{"id":735,"date":"2019-07-02T16:07:36","date_gmt":"2019-07-02T14:07:36","guid":{"rendered":"https:\/\/evangelische-religion.de\/ReligionNeu\/?page_id=735"},"modified":"2019-08-03T10:43:18","modified_gmt":"2019-08-03T08:43:18","slug":"reflexion-2-jungfrauengeburt","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/evangelische-religion.de\/ReligionNeu\/jesus-christus\/reflexion-2-jungfrauengeburt\/","title":{"rendered":"Reflexion 2: Jungfrauengeburt"},"content":{"rendered":"\n<p style=\"color:#a30003;text-align:center\" class=\"has-text-color\">Diskutiere:<\/p>\n\n\n\n<p style=\"text-align:center\" class=\"has-medium-font-size\">Reflexionen zum Thema Jungfrauengeburt<\/p>\n\n\n\n<p>Gibt es in der Antike Texte, die davon sprechen, dass die jeweilige Frau, die ein G\u00f6tterkind erwartete, Jungfrau gewesen ist? Es gibt keine, au\u00dfer evtl. eine <strong>Krischna-Tradition<\/strong>, die ich aber nur als \u00dcbersetzung kenne, somit nicht wei\u00df, ob der westliche \u00dcbersetzer unsere christliche Weltdeutung eingetragen hat.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf <strong>Vergil<\/strong> ist in diesem Zusammenhang hinzuweisen: <em>Ekloge 4<\/em> (um 40 v.Chr. geschrieben) \u2013 ein sehr spannender Text, der von den fr\u00fchen Christen als der heidnische Jesaja angesehen wurde: Gott hat auch Heiden auf Jesus vorbereitet, indem er Vergil diesen Text schreiben lie\u00df, so haben es Christen interpretiert. Freilich kommt die \u201eJungfrau\u201c nur im Kontext vor. Dann ist vor allem Plutarch (Numa) zu nennen.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Plutarch<\/strong> \u2013 gestorben 120 (!) nach Christus \u2013 ist als Schriftsteller eine interessante Person. In vielem weist er N\u00e4he zum Christentum des Paulus auf, so zum Beispiel das Wort Glaube (Pistis). Er hat sich \u00fcber alles M\u00f6gliche Gedanken gemacht, auch was Religion betrifft: Er hat sie stark reflektiert und (was auch f\u00fcr Juden und Christen wichtig war) mit seinem moralischen Interesse verbunden. Die Frage ist, wieweit er Christen als besondere Gruppe schon wahrnehmen konnte oder sie dem Judentum zugeordnet hat.<\/p>\n\n\n\n<p>Wie dem auch sei: Er schreibt in <em>Numa<\/em> von weisen \u00c4gyptern, die meinen, dass eine Gottheit durch den Geist in einer Art Inzucht in einer Frau den Beginn eines Volkes bewirken kann, dass allerdings ein Mann nicht Verkehr mit einer G\u00f6ttin haben k\u00f6nne. Ein Gott kann nicht mit einem Mann entsprechend agieren wie mit der Frau. Aber auch der Mann kann von Apoll geliebt werden \u2013 die Folge ist dann eher \u201espiritueller\u201c Art \u2013 und die Frau bekommt dann immer ein Kind? Die Aussage ist sexuell gedacht \u2013 wurde dann mit Blick auf den Mann \u201espiritualisiert\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p>Zu Lukas: Soweit ich Lukas verstehe, geht es um Erschaffung \u2013 wenn man Genesis 1 als Deutungsmuster verwendet. Und Deutungsmuster sind es immer, die wir verwenden. Wenn ein \u00c4gypter ohne Kenntnis des Alten Testaments den Lukas-Text liest, hat er das wohl so interpretiert, dass Gottes Geist das Blut in Maria zu einem Menschlein geklumpt hat, oder wie eine sp\u00e4tere christliche Schrift sieht, war der Geist Gottes eher eine Art Mann, der ans Bett gefesselt wurde. Andere haben das schon damals in der Auseinandersetzung mit dem Christentum verballhornt und von der Vergewaltigung der Maria durch einen R\u00f6mer interpretiert. Matth\u00e4us macht dazu keine Angaben, er konstatiert: Sie war schwanger vom Heiligen Geist. Lukas schreibt eher spirituell in einem Parallelismus \u2013 verwendet also \u00fcberhaupt keine sexuellen Konnotationen: <em>Der Heilige Geist wird \u00fcber dich kommen \u2013 die Kraft des H\u00f6chsten wird dich \u00fcberschatten.<\/em> (Geist kommt \u00fcber den Menschen: Apostelgeschichte 1,8 \u2013 die J\u00fcnger \u2013 ohne Bezug zu Kindzeugung. Zudem ist Geist\/Ruach feminin. \u00dcberschatten: Die g\u00f6ttliche Wolke \u00fcberschattete die J\u00fcnger und es kam die Stimme: Das ist mein auserw\u00e4hlter Sohn, den sollt ihr h\u00f6ren! [Lk 9,34]. Das Wort wird noch einmal Apg 5,15 verwendet: der Schatten des Petrus soll auf die Heilungssuchenden fallen \u2013 damit sie gesund w\u00fcrden.)<\/p>\n\n\n\n<p>Was ich so spannend finde: Das, was als gro\u00dfe wunderbare Tat Gottes geschildert wird, von Maria dann auch im Lukasevangelium besungen wird, wird in der Antike (um den christlichen Glauben l\u00e4cherlich zu machen) und in der Moderne auf biologistische Ebene heruntergebrochen. (Maria sang ein spirituelles Lied! \u2013 Vom Zacharias, der auch ein Lied singt, hei\u00dft es: Er wurde vom Heiligen Geist erf\u00fcllt und sprach. Von Maria wird das nicht gesagt \u2013 weil der Erf\u00fcllung mit dem Heiligen Geist bei ihr eine andauernde war?) <strong>Der Wundertext wird biologisch interpretiert<\/strong>. Diese biologische Ebene hatten die Evangelisten gar nicht im Blick. Selbst Johannes schreibt, dass Glaubende ohne den Willen eines Mannes \u2013 also nicht nur Jesus \u2013 von Gott geboren wurden. Die biologistische Frage, so nenne ich das einmal, konnte erst aufkommen, als man begann, alles umzubrechen und auch gegen das Christentum zu schie\u00dfen, denn die historisch-kritische Exegese ist eng mit der Aufkl\u00e4rung verbunden, in der man die Macht der Kirche bek\u00e4mpfen wollte. Streckenweise hat sie sich dann von diesem Ansatz emanzipiert \u2013 und ist zu einer unideologischen Exegese weiter gekommen (das hei\u00dft: Man wollte nicht widerlegen, bek\u00e4mpfen usw., sondern wirklich verstehen). Es blieb: Man versuchte die religi\u00f6se Sprache in eine andere Sprache zu \u00fcbersetzen und kam dadurch in massive Schwierigkeiten. Dass Christen daran nicht ganz unschuldig waren, will ich nicht verschweigen.<\/p>\n\n\n\n<p>*<\/p>\n\n\n\n<p style=\"text-align:center\"><strong>Nehmen wir das Gedicht von Benn:<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><em>Ein Wort, ein Satz -: aus Chiffren steigen \/ erkanntes Leben, j\u00e4her Sinn, \/ die Sonne steht, die Sph\u00e4ren schweigen, \/ und alles ballt sich zu ihm hin. \/\/ Ein Wort \u2013 ein Glanz, ein Flug, ein Feuer, \/ ein Flammenwurf, ein Sternenstrich \u2013 \/ und wieder Dunkel, ungeheuer, \/ im leeren Raum um Welt und Ich.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Was soll man da sagen! Das ist Quatsch. \u00dcbertreibung! Wortgeklingel im wahrsten Sinn! Unsinn. Usw. usw. usw. Benn h\u00e4tte sagen k\u00f6nnen: <em>Wort wirkt. Basta.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Wir m\u00fcssen aber die andere Ebene beachten. Auf dieser anderen Ebene ist das Gedicht einmalig! Es dr\u00fcckt etwas wunderbar aus, was man ohne diese Form nicht aussprechen k\u00f6nnte. Es zeichnet die Macht eines Wortes auf, die Kraft der Bewegung, die es im Menschen verursacht \u2013 und dann, wenn es gesprochen ist, den Menschen in Einsamkeit zur\u00fcckl\u00e4sst.<\/p>\n\n\n\n<p>*<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Man kann nicht einfach eine Sprachebene wechseln, ohne Verlust. <\/strong>Diese Erkenntnis hatten viele unserer wissenschaftlich orientierten Vorfahren nicht, sie ist erst im Zuge neuerer Wissenschaft, der Linguistik, wieder in die Exegese herein gekommen. Wir sind inzwischen wieder einen Schritt weiter gekommen: <strong>Worte sind nicht nur Information<\/strong>. Selbst die alten Rhetoriker wussten das. Poeten sowieso. Und dann versuchte man im aufgekl\u00e4rten, abgekl\u00e4rten und emotional abgebr\u00fchten Zeitalter der Moderne das alles zu \u00fcbergehen und verga\u00df dabei, dass Wertvolles dabei verloren geht, wenn man alles \u00fcber den Leisten des Historizismus und in diesem Fall des Biologismus schl\u00e4gt.<\/p>\n\n\n\n<p>Indem man die Menschen sozusagen auf Info-Worte reduzierte, machte man sie gleichzeitig anf\u00e4llig f\u00fcr Menschen, die Worte emotional und rhetorisch gebrauchten. Damit hat man die Menschen, die keine Ahnung davon hatten, dass Worte auch negativ emotionalisieren k\u00f6nnen, diesen Populisten und Rhetorikern ausgeliefert. Oder man lieferte sie der Werbung aus, denn die Werbeleute sind mit allen Wassern gewaschen, was auch die Macht der Worte betrifft \u2013 ebenso die von esoterischen Ansichten begeisterten Menschen. Inzwischen kapieren es auf dieser Ebene auch Otto und Ottilie Normalverbraucher und manche Wissenschaftler immer st\u00e4rker. Auf religi\u00f6ser Ebene m\u00fcssen sie erst wieder lernen, dass es unterschiedliche Ebenen gibt.<strong> Viele Christen haben leichtfertig selbst diese religi\u00f6se Sprache verachtet und verlassen. Nun h\u00e4ngen sie in der Luft \u2013 und m\u00fcssen erst wieder lernen, dass es unterschiedliche Sprachebenen gibt.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>*<\/p>\n\n\n\n<p>Die fr\u00fchen Christen wussten: Jesus war ein Mensch in der Geschichte. Er war kein Mythos. Er hatte Fleisch und Blut, er war keine Hirngeburt. Und als ein solcher wahrer Mensch ist er als ein Wesen in der Geschichte geboren. Wann? In der Zeit des Augustus (Weltgeschichte \u2013 Lukas) und des Herodes (Israelgeschichte \u2013 Matth\u00e4us). Zudem: Jesus ist mit Hilfe des Deutungsmusters j\u00fcdischer Exegese zu verstehen. Wir k\u00f6nnen von \u201eGl\u00fcck\u201c sagen, dass sie nicht das allegorische Deutungsmuster eines Philo aufgegriffen haben. Was h\u00e4tten wir da heute f\u00fcr Probleme!<\/p>\n\n\n\n<p>*<\/p>\n\n\n\n<p>Letztlich kommt es darauf an, dass man erst einmal die religi\u00f6se Sprache gelten l\u00e4sst \u2013 als eine ganz normale Sprachform, die Menschen weltweit verwenden \u2013 und versucht, sie zu verstehen. Und das bedeutet bei beiden, Matth\u00e4us wie Lukas: Gott wurde Mensch, Gott handelt wunderbar. Dass Gott wunderbar handelte, sieht man an dem Menschen Jesus Christus, das sieht man an der Auferstehung Jesu Christi, das sieht man an der Gemeinde, die im gesamten r\u00f6mischen Reich (Lukas) bzw. Israel (Matth\u00e4us) am Wirken ist.<\/p>\n\n\n\n<p>*<\/p>\n\n\n\n<p>Die Geburtsgeschichten sind nur ein einleitender Teil zweier umfassender Werke, die als Ganzes ber\u00fccksichtigt werden m\u00fcssen. Und dann konzentrieren wir heute unseren Blick auf: Jungfrau: Ja, Nein, Vielleicht, Wie kann das sein, kann nicht sein, kann doch, Wo gibt es Parallelen, wie sind die zu interpretieren\u2026 \u2013 diese unsere Vorgaben, geboren aus einem engen Historizismus werden dem Ganzen nicht gerecht. <strong>Historizismus beengt den Blick, und wenn alles daran gemessen wird, ist er eine Ideologie im M\u00e4ntelchen von Wissenschaft.<\/strong> <strong>Das trifft auch auf den Biologismus zu.<\/strong> Es geht nicht um Biologie. Von daher ist auch dieses Erkl\u00e4rungsmuster unbrauchbar. Die Frage ist allerdings: Wie k\u00f6nnen wir heute das wunderbare Handeln Gottes ad\u00e4quat darstellen? Da gibt es ganz unterschiedliche Ans\u00e4tze \u2013 abh\u00e4ngig davon, wieweit man noch im traditionellen religi\u00f6sen Sprachmuster steht \u2013 von daher kann man einfach die traditionelle Sprache weiter verwenden (so in traditionellen Gottesdiensten), die man nicht abbrechen lassen darf, trotz der Menge neuer Versuche. Neue Versuche muss man wagen. Wobei ich allerdings nicht wei\u00df, wie, ohne wiederum in Biologismus und Historizismus zu verfallen. Beziehungsweise: Ich habe kein Patentrezept. Versuche meinerseits liegen vor.<\/p>\n\n\n\n<p>*<\/p>\n\n\n\n<p>Nicht aus Versehen habe ich das Gedicht von Benn gew\u00e4hlt. Die Geburtsgeschichten der Evangelien sind so ein Wort, das Welt aufstrahlen l\u00e4sst. Allerdings kann man, wenn es verklingt, in Einsamkeit und Dunkelheit verfallen \u2013 wenn man, und da gehen Glaubende weiter als Benn \u2013 wenn man nicht aus dem Geist Gottes geboren ist bzw. den Geist Gottes in sich geb\u00e4ren l\u00e4sst. Lukas formuliert das pragmatischer, indem er Maria als Vorbild vorstellt: Sie bewegte die Worte in ihrem Herzen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Diskutiere: Reflexionen zum Thema Jungfrauengeburt Gibt es in der Antike Texte, die davon sprechen, dass die jeweilige Frau, die ein G\u00f6tterkind erwartete, Jungfrau gewesen ist? 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