https:\/\/evangelische-religion.de\/ReligionNeu\/?page_id=778"},"modified":"2026-10-21T12:37:53","modified_gmt":"2026-10-21T10:37:53","slug":"kritik-der-religionskritik","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/evangelische-religion.de\/ReligionNeu\/gott\/kritik-der-religionskritik\/","title":{"rendered":"Kritik der Religionskritik"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"has-text-align-center has-medium-font-size wp-block-paragraph\">RELIGIONSKRITIKER KRITISCH GESEHEN<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading has-text-align-center\"><strong>1. Einf\u00fchrende Anmerkung<\/strong><\/h3>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die folgende Darstellung kann nicht umfassend sein. Sie gibt ein paar Schlaglichter auf bekannte Religionskritiker. Sie sollen Appetithappen sein, f\u00fcr eine intensivere Besch\u00e4ftigung mit ihnen. Es wird immer gesagt, man solle gegen\u00fcber der Religion \u2013 insbesondere dem Christentum \u2013 seinen Verstand einsetzen. Das gilt gleicherma\u00dfen \u2013 und das wird h\u00e4ufig vergessen \u2013 gegen\u00fcber atheistischen Weltbildern. Die hier dargelegten Kritiken wurden im Laufe der letzten Jahrzehnte in der Auseinandersetzung mit ihnen ge\u00e4u\u00dfert. Es geht im wesentlichen um Antworten aus christlicher Perspektive, da die atheistischen Str\u00f6mungen im christlichen Kulturkreis gro\u00df geworden sind \u2013 und sich im Wesentlichen auch mit dem Christentum auseinandersetzen. Aus der Perspektive anderer Religionen mag man andere Kritikpunkte finden:<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-color has-link-color wp-elements-1 wp-block-paragraph\" style=\"color:#bb2525\">Aufgabe 1<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-color has-link-color wp-elements-2 wp-block-paragraph\" style=\"color:#bb2525\">Du hast Dich vermutlich schon mit wesentlichen Religionskritikern des 19. und Beginns des 20. Jahrhunderts auseinandergesetzt. Bevor Du die folgenden Abschnitte liest, rekapituliere das bislang Erarbeitete und \u00fcberlege, ob Du selbst kritische Anfragen hast. Erst dann lies die Kritiken \u2013 aber ebenso: kritisch!<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading has-text-align-center\"><strong>2. Religionskritiker und Antworten aus christlicher Perspektive<\/strong><\/h3>\n\n\n\n<h4 class=\"wp-block-heading has-text-align-center\"><strong>2.1 Ludwig Feuerbach:<\/strong>\u00a0Kritik aus der Perspektive der Religionsphilosophie\/-psychologie<\/h4>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Biographische Angaben<\/strong>: *<em>&nbsp;1804 Landshut, \u2020 1872 Rechenberg bei N\u00fcrnberg<\/em><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Kind eines ber\u00fchmten Juristen und einer Mutter aus altem Adel. Er wuchs auf unter einem herrschs\u00fcchtigen Vater, der sich von seiner Frau und den T\u00f6chtern trennte und mit seiner Geliebten und den eigenen S\u00f6hnen umzog. Feuerbach studierte Theologie, dann Philosophie bei dem Philosophen G. W. F. Hegel. Zahlreiche Werke, darunter sein religionskritisches Hauptwerk: Das Wesen des Christentums (1841). Rege Reiset\u00e4tigkeit (in Heidelberg trotz Ehe liiert mit einer 16j\u00e4hrigen Verehrerin). Er war Mitinhaber einer Porzellan-Fabrik. Nach ihrem Konkurs: Verarmung, dann Unterst\u00fctzung durch zahlreiche Freunde. Kontakte zu kommunistischen und materialistischen Gruppen, ohne sich jedoch zu binden. 1869 Eintritt in die SDAP (Sozialdemokratische Arbeiterpartei).<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Religionskritik:<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der Mensch als Gattung ist in sich gespalten. So erf\u00e4hrt sich der Mensch als sterblich \u2013 Gott als unsterblich. Er sieht sich als negativ an (S\u00fcnde, Schuld) und projiziert alles Gute und seine W\u00fcnsche auf einen selbst erdachten Gott: <em>Der Mensch erschafft Gott \u2013 nicht Gott erschafft den Menschen<\/em>, so der ber\u00fchmte Satz. Der Glaube an Gott sagt viel \u00fcber den glaubenden Menschen aus, somit ist Theologie (Lehre von Gott) Anthropologie (Lehre vom Menschen). Das muss, so Feuerbach, ge\u00e4ndert werden, damit der Mensch selbst seine guten Seiten erkennen kann und wieder gut wird. Die Vernunft ist das Gr\u00f6\u00dfte, so der fr\u00fche Feuerbach: Sie kann erkennen, dass Gott ein Gesch\u00f6pf der Vernunft ist. Und wenn sie das erkennt, hat sie sich zum \u00c4u\u00dfersten entfaltet. Der sp\u00e4te Feuerbach: Die k\u00f6rperliche Beziehung zum anderen bestimmt den Menschen. Der Mensch ist um des Menschen liebenswert. Christen kennen N\u00e4chstenliebe, aber diese ist keine echte Liebe, sie m\u00f6chte nur von Gott anerkannt werden. Deren Liebe ist also egoistisch. <em>Der Mensch ist dem Menschen ein Gott<\/em>, weil er den anderen gro\u00df macht. \u2013 Feuerbachs Kritik ist f\u00fcr gegenw\u00e4rtige Atheisten immer noch grundlegend.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Kritik an Feuerbach:<\/strong><\/p>\n\n\n\n<ol class=\"wp-block-list\">\n<li>Feuerbachs Thesen \u2013 so kann inzwischen gedacht werden \u2013 sind selbst Projektionen. Sie waren philosophisch begr\u00fcndet, halten aber logischem Denken nicht Stand. Es wird nur ein Gegensatz postuliert. Glaubende sagen:\u00a0<em>Wir glauben an Gott, weil es ihn gibt\u00a0<\/em>\u2013 Feuerbach sagt dagegen:\u00a0<em>Nein, ihr glaubt an Gott, weil ihr ihn euch gemacht habt.<\/em>\u00a0Das hei\u00dft: Etwas f\u00fcr die Glaubenden Seiendes wird von Feuerbach in die Psyche des Menschen verlegt.\u00a0<em>Voraussetzung Feuerbachs<\/em>: Gott ist Folge der Psyche. Feuerbach hat insofern Recht, weil viele Glaubende Gott auch als einen beschreiben, der f\u00fcr ihre Psyche Bedeutung hat (er gibt Kraft, tr\u00f6stet\u2026). Aber seine Schlussfolgerung ist nicht zwingend. Warum sollte der Mensch in einer Art Schizophrenie das Gute \/ Gott aus sich selbst heraus-setzen? Hier steht die antike Welt der G\u00f6tter im Blick: Sie sind Personifizierungen menschlicher W\u00fcnsche (unsterblich, kraftstrotzend\u2026) \u2013 aber auch das stimmt nur zum Teil.<\/li>\n\n\n\n<li>Feuerbach schafft sich einen Menschen nach eigenem Bilde. Ist der Mensch als Gattung so, wie ihn Feuerbach sich vorstellt? Es gibt viele Menschenbilder \u2013 auch in der Philosophie. <\/li>\n\n\n\n<li>Nicht nur Glaubende sind anderer Meinung, sondern die gesamte Philosophie des Idealismus hat schon lange das Thema angedacht und ist zu anderen Schlussfolgerungen gekommen als Feuerbach.<\/li>\n\n\n\n<li>Der j\u00fcdische-christliche Gott ist nicht nur Projektion des Guten, das der Mensch aus sich selbst auslagert. Gott wird auch vielfach als erschreckend, als verst\u00f6rend angesehen (z.B. Hiob; Jeremia; Jesus stirbt am Kreuz).<\/li>\n\n\n\n<li>Die Sehnsucht nach Gott l\u00e4sst die Erkenntnis Feuerbachs zu, dass der Mensch sich ein Objekt der Sehnsucht geschaffen habe \u2013 aber der christliche Glaube deutet es andersherum: Dass der Mensch Sehnsucht hat nach Gott, das liegt daran, dass Gott sein Sch\u00f6pfer ist. (Altbekannte Frage in diesem Zusammenhang: Belegt der Durst des Menschen nach Wasser, dass es kein Wasser gibt?) Hier steht somit \u201eIdee\u201c gegen \u201eIdee\u201c, Weltsicht gegen Weltsicht. Welche ist richtig? Da es keinen neutralen Menschen gibt, kann er das nicht sagen.<\/li>\n\n\n\n<li>In Feuerbachs Zeit hat die Religion \/ Kirche die S\u00fcnde sehr betont \u2013 vor allem die protestantische Kirche: Der Mensch ist S\u00fcnder. Feuerbach versucht, den Menschen aus dieser Knechtschaft auf seine Art hin zum Humanismus zu befreien. Heute stellt sich jedoch die Frage: Liebt der Mensch, der in sich selbst die positiven Seiten eines irrealen Gottes sieht, die Menschen mehr als einer, der an Gott glaubt? Der Beweis steht noch aus. Bislang haben atheistische Menschen und Systeme diese These noch nicht bewahrheiten k\u00f6nnen. Im Gegenteil: s\u00e4kular-atheistische Systeme wie Nationalsozialismus und Kommunismus f\u00fchren zur Entmenschlichung.<\/li>\n\n\n\n<li>Den Christen wurde der Vorwurf gemacht, N\u00e4chstenliebe nur aus Gr\u00fcnden des Egoismus zu \u00fcben. Heute meinen manche beweisen zu k\u00f6nnen, dass N\u00e4chstenliebe etwas ist, was im Menschen naturgem\u00e4\u00df angelegt ist (vgl. Jesus \u2013 aus Mitleid Menschen helfen; Mt 25,31ff.), also nicht nur christlich bedingt ist. Wenn N\u00e4chstenliebe also im Menschen angelegt ist \u2013 dann nur in Christen nicht? Das zeigt: Was immer Christen tun, das ist aus atheistischer Sicht \u00fcbel \u2013 erst dann, wenn man erkennt, dass es etwas auch sonst an guten Taten gibt, wird ihr Tun in das allgemeine Tun eingegliedert und als menschlich \u2013 nicht als christlich \u2013 anerkannt. Thomas von Aquin hat schon im 13. Jh. unterschieden zwischen der allgemeinen Vernunft, nach der jeder Liebe \u00fcben kann, und der offenbarten Liebe.<\/li>\n\n\n\n<li>Nur angemerkt sei: Dass Menschen G\u00f6tter erschaffen, das ist kein neuer Gedanke. Den finden wir schon im Alten Testament \u2013 besonders pr\u00e4gnant aber im Evangelium des Philippus (2. Jh.): \u201eAber wenn jetzt die Menschen Gott erschaffen wollen, erschaffen sie in der Welt G\u00f6tter und beten ihre Gesch\u00f6pfe auch noch an. Eigentlich m\u00fcssten die G\u00f6tter die Menschen anbeten.\u201c (Klaus Berger [Hg.]: Das NT und die fr\u00fchchristlichen Schriften, InselVerlag, Frankfurt 1999) Feuerbach hat also nur den biblischen Ansatz auf das Christentum \u00fcbertragen.<\/li>\n\n\n\n<li>F\u00fcr Feuerbach soll der Mensch dem Menschen Gott werden. Der christliche Glaube sieht in Jesus Christus Gott, der Mensch wurde, damit der Mensch erhoben werde.<\/li>\n\n\n\n<li>Die Kritik Feuerbachs wird von Christen (Karl Barth, Bonhoeffer) immer wieder aufgenommen, um zu \u00fcberlegen: Wo passen wir uns den Religionen an und achten nicht auf Gottes Selbstoffenbarung. W\u00e4hrend fromme Atheisten beginnen, sich Ersatz-Religionen, Rituale auszudenken, um den Menschen emotional etwas Ad\u00e4quates zu bieten. <\/li>\n<\/ol>\n\n\n\n<h4 class=\"wp-block-heading has-text-align-center has-black-color has-text-color\"><strong>2.2 Karl Marx:\u00a0Kritik aus der Perspektive der sozialen Frage und der Geschichte<\/strong><\/h4>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Biographische Angaben:<\/strong>&nbsp;* 1818 Trier, \u2020 1883 London<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Kind eines Anwaltes, Enkel bekannter Rabbinerfamilien. Eltern konvertierten zum Protestantismus. Er studierte Rechtswissenschaften und Finanzen und Philosophie. War Journalist \/ Redakteur regierungskritischer Bl\u00e4tter. Er musste Repressionen durch die Zensur erleiden \u2013 er entwich 1843 nach Paris und war Mitglied im\u00a0<em>Bund der Gerechten<\/em>\u00a0(= Vorl\u00e4ufer der Kommunistischen Partei), und lebte 1845 in Br\u00fcssel und 1848\/1849 in K\u00f6ln. Besch\u00e4ftigung mit Wirtschaftsfragen. Es erschienen zahlreiche Werke. Gemeinsam mit Engels arbeitete er an einem geschichtlichen Thema: Geschichte ist nicht Weiterentwicklung des Verstandes, sondern das Soziale und Materielle treibt die Geschichte voran\u00a0<em>(Materialismus)<\/em>. 1848 erschien das \u201e<em>Manifest der Kommunistischen Partei<\/em>\u201c. 1849 \u201eFlucht\u201c nach London. 1867 erschien der erste Band: Das Kapital. Zeitweise lebte er mit seiner Familie sehr verarmt. Friedrich Engels war Fabrikantensohn und unterst\u00fctzte ihn finanziell. Famili\u00e4re Auseinandersetzungen und Intrigen \u2013 auch mit dem Vater. Auseinandersetzungen mit dem Vater wegen ausbleibender finanzieller Zuwendungen. Nett ist, dass seine Frau Jenny den \u201eRoten K\u00e4mpfer\u201c in ihren Briefen als \u201eSchwarzliebchen\u201c, \u00fcberliefert wird auch &#8222;Schwarzwildchen&#8220;, bezeichnet haben soll.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-black-color has-text-color wp-block-paragraph\"><strong>Religionskritik: <\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-black-color has-text-color wp-block-paragraph\">Der Mensch wird von Kapitalisten unterdr\u00fcckt \u2013 er leidet. Religion ist die Flucht vor Leiden in die Vorstellung einer paradiesischen Zukunft im Himmel. <em>Religion ist das Opium des Volkes.<\/em> Sie ist ein Schmerzkiller, also eigentlich gut. Aber: Der Mensch, der in die Phantasie \u201eGott\u201c fl\u00fcchtet, ist gel\u00e4hmt und bek\u00e4mpft nicht die Kapitalisten \u2013 und die Kirchen unterst\u00fctzen die Kapitalisten, indem sie diese Gute-Himmels-Zukunfts-Phantasie intensivieren. Der Mensch muss jedoch das irdische Leiden bek\u00e4mpfen, dann, wenn das Leiden besiegt wurde, wird sich auch die Religion ins Nichts aufl\u00f6sen, die Kirchen werden dann auch keine Bedeutung mehr haben. Weiter gedacht: Kirchen m\u00fcssen als Teil des kapitalistischen Systems bek\u00e4mpft werden, damit Menschen bereit sind, f\u00fcr diese gute irdische Zukunft zu k\u00e4mpfen. Ohne parallelen Kampf gegen das asoziale System n\u00fctzt auch der Kampf gegen Kirchen nichts. Aufgrund der Sicht, dass nicht Menschen die Geschichte machen, sondern die Geschichte den Menschen, versucht er die Geschichte im Sinne des von ihm in der Geschichte erkannten Materialismus voranzutreiben: Das Proletariat soll durch Klassenbewusstsein und Revolution zu einem aktiven Vorantreiber der Geschichte werden. W\u00e4hrend Feuerbach offen l\u00e4sst, warum der Mensch alles Gute auf Gott projiziert, erkl\u00e4rt also Marx, dass er das tut, weil er unter den Kapitalisten leidet.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Eine kleine Kostprobe (1847):<em> <\/em>\u201e<em>Die sozialen Prinzipien des Christentums haben die antike Sklaverei gerechtfertigt, die mittelalterliche Leibeigenschaft verherrlicht und verstehen sich ebenfalls im Notfall dazu, die Unterdr\u00fcckung des Proletariats, wenn auch mit etwas j\u00e4mmerlicher Miene, zu verteidigen. Die sozialen Prinzipien des Christentums predigen die Notwendigkeit einer herrschenden und einer unterdr\u00fcckten Klasse und haben f\u00fcr die letztere nur den frommen Wunsch, die erste m\u00f6ge wohlt\u00e4tig sein. Die sozialen Prinzipien des Christentums setzen die konsistorialr\u00e4tliche Ausgleichung aller Infamien in den Himmel und rechtfertigen dadurch die Fortdauer dieser Infamien auf der Erde. Die sozialen Prinzipien des Christentums erkl\u00e4ren alle Niedertr\u00e4chtigkeiten der Unterdr\u00fccker gegen die Unterdr\u00fcckten entweder f\u00fcr gerechte Strafe der Erbs\u00fcnde und sonstigen S\u00fcnden oder f\u00fcr Pr\u00fcfungen, die der Herr \u00fcber die Erl\u00f6sten nach seiner unendlichen Weisheit verh\u00e4ngt. Die sozialen Prinzipien des Christentums predigen die Feigheit, die Selbstverachtung, die Erniedrigung, die Unterw\u00fcrfigkeit, die Demut, kurz alle Eigenschaften der Kanaille, und das Proletariat, das sich nicht als Kanaille behandeln lassen will, hat seinen Mut, sein Selbstgef\u00fchl, seinen Stolz und seinen Unabh\u00e4ngigkeitssinn noch viel n\u00f6tiger als sein Brot. Die sozialen Prinzipien des Christentums sind duckm\u00e4userig, und das Proletariat ist revolution\u00e4r.<\/em>\u201c\u00a0<a href=\"http:\/\/www.vulture-bookz.de\/marx\/archive\/quellen\/Marx~Die_sozialen_Prinzipien_des_Christentums.html\">http:\/\/www.vulture-bookz.de\/marx\/archive\/quellen\/Marx~Die_sozialen_Prinzipien_des_Christentums.html<\/a><\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-black-color has-text-color wp-block-paragraph\"><strong>Kritik:<\/strong><\/p>\n\n\n\n<ol class=\"wp-block-list\">\n<li>Die Thesen von Marx werden durch den Vergleich der Bundesrepublik Deutschland mit dem der Deutschen Demokratischen Republik hinterfragt: In der Bundesrepublik waren die Menschen reich \u2013 und die meisten Menschen waren Christen. In der DDR waren sie arm und keine Christen. Man mag andere Gesellschaften heranziehen, die das Gegenteil belegen. Aber weil es auch Gegenbeispiele gibt, ist dieser Marxsche Ansatz nicht zwingend. Daran ist zum Beispiel erkennbar: Religion wurde also nicht durch automatisches Absterben verdr\u00e4ngt, sondern durch staatliche Repressionen. <\/li>\n\n\n\n<li>Dass Religion bet\u00e4ubt, das mag streckenweise so sein \u2013 aber christliche Religion ist seit 2000 Jahren auch Motor f\u00fcr positive gesellschaftliche Ver\u00e4nderungen. (Vgl.: Martin Luther King, Montagsgebete in Leipzig)<\/li>\n\n\n\n<li>Man kann sich auch anders schneller und effektiver bet\u00e4uben als mit diesem komplizierten \u201eEtwas\u201c, das Religion genannt wird.<\/li>\n\n\n\n<li>Marx selbst hat den Ma\u00dfstab f\u00fcr das, was gerecht und ungerecht ist, der Bibel bzw. seiner j\u00fcdisch-christlichen Tradition entnommen (Amos, Jesus) \u2013 selbst sein Bild von der paradiesischen Zukunft, dem wunderbaren Zusammenleben ist Folge von Apostelgeschichte 4,32ff. Er hat diese Zukunftserwartungen s\u00e4kularisiert. Ernst Bloch und Karl L\u00f6with zeigten die Struktur bei Marx: Urkommunismus = Paradies; Kapitalismus = S\u00fcndenfall; Proletariat = leidender Erl\u00f6ser; Klassenlose Gesellschaft = s\u00e4kulares Reich Gottes auf Erden. Marxens Kritik wendet die Werte des Christentums gegen die Kirche.<\/li>\n\n\n\n<li>Jesus lehrt: Nur ver\u00e4nderte Menschen k\u00f6nnen die Welt positiv ver\u00e4ndern. Marx lehrt: Die Gesellschaft pr\u00e4gt den Menschen \u2013 nicht der Mensch die Gesellschaft. Die Unlogik im Grundsatz besteht darin, dass Marx selbst ja einen neuen Ansatz (mit anderen) in die Gesellschaft bringt. Oder anders gesagt: Wenn das Bewusstsein von den \u00f6konomischen Verh\u00e4ltnissen abh\u00e4ngt, wie kann Marx dann als einer, der von \u00f6konomischen Verh\u00e4ltnissen abh\u00e4ngt, diesen neuen Ansatz entwickeln? Aus christlicher Sicht: Weil eben das Christentum in sich den revolution\u00e4ren Ansatz bereith\u00e4lt.<\/li>\n\n\n\n<li>Zur selben Zeit wie Marx hat Johann Hinrich Wichern seinen Ansatz aus dem christlichen Glauben heraus verbreitet: Kirchen m\u00fcssen mit Hilfe der Kapitalisten die Welt ver\u00e4ndern. Die Folge: Innere Mission \/ Diakonie und sp\u00e4ter auch die Caritas (Emmanuel von Ketteler; 1891 Papst Leo XIII: Begr\u00fcndung der Katholischen Soziallehre). Sie sind weltweit bis heute die treibende Kraft zur sozialen Ver\u00e4nderung. Ob Nachfolger von Marx treibende Kr\u00e4fte f\u00fcr positive soziale Ver\u00e4nderungen in der Welt sind, mag jeder selbst beurteilen. N\u00e4chstenliebe ist ein wesentliches Feld des Christentums \u2013 diejenigen, die es ihm aus der Hand nehmen, sind nicht die Atheisten und Sozialisten, es ist der s\u00e4kulare Staat, der einsieht, dass es der Bev\u00f6lkerung m\u00f6glichst gut gehen muss, wenn es keine Aufst\u00e4nde geben soll.<\/li>\n\n\n\n<li>Dass die Religion Hand in Hand geht mit den Kapitalisten, das hat er aus der konkreten Situation seiner Zeit erschlossen, allerdings gab es auch damals Str\u00f6mungen, die dieser Sicht nicht entsprachen. Wie dem auch sei: Dass die christliche Religion unterdr\u00fcckt (Hand in Hand mit den Kapitalisten), das ist gegenw\u00e4rtig vielleicht lokal noch der Fall, aber nicht mehr insgesamt. Dass die kommunistischen Systeme nicht unterdr\u00fcckend aktiv sind, l\u00e4sst sich kaum sagen.<\/li>\n\n\n\n<li>Man kann einwenden, dass der Marxismus nie konsequent durchgef\u00fchrt wurde, sondern dass Menschen ihn f\u00fcr ihre Sicht missbraucht haben, von daher unterdr\u00fcckerische Systeme (Stalinismus, Gulags, Roter Terror) entstanden sind. Aber ist das eine Entschuldigung? Denn gerade aus marxistischer Sicht kommt der Vorwurf an das Christentum, dass der Weg Jesu nicht richtig sei, weil er nicht umgesetzt wurde. Wenn dieser Vorwurf den Christen gilt \u2013 dann gilt er entsprechend auch den Marx-Anh\u00e4ngern. (Dass der Sowjetkommunismus wie der chinesische Kommunismus kein wahrer Kommunismus sei, wird auch gesagt. Aber kann es den geben? Ist dieser nicht selbst ein Glauben? Siehe unten. Interessant ist, dass angeblich viele Menschen in China Christen werden, weil sie sehen, dass Religion und Sozialismus im Christentum gut vereinbar sind.)<\/li>\n\n\n\n<li>Manche m\u00f6chten Marx von den massiven Gewalttaten l\u00f6sen, die im Kommunismus weltweit auch gegen Christen ausge\u00fcbt wurden. Marx war Denker \u2013 kein Henker. Aber sein Werk zeichnet verbal vor, was andere umsetzten. Wer den Menschen nicht mehr als Individuum ansieht, sondern ihn in Klassen einteilt, entzieht dem Menschen die W\u00fcrde, ebnet den Weg der Gewalt. Nichts desto trotz haben Christen zum Beispiel in der Befreiungstheologie Ansichten von Marx aufgegriffen und sich sozial wieder intensiver den Vorgaben von Jesus Christus\u00a0 zugewandt.<\/li>\n<\/ol>\n\n\n\n<h4 class=\"wp-block-heading has-text-align-center has-black-color has-text-color\"><strong>2.3 Friedrich Nietzsche: Kritik aus der Perspektive von \u00c4sthetik und Kunst<\/strong><\/h4>\n\n\n\n<p class=\"has-black-color has-text-color wp-block-paragraph\"><strong>Biographische Angaben:<\/strong> * 1844 R\u00f6cken (Sachsen-Anhalt); \u2020 1900 Weimar<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Kind eines evangelischen Pfarrers, der starb, als Nietzsche 5 Jahre alt war. Er wuchs unter sechs Frauen auf (Naumburger Frauenhaushalt). Schon in der Schule entwickelte er ein eigenes Bild von der Antike, das er der kleinb\u00fcrgerlichen christlichen Moral entgegenstellte. Ab WS 1864\/65 begann er Theologie und klassische Philologie zu studieren. Er gab das Theologiestudium auf und wurde ohne Promotion mit 24 Jahren Professor f\u00fcr klassische Philologie. 1870 lernte er den atheistischen Theologieprofessor Franz Overbeck (das Christentum seit den Kirchenv\u00e4tern hat nichts mit dem urspr\u00fcnglichen Denken Jesu zu tun) kennen, die Freundschaft blieb bis zu Nietzsches Tod. Die Professur legte er mit 34 Jahren aus gesundheitlichen Gr\u00fcnden nieder und reiste, um seinem Leiden Linderungen zu verschaffen. Ab 45 psychisch erkrankt (Folge von Syphilis? von einem Hirntumor?) und 1889 psychisch zusammengebrochen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-black-color has-text-color wp-block-paragraph\"><strong>Religionskritik: <\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Nietzsche war der Ansicht, dass der Mensch Gott get\u00f6tet habe (&#8222;Gott ist tot&#8220;) und nun au\u00dferordentlich einsam sei. Damit beschreibt er die moderne Gesellschaft, die Gesellschaft seiner Zeit. Und weil er Gott get\u00f6tet hat, fallen nun alte Werte weg. Das bedeutet: Der Mensch selbst m\u00fcsse nun \u00e4sthetisch Sch\u00f6pfer sein (Dichtung); Metaphysik \/ Transzendentes wird in dem grundlegenden Weltgesetz des Lebens und dessen \u00c4sthetik erkannt. Dann vor allem aber ist hier wichtig: Eine neue Moral muss sich der Mensch nach dem Tode Gottes erarbeiten, eine Moral die der (paulinischen) christlichen Sklavenmoral entgegenst\u00fcnde. Christen w\u00fcrden nur die Schwachen, Ohnm\u00e4chtigen, Wertlosen hervorheben, um Wissenschaft und Kultur zu verderben \u2013 dagegen m\u00fcsse der wahre Mensch sich selbst h\u00f6her entwickeln, zu einem \u00dcbermenschen machen. Christen lehnen das Irdische ab, fl\u00fcchten ins Jenseits \u2013 aber es gilt Dionysios, der Gott des Rausches, der das Leben mit allem, was es bietet, annimmt. Das sehen die christlich Missratenen (Unwerten), die sich ein imagin\u00e4res Jenseits errichten, als b\u00f6se an und sie hassen die Vornehmen, die sich im Diesseits hoch entwickeln. Schopenhauer hatte Mitleid betont \u2013 Nietzsche meint, Mitleid w\u00fcrde nur das Leid vermehren \u2013 dagegen m\u00fcsse man vernichten \u2013 und sich dazu \u00fcberwinden, denn man entwickelt sich auf diesem Wege zum \u00dcbermenschen. <\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Es geht ihm um die \u201eUmwertung aller Werte\u201c. Es geht um den &#8222;Willen zur Macht&#8220;, das hei\u00dft: der Mensch muss sich selbst in den Griff nehmen und maximal steigern. Der Mensch bestimmt sich selbst, geht damit \u00fcber die Evolution des Tieres hinaus. Wie die Werte letztendlich aussahen, hat er nicht mehr dargelegt, aber es geht um das \u00e4sthetische Schaffen und damit um die Erf\u00fcllung des Weltgesetzes und des Lebenssinnes. <\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das sich selbst entwickelnde Genie ist aber gleichzeitig ein verletzliches Wesen, weil es so weit entwickelt ist. (Diese Sicht von 1888 ist notwendig, um sich als kranker Mann selbst noch in dieses Denken vom \u00dcbermenschen einzeichnen zu k\u00f6nnen.) Dass aber Missratene \u2013 nicht das zerbrechliche Genie! \u2013 vernichtet werden m\u00fcssten und der neue Mensch gez\u00fcchtet werden m\u00fcsse, dieser sozialdarwinistische Ansatz findet sich in einem Fragment von 1884. Es ist aber schwer, solche Aussagen einzuordnen, nicht nur darum, weil Nietzsche selbst schwer zu interpretieren ist (und davor gewarnt wird, Nietzsche w\u00f6rtlich zu nehmen), sondern auch darum, weil seine Schwester m\u00f6glicherweise Texte vernichtet und vermutlich auch selbst welche formuliert hat, die eine eindeutige Interpretation verhindern.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-small-font-size wp-block-paragraph\">Nietzsche ist kein Sozialdarwinist im Sinne des szientistischen Sozialdarwinismus. Ihm geht es nicht so sehr um Biologie, sondern um das Geistige, er geht nicht allein gegen das herk\u00f6mmlich Schwache, Kranke vor, sondern auch das Schwache und Kranke im Sinne von bequem, geistlos, satt. Es geht nicht um biologische Selektion, sondern um kreative Selbstgestaltung, der Mensch macht sich zu einem Kunstwerk, er erschafft sich seine eigenen Werte.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Parallel zu seinem k\u00f6rperlichen Verfall entwickelte er immer extremere Machtphantasien. Er war kein Nihilist (alles ist sinnlos) \u2013 sondern entwickelte den Gegenmenschen \u2013 den er als Gegengewicht zum get\u00f6teten Gott errichtete. (Allerdings meinte er, dass das T\u00f6ten Gottes zum Nihilismus f\u00fchren k\u00f6nne.) Ich denke, dass sein Idealbild vom Menschen die griechischen Skulpturen wiedergegeben hat: aus wei\u00dfem Marmor, harmonisch, erhaben, wundersch\u00f6n, g\u00f6ttlich. Und diesem Idealbild entsprach das reale Menschsein \u00fcberhaupt nicht. Nietzsche war nicht gegen Jesus (wie er sich ihn vorstellte) \u2013 sein Kampf richtete sich gegen die Nachfolger, die das Leben Jesu verf\u00e4lscht h\u00e4tten: Jesus selbst wird betont, da er den Menschen zu sich selbst gef\u00fchrt habe, es gilt das Leben, nicht die Lehre. (Man muss auch hier bedenken: Das Jesus-Bild von Nietzsche wandelt sich w\u00e4hrend des Schreibprozesses.) Eine der letzten Zeilen von Nietzsche (1889) lautet: &#8222;Die Welt ist verkl\u00e4rt, denn Gott ist auf der Erde. sehen Sie nicht, wie alle Himmel sich freuen?&#8230;&#8220; und unterschreibt: &#8222;Der Gekreuzigte&#8220;.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-small-font-size wp-block-paragraph\">Anmerkung: Der russische Pianist und Komponist Alexander Nikolajewitsch Skrjabin (+1915) sagte: <em>Ich bin Gott<\/em>. Vielleicht meinte er damit nicht in einem Anflug von Gr\u00f6\u00dfenwahn, dass er wirklich Gott sei, sondern im Sinne russischer Mystik, dass er selbst nicht so wichtig ist, weil er in Gott ist, Gott alles ist. Aber: F\u00fcr ihn war \u2013 in der Nachfolge Nietzsches und anderer Str\u00f6mungen (Theosophie) \u2013 der geniale K\u00fcnstler die h\u00f6chste Stufe der Entwicklung. Ob dieser Gedanke auch auf Nietzsche in seiner letzten Lebensphase zutrifft, entzieht sich meiner Kenntnis. Die von Nietzsche verehrte Lou Salome war in Russland geboren und Nietzsche kannte auch Werke von Dostojewski. Eher k\u00f6nnte ich mir freilich vorstellen, dass er wie Rilke und George von den franz\u00f6sischen Intellektuellen (z.B. Mallarm\u00e9: Kunst ist Gottesdienst, der Dichter ist Offenbarer) beeinflusst waren, die sich selbst sehr hoch angesiedelt haben, im Sinne von der K\u00fcnstler ist Priester, Offenbarer, Meister.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Nietzsche wurde von vielen Intellektuellen begeistert aufgenommen, aber auch von Nationalsozialisten, die ihn in ihre Ideologie einarbeiteten. Aus diesem Grund war Nietzsche lange Zeit verp\u00f6nt. In letzten Jahrzehnten besch\u00e4ftigt man sich zu recht wieder intensiver mit ihm. Nietzsche selbst war wohl kein Antisemit (wandte sich zum Beispiel gegen den antisemitisch agierenden Komponisten Richard Wagner \u2013 wobei allerdings die Gr\u00fcnde vielf\u00e4ltig sind).<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-black-color has-text-color wp-block-paragraph\"><strong>Kritik:<\/strong><\/p>\n\n\n\n<ol class=\"wp-block-list\">\n<li>Nietzsche ist konsequent: Wenn es keinen Gott (mehr) gibt, dann muss der Mensch selbst sehen, wie er alles auf die Reihe bekommt \u2013 auch die Moral \u2013 und das geht nur durch puren Egoismus, auch mit Blick auf Hedonismus. Er erkennt, dass die europ\u00e4ische b\u00fcrgerliche Moralvorstellungen \u00fcberwiegend mit der j\u00fcdisch-christlichen Tradition zusammenh\u00e4ngt. Und diese hat die elit\u00e4re Moral der alten Griechen und R\u00f6mer \u2013 wie er sie versteht \u2013 verdr\u00e4ngt.<\/li>\n\n\n\n<li>Nietzsche reagiert anders als Marx nicht allein auf die Kirche seiner Zeit, sondern kritisiert mit Paulus selbst die Ursache des europ\u00e4ischen Menschenbildes. Dabei hat Paulus nur die Lehre Jesu rational durchdrungen. Die Kirchen seiner Zeit waren, grob gesagt, sozialer engagiert als zu der Zeit von Marx.<\/li>\n\n\n\n<li>Was Nietzsche dem sozialen Wirken entgegensetzt, ist \u00c4sthetik, sind sch\u00f6ne Worte. Dieses \u00e4sthetische Weltgesetz treibt den Menschen evolutiv weiter. Der christliche Glaube basiert auf dem Wort, die Macht des Wortes, Kunst und Musik sind wichtig. Aber das ist nur ein Teil des Menschen. Das als Hauptthema zu machen, wird dem Menschen, wie man an Nietzsche sieht, nicht gerecht.<\/li>\n\n\n\n<li>Der Mensch bleibt aus christlicher Sicht: Mensch. Damit auch Gesch\u00f6pf unter Mitgesch\u00f6pfen und Erschaffenem. Auch der Mensch als Genie. Denn gerade der kluge Mensch lebt in Gefahr, sich \u00fcber Gott zu stellen, wie Jesus sagt. Der Mensch, der sich zum Kunstwerk gestalten m\u00f6chte, macht eine neue Art Erl\u00f6sung zum Gesetz. Das \u00fcberfordert, wie jede Gesetzesreligion bzw. jeder gesetzliche Religionsersatz. Wie vielen Menschen ist es m\u00f6glich, sich als \u00e4sthetisches Genie selbst zu erh\u00f6hen? So glauben Christen, dass Gott eben nicht das elit\u00e4re Genie unterst\u00fctzt, sondern der Mensch als Mensch W\u00fcrde und Wert hat.<\/li>\n\n\n\n<li>Nietzsche erkennt, dass der Mensch Transzendentes ben\u00f6tigt. F\u00fcr ihn ist es der Ansatz des Lebendigen als \u00e4sthetisches Weltgesetz, das den Menschen h\u00f6her hebt. Aus christlicher Perspektive ist der Ansatz von Nietzsche nur einer der vielen Versuche des Menschen, ohne den Glauben im Leben zurechtzukommen. Kunst kann erheben \u2013 kann sie aber auch im Leben und im Sterben tragen? Kunst muss Kunst bleiben \u2013 wenn sie zur Religion gemacht wird und nicht als Kunst auf Gott hinweist, verirrt sie sich.<\/li>\n\n\n\n<li>Nietzsche wandte sich von der musikalischen Kunstreligion Wagners ab und versuchte eine eigene verbale Kunstreligion zu erschaffen. Es war die Zeit, in der auch andere versucht haben, eine neue Religion zu kreieren. Heute interessiert das nur noch geschichtlich.<\/li>\n\n\n\n<li>An Nietzsche wird die Reihenfolge sichtbar: a) Ablehnung Jesu, b) Vereinnahmung Jesu (Antichrist), c) sich selbst \u00fcberh\u00f6hen (Ecce homo). d) Und dann der eigenartige Zusammenbruch.<\/li>\n\n\n\n<li>Nietzsche zeigt Christen immer wieder auf, dass Selbst\u00fcberh\u00f6hung, auch als Christen, Gefahren des Absturzes mit sich bringt. Von daher ist auch der ideologische Transhumanismus, von denen manche Vertreter sich auch auf Nietzsche berufen, ein Unterfangen, das den Menschen in gef\u00e4hrliche Bereiche f\u00fchrt. <\/li>\n<\/ol>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Es sei angemerkt, dass in der Zeit Nietzsches auch <strong>Th\u00e9r\u00e8se von Lisieux <\/strong>lebte (1873-1897). Sie ist im Grunde ein christliches Gegenbild zu Nietzsche: <a href=\"https:\/\/www.heiligenlexikon.de\/BiographienT\/Therese_von_Lisieux.htm\">https:\/\/www.heiligenlexikon.de\/BiographienT\/Therese_von_Lisieux.htm<\/a> Sie wurde 1997 von Papst Johannes Paul II. zur Kirchenlehrerin ernannt. W\u00e4hrend Nietzsche St\u00e4rke und Macht betont, betont Th\u00e9r\u00e8se den &#8222;kleinen Weg: anstatt sich elit\u00e4r aufzuschwingen, vertraut sie sich Gott hingebend an. W\u00e4hrend Nietzsche heroisch sein Leiden zu \u00fcberwinden sucht, erlebt Th\u00e9r\u00e8se atheistisch dunkle Zeiten, verwandelt diese aber nicht in Zynismus, sondern in Liebe zu Glaubenslosen. <\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Eine weitere Anmerkung: Ich vermute, dass der Philosoph <strong>Max Stirner<\/strong> (1806-1856) Einfluss auf Nietzsche hatte: &#8222;Mir geht nichts \u00fcber mich&#8220; &#8211; und ich muss mich in einem selbst erzieherischen Akt von allem Versklavenden (Gewissen, Moral, Heiligem, Staat, Gott) l\u00f6sen, um mich selbst besitzen zu k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n<h4 class=\"wp-block-heading has-text-align-center has-black-color has-text-color\"><strong>2.4 Sigmund Freud: Kritik aus der Perspektive der Psychologie<\/strong><\/h4>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-left has-black-color has-text-color wp-block-paragraph\"><strong>Biographische Angaben:<\/strong> * 1856 Freiberg\/M\u00e4hren; \u2020 1939 London<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Kind j\u00fcdischer Eltern, f\u00fchlte sich trotz Religionskritik dem Judentum zugeh\u00f6rig. Umzug nach Wien, dort Besuch des Gymnasiums. Seit 1873 Medizinstudium. Selbstversuche mit Kokain. 1885 in Paris Arbeit in psychiatrischer Klinik, Erfahrungen mit Hypnose, Hinwendung zur Traumdeutung, um die Struktur der Seele zu erkunden. Weitere Forschungen machten ihn zum Tiefenpsychologen: Er gilt als Begr\u00fcnder der Psychoanalyse. Sexualit\u00e4t, Triebhafte W\u00fcnsche usw. bestimmen, so Freud, den Menschen. 1922 erkrankte der starke Raucher an Gaumenkrebs. Zahlreiche Operationen folgten. 1938 floh er vor den Nationalsozialisten nach London. Er hatte einen Vater, auf den er nicht gut zu sprechen war. Freud, das 1. Kind der dritten Frau, warf dem Vater vor, pervers gewesen zu sein und die psychischen Spannungen seiner Kinder zu verantworten habe.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Religionskritik:<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Er besch\u00e4ftigte sich vor allem im Alter mit Religion und sah sich als Feind der Religion jeglicher Form. Er greift Feuerbach, Nietzsche und Erkenntnisse Darwins auf und vermischt sie mit seinen eigenen psychologischen Interpretationen. Religion ist mit gewissen Handlungen (regelm\u00e4\u00dfige Gebete, Liturgien, Waschungen) mit einer <em>Zwangsneurose<\/em> zu vergleichen. Der Mensch f\u00fchlt sich Angriffen der Umwelt ausgesetzt \u2013 und sucht sich sch\u00fctzende M\u00e4chte, die er gleichzeitig f\u00fcrchtet. Gott ist ein vom Menschen gebildeter <em>Vaterersatz<\/em>, denn auch erwachsene Menschen ben\u00f6tigen einen Vater. Der Mensch projiziert seine W\u00fcnsche auf diesen Vater. Freud unterscheidet zwischen Wahn und Illusion. Wahn bedeutet, eine Vorstellung zu entwickeln, die mit der Realit\u00e4t nichts zu tun hat. Illusion ist im Grunde ein Wunsch, dass etwas so werde \/ sei, wie man es sich w\u00fcnscht. <\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Es folgt die Entwicklung des Instanzenmodells: Das \u00dcBER-ICH, das Gewissen, das die Gesellschaft gegen das m\u00e4chtige ES der Triebe ausgebildet hat, bekommt ein Gottesgesicht: Es straft und mahnt und vergibt\u2026 Aber der selbst erschaffene Gott kann auch \u00fcbergro\u00df werden, das hei\u00dft, das \u00dcBER-ICH (Gewissen) versucht den Menschen zu beherrschen \u2013 und so kommt es zu Zwangsvorstellungen, Neurosen. Denn das Gewissen \/ die Kultur \/ die Religion fordert Triebverzicht. Das \u00dcBER-ICH muss, so Freud, durch das ICH entg\u00f6ttlicht werden, das hei\u00dft: der Verstand muss zwischen den Forderungen des \u00dcBER-ICH und des ES entscheiden und nur so wird der Mensch frei. Dazu geh\u00f6rt eben auch, den vernunftgesteuerten Trieben eher freien Lauf zu lassen. Verhaltensweisen sind also abh\u00e4ngig von dem Verstand \u2013 nicht von der Religion. <\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Religion leitet er auch vom <em>\u00d6dipuskomplex<\/em> ab: Die menschliche Urgruppe wurde von einem M\u00e4nnchen geleitet, dem alle Frauen untergeordnet waren. Die Jungm\u00e4nner lie\u00df dieser Patriarch nicht an seine Frauen. Darum rotteten sie sich zusammen und t\u00f6teten den Vater. Dann packte sie die Reue und der get\u00f6tete Vater wurde immer st\u00e4rker \u00fcberh\u00f6ht \u2013 und somit wuchs das Gottesbild aufgrund des schlechten Gewissens. Religion gr\u00fcndet somit in der menschlichen Infantilit\u00e4t, sowohl des Menschen an sich, als auch im infantilen Individuum. Sie hat mit Verstand nichts zu tun. Freud selbst hat nach Kritik gesehen, dass das nicht historisch real gewesen sein muss, sondern nur in der Psyche der Urmenschen existieren k\u00f6nne.  <\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wenn man sich nun von der Religion abwendet, hat man Ressourcen bekommen, sich wirklich um Wissenschaft usw. k\u00fcmmern zu k\u00f6nnen. Denn: Die Welt ist Leiden (vgl. Schopenhauer), die Angebote der Religion sind Illusionen, bek\u00e4mpfen das Leiden nicht angemessen (vgl. Marx), das bewirkt nur Wissenschaft.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Kritik:<\/strong><\/p>\n\n\n\n<ol class=\"wp-block-list\">\n<li>Psychologen k\u00f6nnen auch zu anderen Ergebnissen kommen: (a) Und so hat\u00a0<em>Alfred Adler<\/em>\u00a0eine andere Sichtweise: Das Individuum lebt in Gemeinschaft, es erf\u00e4hrt ein Gemeinschaftsgef\u00fchl, das vom Gemeinschaftsgef\u00fchl des Kindes zur Mutter gepr\u00e4gt ist. Das Gemeinschaftsgef\u00fchl hat es allerdings nicht allein mit den Menschen, sondern \u00fcber den Menschen hinaus mit seiner Lebensumwelt \u2013 und spirituell bezogen auf die Transzendenz, das G\u00f6ttliche zu tun. Wobei die Transzendenz eben auch M\u00e4ngel menschlichen Gemeinschaftsgef\u00fchls ausgleichen kann, denn der Mensch strebt danach, die Vollkommenheit des Gemeinschaftsgef\u00fchls zu erreichen.\u00a0(b) <em>C.G. Jung<\/em>\u00a0sah Gott in dem kollektiven Unbewussten und der Mensch, der nur ein Teil des Ganzen ist, begreift das Ganze nicht richtig, so dass Gott nicht allein ein Teil des Unbewussten ist, sondern auch transzendent. Der Mensch muss Gott erfassen, indem er in seine tieferen Schichten seines Selbst eindringt. Das hei\u00dft: Die Archetypen, die Urbilder, die die Grundstruktur des Unbewussten bilden, hat der Mensch nicht erschaffen, denn er ist abh\u00e4ngig von ihnen. Aber: Religion ist nicht ein Teil des Ich, es ist im Es verankert. Das sieht freilich der Glaubende anders: \u201eIch glaube\u201c \u2013 und nicht: Es glaubt in mir. (c) <em>Viktor Frankl<\/em>, der vierte im Bunde, hat Gott nicht abgelehnt, sondern als Garant f\u00fcr den Lebenssinn des Menschen angesehen. Denn Gott allein garantiert, dass es Sinn trotz Leiden gibt \u2013 allerdings k\u00f6nnen Gott und Sinn zusammenfallen, sodass man nicht wei\u00df, ob es der dem Menschen zugeh\u00f6rende Lebenssinn ist oder eine g\u00f6ttliche Macht, die den Sinn gibt. Ebenso weist das Gewissen auf Gott hin. (d) <em>Oskar Pfister<\/em>, Freund von Freud korrigierte ihn: Er unterscheidet zwischen krankhafter Form von Religion und einem reifen Glauben. Die Neurose benutzt Religion als Ausdrucksmittel. Wenn unterschiedliche Psychologen zu unterschiedlichen Sichtweisen kommen, sind die Freud\u00b4schen Interpretationen von Religion zu relativieren.<\/li>\n\n\n\n<li>Psychologie versucht manchmal Religion zu erkl\u00e4ren. Aus einer Vermutung wird vermeintliche Wirklichkeit. Da es aber unterschiedliche Versuche gibt (zum Beispiel auch: Das Gehirn des Menschen ist darauf angelegt, sich st\u00e4ndig zu besch\u00e4ftigen; der Alltag ist langweilig, also sucht sich das Hirn Besch\u00e4ftigung in der Religion) \u2013 und auch vermutlich weitere geben wird \u2013 sind sie unter mehr oder weniger interessante \u201eVermutungen\u201c einzuordnen.<\/li>\n\n\n\n<li>Freud ist sehr stark auf den christlichen \u201eVater\u201c Gott fixiert. Allerdings hat der christliche Vater auch weibliche Z\u00fcge. Andere Religionen haben keinen Vater-Gott \u2013 aber auch massivere Moralvorstellungen (Islam) bzw. Moralvorstellungen anderer Art (Hinduismus). Andererseits: In der Antike galt Gott \/ Zeus als \u201eVater\u201c \u2013 aber diese religi\u00f6se Sicht hat keine intensiven Moralvorstellungen entwickelt. Historisch gesehen ist die Freud\u00b4sche Interpretation also zu hinterfragen, da er von den jeweiligen Religionen selektiv das aufnimmt, was er f\u00fcr seine Sicht ben\u00f6tigt.<\/li>\n\n\n\n<li>Religion ist Folge einer Wunschvorstellung \u2013 bedeutet das zwingend, dass einer Wunschvorstellung nicht eine Wirklichkeit zugrunde liegen kann? Aus christlicher Perspektive kommt Gott selbst ins Leben des Menschen hinein \u2013 was nicht selten auch geradezu gegen die W\u00fcnsche des Menschen gerichtet ist.<\/li>\n\n\n\n<li>Wenn Glaube die Sehnsucht nach einem Vater ist, dann ist Atheismus die Sehnsucht nach einem leben ohne Vater \/ Autorit\u00e4t.<\/li>\n\n\n\n<li>An Freud wird deutlich, zu welcher Denk-Akrobatik Menschen f\u00e4hig sind, um sich Gottes zu entledigen. Der Atheist als infantiles Wesen, das auf Gott eifers\u00fcchtig ist und ihn zumindest in der Vorstellung bek\u00e4mpft \u2013 so k\u00f6nnte man die Argumentation umdrehen. Problematisch ist, wenn ein Psychologe meint die Tiefen des Menschen erkundet zu haben \u2013 aber keiner es im Grunde \u00fcberpr\u00fcfen kann. <\/li>\n\n\n\n<li>So wird auch von Psychologen gesehen, dass alle gro\u00dfen Atheisten der Vergangenheit Schwierigkeiten mit ihren V\u00e4tern hatten (das will der Psychologe Paul Vitz [Faith of the Fatherless. The Psychology of Atheism, 1999; erw. 2013] auch an anderen festgestellt haben, so an Sartre, Camus und Russell). Ob dem so ist, kann ich nicht beurteilen. Vor allem aber: Nicht jeder, der Schwierigkeiten mit dem Vater hatte, wird Atheist.<\/li>\n<\/ol>\n\n\n\n<p class=\"has-text-color has-link-color wp-elements-3 wp-block-paragraph\" style=\"color:#bb2525\">Aufgabe 2: <\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-color has-link-color wp-elements-4 wp-block-paragraph\" style=\"color:#bb2525\">Die folgenden Religionskritiker sind Dir vermutlich noch unbekannt. Notiere kurz ihre Ansatzpunkte \u2013 und \u00fcberlege, ob Du sie unterst\u00fctzt oder \u00fcberlege Anfragen. Dann erst lies die Kritik \u2013 aber auch hier: kritisch.<\/p>\n\n\n\n<h4 class=\"wp-block-heading has-text-align-center has-black-color has-text-color\"><strong>2.5 Christopher Hitchens (mit Hinweise auf Sam Harris) und Richard Dawkins:<\/strong>\u00a0<strong>Kritik an Religion aus der Perspektive pers\u00f6nlicher Ablehnung und der Naturwissenschaft<\/strong><\/h4>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">a) <strong>Hitchens<\/strong>: * 1949 Portsmouth (Gro\u00dfbritannien) \u2020 2011 Houston (USA)<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">1967-1970 Studium: Philosophie, Politik, Wirtschaft. Autor und Literaturkritiker.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eGod is not Great\u201c (deutsch: \u201eDer Herr ist kein Hirte. Wie Religion die Welt vergiftet\u201c): Religion sei brutal, intolerant, egoistisch und unterw\u00fcrfig, amoralisch. Es gebe keinen Gott \u2013 und Religion sei wissenschafts- und sexualfeindlich. Man m\u00fcsse Religion nicht widerlegen, weil sie einfach l\u00e4cherlich ist. Man m\u00fcsse ihr mit Spott, Verachtung und Hass begegnen. Religionen seien schlecht gemacht und widerspr\u00e4chen sich st\u00e4ndig. S\u00e4kulare Systeme seien moralisch den Religionen \u00fcberlegen. Massive Kritik an Mutter Teresa: Sie verherrliche das Leid und w\u00fcrde missionieren (Mutter Teresa von Kalkutta ist eine Nonne gewesen, die sich massiv f\u00fcr Notleidende in Indien eingesetzt hat; sie hat auch einen Orden gegr\u00fcndet \u2013 also Nonnen \u2013 die in Armutsvierteln weltweit arbeiten). Hitchens starb an Krebs \u2013 und sagte vorher: Wenn er vor seinem Tod beginnen w\u00fcrde, an Gott zu glauben, solle man ihn nicht ernst nehmen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">(Diese Aussage ist spannend, weil der Religions-Sp\u00f6tter Heinrich Heine [1797-1856] Atheisten verspottete, weil sie dann, wenn es ans Sterben geht, wieder religi\u00f6s werden. Heine selbst war am Ende seines Lebens Jahre lang schwer krank und wandte sich dann zum Entsetzen seiner atheistischen Mitstreiter wieder Gott zu. Gleichzeitig finde ich diese Sicht von Hitchens fragw\u00fcrdig, weil er nicht bemerkt hat, dass er es ablehnt, als Mensch weitere Erfahrungen machen zu k\u00f6nnen, bzw. selbst sagt, er m\u00f6chte irgendwann nicht mehr ernst genommen werden. Gibt es Schlimmeres, als einen Menschen nicht mehr ernst zu nehmen?)<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Sam<\/strong> <strong>Harris<\/strong> (*1967) geht vielfach \u00e4hnlich vor wie Hitchens, allerdings nicht so aggressiv. Aber auch seine Themen sind: Es gibt keine Beweise f\u00fcr Gott, Religionen f\u00fchren zu Konflikten, Moral g\u00e4be es auch ohne Religion. Er differenziert freilich, indem er vor allem religi\u00f6sen Fundamentalismus kritisiert und findet Buddhismus gut, weil er den Menschen spirituell weiterf\u00fchren m\u00f6chte.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">b) <strong>Dawkins<\/strong>: * 1941 Nairobi\/Kenia; Zoologe und Biologe und Autor<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">In seinem Buch <em>Der Gotteswahn<\/em> stellt er den Gottesglauben recht umfassend aus allen m\u00f6glichen Perspektiven dar: Woher der Glaube an einen Gott kommt \u2013 er widerlegt die so genannten Gottesbeweise \u2013 begr\u00fcndet, warum es h\u00f6chst wahrscheinlich keinen Gott gebe \u2013 geht der nicht-religi\u00f6sen Herkunft der Moral auf den Grund \u2013 sieht die Bibel als ein willk\u00fcrlich zusammengew\u00fcrfeltes Buch an. Sein Ziel wird ab Kapitel 8 besonders deutlich: <em>Religion ist sch\u00e4dlich<\/em>, schlimm, weil sie unwissenschaftlich ist, Kinder indoktriniert, gegen Homosexualit\u00e4t ist und Fanatismus f\u00f6rdere. (P\u00e4dophilie ist f\u00fcr ihn weniger schlimm als Religion. Siehe unten 19.) Er wendet sich gegen alles \u00dcbernat\u00fcrliche und Unlogische, alle Wundergl\u00e4ubigkeit und Gebetsgl\u00e4ubigkeit. Seine Grundlage ist die Evolutionslehre. Nachdem ihm die statistische Unwahrscheinlichkeit der Entstehung des Lebens auf der Erde nachgewiesen wurde, sieht er Leben aus dem Kosmos auf die Erde gekommen (Panspermie). Er glaubt dennoch nicht an einen Sch\u00f6pfergott, sondern weicht zum Gedanken der Panspermie aus, der allerdings dann einfach nur das Problem verlagert. F\u00fcr ihn ist Intelligenz Folge einer Entwicklung (Mensch) und steht nicht am Anfang (Gott). Zudem sieht er sich als Monist an, das hei\u00dft, Geist ist nichts, was von Materie zu trennen ist. Alles ist Materie \u2013 von daher kann es keinen Gott geben. Warum glauben Menschen noch heute? Weil die Bildung versagt hat und den Menschen nicht deutlich machen kann, dass es auch ohne Glaube geht, weil Religion eine Art <em>Virus (Mem)<\/em> ist, der die Menschen infiziert. Glaube ist ein <em>Wahn<\/em>, der beibehalten wird, obgleich es f\u00fcr Gott keine Beweise gibt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Nachtrag: Das Jahr 2024 bringt eine kleine \u00dcberraschung: Dawkins sieht den christlichen Glauben differenzierter und sieht sich selbst als kulturellen Christen. Das hat damit zu tun, dass Dawkins mit Erschrecken sieht, dass die christlichen Werte wegbrechen und der Islamismus bzw. der orientierungslose S\u00e4kularismus sich durchsetzen. Wenn man also die christliche Religion zerst\u00f6rt, verliert die Gesellschaft ihren Ma\u00dfstab: <a href=\"https:\/\/de.richarddawkins.net\/articles\/ist-ayaan-eine-christin-bin-ich-ein-christ\">https:\/\/de.richarddawkins.net\/articles\/ist-ayaan-eine-christin-bin-ich-ein-christ<\/a><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Kritik an Hitchens:<\/strong><\/p>\n\n\n\n<ol class=\"wp-block-list\">\n<li>Hitchens geh\u00f6rt zu der Gruppe der Atheisten und Religionskritiker, die meinten, man m\u00fcsse nicht mit Vertretern von Religionen reden, weil Religionen einfach l\u00e4cherlich seien \u2013 der aber dann doch ein B\u00fcchlein geschrieben hat, in dem er sich mit dem Judentum (er selbst war Sohn einer J\u00fcdin) und dem Christentum auseinandersetzte. Er hat sich ein paar Punkte herausgesucht, die er kritisierte \u2013 wie eben auch Dawkins sich ein paar Punkte heraussuchte, mit denen er meinte, die christliche Religion zu widerlegen. Diese Punkte m\u00fcssten jetzt im Detail vorgestellt werden \u2013 von der so genannten Opferung Isaaks (der nicht geopfert wurde) bis hin zu den so genannten Gottesbeweisen. Das w\u00fcrde diesen Rahmen sprengen. Im Grunde handelt es sich um Themen, die schon seit Jahrhunderten diskutiert werden und im christlichen Raum auch Antworten gefunden haben bzw. selbst kritisch angesehen werden.<\/li>\n\n\n\n<li>Hitchens ging es nicht um philosophische \u00dcberlegungen, es ging ihm um Politik und Gesellschaft. Und da sah er eben Religion als tyrannisch an. Dass an dieser Stelle differenzierter gedacht werden muss, d\u00fcrfte allen nicht Polemikern deutlich sein. Das weist eben darauf hin, dass er Religionen unbelegbare Behauptungen vorgeworfen hat \u2013 selbst aber eben auch solche in die Welt gesetzt hat. Er war eben Polemiker.<\/li>\n\n\n\n<li>Der beliebte Vorwurf, dass Religionen f\u00fcr die Konflikte in der Welt verantwortlich sind, kann ganz schnell widerlegt werden, wenn man sich die Konflikte in der Welt einmal detailliert anschaut. Es ging im Wesentlichen um Expansion (Alexander der Gro\u00dfe, R\u00f6mer, Napoleon, die ganzen asiatischen Expandeure\u2026). Der Vorwurf, den man der christlichen Religion machen kann \u2013 nicht dem Islam, denn er hat selbst einen kriegerischen Urgrund (was als Verteidigungskriege interpretiert wird) \u2013, ist, dass es nicht in der Lage war, Kriege zu verhindern. Aber dieser Vorwurf z\u00e4hlt nur, wenn man dem Christentum gleichzeitig vorwirft, nicht den Menschen in einer Art Diktatur des Friedens zu fesseln. (Der \u00c4gyptologe Jan Assmann hatte den j\u00fcdisch-christlichen Monotheismus f\u00fcr das Blutvergie\u00dfen in der Welt verantwortlich gemacht, hingegen den Polytheismus als tolerant dargestellt. Er hat diese Sicht inzwischen differenzierter dargelegt.)<\/li>\n\n\n\n<li>Die Aussage, dass s\u00e4kulare Systeme den Religionen moralisch \u00fcberlegen seien, ist zu hinterfragen, wenn an den Nationalsozialismus und den Internationalsozialismus gedacht wird. Auch extremer Liberalismus und Kapitalismus lassen an der Aussage zweifeln.<\/li>\n\n\n\n<li>Hitchens steht auf der Basis des Christentums, wenn er die W\u00fcrde des Menschen anspricht. Er mag aber nicht auf der Basis des Christentums stehen und h\u00e4ngt somit den Gedanken der W\u00fcrde in die Luft.<\/li>\n\n\n\n<li>Der Bruder von Christopher Hitchens, Peter Hitchens, war auch Atheist und wandte sich wieder dem Christentum zu, und zwar einer konservativen Form. Angeblich soll die Mutter den beiden Br\u00fcdern verboten haben, in ihrem haus dar\u00fcber zu diskutieren, weil die Diskussionen zu heftig gewesen seien. F\u00fcr ihn ist Atheismus d\u00fcrftig.\u00a0<a href=\"http:\/\/www.dailymail.co.uk\/news\/article-1255983\/How-I-God-peace-atheist-brother-PETER-HITCHENS-traces-journey-Christianity.html\">http:\/\/www.dailymail.co.uk\/news\/article-1255983\/How-I-God-peace-atheist-brother-PETER-HITCHENS-traces-journey-Christianity.html<\/a><\/li>\n<\/ol>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Kritik an Dawkins<\/strong>&nbsp;\u2013 etwas ausf\u00fchrlicher, weil er der \u201eChef-Atheist\u201c der Gegenwart ist, das hei\u00dft: viele Extrem-Atheisten berufen sich auf ihn, die \u201eArgumentation\u201c kann man vielfach wiederfinden.<\/p>\n\n\n\n<ol class=\"wp-block-list\">\n<li>Das Werk ist insgesamt rhetorisch und plakativ: Es werden Behauptungen aufgestellt, die dann widerlegt werden. Da aber die Behauptungen vielfach aus Unterstellungen bestehen, kann gegen die Widerlegungen kaum argumentativ eingegangen werden. Man muss erst die Unterstellungen bearbeiten \u2013 um dann mit Blick auf die Widerlegungen argumentieren zu k\u00f6nnen. Die Unterstellungen, Polemiken sind eine Art Schutzwall, um die falsche Argumentation herum. (Die Argumentation ist auch kurios: Es k\u00f6nnte sein, es k\u00f6nnte sein \u2013 und dann ist es auf einmal so. Viele \u201ek\u00f6nnte\u201c f\u00fchren zu sicheren Argumenten. Die Sprache ist dadurch gepr\u00e4gt, dass sie massiv erniedrigt. Pr\u00e4misse steht fest: Gott kann es nicht geben \u2013 Fazit: Es gibt ihn nicht.)<\/li>\n\n\n\n<li>Es werden undifferenziert alle m\u00f6glichen Aspekte zusammengeworfen: Religionen, Theologien, Bibel-Aussagen \u2013 weil nicht differenziert wird, ist die Ablehnung der Religion als fundamentalistisch-atheistisch einzuordnen.<\/li>\n\n\n\n<li>Andere Weltanschauungen als die von Dawkins werden nicht akzeptiert.<\/li>\n\n\n\n<li>Die \u00e4u\u00dferst komplexen Religionen werden simplifiziert \u2013 und gegen das vereinfachte, schlagwortartige, einseitige Bild von Religion wird dann polemisiert. Ebenso wird die Komplexit\u00e4t biblischer Auseinandersetzungen nicht wahrgenommen bzw. passt nicht zum pauschalen, plakativen \u201eArgumentieren\u201c.<\/li>\n\n\n\n<li>Es werden Themen in den Vordergrund gestellt, zum Beispiel \u201eGottesbeweise\u201c und intensivst widerlegt, mit dem Fazit, Gott kann nicht bewiesen werden \u2013 dabei geh\u00f6rt diese Widerlegung schon l\u00e4ngst zum Allgemeingut der Theologie. Es dient also nur der Befriedigung der eigenen Bubble. <\/li>\n\n\n\n<li>Was auch zwischen Atheisten umstritten ist (z.B. Monismus) wird von Dawkins als gesichert angesehen. Dabei gibt es f\u00fcr seine Theorie auch keine besseren Argumente. Im Gegenteil. Hat sich der Geist des Menschen nicht durch die Kultur von der Materie befreit? Das \u201egeistreiche\u201c materielle Individuum stirbt \u2013 aber das, was es an Geistreichem entwickelt hat, gibt es anderen Individuen weiter. Es selbst stirbt zwar, aber das Geistige \u00fcberlebt ihn in anderen Individuen.<\/li>\n\n\n\n<li>Mancher guter Ansatz, manche gute Anfrage an Religionen und Theologie wird aufgrund der st\u00e4ndigen Diffamierungen ins Gegenteil verkehrt.<\/li>\n\n\n\n<li>Fundamentalismus und Dualismus bestimmen die \u201eArgumentation\u201c: Theologie ist b\u00f6se \u2013 Naturwissenschaft ist gut; Religi\u00f6se sind b\u00f6se \u2013 Atheisten sind gut\u2026 Und sind Atheisten verwerflich (Kommunismus\u2026), dann sind die Religionen daran Schuld, die diese jeweiligen Atheisten erzogen haben. Ma\u00dfstab f\u00fcr einen guten Atheisten: Dawkins selbst.<\/li>\n\n\n\n<li>Die Vorgehensweise ist unwissenschaftlich: Es werden einige Meinungen genannt \u2013 die nicht repr\u00e4sentativ sind, die nicht von Experten stammen, es wird viel spekuliert (was ja den Religionen vielfach vorgeworfen wird).<\/li>\n\n\n\n<li>Naturwissenschaftler werden herangezogen, um die Meinung zu unterst\u00fctzen (Einstein), aber nur soweit diese auch die Meinung von Dawkins belegen \u2013 diese widersprechende Aussagen der Wissenschaftler werden nicht herangezogen. Neben dem Missbrauch der Wissenschaftler wird auch die Evolution missbraucht, das dadurch, dass sie f\u00fcr Sachverhalte herangezogen wird, die nicht im Bereich der Evolution liegen. (Biologische Evolution ist etwas anderes als kulturelle Entwicklung. Man mag Parallelen erkennen \u2013 aber das sind keine Beweise, sondern Interpretationen, Konstrukte\u2026) Dass nur Naturwissenschaften Wahrheiten bieten, ist naturwissenschaftlich unbewiesen. <\/li>\n\n\n\n<li>Atheisten, die eine gewisse Sympathie f\u00fcr Religionen hegen, werden wie entsprechende Wissenschaftler diffamiert. Denn das ist die Pr\u00e4misse: Ein Christ kann kein Wissenschaftler sein \u2013 somit kann auch ein Wissenschaftler kein Christ sein.<\/li>\n\n\n\n<li>Es wird unpr\u00e4zise formuliert: Religionen \/ Gott seien wie ein Virus, die ansteckend wirken. Viren lassen sich nachweisen \u2013 aber keine religi\u00f6sen Viren; Gene lassen sich biologisch beweisen \u2013 Meme sind Behauptungen. Diese Vermischungen sind unwissenschaftlich.<\/li>\n\n\n\n<li>Er meint als Naturwissenschaftler geisteswissenschaftliche Fragen einfach nach seinen eigenen methodischen Ma\u00dfst\u00e4ben widerlegen zu k\u00f6nnen, dabei haben Geisteswissenschaften andere Methoden ausgebildet.<\/li>\n\n\n\n<li>Letztlich sieht es so aus, als solle Naturwissenschaft Religion bzw. den Glauben an Gott ersetzen.<\/li>\n\n\n\n<li>Witz und Polemik k\u00f6nnen lustig sein und belustigen, sind aber keine stichhaltigen Argumente.<\/li>\n\n\n\n<li>Mit diesem umfangreichen Werk hat sich Dawkins als Chef-Atheist einen Namen gemacht. Die Einnahmen verwendet er dazu, eine gro\u00dfangelegte Atheismus-Mission zu finanzieren. Weil dieses Buch eines Wissenschaftlers unter Atheisten so popul\u00e4r geworden ist, haben auch Wissenschaftler es unter die Lupe genommen (unter anderem der Naturwissenschaftler\u00a0<em>Higgs<\/em>: \u201epeinlich\u201c): Es gebe sich den Anschein von Wissenschaftlichkeit, w\u00fcrde aber im Grunde nur popul\u00e4rwissenschaftlich herum spekulieren \u2013 und gegen eine veraltete Karikatur von Religion ank\u00e4mpfen \u2013 und das, ohne Ahnung von der aktuellen wissenschaftlichen Diskussion zu haben. Intensivste Kritik kommt von dem Wissenschaftler und ehemaligen Atheisten\u00a0<em>Alister McGrath<\/em>: Der Atheismus-Wahn. Eine Antwort auf Richard Dawkins und den atheistischen Fundamentalismus, 2007 \u2013 und\u00a0<em>Richard Schr\u00f6der<\/em>: Abschaffung der Religion? Wissenschaftlicher Fanatismus und die Folgen, 2008;\u00a0<em>John Lennox<\/em>: Warum der Neue Atheismus nicht trifft, 2016; ebenso Kritik vom \u201efrommen Atheisten\u201c\u00a0<em>Schn\u00e4delbach<\/em>: \u00dcberholter Materialismus des 19. Jahrhunderts, absurd, l\u00e4cherlich\u2026 Auf die Kritiken dieser Kritiker beruht ein Teil meiner Argumente. <\/li>\n\n\n\n<li>Diese moderne Form des Atheismus im 20. Jahrhundert ist dadurch gekennzeichnet, dass sie im wesentlichen das Christentum kritisieren, aber anders als die Atheisten des 19. Jahrhunderts, Feuerbach, Marx, Nietzsche, Freud, der Religion nichts Ad\u00e4quates entgegensetzen. Religionskritik des beginnenden 21. Jahrhunderts ist st\u00e4rker durch diejenigen bestimmt, die dem frommen Atheismus zugerechnet werden: Mit Feuerbach: Es gibt keinen Gott, Religion ist vom Menschen gemacht worden \u2013 aber: Es muss einen Grund daf\u00fcr geben, dass der Mensch Religion gemacht hat: Er ben\u00f6tigt Aspekte der Religion (Gemeinschaft, Hilfe, Trost, Kraft, Lebenssinn\u2026).<\/li>\n\n\n\n<li>Es sei noch angemerkt, dass es kurios ist, Religion f\u00fcr alles Schlimme in der Welt verantwortlich zu machen. Da hat Marx realistischer gesehen: Es ist der Kapitalismus in seiner brutalen Form. Was Europa weltweit kriegerisch dominant werden lie\u00df, war nicht die Religion, das war das Beiseiteschieben des christlichen Glaubens und seine \u201eDisziplinierung\u201c durch die Herrschenden Gruppen. Religion war eher Begleitmusik, die auch immer schiefe T\u00f6ne in diese milit\u00e4rischen Bestrebungen brachte. W\u00e4hrend man in Europa Religion wichtig sein lie\u00df, konnten die H\u00e4ndler, Milit\u00e4rs und Herrscher Religion nach Au\u00dfen vollkommen ignorieren: Hauptsache die Kasse stimmte \u2013 mit wem auch immer man paktierte. Gerade als Brite, der in Afrika aufgewachsen ist, sollte Dawkins ein wenig mehr Ahnung von dem Treiben seiner britischen Landsleute in der Vergangenheit haben. Es scheint fast ein nationales Ablenkungsman\u00f6ver, wenn die Religionen statt die britischen Regierungen f\u00fcr das kolonialistische \u00dcbel verantwortlich gemacht werden.<\/li>\n\n\n\n<li>Anmerkung zur oben genannten Aussage: Er steht damit in der Tradition von Lenin, der meinte die Wirkung von Religion sei schlimmer als Syphilis und Gott verehren sei Nekrophilie. Sp\u00e4ter wurde Lenin kurioserweise aufgebahrt und seine Leiche wurde einbalsamiert und konnte von Bewunderern im Lenin-Mausoleum besucht werden. (Kurios auch das, was der Atheist Jeremy Bentham [1748-1832] mit seinem K\u00f6rper machen lie\u00df: Er lie\u00df sich als Auto-Ikone pr\u00e4parieren und sitzt seitdem in Vitrinen und sonstwo herum.)<\/li>\n<\/ol>\n\n\n\n<h4 class=\"wp-block-heading has-text-align-center has-black-color has-white-background-color has-text-color has-background\"><strong>2.6 Bernd Ehlert<\/strong> <\/h4>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Biographisches<\/strong> (weitere Informationen sind mir nicht bekannt): Ingenieur, studierte auch Religionswissenschaft und Philosophie. (<a href=\"http:\/\/www.tabvlarasa.de\/30\/Ehlert.php\">http:\/\/www.tabvlarasa.de\/30\/Ehlert.php\u00a0<\/a>)<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Religion geh\u00f6rt zur Evolution, hatte evolution\u00e4re Vorteile f\u00fcr den Menschen und ist so alt wie das Selbstbewusstsein des Menschen: Der Mensch l\u00f6ste sich vom Tier und erwarb neue M\u00f6glichkeiten der Informationsaufnahme, -weitergabe und -verarbeitung. Er erkennt sich dadurch als Person, als ein Wesen, das vom Tod bedroht ist. Religion gab ihm Selbstbewusstsein, stabilisierte ihn in dieser neuen Weltwahrnehmung, die er in seiner Entfremdung vom Tier erklommen hatte. Da nun der Mensch in der Evolution voranschreitet, \u00fcbernimmt immer st\u00e4rker sein Denkverm\u00f6gen und die Vernunft die Oberhand, bis die Religion irgendwann nicht mehr ben\u00f6tigt wird. Die so genannten neuen Atheisten um Dawkins sind noch Teil der alten kulturellen Evolution, der auch die Religionen zugeh\u00f6ren, da sie genauso wie diese k\u00e4mpfen, nur eben gegen Religion. Die Betonung des Denkverm\u00f6gens und der Vernunft erm\u00f6glicht es den Menschen, diese alten Formen zu \u00fcberwinden und neue zu installieren. Dazu geh\u00f6rt angesichts der m\u00f6glichen Vernichtung der Menschheit der Abbau sozialer Aggression mit Hilfe des Verstandes.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-black-color has-text-color wp-block-paragraph\"><strong>Anmerkungen zu Ehlerts Sicht:<\/strong><\/p>\n\n\n\n<ol class=\"wp-block-list\">\n<li>Dieser Ansatz ist anregend, weil er so manches mit unserer christlich religi\u00f6sen Sicht verbindet. Was Ehlert Evolution der Religion nennt, nennen Christen: Gott reagiert auf den Menschen, Gott ist kein starres Etwas, sondern ein den Menschen in Liebe zugewandtes auf ihn reagierendes Sein. Gott rief Abraham und sagte ihm seine Gegenwart zu. Das Volk rief in der Not Gott und Gott berief Moses, er gab dem Volk Gebote, damit die Menschen wissen, wie sie sich verhalten sollten. Gott reagierte in der weiteren Geschichte auf die Verlorenheit des Menschen mit der Sendung seines Sohnes Jesus Christus. Und mit Jesus Christus begann das neue Leben die Welt der Menschen positiv zu durchdringen, was auch Ehlert (allerdings aus s\u00e4kularer Perspektive) darlegt. Gott reagiert auf den Menschen und lenkt den Menschen immer weiter. Und Gott gab dem Menschen von Anfang an Verantwortung mit (entscheiden zwischen gut und b\u00f6se), er gab ihm den Verstand usw. So sehen Christen es mit Blick auf das Alte und Neue Testament und die Kirchengeschichte. Die treibende Kraft ist der Geist Gottes. Der Verstand, den Gott Menschen gegeben hat, den sollen sie zur N\u00e4chstenliebe einsetzen \u2013 das lehrte im Grunde Jesus: Was denkst du: Wer ist der N\u00e4chste? (Lukas 10,36)<\/li>\n\n\n\n<li>Was Christen freilich von Ehlerts Ansatz unterscheidet, ist, dass f\u00fcr Ehlert der Verstand letztendlich Religion nicht mehr ben\u00f6tigt, um die heile Welt, die Welt ohne soziale Aggression, zu erreichen. Das bedeutet: Der Mensch kann nun die weitere Evolution selbst in die Hand nehmen? An dieser Stelle war schon Paulus und in seinem Gefolge Luther kritischer: Der Verstand ist nur die Magd des Bauches\u2026 Auch Darwin war sich nicht sicher, ob das menschliche Gehirn, das sich aus einem Affenhirn entwickelt hat, \u00fcberhaupt vertrauensw\u00fcrdig ist (Michael Blume).<\/li>\n\n\n\n<li>Zudem ist der jetzige Verstand aus der Perspektive der Evolution betrachtet nur ein kleines Etwas in der Reihe vergangener und k\u00fcnftiger Entwicklungen. Keiner kann vorhersehen, wohin der Verstand sich weiter entwickelt. Das Gegenteil zu behaupten greift zwar die Evolutionslehre auf \u2013 widerlegt sie aber. Denn wie es weitergeht, ist Zufall. Das kann nicht vorher erkannt werden. Das ist interessant, dass sich Atheisten, die sich auf die Evolutionslehre berufen, diese vielfach missachten, wenn es um die Zukunft geht.<\/li>\n\n\n\n<li>Woher wollen Evolutions-Atheisten wissen, dass der Verstand nicht in diese Richtung der Einheit gehen wird: Der Mensch kommt in Einklang zwischen Mensch \u2013 Natur \u2013 Gott. Das hei\u00dft, dass Gott sich auch immer wieder ins Gespr\u00e4ch bringt, ins Leben hinein und der Mensch das immer besser erkennen wird? Auch wenn der Verstand also nicht so negativ gesehen wird wie im vorangegangenen Punkt, auch die positive Zukunft kann eigene Wege gehen.<\/li>\n\n\n\n<li>Der Mensch ist vor Gott verantwortlich, auch in dem Sinn, was er mit seinem Verstand und seiner Vernunft macht. Vor wem ist der s\u00e4kulare Verstand, die s\u00e4kulare Vernunft verantwortlich? Vor dem jeweiligen Menschen, der abh\u00e4ngig ist von seinem Verstand, seiner Vernunft? Versucht er die anderen Menschen in seinem Sinne zu manipulieren, umzuerziehen, zu zwingen, weil er nur sich selbst verantwortlich ist und seiner Sicht von einer heilen Welt?<\/li>\n\n\n\n<li>Wie dem auch sei: Hier gibt es Ans\u00e4tze f\u00fcr ein Miteinander von Atheismus und christlicher Religion zum Wohl der Welt.<\/li>\n<\/ol>\n\n\n\n<p class=\"has-text-color has-link-color wp-elements-5 wp-block-paragraph\" style=\"color:#bb2525\">Aufgabe 3: <\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-color has-link-color wp-elements-6 wp-block-paragraph\" style=\"color:#bb2525\">Bevor Du das weiterf\u00fchrende Fazit liest \u2013 welches Fazit ziehst Du aus dem bisher Gedachten und Erarbeiteten?<\/p>\n\n\n\n<h4 class=\"wp-block-heading has-text-align-center has-black-color has-text-color\"><strong>3. Fazit:<\/strong><\/h4>\n\n\n\n<ol class=\"wp-block-list\">\n<li>Religionskritik ist \u00fcberwiegend im Kulturkreis der christlichen Religion entstanden.<\/li>\n\n\n\n<li>Religionskritik ist h\u00e4ufig Reaktion auf zeitgem\u00e4\u00df akzeptierte \u00c4u\u00dferungen von Theologie und Kirche, die nachfolgende Generationen jedoch (h\u00e4ufig zu recht) als falsch ansehen. Da sie auf zeitgem\u00e4\u00dfe Fehler der Kirchen reagieren, sind sie f\u00fcr Kirchen eine Art Seismographen, die Probleme wahrnehmen \u2013 und auf die Kirchen rational reagieren sollten.<\/li>\n\n\n\n<li>Religionskritik hilft der christlichen Religion weiter, ihren Glauben zu durchdenken, hilft, Sprache zu finden f\u00fcr das, was man glaubt, hilft, in der Kommunikation Argumente zu finden.<\/li>\n\n\n\n<li>Moderne Atheisten wie Dawkins, Hitchens usw. sind jedoch kaum hilfreich, sie zeigen Glaubenden allerdings, wie ver\u00e4chtlich sie gesehen werden. Das haben Glaubende allerdings auch schon durch die atheistischen Systeme wie Nationalsozialismus und Kommunismus erfahren m\u00fcssen. Aber diese atheistisch-fundamentalistische Episode wird inzwischen durch nicht fundamentalistische Atheisten ersetzt.<\/li>\n\n\n\n<li>Religionskritik verhilft dazu, das Wesen der christlichen Religion immer tiefer zu erfassen. So hat zum Beispiel die marx\u00b4sche Kritik dazu gef\u00fchrt, dass Dietrich Bonhoeffer (er wurde 1945 von den Nationalsozialisten hingerichtet) seine Sicht formulieren konnte: Wie Gott sich in Jesus Christus zu dem Menschen hingewendet hat \u2013 und auch nur in dieser seiner Hinwendung zum N\u00e4chsten erkannt werden m\u00f6chte \u2013, so ist auch derjenige, der Jesus Christus nachfolgt, nicht darin autorisiert, Gott spekulierend zu erfassen, sondern ihn durch Nachfolge zu leben, durch Nachfolge in seinem Geist zu leben, das hei\u00dft sich dem N\u00e4chsten hinzugeben, sich ihm in seinem Leiden zuzuwenden. Aber nicht, um ihn im Leiden zu lassen, sondern in der Nachfolge Gerechtigkeit durchzusetzen, Leiden zu bek\u00e4mpfen.<\/li>\n\n\n\n<li>In der Auseinandersetzung zwischen Religionskritik und Religion geht es im Wesentlichen um das Menschenbild. (Was auch f\u00fcr die Auseinandersetzungen der Religionen untereinander gilt: das Menschenbild des Hinduismus, Islam, Christentum unterscheiden sich massiv voneinander.)<\/li>\n\n\n\n<li>Grunds\u00e4tzlich gesehen ist die christliche Religion dem Verstand gegen\u00fcber skeptischer bzw. realistischer eingestellt als Atheisten: Der Verstand ist wie der Trieb und das \u201eGewissen\u201c ein Teil des Menschen, wunderbares Geschenk Gottes, damit wie diese gleicherma\u00dfen von Fehlern und vom Gelingen bestimmt. Eine positive Sicht des Verstandes durch Atheisten verl\u00e4sst die eigene atheistische Grundlage: Evolution. Denn der gegenw\u00e4rtige Verstand ist nur eine evolution\u00e4re Episode, er ist nur eine Stufe in der weiteren evolution\u00e4ren Entwicklung \u2013 und will Gott erfassen?<\/li>\n\n\n\n<li>Der Versuch, Religion durch Naturwissenschaft zu ersetzen missbraucht die Naturwissenschaft zu ideologischen Zwecken. Naturwissenschaft arbeitet nach Vorgaben des methodischen Atheismus \u2013 nicht aber nach Vorgaben eines ideologischen Atheismus. (<em>Methodischer Atheismus<\/em> bedeutet: Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler arbeiten in ihrem Fach so, als ob es keinen Gott g\u00e4be. Um die Photosynthese wissenschaftlich zu untersuchen, ben\u00f6tigt man keinen Glauben an Gott bzw. kann man den Glauben an Gott ausschalten. <em>Ideologischer Atheismus<\/em> bedeutet, dass Menschen davon ausgehen, dass Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler nicht an Gott glauben d\u00fcrfen, um gute Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen zu sein.)<\/li>\n\n\n\n<li>Kurz \u2013 etwas flapsig gesagt: Den Atheismus schickt der Himmel, damit Christen sich auf ihren Glauben reflektierend besinnen k\u00f6nnen.<\/li>\n<\/ol>\n\n\n\n<h4 class=\"wp-block-heading has-text-align-center has-black-color has-text-color\"><strong>4. Literatur:<\/strong><\/h4>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Dazu intensiver \u2013 so mancher Gedanke wurde hiervon angeregt:\u00a0<a href=\"http:\/\/www.k-l-j.de\/069_religionskritik.htm\">http:\/\/www.k-l-j.de\/069_religionskritik.htm<\/a><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Heinz Zahrnt: Stammt Gott vom Menschen ab? Lekt\u00fcre: Religion, stark-verlag 2001<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Und die oben im Text genannten Werke. Zahlreiche argumentative Auseinandersetzungen finden wir in den B\u00fcchern des Mathematikers John Lennox. Vgl. auch: Barbara Drossel (Hg): Naturwissenschaftler reden von Gott, Brunnen 2016.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>RELIGIONSKRITIKER KRITISCH GESEHEN 1. Einf\u00fchrende Anmerkung Die folgende Darstellung kann nicht umfassend sein. Sie gibt ein paar Schlaglichter auf bekannte Religionskritiker. Sie sollen Appetithappen sein, f\u00fcr eine intensivere Besch\u00e4ftigung mit ihnen. Es wird immer gesagt, man solle gegen\u00fcber der Religion \u2013 insbesondere dem Christentum \u2013 seinen Verstand einsetzen. 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