{"id":718,"date":"2019-07-02T15:57:29","date_gmt":"2019-07-02T13:57:29","guid":{"rendered":"https:\/\/evangelische-religion.de\/ReligionNeu\/?page_id=718"},"modified":"2020-12-18T19:16:55","modified_gmt":"2020-12-18T18:16:55","slug":"menschenbild-bergpredigt-neuzeit","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/evangelische-religion.de\/ReligionNeu\/jesus-christus\/menschenbild-bergpredigt-neuzeit\/","title":{"rendered":"Menschenbild Bergpredigt &#8211; Neuzeit"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"has-text-align-center has-medium-font-size wp-block-paragraph\">MENSCHENBILDER DER NEUZEIT&nbsp; UND DAS MENSCHENBILD DER BERGPREDIGT<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">In der Neuzeit werden unterschiedlichste Menschenbilder vertreten. Dazu mit Blick auf die Bergpredigt ein paar \u00dcberlegungen:<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center has-accent-color has-text-color wp-block-paragraph\">Philosophen aus dem 18.\/19. Jahrhundert:<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>D\u00b4Holbach&nbsp;<\/strong>meint, der Mensch sei nur Teil der Natur, nichts Besonderes \u2013 und sein Wunsch nach ewigem Leben bzw. unsterblicher Seele sei ebenso nur Teil der Natur.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-color wp-block-paragraph\" style=\"color:#8700a3\"><strong>Bergpredigt<\/strong>: Der Mensch ist mehr als Teil der Natur, weil er von Gott gro\u00df gemacht wird (Seligpreisungen: Mt 5,1ff.) \u2013 hier wird j\u00fcdische Tradition deutlich: der Mensch ist Ebenbild Gottes.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Feuerbach<\/strong>&nbsp;meint, dass der Mensch dem Menschen Gott sei \u2013 und das h\u00f6chste Gesetz sei die Liebe zum Menschen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-color wp-block-paragraph\" style=\"color:#8700a3\">Diesen Aspekt hat er von Jesus \u2013 dem Doppelgebot der Liebe: Liebe Gott \u2013 und gleichwertig: Liebe deinen N\u00e4chsten wie dich selbst. Feuerbach l\u00e4sst den ersten Teil weg, versucht somit die christliche Ethik zu s\u00e4kularisieren.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Hobbes<\/strong>&nbsp;sieht: Der Mensch ist dem Menschen ein Wolf \u2013 darum gibt es Gesetze, um den Menschen in seiner B\u00f6sartigkeit einzuschr\u00e4nken.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-color wp-block-paragraph\" style=\"color:#8700a3\"><strong>Bergpredigt<\/strong>: Der Mensch kann sich ver\u00e4ndern. Er kann Verantwortung tragen, indem er die Gebote Gottes h\u00e4lt. Er kann lieben \u2013 Jesus Christus traut es ihm zu (Goldene Regel, Antithese: Feindesliebe usw.).<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Marx<\/strong>&nbsp;sieht den Menschen aufgrund des Privateigentums als ein von sich selbst entfremdetes Wesen. Darum m\u00fcsse Privateigentum abgeschafft werden.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-color wp-block-paragraph\" style=\"color:#8700a3\"><strong>Bergpredigt:<\/strong> Im Reich Gottes wird es kein Privateigentum geben. Der Mensch soll teilen. Er kann es aber nur aufgrund seines Gottvertrauens. (Mt&nbsp; 6,24ff.)<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Nietzsche<\/strong>&nbsp;tr\u00e4umt davon, dass der Mensch sich \u00fcber sein \u00e4ffisches Wesen erhebt \u2013 wie er sich \u00fcber die Schwachen erheben muss.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-color wp-block-paragraph\" style=\"color:#8700a3\"><strong>Bergpredigt: <\/strong>Der Mensch ist gro\u00df, wenn er sich Gottes Willen gem\u00e4\u00df dem Menschen zuwendet. (Mt 6,16ff.)<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center has-accent-color has-text-color wp-block-paragraph\">Philosophen aus dem 20. Jahrhundert:<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Gehlen<\/strong>&nbsp;sieht, dass der Mensch biologisch ein M\u00e4ngelwesen ist und<strong>&nbsp;Plessner<\/strong>&nbsp;betont den Zusammenhang von K\u00f6rper und Psyche (Warum weint der Mensch aus Reue und lacht nicht? Warum lacht der Mensch \u00fcber einen Witz und weint nicht?)<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-color wp-block-paragraph\" style=\"color:#8700a3\"><strong>Bergpredigt: <\/strong>Jesus geht es nicht um den Menschen als biologisches Wesen, als K\u00f6rper, ihm ist es wichtig, dass der Mensch aufgrund seiner Argumentation einsieht, sich gegen den anderen Menschen und gegen Gott zu vergehen. Es geht um ethische M\u00e4ngel \u2013 und daraus folgen eben auch verstandesm\u00e4\u00dfige M\u00e4ngel. Wer nachdenkt, Welt beobachtet, der erkennt, dass er sich falsch verh\u00e4lt. Darum argumentiert Jesus auch in weisheitlicher Tradition. (Bergpredigt z.B. 5,20ff.)<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Monod<\/strong>&nbsp;ist der Einsame unter den Philosophen \u2013 zumindest sieht er den Menschen als Zufallsprodukt, den Menschen in seiner Einsamkeit.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-color wp-block-paragraph\" style=\"color:#8700a3\"><strong>Bergpredigt<\/strong>: Es geht um die Gemeinschaft der Mensch. Gott will Gemeinschaft. Die Einsamkeit ist selbst verschuldete Einsamkeit.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Jaspers<\/strong>&nbsp;fasst im Grunde die Philosophen zusammen, indem er sagt: Der Mensch kann sich selbst nicht begreifen. Der Mensch ist nicht starr, er stagniert nicht. Er ist immer in Bewegung. Er will \u00fcber sich hinaus kommen, hinausgehen. Das hei\u00dft, der Transzendenzbezug wird betont.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-color wp-block-paragraph\" style=\"color:#8700a3\"><strong>Bergpredigt:<\/strong> Der Mensch soll \u00fcber sich hinausgehen. Er soll nicht in seinen unsozialen Verhaltensweisen verharren. Er soll Gottes Willen tun \u2013 damit er ein soziales Wesen wird.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center has-text-color wp-block-paragraph\" style=\"color:#8700a3\"><strong>Das Menschenbild, das die Bergpredigt erkennen l\u00e4sst<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der Mensch verh\u00e4lt sich unsozial. Gemeinschaft kann nicht wachsen. Gottes Wille ist Gemeinschaft \u2013 und sie gibt Regeln f\u00fcr das gemeinschaftliche Zusammenleben, Regeln, damit Gemeinschaft gelingen kann. Dazu ist jedoch die Beziehung zu Gott wichtig:<\/p>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\"><li>Gott gibt dem Menschen W\u00fcrde, dem die Gesellschaft W\u00fcrde nimmt.<\/li><li>Gott ist sozusagen der Motor f\u00fcr das gelingende Zusammenleben \u2013 er muss den Menschen belehren, damit er wei\u00df, wie es gelingen kann.<\/li><li>Gott bedingt das Zusammenleben, indem er die Bedingungen daf\u00fcr schafft: Indem der Mensch auf Gott bezogen ist, muss er sich nicht von anderen abh\u00e4ngig bzw. der Situation abh\u00e4ngig machen (Gott vergibt \u2013 ich kann vergeben; Gott gibt \u2013 ich kann geben; Gott befreit \u2013 ich kann befreiend handeln\u2026)<\/li><\/ul>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center has-background wp-block-paragraph\" style=\"background-color:#eee96f\"><strong>Intelligente Feindesliebe<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Als &#8222;Ethik der W\u00fcrdelosigkeit&#8220; (Max Weber) wird die Bergpredigt auch bezeichnet, weil sie von Schwachen Wehrlosigkeit fordert, sie damit den Gewaltt\u00e4tern ausliefert. Gegen\u00fcber diesem schon alten Vorwurf (Machiavelli) hebt der Physiker <strong>Carl Friedrich von Weizs\u00e4cker<\/strong>&nbsp;(Der Garten des Menschlichen, 1977) die Bergpredigt hervor, weil sie vom Verstand nachvollziehbar ist. Auch der Kategorische Imperativ von Kant (\u201eHandle nur nach derjenigen Maxime, durch die du zugleich wollen kannst, dass sie ein allgemeines Gesetz werde.\u201c) ist mit dem Verstand nachvollziehbar, darum ist er g\u00fcltig. Wie die Bergpredigt auch.<\/p>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\"><li>Der gute Wille ist Bedingung&nbsp; f\u00fcr ein gutes Zusammenleben. Der verinnerlichte Imperativ ist notwendig (Gewissen), denn er verdeutlicht immer wieder die Spannung zur Realit\u00e4t. Man erkennt seine Schuld (= die genannte Spannung) und reift auf diese Weise zu einer sozialen Pers\u00f6nlichkeit heran.<\/li><li>Die fordernde Moral \u2013 die nicht verinnerlicht wurde \u2013 ist t\u00f6dlich. Die Bergpredigt hingegen ist eine lebendig machende Forderung, weil dem Imperativ der Indikativ vorangeht. Den Forderungen wird vorangestellt: Selig bist du, wenn du Frieden machst, dann wirst du Gottes Kind hei\u00dfen. Das hei\u00dft die Formulierung im Futur (<em>dann wirst du Gottes Kind hei\u00dfen<\/em>) gibt die Gegenwart wieder, wenn man entsprechend handelt (<em>Selig bist du, wenn du Frieden machst<\/em>) \u2013 das hei\u00dft: diejenigen, die selig gepriesen werden, haben es ja in der Vergangenheit schon so gemacht, also sind sie schon Gottes Kind.<\/li><li>Es gibt auch Stimmen aus der Politik, die eine Relevanz der Bergpredigt f\u00fcr die konkrete Politik nicht erkennen k\u00f6nnen. Dazu geh\u00f6ren <strong>Bismarck<\/strong> und <strong>Helmut Schmidt<\/strong>. Hingegen sehen <strong>Mahatma Gandhi <\/strong>und <strong>Martin Luther King<\/strong> die Bergpredigt als Welt ver\u00e4ndernde Wegweisung f\u00fcr das Miteinander der Menschen an.<\/li><li>Weizs\u00e4cker pr\u00e4gte den Begriff der&nbsp;<em>\u201e<strong>intelligenten\u201c Feindesliebe<\/strong><\/em>. Das bedeutet, dass der Mensch sich nicht einfach ermorden l\u00e4sst, sich dem Feind unterwirft, sondern Wege sucht, den Feind als Feind zu \u00fcberwinden. Gandhi und King haben die Feindesliebe auf diese Weise interpretiert \u2013 aber auch Jesus hat sie so verstanden. Denn die rechte Wange hinhalten bzw. eine weitere Meile gehen, sind Provokationen, die das Gegen\u00fcber durch \u00dcberraschungen zum Nachdenken anregen soll. (Das ist gegenw\u00e4rtig auch im Gespr\u00e4ch: Man muss Angreifern \u00fcberraschend begegnen \u2013 also nicht so, wie sie es erwarten. Die \u00dcberraschung macht sie stutzig \u2013 und dieser Augenblick kann dazu beitragen, dass ich als Angegriffener eine neue Taktik ausdenken kann, falls der Angreifer durch dieses \u00dcberraschungsmoment nicht gehemmt wird, seine Aggressionen auszuf\u00fchren.)<\/li><\/ul>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Heute spricht man auch von\u00a0<em><strong>Verantwortungspazifismus<\/strong><\/em>. Das bedeutet, dass man als Pazifist nicht einfach seine Mitmenschen den Gewaltt\u00e4tern ausliefern darf, sondern verantwortlich Wege sucht, Menschen den Gewaltt\u00e4tern zu entziehen. Und das eben nicht auf milit\u00e4rische Art und Weise, sondern auf eine neue, die von der jeweiligen Situation abh\u00e4ngig ist.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center has-accent-color has-background-color-background-color has-text-color has-background wp-block-paragraph\"><strong>Kann man die Bergpredigt erf\u00fcllen?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Kann man das tun, was die Bergpredigt fordert &#8211; vollkommen zu sein wie der himmlische Vater, also: Gott?<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-color wp-block-paragraph\" style=\"color:#fd0724\">Aufgabe: Versuche zuerst selbst\u00e4ndig die Frage zu beantworten, bevor Du den folgenden Abschnitt liest. <\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Jesus war nicht naiv. Er traut dem Menschen \u00e4u\u00dferst viel zu. Aber dann h\u00f6ren wir im Vaterunser: Vergib uns unsere Schuld&#8230; &#8211; oder wir lesen vom eigenen Balken in unserem Auge. Die Bergpredigt ist ein Ma\u00dfstab. Sie ist nicht nur ein Ma\u00dfstab des Verhaltens, sie bietet ein Gegengewicht zu dem \u00fcblichen lieblosen, egoistischen Verhalten, das Menschen an den Tag legen. Man denke an die Brutalit\u00e4t des Alltags der Menschen in der damaligen Zeit &#8211; nur damals? Wenn wir bei uns nichts erkennen &#8211; schauen wir \u00fcber unsere Grenzen zum Beispiel in dem au\u00dfer Rand und Band geratenen Ost-Kongo, nach dem kommunistischen Nordkorea, nach Staaten, die islamistisch orientieren L\u00e4nder wie dem Iran, oder L\u00e4nder, in denen Diktatoren mit ihren Mitl\u00e4ufern alles zu bestimmen suchen. Dann ahnen wir ein wenig von dem Umfeld, in dem Jesus lebte.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Jesus fordert von den Seinen Leben gegen den Tod, Liebe gegen die Erbarmungslosigkeit, Barmherzigkeit gegen die Brutalit\u00e4t, verantwortliches Handeln gegen Mitl\u00e4ufertum\/Anpassung. Er wei\u00df: Er schickt die seinen wie Schafe unter die W\u00f6lfe. Aber das ist sein Gegenentwurf gegen seine Zeit. Ein Entwurf, die Menschen zur Gemeinschaften zu f\u00fchren, sie zu vernetzen, eine Gegenwelt zu errichten. <\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Damals hatten seine Adressaten keine politische Macht. Sie waren den politischen M\u00e4chten ausgeliefert. Die Bergpredigt heute hilft christlichen Politikern und Christen \u00fcberhaupt in ihrem Alltag, Verantwortung zu tragen. Sie ist eine Herausforderung. Eine Herausforderung, der in Freiheit begegnet wird. Das bedeutet: Verantwortung tragen. Die Bergpredigt ist kein Gesetz, das das gesamte Leben bestimmt. Dazu greift sie zu wenig Themen auf. Aber sie fordert heraus, nach Gottes Willen den Alltag zu meistern. Die Grundtendenz ist klar: die Gesinnung muss sich im Sinne Gottes neu ausrichten &#8211; in neuartigen Taten zeigen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>MENSCHENBILDER DER NEUZEIT&nbsp; UND DAS MENSCHENBILD DER BERGPREDIGT In der Neuzeit werden unterschiedlichste Menschenbilder vertreten. Dazu mit Blick auf die Bergpredigt ein paar \u00dcberlegungen: Philosophen aus dem 18.\/19. 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