{"id":564,"date":"2019-07-02T10:31:29","date_gmt":"2019-07-02T08:31:29","guid":{"rendered":"https:\/\/evangelische-religion.de\/ReligionNeu\/?page_id=564"},"modified":"2019-08-18T17:14:05","modified_gmt":"2019-08-18T15:14:05","slug":"christentum-und-gewalt","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/evangelische-religion.de\/ReligionNeu\/kirche\/christentum-und-gewalt\/","title":{"rendered":"Christentum und Gewalt"},"content":{"rendered":"\n<p style=\"text-align:center\" class=\"has-medium-font-size\">Christentum und Gewalt<\/p>\n\n\n\n<p style=\"color:#a30003\" class=\"has-text-color\">(Im Folgenden kann ich nur ganz kurze Hinweise geben \u2013 mit dem Arbeitsauftrag, die Hinweise durch Eigenrecherche zu vertiefen, die Aussagen zu differenzieren.)<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-color has-accent-color\">Zu dem Thema s. auch: <a href=\"https:\/\/evangelische-religion.de\/ReligionNeu\/mensch\/frieden-krieg-1\/\">https:\/\/evangelische-religion.de\/ReligionNeu\/mensch\/frieden-krieg-1\/<\/a>\u00a0\u00a0und:\u00a0<a href=\"https:\/\/evangelische-religion.de\/ReligionNeu\/mensch\/frieden-krieg-2\/\">https:\/\/evangelische-religion.de\/ReligionNeu\/mensch\/frieden-krieg-2\/<\/a> und:  <a href=\"https:\/\/evangelische-religion.de\/ReligionNeu\/verhalten-ethik\/jesus-und-gewaltlosigkeit\/\">https:\/\/evangelische-religion.de\/ReligionNeu\/verhalten-ethik\/jesus-und-gewaltlosigkeit\/<\/a> und: <a href=\"https:\/\/evangelische-religion.de\/ReligionNeu\/verhalten-ethik\/friedensweg\/\">https:\/\/evangelische-religion.de\/ReligionNeu\/verhalten-ethik\/friedensweg\/<\/a><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Jesus hat gefordert, seine Feinde zu lieben. Die Kreuzz\u00fcge bedeuteten Krieg. Wie ist das zu verstehen?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Christen lebten in den ersten Jahrhunderten pazifistisch. Sie lehnten auch den Milit\u00e4rdienst ab. Als Christen begannen, in einem Land mit die Verantwortung zu \u00fcbernehmen, mussten sie umdenken lernen. Es gibt grausame Menschen, auch V\u00f6lker. Weil die Menschheit sich von Anfang an selbst behaupten musste, um nicht unterzugehen (Hunger, Versklavungen), versuchten sich Menschen immer wieder auf Kosten anderer durchzusetzen. Und das mit \u00e4u\u00dferst brutalen, grausamen Mitteln. Es geschahen \u00dcberf\u00e4lle auf D\u00f6rfer und St\u00e4dte, Pl\u00fcnderungen, Sklavenz\u00fcge, Brandlegungen, Folter, Entf\u00fchrungen \u2013 alles was man sich an Grausamkeiten denken kann.<\/p>\n\n\n\n<p>Christen konnten nun nicht einfach zusehen, wie die Menschen ihres Staates vernichtet wurden. Und so begann der Kirchenvater <em>Augustinus<\/em> intensiv \u00fcber das Verh\u00e4ltnis von Staatsverantwortung und christlichem Glauben nachzudenken, denn in seiner Zeit rannten germanische St\u00e4mme \u2013 aus ihren Bereichen von den Hunnen vertrieben \u2013 gegen die Grenzen des R\u00f6mischen Reiches an.<\/p>\n\n\n\n<p style=\"text-align:center\"><em><strong>Augustinus<\/strong><\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Er sah das im 4.\/5. Jahrhundert so, dass die Kirche den Staat durchdringt \u2013 der Staat aber eine eigene Gr\u00f6\u00dfe ist. Die Kirche vertritt den Geist Jesu Christi in der Welt \u2013 der Staat muss im Bereich des s\u00fcndigen Menschen agieren. Beide sind aber nicht rein gut bzw. rein schlecht, sondern in der Kirche gibt es B\u00f6ses \u2013 aber das Gute dominiert und im Staat gibt es Gutes \u2013 aber B\u00f6ses dominiert. Und der Staat ben\u00f6tigt die Kirche, damit sie ihn dazu bringt, dem Guten nachzueifern, aber er hat die Aufgabe, das B\u00f6se einzugrenzen \u2013 auch mit Gewalt. Die Kirche kann nach dieser im Mittelalter dominanten Sicht nicht im Staat aufgehen. Beide, Staat und Kirche, bleiben getrennt. Augustinus sah angesichts der andr\u00e4ngenden Germanenst\u00e4mme die Notwendigkeit eines Verteidigungskrieges durch den Staat. Kriege d\u00fcrfen also nicht um der Kriege willen gef\u00fchrt werden, oder aus machtpolitischen, religi\u00f6sen Gr\u00fcnden, um zum Beispiel das eigene Reich zu erweitern, sondern aus Gr\u00fcnden der Verteidigung und mit dem Ziel, Frieden wieder herzustellen. Bei Augustinus spielt aber noch der Krieg eine Rolle, den Gott befehlen kann \u2013 eben auch, um Frieden wieder herzustellen.<\/p>\n\n\n\n<p style=\"text-align:center\"><em><strong>Nach Augustin<\/strong><\/em><strong><em>us<\/em><\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>In den folgenden Jahrhunderten ging das Thema hin und her. Denn es geht immer auch um die Frage der Konkretion in ganz bestimmten Situationen. Und da kamen dann gewichtige Stimmen auf, die Kriege auch erlaubten, wenn sie die Mission erleichtern, oder wenn sie gegen Ketzer gerichtet sind. Oder:&nbsp;<em>Karl der Gro\u00dfe<\/em>&nbsp;hat im 8. Jahrhundert die Sachsen bek\u00e4mpft, weil sie st\u00e4ndig die Grenzen seines Reiches missachteten. Als er sie besiegt hatte, forderte er von ihnen unter Androhung von Gewalt die Annahme des christlichen Glaubens, wer ihn nicht annahm, wurde get\u00f6tet. (Der Christ&nbsp;<em>Alkuin<\/em>&nbsp;wandte sich dagegen: Christentum wird mit Predigt und Unterweisung weitergegeben, nicht mit dem Schwert.) Ziel Karls: Die Stabilisierung seiner Herrschaft durch den einheitlichen christlichen Glauben in seinem Reich. Es wurden auch Stimmen laut, die sagten: Wenn Ungl\u00e4ubige Herrscher die Christen gut behandeln, d\u00fcrfen sie nicht bek\u00e4mpft werden.<\/p>\n\n\n\n<p style=\"text-align:center\"><strong><em>Thomas von Aquin<\/em><\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Dann gab es weitere \u00dcberlegungen, so von Thomas von Aquin, dem gro\u00dfen Denker des 13. Jahrhunderts. Er sah, dass auch der Staat nicht nur dem s\u00fcndigen Menschen entspricht, sondern dass auch der Staat an dem vern\u00fcnftigen G\u00f6ttlichen in der Welt teilhat. Und die Kirche l\u00e4sst den Staat das erkennen und f\u00fchrt ihn an, dem Guten zuzustreben. Es d\u00fcrfen dann Kriege gef\u00fchrt werden, wenn sie dazu dienen, in einer Gesellschaft die Ordnung aufrecht zu erhalten.<\/p>\n\n\n\n<p style=\"text-align:center\"><strong><em>Geistliche und weltliche Herrschaft<\/em><\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Die Kirchen haben selbst Gewaltt\u00e4ter selten verurteilt und hingerichtet. Sie lieferten die Verurteilten dem weltlichen Herrscher aus. Diese beiden Gr\u00f6\u00dfen: Kirche und Staat handelten manchmal miteinander, manchmal selbst\u00e4ndig, manchmal gegeneinander. Nicht alles, was im Mittelalter im Bereich des Rechts zu nennen ist, war mit der Kirche verkn\u00fcpft. Beide Gr\u00f6\u00dfen m\u00fcssen als selbst\u00e4ndige Gr\u00f6\u00dfen auseinander gehalten werden.<\/p>\n\n\n\n<p style=\"text-align:center\"><strong><em>Papst Urban II.<\/em><\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Diese oben vorgestellte Sicht besteht auch im Kontext der Kreuzz\u00fcge. Darum hat der Papst nicht selbst k\u00e4mpfen k\u00f6nnen, hat aber die weltlichen Herrscher dazu aufgerufen, gegen die Feinde zu k\u00e4mpfen (zum Teil wurden Muslime auch nicht als andere Religion angesehen, sondern als vom wahren Glauben abgefallene Christen). Und hier entsteht nun das Problem: Denn der Papst war gleichzeitig auch ein politisch m\u00e4chtiger Mann und die Trennung von Kirche und Staat konnte nicht mehr so ganz aufrecht erhalten werden. Von daher stehen die Kreuzz\u00fcge auch f\u00fcr Christen in einem eigenartigen Licht.<\/p>\n\n\n\n<p style=\"text-align:center\"><strong><em>Martin Luther<\/em><\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Einige Jahrhunderte nach den Kreuzz\u00fcgen hat Martin Luther (16. Jahrhundert) gesehen, dass Kirche wie Staat die Aufgabe haben, das B\u00f6se in der Welt zur\u00fcckzudr\u00e4ngen: Die Kirche durch Verk\u00fcndigung, der Staat auch mit Mitteln der Gewalt. Beide sind freilich selbst auch vom B\u00f6sen durchdrungen, weil das Reich Gottes, die gute Herrschaft Gottes eben noch nicht angebrochen ist. Und es folgte eine enge Zusammenarbeit zwischen Staat und Kirche, weil beide ja eine gemeinsame Aufgabe haben.<\/p>\n\n\n\n<p style=\"text-align:center\"><strong><em>Kolonialisierung S\u00fcdamerikas<\/em><\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Spanien unterwarf im 16. Jahrhundert S\u00fcd- und Mittelamerika \u00e4u\u00dferst brutal. Dagegen wandte sich <em>Bartholome de Las Casas<\/em>. Aber er hatte gegen die Mehrheit, gegen die Geldgier und Macht keine Chance. Die Argumente der brutalen Kolonialisierung waren: die Ureinwohner haben Menschen geopfert, Kannibalismus sei \u00fcblich, Missionare wurden ermordet, sexuelle Vergehen seien Normalit\u00e4t, der Papst w\u00fcrde nicht anerkannt, die Eroberer seien von Gott geleitet worden, weil die Indios unbelehrbar seien, sei gegen sie um des Friedens Willen, entschlossen vorzugehen (Apologie\/Vargas Machuca). Es wird deutlich, dass keine theologischen Argumente im Vordergrund standen. Las Casas sah alle Menschen als eine Einheit des Leibes Jesu Christi. Mit Menschen d\u00fcrfe man so nicht umgehen, Gottes Gebot sei, sie zu lieben, das Evangelium w\u00fcrde gesch\u00e4ndet. Das Leiden der Indios sei das Leiden Jesu Christi. <\/p>\n\n\n\n<p>Das habe ich ein wenig vertiefter dargestellt, um zu zeigen, dass nicht christliche Argumente im Vordergrund stehen, wenn Grausamkeiten begr\u00fcndet werden, sondern andere &#8222;Notwendigkeiten&#8220; &#8211; die immer wieder in allen m\u00f6glichen Situationen &#8211; diesen angepasst &#8211; genannt werden.<\/p>\n\n\n\n<p style=\"text-align:center\"><strong><em>Karl Barth<\/em><\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Der gro\u00dfe Theologe des 20. Jahrhunderts sah die Aufgabe des Staates nicht so sehr darin, das B\u00f6se zur\u00fcckzudr\u00e4ngen, sondern darin, Recht durchzusetzen und f\u00fcr Frieden zu sorgen. Und die Kirche treibt den Staat darin an, das auch zu tun. Von hier aus war Barth ein gro\u00dfer Gegner des nationalsozialistischen Staates, der eben nicht Recht und Frieden durchzusetzen suchte.<\/p>\n\n\n\n<p style=\"text-align:center\" class=\"has-text-color has-accent-color\"><strong><em>Das gro\u00dfe Problem<\/em><\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Die Frage stellt sich: <em>D\u00fcrfen sich Christen gegen Feinde wehren? <\/em>Als Individuum muss man das Feindesliebegebot Jesu beachten. Und so haben sich ja auch zu allen Zeiten hindurch Christen eher umbringen lassen als selbst andere \u2013 auch in Verteidigung \u2013 zu t\u00f6ten. Gilt das aber auch dann, wenn Christen als Gruppe angegriffen werden? Darf einer als kr\u00e4ftiger Mensch zulassen, dass alle Menschen seiner Gruppe einfach so get\u00f6tet, versklavt, misshandelt werden \u2013 auch dann, wenn ein gemeinsamer Kampf das verhindern k\u00f6nnte? Gebietet es nicht gerade die Liebe, sich den Gewaltt\u00e4tern entgegenzustellen \u2013 mit Gewalt? <\/p>\n\n\n\n<p>Parallel zu den oben genannten \u00dcberlegungen gibt es immer auch eine pazifistische Str\u00f6mung, das hei\u00dft: Kriege sind \u2013 wie jegliche Gewalt \u2013 mit Berufung auf Jesus abzulehnen. Hier sind vor allem die <em><strong>Qu\u00e4ker<\/strong><\/em> hervorzuheben, weil sie diese Sichtweise \u00fcber Jahrhunderte \u00fcberwiegend vertreten und gelebt haben.<\/p>\n\n\n\n<p>Aus der letztgenannten Sicht sind die Kreuzz\u00fcge vollst\u00e4ndig abzulehnen. Von den zuvor genannten Sichtweisen her gesehen, k\u00f6nnen sie ansatzweise legitimiert werden \u2013 denn es ging realpolitisch gesehen, um die Verteidigung von Byzanz gegen die massiven islamischen Expansionen (selbst Italien und die Stadt Rom war immer wieder angegriffen worden). Dass dann innerhalb der Kampfhandlungen Grausamkeiten ver\u00fcbt wurden, das ist aus der Sicht all der oben genannten Menschen nicht zu rechtfertigen. Denn es geht ihnen allen um Frieden, Recht, Ordnung \u2013 Angemessenheit der Mittel. (Heute stellt sich die Frage: K\u00f6nnen Massenvernichtungsmittel jemals angemessen sein? \u2013 Als Abschreckung? Wenn andere sie haben?) Da bricht sich doch der Mensch als S\u00fcnder immer wieder Bahn \u2013 selbst in den modernen Heeren, trotz Genfer Konvention usw.<\/p>\n\n\n\n<p style=\"text-align:center\"><em>Genfer Konvention:<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"http:\/\/www.humanrights.ch\/home\/de\/Instrumente\/Humanitaeres_Voelkerrecht\/Genfer_Abkommen\/idart_4622-content.html\">http:\/\/www.humanrights.ch\/home\/de\/Instrumente\/Humanitaeres_Voelkerrecht\/Genfer_Abkommen\/idart_4622-content.html<\/a><\/p>\n\n\n\n<p>Denkschrift der EKD: Aus Gottes Frieden leben \u2013 f\u00fcr gerechten Frieden sorgen:&nbsp;<a href=\"http:\/\/www.ekd.de\/download\/ekd_friedensdenkschrift.pdf\">http:\/\/www.ekd.de\/download\/ekd_friedensdenkschrift.pdf<\/a><\/p>\n\n\n\n<p style=\"text-align:center\"><em>Zu gegenw\u00e4rtigen innerkirchlichen Auseinandersetzungen:<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"http:\/\/www.ag-friedensforschung.de\/themen\/Kirche\/reinecke.html\">http:\/\/www.ag-friedensforschung.de\/themen\/Kirche\/reinecke.html<\/a><\/p>\n\n\n\n<p>Zu den oben genannten Qu\u00e4kern siehe:&nbsp;<a href=\"http:\/\/www.quaeker-stiftung.de\/hilfe-mit-tradition\/wer-sind-die-quaeker\/haeufig-gestellte-fragen\/index.html\">http:\/\/www.quaeker-stiftung.de\/hilfe-mit-tradition\/wer-sind-die-quaeker\/haeufig-gestellte-fragen\/index.html<\/a>&nbsp;(Frage 3.)<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Christentum und Gewalt (Im Folgenden kann ich nur ganz kurze Hinweise geben \u2013 mit dem Arbeitsauftrag, die Hinweise durch Eigenrecherche zu vertiefen, die Aussagen zu differenzieren.) Zu dem Thema s. auch: https:\/\/evangelische-religion.de\/ReligionNeu\/mensch\/frieden-krieg-1\/\u00a0\u00a0und:\u00a0https:\/\/evangelische-religion.de\/ReligionNeu\/mensch\/frieden-krieg-2\/ und: https:\/\/evangelische-religion.de\/ReligionNeu\/verhalten-ethik\/jesus-und-gewaltlosigkeit\/ und: https:\/\/evangelische-religion.de\/ReligionNeu\/verhalten-ethik\/friedensweg\/ Jesus hat gefordert, seine Feinde zu lieben. Die Kreuzz\u00fcge bedeuteten Krieg. 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