{"id":423,"date":"2019-07-01T16:06:42","date_gmt":"2019-07-01T14:06:42","guid":{"rendered":"https:\/\/evangelische-religion.de\/ReligionNeu\/?page_id=423"},"modified":"2026-05-07T10:26:52","modified_gmt":"2026-05-07T08:26:52","slug":"trauerphasen","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/evangelische-religion.de\/ReligionNeu\/mensch\/trauerphasen\/","title":{"rendered":"Trauerphasen"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"has-text-align-center has-medium-font-size\">TOD UND AUFERSTEHUNG: TRAUERPHASEN<\/p>\n\n\n\n<p>Um sich selbst in der eigenen Trauer oder andere trauernde Menschen besser verstehen zu k\u00f6nnen, ist es gut, Grunds\u00e4tzliches \u00fcber die Trauer und ihre Phasen zu kennen. Das folgende Modell der Trauerphasen hat die Psychologin Verena Kast entwickelt.<\/p>\n\n\n\n<p>Trauer beginnt mit dem Verlust eines geliebten Menschen \u2013 wann sie endet, ist offen, da sie bei jeden Menschen anders verl\u00e4uft.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center\"><strong>1. Trauerphase: Nicht-Wahrhaben-Wollen<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Wenn ein Mensch stirbt, erwartet oder unerwartet, k\u00f6nnen Angeh\u00f6rige sehr verst\u00f6rt, schockiert sein. Man will es nicht wahr haben, lebt zeitweise weiter, als sei dem nicht so. dennoch: Trauer ergreift den Menschen nicht allein psychisch, sondern auch der K\u00f6rper wird massiv in Mitleidenschaft hineingezogen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-black-color has-text-color\" style=\"text-decoration:underline\">M\u00f6gliche Hilfen in dieser Phase<\/p>\n\n\n\n<p>Trauernde auch in den allt\u00e4glichen Verrichtungen (Einkaufen) nicht allein lassen. Trauernden nahe sein \u2013 und sie aussprechen lassen, was sie wollen, ob es richtig ist oder falsch, und ihre Gef\u00fchle und Verhaltensweisen zulassen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center\"><strong>2. Trauerphase: Aufbrechende Emotionen<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Gef\u00fchle brechen heraus. Nicht allein Traurigkeit, sondern auch Zorn gegen den Verstorbenen, gegen Gott, gegen \u00c4rzte, gegen sich selbst: Selbstvorw\u00fcrfe, Schuldgef\u00fchle \u2013 beherrscht den Trauernden.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-black-color has-text-color\" style=\"text-decoration:underline\">M\u00f6gliche Hilfen in dieser Phase<\/p>\n\n\n\n<p>Gef\u00fchlsausbr\u00fcche welcher Art auch immer geh\u00f6ren zum Trauern. Welche Art auch immer an die Oberfl\u00e4che kommen: Helfende sollten nicht anfangen zu diskutieren, sondern zuh\u00f6ren. Auch nicht eigene Erlebnisse erz\u00e4hlen, vielleicht darauf hinweisen, dass man Malen kann, Musik h\u00f6ren, Tageb\u00fccher schreiben,\u2026, um die Trauer Bild oder Wort werden zu lassen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center\"><strong>3. Trauerphase: Suchen und Sich-Trennen<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Die N\u00e4he zum Verstorbenen wird gesucht, indem man sich an gemeinsame Erlebnisse erinnert, an Worte des Verstorbenen, Bilder, Videos ansieht. Man kommuniziert mit dem Verstorbenen, sucht seinen Rat (\u201eWas h\u00e4ttest du gemacht?\u201c), erf\u00e4hrt ihn emotional als anwesend, \u00fcbernimmt seine T\u00e4tigkeiten. Indem der Verstorbene gesucht wird, trennt man sich auch langsam von ihm und findet seinen eigenen Weg.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-black-color has-text-color\" style=\"text-decoration:underline\">M\u00f6gliche Hilfen in dieser Phase<\/p>\n\n\n\n<p>Erfahrungen des Trauernden zulassen, auch wenn man meint, sie nicht teilen zu k\u00f6nnen. Die immer wieder erz\u00e4hlten Erinnerungen aussprechen lassen. Nahe sein, wenn selbstzerst\u00f6rerische Gedanken kommen. Helfen, neue Wege zu gehen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center\"><strong>4. Trauerphase: Neuer Selbst- und Weltbezug<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Der Verstorbene hat seinen Platz im Herzen gefunden. Mit ihm im Herzen werden neue Lebensm\u00f6glichkeiten gesucht.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-black-color has-text-color\" style=\"text-decoration:underline\">M\u00f6gliche Hilfen in dieser Phase<\/p>\n\n\n\n<p>Sich selbst langsam zur\u00fcckziehen und erkennen, dass man nicht mehr unbedingt ben\u00f6tigt wird.<\/p>\n\n\n\n<p>***<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-black-color has-text-color\">Literatur:<\/p>\n\n\n\n<p>Quelle: Monika Specht-Tomann, Doris Tropper: Zeit des Abschieds, Sterbe- und Trauerbegleitung, D\u00fcsseldorf, Patmos 1999 &nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Die Johanniter. Aus Liebe zum Leben: <a href=\"http:\/\/www.lacrima-muenchen.de\/service-wissen\/hintergrundwissen\/trauerphasen\">www.lacrima-muenchen.de\/service-wissen\/hintergrundwissen\/trauerphasen<\/a>&nbsp;(2011 &#8211; die Seite ist leider nicht mehr vorhanden; es gibt nur noch die Hinweise auf die Trauerarbeit der Johanniter: <a href=\"https:\/\/www.johanniter.de\/juh\/lv-bayern\/rv-muenchen\/standorte-einrichtungen-im-regionalverband-muenchen\/lacrima-trauerbegleitung-fuer-kinder-in-muenchen-und-rosenheim\/trauerangebote-in-muenchen\/\">Lacrima Trauerangebote in M\u00fcnchen<\/a>)<\/p>\n\n\n\n<p>Verena Kast hat viele B\u00fccher zu dem Thema geschrieben, unter anderem: Trauern. Phasen und Chancen des psychischen Prozesses, Herder Verlag 2013. Ihr geht es darum, darzulegen, dass Trauern ein schmerzhafter aber dadurch sch\u00f6pferischer Prozess ist. Durch diesen wird der Mensch reifer.<\/p>\n\n\n\n<p>Margaret Stroebe und Henk Schut haben 1999 im Zusammenhang der Trauerphase sehr stark das emotionale Pendeln ausgearbeitet: Menschen pendeln hin und her zwischen Vergangenheit mit dem Gestorbenen und der neuen Gegenwart ohne den Verstorbenen. (The dual process model of coping with bereavement: rationale and description, in: Feath Studies 23,3,197-224) <\/p>\n\n\n\n<p>Auch hier ist auf Erika Schuchardt hinzuweisen, die im Rahmen von Krisenpsychologie darauf hinweist, dass Menschen auch in anderen Zusammenh\u00e4ngen (Liebeskummer, Ehescheidung, Verlust des Berufs, Verlust der Gesundheit usw.) in Identit\u00e4tsproblemen geraten k\u00f6nnen. In diesen sind manche Aspekte der Trauerbew\u00e4ltigung wiederzuerkennen. Oder es wird von manchen darauf hingewiesen, dass das, was im Rahmen der Sterbephasen besprochen wurde, auch auf andere Lebensbereiche ausgedehnt werden kann. <\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center has-black-color has-white-background-color has-text-color has-background has-medium-font-size\" style=\"text-transform:uppercase\"><strong>Anmerkungen mit Blick auf Trauerphasen im Krieg<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>(Ich wurde zu dem Thema im Rahmen eines Radio-Interviews befragt. In einer Phase meines Lebens war ich Trauerredner, habe mich also intensiv mit dem Thema Trauer besch\u00e4ftigt. In diesem Zusammenhang schrieb ich den folgenden Text.)<\/p>\n\n\n\n<p>Grob gesagt gibt es folgende <strong>Trauerphasen:<\/strong> <br>(a) Nicht-Wahrhaben-Wollen (zeitweise lebt man so weiter, als sei der Mensch nicht verstorben); <br>(b) Aufbrechende Emotionen (Zorn gegen \u00c4rzte, gegen den Verstorbenen, Schuldgef\u00fchle-Selbstvorw\u00fcrfe);<br>(c) Suchen und Sich-Trennen (N\u00e4he zum Verstorbenen wird gesucht, man erinnert sich an gemeinsame Erlebnisse, sieht sich Bilder und Videos an, kommuniziert mit dem Verstorbenen: Was h\u00e4ttest du gemacht\u2026, man \u00fcbernimmt seine T\u00e4tigkeiten \u2013 und lernt damit, den eigenen Weg zu gehen); <br>(d) Zuletzt findet man einen neuen Bezug zur Welt, zu sich selbst, zum Verstorbenen.<\/p>\n\n\n\n<p>Das hei\u00dft aber nicht, dass (b) und (c) abgeschlossen wurden. Sie k\u00f6nnen immer wieder aufbrechen, vor allem auch dann, wenn der Tod eines Kindes beklagt wird, wenn ungel\u00f6ste Fragen im Raum stehen bleiben \u2013 auch abh\u00e4ngig vom eigenen Lebenserfolg\/Lebens Misserfolg, f\u00fcr den man einen Grund sucht.<\/p>\n\n\n\n<p>Wie jedes Sterben ein ganz individuelles Sterben ist, so ist auch die Trauer etwas, was ganz individuell angesehen werden muss \u2013 trotz dieser Phasen: jeder Mensch trauert auf seine Weise. Das ist f\u00fcr manche unertr\u00e4glich. So k\u00f6nnen zum Beispiel manche Familienangeh\u00f6rige nicht verstehen, dass andere Angeh\u00f6rige schneller in den Alltag \u00fcbergehen k\u00f6nnen \u2013 andere verstehen nicht, wie man nur so lange emotional trauern kann. Das kann zu Spannungen f\u00fchren.<\/p>\n\n\n\n<p>So sind nicht nur der Grad der N\u00e4he zum Verstorbenen zu beachten, nicht nur die physische und psychische Konstellation des jeweiligen Angeh\u00f6rigen, sondern auch die Situation ist relevant, in der der Tod eingetreten ist. Ist ein Mensch pl\u00f6tzlich und unerwartet gestorben, so sind die Trauerphasen von einem anderen Charakter gepr\u00e4gt als wenn ein Mensch nach langer Krankheit und erhofftem Sterben stirbt. Es kann zum Beispiel schon die Trauerphase (a) im Kontext der Verschlimmerung der Krankheit eintreten, ebenso (b). Und wenn der Mensch dann gestorben ist, kann man erleichtert h\u00f6ren: Er ist befreit worden, endlich ist er gestorben, vom Leiden erl\u00f6st worden.<\/p>\n\n\n\n<p>Wenn wir nun die <strong>Trauerphasen in einem Krieg<\/strong> beachten, so k\u00f6nnen die Angeh\u00f6rigen damit rechnen, dass der Soldat nicht heimkehren wird. Jeder Abschied wird dann schon zu einer Art Abschied f\u00fcr immer. Soldaten entkamen h\u00e4ufig sehr gef\u00e4hrlichen Situationen, was sie dann voller Freude nach Hause berichteten &#8211; alle freuten sich \u00fcber Gl\u00fcck, Bewahrung, hofften, es w\u00fcrde so weiter gehen. Wenn dann der Tod wirklich eintritt, dann kann Zorn \u00fcber den Krieg, die Kriegstreiber sehr dominant werden. An dieser Stelle wird spannend, was in den Kriegsjahren des Nationalsozialismus erkannt werden kann: Die Staatspropaganda wandte sich massiv gegen Trauer, versuchte aber dadurch auch von dem Zorn gegen Hitler und co. abzulenken. Der Heldentod wurde propagiert. Angeh\u00f6rige sollen nicht nur nicht traurig sein, sie d\u00fcrfen nicht traurig sein, denn der Soldat starb ja als Held f\u00fcr Volk und F\u00fchrer. Trauer und Zorn zeigen war verp\u00f6nt. Und wie das Beispiel unten zeigt: Wenn man diese spannungsreichen Emotionen (du musst trauern &#8211; du darfst\/willst nicht trauern) nicht beherrschen konnte, konnte es zum Zusammenbruch f\u00fchren, aber auch zu einem emotionalen Erkalten. Zudem versuchten Herrscher diese Spannung zu kanalisieren dadurch, dass der Feind Schuld an dem Tod sei. <\/p>\n\n\n\n<p>Und wie sah es dann <strong>nach dem Krieg<\/strong> aus? <em>Da durften Menschen trauern<\/em>. Und ein Teil der Trauerphase bestand dann darin, den Ort zu suchen (z.B. Kriegsgr\u00e4berf\u00fcrsorge). An dem der Verstorbene zuletzt gelebt und gelitten hat. Erst als dann dieser Ort gefunden wurde, konnte die Trauerphase in eine ruhigere Phase \u00fcbergehen. Der Verstorbene beherrschte nicht mehr die Emotionen und das Denken, sondern es wurde f\u00fcr ihn ein Ort im Herzen und Erinnern gefunden. Ein normales Leben konnte weiter gelebt werden.<\/p>\n\n\n\n<p>Unmittelbar nach dem Krieg <em>konnte Trauer wiederum bei vielen nur sehr kurz gewesen<\/em> sein, weil sie einfach ums \u00dcberleben k\u00e4mpfen mussten, so zum Beispiel die Heimatvertriebenen. Die auf ihrer Flucht unendlich viele Tote gesehen haben und auch selbst Menschen verloren haben, die nicht mehr weiter gehen konnten und starben. Grenzenlose Trauer h\u00e4tte gest\u00f6rt, \u00dcberleben verhindert. Aber auch das konnten manche nicht verstehen \u2013 so gab es Spannungen zwischen den Menschen. &nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Was ist, wenn <strong>ein Mensch vermisst<\/strong> wurde, wenn Angeh\u00f6rige nicht wussten, ob er gestorben ist oder nicht? Soweit ich mitbekommen habe, ist die Hoffnung dominant, dass er doch zur\u00fcck kommen wird. Um aber Gewissheit zu bekommen, ob er noch lebt (also die Hoffnung berechtigt ist), oder gestorben ist (also keine Hoffnung mehr ist, sondern sich den <em>Trauerphasen, die ja schon in den Menschen keimten<\/em>, ausliefern konnte), haben sehr viele Menschen in der ersten Phase des Chaos alle m\u00f6glichen Menschen befragt: Wei\u00dft du was von\u2026? Und dann wurde \u00fcber den Suchdienst des Roten Kreuzes gesucht \u2013 allein 2016 wurden noch 9.000 Anfragen (vor allem auch Kinder und Enkel \u2013 also die unbew\u00e4ltigte <em>Trauerphase \u00fcbergreift Generationen<\/em> \u2013 weil es um die eigene Identit\u00e4t geht: Wer war mein Vater\u2026?) gestellt. <\/p>\n\n\n\n<p>Ich kann mir denken, dass in solchen F\u00e4llen die Trauerphasen extrem gedehnt wurden, dass dann aber, weil viele das emotional gar nicht aushalten, irgendwann die Trauerphase (d) eintreten muss: Menschen finden neuen Weltbezug (ohne [a] bis [c] wirklich begriffen zu haben). Es gibt Beispiele daf\u00fcr, dass Menschen sehr schnell wieder geheiratet haben, auch das konnte passieren. Nicht unbedingt, weil Liebe im Spiel war, sondern die Frage der Sicherheit dominant im Raum steht. Hier denke ich, dass dann \u2013 je nach Mensch \u2013 auch die <em>Trauer einfach in sich verkapselt<\/em> wird. <\/p>\n\n\n\n<p>Es sei erinnert an <strong>Wolfgang Borchert<\/strong>: Drau\u00dfen vor der T\u00fcr. Der Kriegsgefangene Beckmann kommt nach drei Jahren wieder heim \u2013 und die Gesellschaft hat sich massiv ver\u00e4ndert, will von der Vergangenheit gar nichts mehr wissen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>TOD UND AUFERSTEHUNG: TRAUERPHASEN Um sich selbst in der eigenen Trauer oder andere trauernde Menschen besser verstehen zu k\u00f6nnen, ist es gut, Grunds\u00e4tzliches \u00fcber die Trauer und ihre Phasen zu kennen. Das folgende Modell der Trauerphasen hat die Psychologin Verena Kast entwickelt. 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