{"id":568,"date":"2019-07-02T10:33:17","date_gmt":"2019-07-02T08:33:17","guid":{"rendered":"https:\/\/evangelische-religion.de\/ReligionNeu\/?page_id=568"},"modified":"2020-12-21T16:55:08","modified_gmt":"2020-12-21T15:55:08","slug":"dunkles-mittelalter","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/evangelische-religion.de\/ReligionNeu\/kirche\/dunkles-mittelalter\/","title":{"rendered":"Dunkles Mittelalter?"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"has-text-align-center has-medium-font-size wp-block-paragraph\">Diskutiere: Dunkles\/finsteres Mittelalter?<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">(Ein paar Anmerkungen zum Mittelalter. Die Namen k\u00f6nnen als Ausgangspunkt f\u00fcr eigene Recherchen verwendet werden.)<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Rede vom dunklen Mittelalter ist ideologisierte Rede aus einer Zeit, in der sich junge, strebende, moderne Menschen von den finsteren Alten abgrenzen wollten: Die Alten haben alles schlecht gemacht \u2013 wir machen alles besser, so die Menschen der Renaissance (16.\/17. Jahrhundert). Diese Abgrenzung funktioniert bis heute \u2013 allerdings wird die Kirche als solche in den Vordergrund gestellt: Sie sei f\u00fcr das dunkle Mittelalter verantwortlich. Heute sieht man das in der Forschung differenzierter, aber die alten Vorurteile und Fake News sind Teil unserer Kultur geworden, sodass es sehr schwer ist, sie au\u00dferhalb der Forschung zu vermitteln. Kirche kam nicht in eine leere Welt, sondern traf auf alte Kulturen, St\u00e4mme, Ideen. Und sie konnte nur ganz langsam ihren eigenen christlichen Stempel aufdr\u00fccken, vor allem auch darum, weil die Menschen, die aus diesen Bereichen Christen wurden, ihre alten Traditionen mitgebracht haben. Nur langsam konnte sich also alles im christlichen Sinn \u00e4ndern. Die Welt des Mittelalters war nicht per se christlich, sondern, wie zum Beispiel die Rechtsgeschichte zeigt, auch abh\u00e4ngig von dem bis dato geltenden weltlichem Recht. Bis heute ist eine christianisierte Welt nicht christlich, man denke nur daran, wie viele Menschen heute noch als Sklaven leben m\u00fcssen. Das kann man nicht so schnell \u00e4ndern. Man denke an die Atomwaffen \u2013 daran ist nichts christlich, aber was muss nicht alles geschehen, damit das ge\u00e4ndert wird?<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center wp-block-paragraph\"><em>Geschichte \u2013 Menschen entwickeln sich<\/em><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">In den 1000 Jahren des Mittelalters gab es unterschiedliche Zeiten, helle und dunkle, wie es in den 200 Jahren seit der Aufkl\u00e4rung auch helle und dunkle Zeiten gab: Die Aufkl\u00e4rung wird verbunden mit der Franz\u00f6sischen Revolution \u2013 damit bekanntlich mit Mord und Totschlag; Nationalsozialisten und Kommunisten versuchten ihre Ideologien mit Mord, Totschlag, Entrechtung und Willk\u00fcr durchzusetzen \u2013 im Mittelalter gab es kaum schlimmere Zeiten. Gepr\u00e4gt war die Zeit des Mittelalters davon, dass man \u00fcberleben musste: Hungerzeiten, Krankheiten, Epidemien, Wetterkapriolen\u2026 erschwerten das Leben. Und in dieser Zeit lebte man in anderen Herrschafts- und Rechtssystemen als heute. Menschheitsgeschichte ist Entwicklungsgeschichte. Es war kein toller Kerl da, der damals unsere gegenw\u00e4rtige glorifizierte Zeit aus dem \u00c4rmel sch\u00fctteln konnte.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wir leben heute aufgrund vieler Erfindungen des Mittelalters, und sei es aufgrund der Beobachtung, dass es besser ist, Vieh im Stall zu halten, weil man dadurch D\u00fcnger f\u00fcr die Felder bekommt. Und D\u00fcnger f\u00fcr die Felder bedeutete mehr Ertrag, mehr Ertrag bedeutete mehr Nahrung und mehr Reichtum\u2026 (Was man heute freilich nicht mehr so positiv sieht, weil man Kunstd\u00fcnger hat.) Das betrifft auch das Recht: Recht musste sich entwickeln. R\u00f6misches Recht war nicht ganz einfach den germanischen Traditionen (lokales Recht: Recht ist, was Brauch ist) \u00fcberzust\u00fclpen. Es mussten m\u00fchsam vereinheitlicht werden: Germanische Br\u00e4uche, Bibel, R\u00f6misches Recht\u2026 Das Inquisitionsverfahren betraf zun\u00e4chst nur Theologen (Ketzer), die (vom Brauch) abweichende Meinungen vertraten. Es diente dazu, den Angeklagten zu einem Gest\u00e4ndnis zu bringen \u2013 es ging somit nicht mehr um ein irrationales Rechtsverfahren (Gottesurteil), sondern im Gegenteil darum, logisch, rational die ganze Angelegenheit zu durchdringen. Es war somit ein fortschrittliches Verfahren. Nichtsdestotrotz war es ein ungerechtes Verfahren \u2013 und so ist dieses System im 18. Jahrhundert auch abgeschafft worden: Aber es war ein Mosaiksteinchen in der Weiterentwicklung des Rechts.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center wp-block-paragraph\"><em>Mittelalter \u2013 Zeit des \u00dcbergangs<\/em><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Mittelalter \u2013 die Zeit zwischen 500 und 1500. Wie christlich war Europa eigentlich? Italien und die Staaten, die zum r\u00f6mischen Reich geh\u00f6rten, zeigen, dass&nbsp;<em>Konstantin der Gro\u00dfe<\/em>&nbsp;auf das Christentum setzte, um das Reich zu stabilisieren, weil es schon eine verh\u00e4ltnism\u00e4\u00dfig starke Macht war. Aber es war alles im Fluss, im \u00dcbergang. Auch so gro\u00dfe Menschen wie zum Beispiel&nbsp;<em>Boethius<\/em>&nbsp;(+524?) waren Christen \u2013 aber dann doch stark an ihre heidnische Tradition gebunden. Das Christentum begann langsam die heidnische Philosophie zu beeinflussen:&nbsp;<em>Plotin<\/em>&nbsp;(+270), der Neuplatoniker, hatte einen Lehrer christlicher Abstammung \u2013 und diese Philosophie beeinflusste viele (nicht nur christliche) Denker in den sp\u00e4teren Jahrhunderten.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Langsam beeinflusste das Christentum auch die Ethik \u2013 und diese war es vielfach, die die Menschen bewundert haben: In all dem sexuellen Chaos wurden Enthaltsamkeit und Ehe betont, in all der Menschenverachtung wurden ausgesetzte Kinder aufgenommen, treues, gewissenhaftes Arbeiten \u2013 welcher Arbeit man auch immer nachgeht \u2013 wurde gefordert; die Gleichheit und Gemeinschaft der Menschen: Mann und Frau, Sklave und Freier, Grieche und Nichtgrieche; Kranke und Sterbende wurden gepflegt; keiner durfte verachtet werden\u2026 Einzelne Menschen versuchten, in all den t\u00e4glichen Grausamkeiten etwas Neues zu leben: den Willen Gottes, die Liebe. Und diese Liebe Gottes zu den Menschen, die auch von Menschen entsprechendes Verhalten forderte \u2013 das war eine Erneuerung, die in der heidnischen Umwelt ihresgleichen suchte. Jeder Mensch konnte wissen: Ich bin f\u00fcr Gott wertvoll und werde darum auch f\u00fcr andere Wertvolles tun. Dass diese Ethik freilich nicht alle angesprochen hat, dass \u2013 vor allem dann, als das Christentum politische Macht bekommen hatte \u2013 auch so mancher sich nur mit christlicher Farbe angepinselt hatte, ist klar. So gab es nicht nur auf der unteren gesellschaftlichen Ebene massive Grausamkeiten, sondern auch unter den Herrschern zur Sicherung der Macht. So musste zum Beispiel&nbsp;<em>Johannes Chrysostomos<\/em>&nbsp;(+407) vieles erleiden, weil er sich nicht scheute, selbst der &#8222;christlichen\u201d Kaiserin und dem Kaiser wie auch anderen M\u00e4chtigen und Reichen massive Vorhaltungen wegen ihres unchristlichen und unmenschlichen Handelns zu machen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center wp-block-paragraph\"><em>Ein paar Daten<\/em> <em>bis zum 10. Jahrhundert<\/em><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Im 4. Jahrhundert missionierte der arianische Christ&nbsp;<em>Wulfila<\/em>&nbsp;bei den Goten und \u00fcbersetzte die Bibel. Arianisches Christentum war auch unter anderen germanischen St\u00e4mmen verbreitet \u2013 aber nicht unbedingt Leben bestimmend.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Im 5. Jahrhundert: Der Frankenherrscher&nbsp;<em>Chlodwig<\/em>&nbsp;wurde getauft. Anfang des 5. Jahrhunderts kam das Christentum nach Irland.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Im 8. Jahrhundert missionierte\u00a0<em>Bonifatius\u00a0<\/em>in Mitteleuropa und gr\u00fcndete einzelne Kl\u00f6ster. Mit ihm kam unter anderen auch die mit ihm verwandte missionierende Lioba. Im 8. Jahrhundert wurden die Sachsen und Friesen von den christlichen Franken unterworfen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Im 9. Jahrhundert wurde Schweden missioniert \u2013 \u00fcbrigens \u00fcberfielen in diesem Jahrhundert Wickinger Hamburg. Im 9. Jahrhundert wurden mit Unterst\u00fctzung von&nbsp;<em>Ludwig dem Frommen<\/em>&nbsp;Reformen in Kl\u00f6stern aufgrund der Benediktinischen Regel durchgef\u00fchrt und ebenso wurde f\u00fcr den nichtmonastischen Klerus eine Norm f\u00fcr Lebensf\u00fchrung eingef\u00fchrt \u2013 was aber alles nicht lange eingehalten wurde.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Im 10. Jahrhundert wurde der D\u00e4nenk\u00f6nig&nbsp;<em>Harald Blauzahn (Bluetooth)<\/em>&nbsp;getauft. In diesem Jahrhundert wurden Polen und Russland christianisiert \u2013 der \u00fcbrigens durch einen Papst ermahnt wurde, Frauen \u2013 wie es die Tradition forderte \u2013 nicht mehr als Hexen zu verfolgen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center wp-block-paragraph\"><em>Ein paar zuf\u00e4llig gew\u00e4hlte Namen, die die Situation im fr\u00fchen Mittelalter verdeutlichen:<\/em><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>Irmina von Oehren<\/em>&nbsp;(+ 704\/710) ist eine bedeutende Frau gewesen \u2013 nicht nur, weil sie eine Vorfahre Karls des Gro\u00dfen war. Sie war auch Mitbegr\u00fcnderin eines Klosters (Echternach), sie war \u00c4btissin in einem Kloster bei Trier \u2013 und drei ihrer T\u00f6chter gr\u00fcndeten ebenfalls Kl\u00f6ster bzw. Abteien.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die heilige&nbsp;<em>Amalberga von Maubeuge<\/em>&nbsp;(um 600- um 690) hatte als Tochter die sp\u00e4tere heilige<em>&nbsp;Gudula&nbsp;<\/em>und als Sohn den heiligen&nbsp;<em>Reineldis<\/em>. Die heilige Gudula wurde von der Heiligen&nbsp;<em>Gertrud von Nivelles<\/em>&nbsp;(626-653\/9) (Germanische Isis) erzogen, die sich intensiv um die Bildung der M\u00e4dchen k\u00fcmmerte, sogar B\u00fccher aus Rom kommen lie\u00df. Ebenso k\u00fcmmerte sich die junge Frau um Kranke, Witwen und Gefangene.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die heilige&nbsp;<em>Bertha&nbsp;<\/em>heiratete einen Heiden und erzog ihren Sohn im christlichen Glauben: den heiligen&nbsp;<em>Rupert von Bingen<\/em>&nbsp;(* 712-732?).<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Spannend ist ebenso das Leben von&nbsp;<em>Clothilde (Chrodechild) von Burgund<\/em>&nbsp;(+544) und das von&nbsp;<em>Radegund von Th\u00fcringen<\/em>&nbsp;(+587) (dazu siehe https:\/\/evangelische-religion.de\/ReligionNeu\/kirche\/mittelalter-kaiser-und-kunst\/ .<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der heilige&nbsp;<em>Maternus&nbsp;<\/em>war der dritte Bischof von Trier und der erste von K\u00f6ln (+328?); der heilige&nbsp;<em>Alban<\/em>&nbsp;von Mainz, der m\u00f6glicherweise 406 bei einem Angriff durch arianische Vandalen (Christen) ermordet wurde. Und die Vita des&nbsp;<em>Theonestus von Mainz<\/em>&nbsp;zeigt Erstaunliches: Er war Bischof in Philippi, kam \u00fcber Burgund nach Trier und Mainz. Er floh mit anderen vor den Vandalen nach Oberitalien und wurde dort von den Vandalen enthauptet. (Aufgabe: Verfolge das auf der Landkarte!) Ebenso erging es dem Bischof&nbsp;<em>Aureus<\/em>&nbsp;mit seiner Schwester&nbsp;<em>Justina<\/em>&nbsp;(436?) und anderen \u2013 aber all das liegt im Dunkel der Legenden verborgen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>Fridolin von S\u00e4ckingen&nbsp;<\/em>(+ 538), ein Ire, gr\u00fcndete in Baden W\u00fcrttemberg das Kloster S\u00e4ckingen, von dort aus wurde Baden W\u00fcrttemberg missioniert.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der Burgunder&nbsp;<em>Sigismund&nbsp;<\/em>hat sich gegen den Willen seines arianischen Vaters katholisch taufen lassen und stiftete ein Kloster. Er hat seinen Sohn wegen Verrats t\u00f6ten lassen \u2013 und wurde 524 selbst mit seiner Familie kopf\u00fcber in einen Brunnen geworfen und ist gestorben. Er wurde zum Heiligen \u2013 warum auch immer.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center wp-block-paragraph\"><em>Zusammenfassung<\/em><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wenn ein Land missioniert wurde, einzelne Kl\u00f6ster errichtet wurden, Herrscher sich taufen lie\u00dfen \u2013 dann war die Bev\u00f6lkerung lange noch nicht christlich orientiert. Und das war ein langer Weg, auf dem die Kl\u00f6ster mit ihrer Bildungsoffensive Gro\u00dfartiges geleistet haben. Das war ein langer Weg des Ringens: Priester mussten lesen k\u00f6nnen (Bibel), kirchliche W\u00fcrdentr\u00e4ger mussten wirklich kirchliche W\u00fcrdentr\u00e4ger werden und nicht als Adlige der verl\u00e4ngerte Arm der weltlichen Herrscher bleiben, M\u00f6nche und Klerus mussten erst einmal gezeigt bekommen, wes Geistes Kind sie sind\u2026 \u2013 Es gibt gro\u00dfartige Leuchtt\u00fcrme in der Geschichte: Eben Kl\u00f6ster, Hochschulen, Architektur, Maler, Schriftsteller, einzelne Fromme \u2013 aber bis der eigentliche christliche Glaube langsam die Kultur in der Tiefe zu \u00e4ndern begann, dauerte es seine Zeit. Und wir leben heute davon recht gut \u2013 und merken freilich, dass sich Menschen andere, nichtchristliche Wege (Nationalismus, Nationalsozialismus, Kommunismus\/Sozialismus, Kapitalismus, ideologischer Liberalismus) suchen. Auch sie haben in der Vergangenheit zum Teil schon zu Millionen Toten gef\u00fchrt \u2013 wo sie wohl enden werden? In gr\u00f6\u00dferer Freiheit? Positiv ist auf jeden Fall, dass sie dazu beigetragen haben, dass das Christentum seine eigenen Fehler, seine eigene Schuld, die es im Mittelalter auf sich geladen hat, sehen lernte.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Diskutiere: Dunkles\/finsteres Mittelalter? (Ein paar Anmerkungen zum Mittelalter. Die Namen k\u00f6nnen als Ausgangspunkt f\u00fcr eigene Recherchen verwendet werden.) 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