{"id":630,"date":"2019-07-02T11:12:48","date_gmt":"2019-07-02T09:12:48","guid":{"rendered":"https:\/\/evangelische-religion.de\/ReligionNeu\/?page_id=630"},"modified":"2021-02-15T19:05:46","modified_gmt":"2021-02-15T18:05:46","slug":"theologischer-entwurf-bonhoeffer","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/evangelische-religion.de\/ReligionNeu\/kirche\/theologischer-entwurf-bonhoeffer\/","title":{"rendered":"Theologischer Entwurf: Bonhoeffer"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"has-text-align-center has-medium-font-size\">THEOLOGISCHER ENTWURF: DIETRICH BONHOEFFER<\/p>\n\n\n\n<p>Der theologische Entwurf versucht die Theologie Dietrich Bonhoeffers knapp zu umrei\u00dfen und ebenso knapp in den theologischen Zusammenhang, in die theologische Tradition zu stellen. Die Theologie Bonhoeffers wurde als Entwurf gew\u00e4hlt, weil Bonhoeffer einflussreich geworden ist \u2013 nicht nur f\u00fcr die europ\u00e4ische Theologie, sondern f\u00fcr Christen weltweit. Seine Theologie hat keine so genannte \u201eSchule\u201c gebildet, ist dennoch von gro\u00dfer Relevanz.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center has-white-color has-accent-background-color has-text-color has-background\"><strong>Kurzvita<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Dietrich Bonhoeffer wurde 1906 in Breslau als Kind des Mediziners Karl Bonhoeffer und seiner Frau Paula, geborene von Hase, geboren. Er studierte Theologie, promovierte, ging ins Vikariat nach Barcelona. Nach seinem zweiten Theologischen Examen und der Habilitation 1930 lebte er kurz in den USA. 1931-1933 war er Privatdozent&nbsp; in Berlin und Studentenpfarrer. Er \u00fcbernahm 1933 in London eine Evangelische Gemeinde. Auf einem \u00f6kumenischen Jugendtreffen in D\u00e4nemark warnte er 1934 in einer Rede vor der Kriegsgefahr. 1935 \u00fcbernimmt er als Vertreter der Bekennenden Kirche die Leitung des Predigerseminars Finkenwalde. 1936 und 1937 wird ihm die Lehrerlaubnis entzogen, das Predigerseminar wird geschlossen \u2013 aber im Untergrund weitergef\u00fchrt. 1939 macht er eine Vortragsreise in den USA. 1940 wirkt er in der Wilhelm-Canaris-Gruppe im Widerstand gegen Hitler. Seine Aufgabe besteht darin, aufgrund seiner vielf\u00e4ltigen Beziehungen zu Menschen im Ausland Kontakte zu den westlichen Staaten zu kn\u00fcpfen. Am 5.4.1943 wird er verhaftet. Zuerst ist er in Berlin inhaftiert, dann im KZ Buchenwald. Am 8.4.1945 wird er verurteilt und am 9.4. erh\u00e4ngt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center has-white-color has-text-color has-background\" style=\"background-color:#6dc2e6\"><strong>Die Grundlage der Theologie Bonhoeffers<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center has-accent-color has-text-color\">Die Mitte ist Jesus Christus. Der Christ hat sich an dieser Mitte spirituell und rational auszurichten.<\/p>\n\n\n\n<p>Voraussetzung: Es gibt Gott und: Jesus Christus ist auferstanden und real erfahrbar, wirksam.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Glaube ist der Kern, hervorgerufen durch die Offenbarung Gottes in Jesus Christus. Religion ist sekund\u00e4r. Sie umgibt den Kern mit Fleisch. Religion ist das, was Christen mit anderen Religionen gemeinsam haben: Riten, Beten, Heilige Schriften usw. (in Aufnahme von Karl Barth) &#8211; Glaube ist das Besondere der Christen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center has-accent-color has-text-color\">Der Weg zu Gott ist der Weg Gottes zu uns<\/p>\n\n\n\n<p>Der Mensch kommt nicht durch Religionen, durch die Institution Kirche, durch Moral\/Ethik, durch Wissen zu Gott. Gott kommt in seiner Liebe in Jesus Christus zum Menschen. Weil Gott nur in dem Menschen Jesus Christus zum Menschen kommt, ist Jesus Christus nur als Gott ewig anwesend: Als reiner Mensch k\u00f6nnte Jesus Christus nicht ewig anwesend sein, als reiner Gott k\u00f6nnte er \u00fcberhaupt nicht anwesend sein.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center has-accent-color has-text-color\">Der Weg Gottes zu uns bedeutet: Wegweisung zu anderen Menschen<\/p>\n\n\n\n<p>Die Folge f\u00fcr den Menschen: Weil Gott in Jesus Christus zu dem Menschen gekommen ist in Armut, Leiden und Kreuzestod, kann der Weg der Nachfolge f\u00fcr Christen nur dieser Weg der Solidarit\u00e4t und Liebe zu anderen Menschen sein. Der Mensch wird durch Jesus Christus wieder zum Ebenbild Gottes und hat sich entsprechend menschlich gegen\u00fcber jedem zu verhalten, damit das Ebenbild Gottes nicht gesch\u00e4ndet wird. Weiter gef\u00fchrt: Kirche = Leib Christi = Gemeinschaft in der Nachfolge in Solidarit\u00e4t mit den Menschen der Welt.&nbsp;<em><strong>Nachfolge hei\u00dft:<\/strong><\/em><strong>&nbsp;Christen folgen Gott in Jesus Christus \u2013 sie gehen nicht ihren eigenen Weg. <\/strong>Aber: Aufgabe der Christen ist es nicht, st\u00e4ndig aufzupassen, dass sie nicht s\u00fcndigen \u2013 Aufgabe der Christen ist es, Gottes Willen zu tun. Und dieses Tun muss aktiv angegangen werden, denn aus dem Glauben folgt nicht automatisch das richtige Handeln, wie viele Protestanten bislang glaubten und nichts taten.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center has-accent-color has-text-color\">Keine Trennung Gottes von der Welt \u2013 denn Gott kam in die Welt<\/p>\n\n\n\n<p>\u201e<em>Gebt Gott was Gottes ist, dem Kaiser, was des Kaisers ist<\/em>.\u201c (Ausspruch Jesu) Weil jedoch Gott in Jesus Christus ohnm\u00e4chtig und mitleidend in die Welt des \u201eKaisers\u201c (also: in die Welt, in der menschliche M\u00e4chte dominieren) gekommen ist, haben Christen die Aufgabe, in der Nachfolge (= Handeln im Sinne und Auftrag Jesu, in der Bindung an Gott) die Liebe Gottes ohnm\u00e4chtig und mitleidend in der ungerechten Welt des \u201eKaisers\u201c zu enth\u00fcllen, sie zu verk\u00fcndigen, sie zu leben. Damit kommt der Christ nur in der Welt bzw. durch die Welt zu Gott \u2013 nie in (asketischer oder m\u00f6nchischer) L\u00f6sung von der Welt. Der Christ geht aber auch nie in der Welt des \u201eKaisers\u201c auf, denn er geht den Weg Gottes in der Welt. Gott ist nicht jenseitig, nicht L\u00fcckenb\u00fc\u00dfer des Nichtwissens, sondern er ist mitten im Leben jenseitig. Und so lernt man auch mitten im Leben (das hei\u00dft auch im Leiden) zu glauben.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center has-accent-color has-text-color\">Die Kirche ist nur Kirche f\u00fcr andere \u2013 sie darf aber Gnade nicht verschleudern (billige Gnade)<\/p>\n\n\n\n<p>Kirche ist nur Kirche f\u00fcr andere, sie ist kein Selbstzweck. Jesus Christus ruft in die Nachfolge \u2013 und die ist streng, hart. Kirche verschleudert die Gnade Gottes (zum Beispiel in falsch verstandener Taufe, das hei\u00dft, das Kind wird nicht im Glauben begleitet, sondern Taufe ist nur ein erbauliches Familienfest), sie ist billig geworden, sie ist leere Religiosit\u00e4t. Es geht um ein religionsloses Christentum, das sich glaubend in der Nachfolge f\u00fcr den anderen Menschen realisiert. Die Welt des \u201eKaisers\u201c wird ewig Gottes Welt bek\u00e4mpfen, aber das kann Christen in der Nachfolge nicht einsch\u00fcchtern \u2013 es sei denn, sie wurden mit der Botschaft der billigen Gnade und von leerer Religiosit\u00e4t eingelullt.<\/p>\n\n\n\n<p>Billige Vertr\u00f6stung auf das Jenseits ist abzulehnen, denn es gibt keine Auferstehung ohne Kreuz (= Leiden), ebenso ist leere Religiosit\u00e4t abzulehnen, denn es gibt keine Nachfolge ohne Kreuz (= wer im Auftrag Jesu handelt, muss leiden). Die Bergpredigt Jesu sagt nicht nur: Gott liebt dich \u2013 sondern verlangt ein neues gottgem\u00e4\u00dfes Handeln \u2013 gerade auch ein verantwortetes Handeln mit Blick auf den nationalsozialistischen (und bolschewistischen-kommunistischen) Staat und nicht den R\u00fcckzug in ein harmloses religi\u00f6ses Wohlgef\u00fchl. Die biblischen Texte haben Wirklichkeitsbezug und sind keine philosophisch\/theologischen Abhandlungen zur L\u00e4hmung des Menschen. Kirche darf die Botschaft nicht auf den spirituell-religi\u00f6sen Teil verk\u00fcrzen (das w\u00e4re billige Gnade), sondern muss den zweiten, politisch-aktiven Teil realisierend \u2013 also auch leidensbereit \u2013 verk\u00fcndigen (das w\u00e4re Verk\u00fcndigung der teuren Gnade). Nachfolge ist das Teilnehmen am Leiden Gottes im weltlichen Leben. Das bedeutet, sich Gott in dieser Welt ausliefern \u2013 und dazu geh\u00f6rt auch angesichts der Tyrannen, Verantwortung zu \u00fcbernehmen, und damit h\u00e4ngt zusammen: schuldig werden (Verantwortungsethik). In der Nachfolge schuldig werden, kann auch bedeuten, den Tyrannen zu t\u00f6ten. Der Christ geh\u00f6rt nicht sich selbst, nicht seiner Karriere, seinem Wohlgef\u00fchl, sondern allein Gott \u2013 das bedeutet: Er ist frei.Und als ein solcher in Gott Befreiter kann er dem Tyrannen entgegentreten..<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center has-accent-color has-text-color\">Religionslos von Gott sprechen<\/p>\n\n\n\n<p>Bonhoeffer trat daf\u00fcr ein, religionslos von Gott zu sprechen. Was er damit meinte, konnte er nicht mehr darlegen. Gemeint ist vermutlich: Menschen haben ein Gef\u00fchl f\u00fcr Religi\u00f6ses. Dazu geh\u00f6rt: Die Religion spricht von Gottes Allmacht \u2013 und dadurch vergr\u00f6\u00dfert sie im Grunde nur die weltliche Macht ins Unermessliche; Religion spricht von Gottes Allwissenheit \u2013 damit erweitert sie im Grunde nur das weltliche Wissen ins Unermessliche. Gott ist auf diese Weise nur eine Verl\u00e4ngerung der Welt. Gott ist, so Bonhoeffer, auch nicht mehr irgendwo in einer gedachten Transzendenz. Darum d\u00fcrfen wir nicht mehr von Gott metaphysisch, spekulativ reden, sondern:<em> In Jesus Christus ist Gott f\u00fcr den Menschen als Handelnder anwesend.<\/em> Gott ist in Jesus Christus immanent. Christen haben als Handelnde anwesend zu sein \u2013 im Versuch auf dem Weg Gottes zum leidenden Menschen Schritt zu halten. <em>Dieses allgemein religi\u00f6se Gef\u00fchl, das zum Menschen geh\u00f6rt, wird vom glaubenden Handeln des Menschen in der Nachfolge Jesu Christi abgel\u00f6st werden.<\/em> Die Welt wird religionslos \u2013 sie l\u00f6st sich rational immer st\u00e4rker von dem religi\u00f6sen Gef\u00fchl. In dieser L\u00f6sung vom religi\u00f6sen Gef\u00fchl hat der christliche Glaube sein spezifisches Wort vollm\u00e4chtig zu leben und zu verk\u00fcndigen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center has-white-color has-text-color has-background\" style=\"background-color:#6ca1b8\"><strong>Einordnung der Theologie Bonhoeffers<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center has-accent-color has-text-color\">Kreuzestheologie<\/p>\n\n\n\n<p>Dass wir allein in Jesus Christus Gott erkennen k\u00f6nnen, das ist in der christlichen Theologie nicht neu. Wir wissen nicht, wie Gott ist, wenn er sich nicht in Christus offenbart h\u00e4tte. Wir wissen um Gottes Liebe in der Selbstoffenbarung Gottes in Jesus Christus \u2013 die Zuwendung zum Menschen, bis hin zum Tod am Kreuz. Darum wissen wir auch um Gottes Vergebung.<\/p>\n\n\n\n<p>Was bei Bonhoeffer neu ist, das ist die Radikalisierung des Gedankens, dass Gott im Grunde auch nur in seiner Selbsterniedrigung erkannt werden will. Damit greift er die Kreuzestheologie Luthers <strong>(1) <\/strong>auf: Gott ist am Kreuz, am Kreuzestod Jesu erkennbar. Aber Bonhoeffer konzentriert das Erkennen Gottes nicht auf das Kreuz, sondern auf die Hinwendung zum N\u00e4chsten, wie auch immer dessen Leben gepr\u00e4gt ist.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center has-accent-color has-text-color\">Zwei-Reiche-Lehre<\/p>\n\n\n\n<p>Mit dieser Aussage pr\u00e4gt er die neuzeitliche Zwei-Reiche-Lehre um, in der der Herrschaftsbereich Gottes (Kirche) und der Herrschaftsbereich der Menschen (Staat) voneinander getrennt sind. Beide geh\u00f6ren nach Bonhoeffer (und christlicher Tradition) zusammen \u2013 haben aber unterschiedliche Aufgaben: der Staat hat die Aufgabe, B\u00f6se zu bestrafen und die Bewohner zum Sozialen zu erziehen\u2026; die Kirche besitzt das W\u00e4chteramt, das hei\u00dft, sie muss den Staat ermahnen, seine genannten Aufgaben zu erf\u00fcllen. Das bedeutet auch angesichts des Nationalsozialismus und Bolschewismus (Kommunismus): Der Staat ist nicht autonom. Die Kirche hat die Aufgabe, dem unsozialen Handeln des Staates entgegenzutreten: Mahnend \u2013 auch denen helfend, die unter dem Staat leiden \u2013 den Leid bringenden Staat verhindern. Und das wirft er der Kirche seiner Zeit auch vor, diesem ihrem Auftrag durch die Unterordnung unter das NS-Regime nicht wahrzunehmen. Darum muss der einzelne Christ bereit sein, Verantwortung zu tragen \u2013 auch gegen die Gemeinschaft der versagenden Christen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center has-accent-color has-text-color\">Sch\u00f6pfungsordnung<\/p>\n\n\n\n<p>In der theologischen Tradition kann man von Sch\u00f6pfungsordnungen (Bonhoeffer spricht von vier g\u00f6ttlichen Mandaten) sprechen, das hei\u00dft, dass es feste Strukturen gibt, in denen der Mensch lebt, die von Gott sind, damit die Sch\u00f6pfung erhalten bleibt (Ehe, Arbeit, Obrigkeit, Volk). Bonhoeffer durchbricht diesen Gedanken insofern, dass es nicht darum geht, an diesen Ordnungen gesellschaftspolitisch festzuhalten, sondern sie als Christen neu zu durchdringen. So gehe es nicht darum, das eigene Volk unter allen Umst\u00e4nden zu erh\u00f6hen, sondern darum, dem Frieden zwischen den V\u00f6lkern zu dienen. Also die Nachfolge Jesu in diesen Strukturen (der Gehorsam gegen\u00fcber Gott) ist wichtiger, als die Stabilisierung bestimmter politischer Strukturen. In diesen gilt es, Freiheit verantwortlich zu leben, sie mit Kunst, Kultur, Bildung zu durchdringen. (Frei ist der Mensch f\u00fcr Bonhoeffer dann, wenn er an Gott gebunden von den Anspr\u00fcchen der Welt gel\u00f6st ist. In dieser Bindung an Gott kann auch das, was man als gut und b\u00f6se bezeichnet, verschwommen sein: zum Beispiel: Gott kann aus b\u00f6sen Taten Gutes machen oder der Mensch muss bereit sein, schuldig zu werden, um Menschen zu retten.)<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center has-accent-color has-text-color\">Jenseitshoffnung ist keine Vertr\u00f6stung<\/p>\n\n\n\n<p>Wie Gott sich in Jesus Christus zu dem Menschen hingewendet hat \u2013 und auch nur in dieser seiner Hinwendung zum N\u00e4chsten erkannt werden m\u00f6chte \u2013, so ist auch derjenige, der Jesus Christus nachfolgt, nicht darin autorisiert, Gott spekulierend zu erfassen, sondern ihn durch Nachfolge zu leben, durch Nachfolge in seinem Geist zu leben, das hei\u00dft sich dem N\u00e4chsten hinzugeben, sich ihm in seinem Leiden zuzuwenden. Aber nicht, um ihn im Leiden zu lassen, sondern in der Nachfolge Gerechtigkeit durchzusetzen, Leiden zu bek\u00e4mpfen. Gott ist nicht nur eine Idee, wie es liberale Theologie zu denken bevorzugte, sondern er agiert in der Geschichte durch die Jesus-Nachfolger zum Guten. Gott wird auch nicht irgendwann durch Fortschritt in der Geschichte sein Reich errichten, sondern es ist jetzt schon entsprechend jesuanisch zu realisieren. Und was \u201edas Gute\u201c (auch mit Blick auf \u201esummum bonum\u201c = h\u00f6chster Wert, der zum Handeln antreibt) ist, ist an Jesus Christus zu sehen. das bedeutet also evtl. \u201ereligionslos von Gott sprechen\u201c: In der Nachfolge Jesu Christi handeln. <strong>(2) <\/strong>Damit wendet sich Bonhoeffer gegen die Religionskritik (Marx), die Christen vorgeworfen hat, nur auf das Jenseits zu vertr\u00f6sten, statt politisch aktiv zu werden. Freilich \u00fcbergeht Bonhoeffer auch nicht das Jenseits (das Letzte \/ die Eschatologie) zugunsten einer \u00dcberbetonung des Diesseits (das Vorletzte \/ die Geschichte). Das k\u00fcnftige Kommen Gottes (das Letzte) gibt dem gegenw\u00e4rtigen Handeln in der Geschichte (das Vorletzte) seinen notwendigen Ernst, seine notwendige Tiefe. Ohne dieses verf\u00e4llt die Menschheit in Egoismus, Utilitarismus und Hedonismus.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center has-accent-color has-text-color\">Gott vertrauen<\/p>\n\n\n\n<p>Man wird Bonhoeffer nicht gerecht, wenn man ihn nicht in Zusammenhang mit pers\u00f6nlichem Glauben bringt. F\u00fcr Bonhoeffer ist das Handeln nicht zu l\u00f6sen von der Gottes-\/Christusbeziehung. Sich Gott in schweren Zeiten anzuvertrauen, sich an ihn zu binden im Gebet, im Lesen der Bibel, das ist zentraler Bestandteil seines Lebens als Christ. Das wird nicht nur in den weit bekannten Texten \u201e<em>Wer bin ich<\/em>\u201c und \u201e<em>Von guten M\u00e4chten wunderbar geborgen<\/em>\u201c ausgesprochen. (Diese Texte kann man im Internet vielfach finden; weitere:&nbsp;<a href=\"https:\/\/www.dietrich-bonhoeffer.net\/zitate\/\">https:\/\/www.dietrich-bonhoeffer.net\/zitate\/<\/a>&nbsp;)<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center has-white-color has-text-color has-background\" style=\"background-color:#397994\"><strong>Aufnahme der Theologie Bonhoeffers<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Die Betonung der Praxis hatte gro\u00dfe Auswirkungen auf die&nbsp;<strong>Theologie der Befreiung<\/strong>&nbsp;in S\u00fcdamerika. W\u00e4hrend man in Deutschland nach 1945 dar\u00fcber nachgedacht hat, wie eigentlich&nbsp;<em>Theologie nach Auschwitz<\/em>&nbsp;auszusehen habe (kann man eigentlich angesichts der Konzentrationslager noch von Gott sprechen, von seiner Allmacht und Liebe?), hat man in S\u00fcdamerika angesichts des gro\u00dfen Leidens, der Menschen, der Ausbeutung, der strukturellen Gewalt dar\u00fcber nachgedacht, wie man&nbsp;<em>In Auschwitz Theologie<\/em> treiben kann (Gutierrez). Das bedeutete: Nicht alles Hinnehmen, sondern Ungerechtigkeiten zu bek\u00e4mpfen. <em>Von Gott ist gerade in dieser Zeit der Not zu sprechen! <\/em>(\u00c4hnlich hat die philosophische \u201eFrankfurter Schule\u201c gefragt: Ist vern\u00fcnftiges, menschliches Denken nach dem Schlimmen in der Zeit des Nationalsozialismus noch m\u00f6glich? Kann man der Vernunft, dem Menschlichen im Menschen noch trauen?) Die Theologie der Befreiung griff dann auch auf andere V\u00f6lker und Erdteile \u00fcber, so auf S\u00fcdafrika, als das Land noch Apartheitsstaat war, auf Asien usw.<\/p>\n\n\n\n<p>Bonhoeffer selbst neigte sich \u2013 mit Blick auf Gandhi \u2013 immer st\u00e4rker dem Pazifismus zu, auch wenn er die Verantwortung sah, notfalls dem Rad, das Menschen \u00fcberrollt, mit Gewalt in die Speichen zu fallen, den Tyrannen umzubringen. Und hier wurde Bonhoeffer auch \u00fcbernommen \u2013 so von Menschen, die dann mit Waffengewalt die herrschenden Strukturen ver\u00e4ndern wollten. Der Unterschied bestand freilich darin, dass Bonhoeffer den Tyrannen beseitigen wollte \u2013 die Gewaltt\u00e4tigen unter den Befreiungstheologen nicht gegen den einzelnen Tyrannen k\u00e4mpften, sondern Hand in Hand mit dem Marxismus \/ Kommunismus die kapitalistischen Strukturen mit Waffengewalt beseitigen wollten.<\/p>\n\n\n\n<p>Die christliche Theologie ist sehr stark eurozentristisch: Sie ist mit der europ\u00e4ischen Philosophie liiert. Bonhoeffer betonte aufgrund der Bergpredigt und seiner Begegnung mit dem&nbsp;<strong>Social Gospel&nbsp;<\/strong>in den USA, immer weniger die theologische Spekulation, das traditionelle Reden \u00fcber Gott \u2013 daf\u00fcr st\u00e4rker den Praxisbezug: Wichtiger ist kompromissloses Jesus gem\u00e4\u00dfes Verhalten (freilich auch hier: gegen emotionale Schw\u00e4rmerei und f\u00fcr verantwortete Nachfolge). Diese Intention, f\u00fcr den Glauben mit dem Leben einzustehen, ohne die Dogmen ins Lebenszentrum stellen zu k\u00f6nnen, erlebten viele Christen in den Unrechtsstaaten dieser Welt. Durch Bonhoeffer wurde dieses Leben in der Nachfolge aufgewertet \u2013 was auch die intensive Rezeption seiner Pers\u00f6nlichkeit erkl\u00e4ren kann.<\/p>\n\n\n\n<p>Bonhoeffer greift mit der Betonung der Bibel und der Praxis die pietistische Fr\u00f6mmigkeit auf. W\u00e4hrend die pietistische Tradition jedoch die Verk\u00fcndigung des Wortes und die daraus folgende Praxis fordert, legt Bonhoeffer weniger Wert auf die verbale \u00c4u\u00dferung des Glaubens als auf die gelebte Form des Glaubens. Das allerdings immer mit Blick auf die Verantwortung des Einzelnen. Eine allgemeine Forderung, dass sich alle entsprechend einer bestimmten Vorstellung liebend und glaubend zu verhalten haben, w\u00e4re Radikalismus, Fanatismus.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center has-background-color-background-color has-background\">Anmerkungen:<\/p>\n\n\n\n<p><strong>(1)&nbsp;<\/strong>&nbsp; Die Kirche hat nicht die Aufgabe, die Herrlichkeit Gottes auf die Erde zu holen, sondern Gott im Kreuz Christi, im Leiden zu erkennen. Es geht nicht um die Spekulation, die Gottes Herrlichkeit erfassen will, sondern darum, die erl\u00f6sende Befreiung durch Jesu Kreuzestod zu ergreifen.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>(2)&nbsp;&nbsp;<\/strong> Karl Barth, der gro\u00dfe Theologe des 20. Jahrhunderts, meinte mit anderer Intention als Bonhoeffer: Wir k\u00f6nnen nicht von Gott sprechen, weil Gott alles Verstehen und Sprechen \u00fcbersteigt \u2013 aber wir wurden von Gott beauftragt zu versuchen, von ihm zu sprechen. Er hat das Handeln anders als Bonhoeffer nicht derma\u00dfen in den Blick genommen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-color\" style=\"color:#a36700\">Literatur:<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-color\" style=\"color:#a34f00\">Wolfgang Huber: Dietrich Bonhoeffer. Auf dem Weg zur Freiheit. Ein Portr\u00e4t, C.H. Beck Verlag, M\u00fcnchen 2019<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-color\" style=\"color:#a34f00\">Klaus Koziol (Hg.): Gott ist bei uns. Ein Bonhoeffer-Lesebuch, topos-plus Kevelaer 2016<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-color\" style=\"color:#a34f00\">Eric Metaxas: Bonhoeffer: Pastor, Agent, M\u00e4rtyrer und Prophet, SCM H\u00e4nssler, 2017<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-color\" style=\"color:#a33b00\">Manfred Weber (Hg.): Dietrich Bonhoeffer von A bis Z. Sein Denken und Reden, sein Predigen und Beten in Schlagworten erschlossen, G\u00fctersloher Verlagshaus G\u00fctersloh 2010<\/p>\n\n\n\n<p>Bonhoeffers Ethik<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-embed is-type-video is-provider-youtube wp-block-embed-youtube wp-embed-aspect-16-9 wp-has-aspect-ratio\"><div class=\"wp-block-embed__wrapper\">\n<iframe loading=\"lazy\" title=\"Dietrich Bonhoeffers &#039;Ethik&#039; - Ein Entwurf in Fragmenten\" width=\"750\" height=\"422\" src=\"https:\/\/www.youtube.com\/embed\/I6nxDRh50nE?feature=oembed\" frameborder=\"0\" allow=\"accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture\" allowfullscreen><\/iframe>\n<\/div><\/figure>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>THEOLOGISCHER ENTWURF: DIETRICH BONHOEFFER Der theologische Entwurf versucht die Theologie Dietrich Bonhoeffers knapp zu umrei\u00dfen und ebenso knapp in den theologischen Zusammenhang, in die theologische Tradition zu stellen. 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