{"id":733,"date":"2019-07-02T16:06:47","date_gmt":"2019-07-02T14:06:47","guid":{"rendered":"https:\/\/evangelische-religion.de\/ReligionNeu\/?page_id=733"},"modified":"2019-08-03T10:26:19","modified_gmt":"2019-08-03T08:26:19","slug":"reflexion-1-weihnachtsgeschichte","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/evangelische-religion.de\/ReligionNeu\/jesus-christus\/reflexion-1-weihnachtsgeschichte\/","title":{"rendered":"Reflexion 1: Weihnachtsgeschichte"},"content":{"rendered":"\n<p style=\"color:#a30003;text-align:center\" class=\"has-text-color has-medium-font-size\"><strong>Diskutiere:<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p style=\"text-align:center\" class=\"has-medium-font-size\">Weihnachtsgeschichten<\/p>\n\n\n\n<p>Was wir in den Geburtsgeschichten finden, ist die Sprache der Religion. Und sie ist nicht nur poetisch zu fassen \u2013 wir stehen in der Tradition des Judentums. Gott ist nicht nur poetisch aktiv \u2013 er ist in der Geschichte aktiv. In den Weihnachtsgeschichten wird der Glaube, der vom handelnden und auferstandenen Jesus Christus ausgeht, Wort. Er wird Geschichte \u2013 und er pr\u00e4gt Geschichte. Die Frage ist f\u00fcr nicht: Warum haben Matth\u00e4us und Lukas (und auch Johannes) Geschichten, die wir heute nicht mehr als historische Ereignisse nachvollziehen k\u00f6nnen, in das Evangelium eingebracht? Die Antworten w\u00e4ren vielf\u00e4ltig \u2013 aus der damaligen Zeit heraus, weil man ein ganz anderes Denken hatte als wir heute in unserem a-theistischen Weltbild. Man hatte eine ganz andere Form von Exegese usw. Die Frage gilt also nicht den Evangelisten, sondern eher dem heiligen Geist: Warum hat er in die Evangelien Geschichten hineinweben lassen, die Menschen zu allen Zeiten, vor allem aber im 20. und zu Beginn des 21. Jahrhunderts in ihrem Denken, das auf Historisches fixiert ist, nicht rational verstehen?<\/p>\n\n\n\n<p><em>Eine vorl\u00e4ufige Antwort \u2013 eine andere habe ich zurzeit nicht: Damit haben Glaubende und Nicht-Glaubende ewig etwas zu r\u00e4tseln und k\u00f6nnen sich an der Wirkungsgeschichte erfreuen. Und an dieser Wirkungsgeschichte habe ich Anteil.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Die Grundlage dieser Formulierung ist: Die Bergpredigt mit ihren \u00e4u\u00dferst extremen Formulierungen, die in ihrer Extremit\u00e4t (Auge ausrei\u00dfen\u2026) Rhetorik sind, aber in ihren eigentlichen Forderungen den Menschen auf den Kopf stellen: den anderen nicht beschimpfen, Frauen nicht mit begehrlichem Blick und begehrlicher Hand erniedrigen, nicht am Eigentum kleben, auch wenn er notwendig ist (Mantel), Feinde lieben \u2013 bis hin zur Selbstaufgabe; die linke Hand soll nicht wissen, was die rechte Hand tut \u2013 auch so eine extreme Formulierung, die Menschen \u00fcbersteigt, aber eben gegen Heuchelei gerichtet ist. Die Antithesen fordern Gemeinschaft \u2013 und versuchen die Grundlage f\u00fcr eine Gemeinschaft zu legen, in der man nicht erniedrigt. Gleichnisse, die \u00e4hnlich heftig sind, die fordern, dass man mit Ausgesto\u00dfenen und Gesetzesbrechern feiert, weil Gott ihnen vergibt, Menschen, die viel gearbeitet haben, bekommen den Lohn, den auch diejenigen bekommen, die wenig gearbeitet haben\u2026 \u2013 es tut sich eine andere Welt auf! Wir ahnen, es ist eine Welt, die sch\u00f6n w\u00e4re, die wunderbar w\u00e4re \u2013 aber es ist eine Welt, die wir Menschen so nie hinbekommen werden. Darum leben wir davon, dass wir einander vergeben, dass wir auf unsere Unzul\u00e4nglichkeit schauen, nicht auf die anderer, dass wir Gott um Hilfe bitten, dass wir wissen: Er allein wird letztlich diese Welt herbeif\u00fchren k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n<p>Damit will ich sagen:&nbsp;<em>Wir r\u00e4tseln ja nicht allein \u00fcber die Weihnachtsgeschichten, die Auferstehung, die Wunder, sondern die Lehre Jesu selbst ist es, die uns r\u00e4tseln l\u00e4sst.<\/em>&nbsp;Und: Gott wird Mensch! \u2013 Das sind alles Aussagen, die Menschen seit 2000 Jahren sowohl akzeptieren als auch ablehnen. Wir leben heute ja nicht in einer Phase, in der allein die Kritiker auf den Plan stehen. In der Kirche selbst gab und gibt es die massivsten Kritiker.&nbsp;<em>Wer versucht nicht, diese R\u00e4tsel zu l\u00f6sen? Und was passiert, wenn wir versuchen, uns da hinein zu arbeiten? Ihre Gr\u00f6\u00dfe wird \u2013 zumindest mir \u2013 deutlich. Eben: Der Heilige Geist ist es, der diese Wirkungsgeschichte auch weiterhin in Bewegung halten wird. Wie das R\u00e4tsel zu l\u00f6sen sein wird? Ich bin gespannt.&nbsp;<\/em>Vielleicht ist es auch ganz einfach. Wir kommen einfach mit unserer Klugheit nicht darauf. Ich denke sogar, dass es ganz einfach sein wird.<\/p>\n\n\n\n<p>Historisch-kritisch frage ich mich: Warum haben gerade die Evangelien, die von der Jungfrauengeburt berichten, warum haben gerade sie einen Stammbaum, der auf Josef zul\u00e4uft? Oder, was die Jungfrauengeburt betrifft: rationalistische Antworten gab es schon bei den Rabbinen (Maria wurde von einem R\u00f6mer vergewaltigt und wollte es vertuschen). Es handelt sich um den Glauben \u201ekleiner Leute\u201c. Beide Kindheitsgeschichten sind extrem herrschaftskritisch (Matth\u00e4us gegen die Willk\u00fcr des Herodes \u2013 Gott geht seinen Weg gegen diese Willk\u00fcr, die letztlich f\u00fcr Gottes Weg unbedeutend ist. Lukas sieht Augustus auch in der Macht Gottes. Nicht die klugen menschlichen Herrscher und ihr Heer an Beratern hat die Geschichte in der Hand, sondern Gott. Zudem wendet sich Lukas gegen die traditionelle Messiaserwartung, die hoffte, dass der Messias die R\u00f6mer aus dem Land werfen wird \u2013 aber Jesus bzw. Gott hat ein ganz anderes Interesse, ein tiefer gehendes Interesse: Befreiung des Menschen von S\u00fcnde und Tod. Zudem sei angemerkt: Die Evangelisten haben ja nicht alle Zukunftsaussagen aus dem Alten Testament aufgegriffen, sondern nur das, was von den Ereignissen her irgendwie passend war. So haben sie aus meiner Perspektive erst die \u00dcberlieferung der Jungfrauengeburt gehabt \u2013 und sie wurde dann im AT gesucht und gefunden (Jes 7,14). Nicht umgekehrt. Darum haben wir ja die Holpereien: Matth\u00e4us versuchte aus der Tradition seiner Zeit das Leben Jesu mit einzelnen alttestamentlichen Stellen kompatibel zu machen \u2013 und dabei kam dann so etwas heraus: Jesus soll Immanuel hei\u00dfen. Oder statt Nazarener hat er Nazor\u00e4er\u2026 Exegetisch aus unserer heutigen Perspektive nicht sauber \u2013 aus unserer heutigen Perspektive.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir haben hier also unterschiedlichste Ebenen, die wir fein s\u00e4uberlich mit dem Seziermesser der gegenw\u00e4rtigen Exegese auseinanderhalten k\u00f6nnen:&nbsp;Die historische Ebene&nbsp;\u2013 weltpolitisch gesehen (Herodes, Augustus, Israel, St\u00e4dte und D\u00f6rfer und L\u00e4nder: Jerusalem, Nazareth, Bethlehem; \u00c4gypten, j\u00fcdische Messiaserwartung\u2026 \u2013 in den unterschiedlichen Evangelien zum Teil richtige historische Angaben, unabh\u00e4ngig von einander \u2013 bzw. auch gemeinsame Angaben). Wir haben&nbsp;die kleine historische Ebene&nbsp;von ein paar Individuen (Maria, Josef \u2013 weitere historisch korrekte Infos: Beschneidung des S\u00e4uglings usw.). Dann haben wir die Ebene der von Matth\u00e4us und Lukas aufgenommenen Traditionen und die Verarbeitung durch die Evangelisten mit ihrem jeweiligen theologischen Interesse. Matth\u00e4us aus der Perspektive des Josef, Lukas aus der Perspektive der Maria. Und zuletzt haben wir eben die&nbsp;Ebene des Glaubens, die mit unserem Verst\u00e4ndnis von Historischem nicht kompatibel ist: die Welt der Tr\u00e4ume, durch die Gott spricht, die Welt, in der Gottes M\u00e4chte (Engel) agieren, der Kosmos \u2013 nicht nur die Geschichte und die Menschen sind in Wallung \u2013 der Stern, der Geist Gottes, der im Hebr\u00e4ischen feminin ist \u2013 diese sch\u00f6pferische Macht Gottes weist die M\u00e4nner in die Schranken, wie auch das Johannesevangelium sagt: Geboren nicht nach dem Willen eines Mannes, sondern durch Gottes Wirken. Die Ebene des Glaubens findet in diesen Weihnachtsgeschichten wunderbar sprachlich Ausdruck. Kleine einfache Menschen werden durch Gott aus ihrer gewohnten Welt herausgerissen und lernen, sich zu bew\u00e4hren. Was wissen wir von Maria? Sie war ja noch am Leben, als sich die fr\u00fche Gemeinde zu formen begann?<\/p>\n\n\n\n<p>Die historische Ebene ist doch nur ein ganz kleiner Bereich unserer menschlichen Erkenntnis. F\u00fcr manche ist sie alles \u2013 aber sie ist eben nur ein kleiner Bereich. Und das unterscheidet eben auch das Weltbild, das wir immer wieder in unserer Diskussion haben: Das religi\u00f6se Weltbild zieht andere Dimensionen mit heran, die das \u2013 wie sonst auch immer zu benennende areligi\u00f6se Weltbild \u2013 nicht kennt bzw. nicht in das Denken einbeziehen will. Ich sehe die Weihnachtsgeschichten als Texte an, in denen der Glaube Wort gefunden hat. Und dann nicht nur das, sondern, um das oben genannte aufzugreifen: Dieser Glaube hat in den Geschichten Wort gefunden \u2013 und hat durch dieses Wort Geschichte gewirkt. Und das kann dann auch ein Historiker mit den Mitteln seiner Kunst erarbeiten und nachvollziehen \u2013 auch wenn die Grundlage ein R\u00e4tsel ist.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Diskutiere: Weihnachtsgeschichten Was wir in den Geburtsgeschichten finden, ist die Sprache der Religion. Und sie ist nicht nur poetisch zu fassen \u2013 wir stehen in der Tradition des Judentums. Gott ist nicht nur poetisch aktiv \u2013 er ist in der Geschichte aktiv. 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