{"id":358,"date":"2019-07-01T15:29:05","date_gmt":"2019-07-01T13:29:05","guid":{"rendered":"https:\/\/evangelische-religion.de\/ReligionNeu\/?page_id=358"},"modified":"2019-07-10T18:27:02","modified_gmt":"2019-07-10T16:27:02","slug":"homo-psychologicus-2","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/evangelische-religion.de\/ReligionNeu\/verhalten-ethik\/homo-psychologicus-2\/","title":{"rendered":"Homo Philosophicus"},"content":{"rendered":"\n<p style=\"text-align:center\" class=\"has-medium-font-size\">Homo Philosophicus<\/p>\n\n\n\n<p>In uns Menschen steckt der Philosoph, derjenige, der \u00fcber sich selbst und das Leben nachdenkt. Man kann Situationen erleben und denkt: Ist alles vorherbestimmt? Oder man denkt: Wer w\u00e4re ich, wenn eine andere Samenzelle eine andere Eizelle getroffen h\u00e4tte? Wer w\u00e4re ich, wenn ich in einem anderen Kulturkreis aufgewachsen w\u00e4re \u2013 w\u00e4re ich dann ein ganz anderer? So denken wir uns dann manchmal durch den Alltag, h\u00f6ren dann aber auf, auf diese Art zu denken, die Welt \u201ein-Frage-zu stellen\u201c, weil wir denken, dass vertieftes Denken nicht gerade dazu beitr\u00e4gt, unseren Alltag zu bew\u00e4ltigen, der sich im Wesentlichen um die Selbsterhaltung (samt Familie) dreht. Kleine Kinder fragen viel und entdecken darum auch viel, sie staunen \u00fcber Gott und die Welt \u2013 Erwachsene sind in dieser Hinsicht vielfach eher eingeschr\u00e4nkt, sie glauben die Welt zu kennen. Allerdings gibt es Menschen, die Philosophen, die \u00fcber alles m\u00f6gliche in der Welt nachdenken. Dieses Nachdenken ist nicht nur ein Privatvergn\u00fcgen, sondern es beeinflusst die Gesellschaft. So sind wir heute zum Beispiel auch von dem gepr\u00e4gt, was der Philosoph Kant gedacht hat. Philosophen k\u00f6nnen neue Ans\u00e4tze in die Gesellschaft hineinbringen, etwas ausarbeiten, woran die Menschen bislang nicht gedacht haben. Damit k\u00f6nnen sie das Leben und Zusammenleben zwar nicht nur verbessern, bringen aber zumindest neue Impulse.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Mensch ist stolz auf seine F\u00e4higkeit zu denken. Er ist stolz auf die F\u00e4higkeit zu sprechen \u2013 und die Sprache und die damit verbundenen Vorstellungen immer weiter auszudehnen, Gedankenwelten zu errichten. Das unterscheidet ihn vom Tier. Und er kann auch stolz darauf sein \u2013 auch dann, wenn es manchmal nur wie abstrakte Wortspielereien erscheint.<\/p>\n\n\n\n<p>In diesem Zusammenhang ist auch der <em>Homo Philosophicus<\/em> zu betrachten. Auch er ist wie der <em>Homo Oeconomicus<\/em>, der <em>Homo Sociologicus<\/em>, der <em>Homo Psychologicus<\/em> ein Kunstprodukt. Kein Mensch kann so sein wie er gedacht wird. Es ist eine Art idealer Denker, ein Denker, der unabh\u00e4ngig von jeglichen menschlichen St\u00f6rungen einfach nur logisch denkt, seinen Verstand \u00fcberh\u00f6ht und mit dem Denken meint, sich selbst, die Welt und das so genannte G\u00f6ttliche vollst\u00e4ndig zu erfassen. Der griechische Philosoph <em>Sokrates<\/em> hat im Apollos-Heiligtum in Delphi erfahren:<em> \u201eErkenne dich selbst!\u201c&nbsp; (Gnothi seauton) <\/em>\u2013 und das ist dem fiktiven <em>Homo Philosophicus<\/em> der Ausgangspunkt. Der griechische Philosoph <em>Platon<\/em> sagte: Nur der Philosoph erkennt die wahre Welt \u2013 entsprechend kann er nicht nur die wahre Welt erkennen, sondern auch die richtigen Gesetze geben, die Gesellschaft ordnen. Dann kam im Laufe der Jahrhunderte die Logik zum Homo Philosophicus dazu, sodass er nun in der Lage ist, sich selbst, die Welt und Gott logisch zu erfassen.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Philosoph <em>Quassim Cassam<\/em> bringt ein Beispiel f\u00fcr einen Homo Philosophicus. Man geht mit einer solchen fiktiven Person essen; der Kellner kommt und fragt, was man trinken m\u00f6chte; man antwortet: \u201eeinen Gin Tonic\u201c. Da fragt dann der Homo Philosophicus: \u201eWoher wei\u00dft du, dass du einen Gin Tonic willst?\u201c Das hei\u00dft, er ist einer, der alles eruiert, alles erfassen will, die eigenen W\u00fcnsche, das Wollen, das Handeln. Zwischen W\u00fcnschen und Wollen liegt ein gro\u00dfer Unterschied: Will man wirklich, was man sich w\u00fcnscht? W\u00fcnscht man sich wirklich, was man will? (Eine Verteidigung der Denkfaulen: Man muss an dieser Stelle vorsichtig sein. Ich habe einmal einen Text geh\u00f6rt: Ein Tausendf\u00fc\u00dfler wurde von einem Marienk\u00e4fer bestaunt, weil er einfach so seine 1000 F\u00fc\u00dfe bewegen kann. Und er fragte den 1000-F\u00fc\u00dfler: \u201eMit welchem Fu\u00df f\u00e4ngst du an zu laufen?\u201c Seitdem kam der 1000-F\u00fc\u00dfler nicht mehr vom Fleck, weil er sich st\u00e4ndig verhedderte.)<\/p>\n\n\n\n<p>Der Homo Philosophicus geht allem rational-logisch auf den Grund. Er ist sehr gebildet, kann alles in einen logischen Zusammenhang bringen, Natur \u2013 Welt \u2013 Metaphysik (Transzendenz\/Gott), und dazu verwendet er dann Worte, Begriffe, die er zuweilen selbst erfindet, um eben die Welt mit einem logischen Gedankengeb\u00e4ude durchdringen zu k\u00f6nnen. Denn er hat ja recht, mit der oben genannten Frage nach dem: \u201eWoher wei\u00dft du, dass du einen Gin Tonic willst?\u201c Um mit Cassam weiterzuf\u00fchren: Wenn ich nun gesagt h\u00e4tte, in Mombasa regnet es, h\u00e4tte der Homo Philosophicus zu recht gefragt: \u201eWoher wei\u00dft du das?\u201c Entsprechend ist es logisch, dass er fragt: \u201eWoher wei\u00dft du, was du zu trinken w\u00fcnschst?\u201c Weiter gef\u00fchrt: Es geht nicht allein mit W\u00fcnschen so. Auch f\u00fcr seine \u00dcberzeugungen muss man Gr\u00fcnde angeben \u2013 und zwar rational-logische.<\/p>\n\n\n\n<p>An dieser Stelle muss man jedoch unterscheiden zwischen Verstand und Vernunft: Als Verstand wird das bezeichnet, was m\u00f6glichst rational die Welt zu durchdringen sucht. Der Verstand ist jedoch nur ein Teil des Menschen, der aus Emotion, aus Sozialisation, aus seinem Charakter, seiner biologischen Verfassung, seiner ganz eigenen kognitiven F\u00e4higkeit besteht. Und als ein solch vielf\u00e4ltiges Wesen hat der Mensch seine \u00dcberzeugungen gewonnen \u2013 es ist ihm gar nicht mehr m\u00f6glich, sie alle rational-logisch zu durchdringen. Der Mensch ist immer ein \u201eunvollendeter\u201c Denker \u2013 was die Logik betrifft. Entsprechend scheint ihm manchmal etwas logisch, was einem anderen unlogisch erscheint. Der \u201erational-logische\u201c Verstand ist nur ein Teil der (auch) emotionalen Vernunft.<\/p>\n\n\n\n<p>Aber wie das so ist: Auch wenn der Mensch noch so rational alles durchdringt, auch sich selbst, dann gibt es doch Ereignisse, die ihm verdeutlichen, dass er in Wirklichkeit was anderes wollte, als er sich w\u00fcnschte oder was anderes w\u00fcnschte als er wollte. Er hat sich so und so eingesch\u00e4tzt, doch dann kommt eine Situation und er muss lernen, dass er sich selbst falsch eingesch\u00e4tzt hatte. So lernt der Mensch aus unterschiedlichsten Gr\u00fcnden, wenn er denn will, sich selbst kennen \u2013 aber das hat dann letztlich nichts mit Logik zu tun, sondern mit der F\u00e4higkeit, sich selbst zu beobachten. Manchmal ist es so, dass man sein Denken nicht in Worte fassen kann, dann aber etwas h\u00f6rt \u2013 und empfindet diese Worte so, dass sie dem eigenen Denken entsprechen. Das hei\u00dft: Manches schlummert in einem, ben\u00f6tigt einen Menschen oder Ereignisse, die es auf die Bewusstseinsebene heben.<\/p>\n\n\n\n<p>Was sagt dazu der Homo Philosophicus? \u201eDas ist zu wenig. Man muss sich selbst genau erkennen, um selbst zu wissen, was man will, welche Werte man vertritt, welche \u00dcberzeugungen man hat, um sich selbst treu bleiben zu k\u00f6nnen.\u201c Aber bleibt nur der Mensch sich selbst treu, der sich radikal analysiert hat? Was bedeutet es eigentlich, sich selbst treu zu bleiben im Wandel der Erfahrungen? Der Homo Philosophicus kann sich grunds\u00e4tzlich nicht selbst treu bleiben, weil er rational-logisch gar nicht ans Ende des Nachdenkens \u00fcber sich selbst kommt. Als Mensch \u2013 nicht als fiktiver Homo Philosophicus \u2013 sollte man schon versuchen, sich im Rahmen der eigenen M\u00f6glichkeiten selbst zu erkennen, und dann zu staunen, wenn Ereignisse eintreten, die \u201ezuf\u00e4llig\u201c die Selbsterkenntnis f\u00f6rdern. Ganz unlogisch.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Homo Philosophicus ist, wie oben geschrieben, ein Kunstprodukt. Manche Menschen streben dem nach, ein solcher Mensch zu werden, der alles logisch durchdringt und glaubt auch, es geschafft zu haben. Er ist so eine Art philosophische Barbiepuppe. Manche versuchen den K\u00f6rper a la Barbie aussehen zu lassen \u2013 derjenige, der dem Homo Philosophicus nachstrebt, wird eine Art Verstandes-Barbie. Anders als Barbie-Nachahmerinnen, die einfach nur ihrem Ideal entsprechen und bewundert werden wollen, beansprucht der Homo Philosophicus eben Erkenntnisse, die der normale Homo Sapiens nicht hat, und versucht wie der Philosophen-K\u00f6nig Platons sich selbst m\u00e4chtig f\u00fchlend, die Welt zu beherrschen. Allerdings dominieren zu seinem gro\u00dfen Leidwesen andere, eben die Unlogischen, die Irrationalen. Diese haben dann in ihrem irrationalen Denken nichts besseres zu tun, als dem Homo Philosophicus zu fragen: \u201eWoher wei\u00dft du, dass rational-logisches Denken wirklich die vollst\u00e4ndige Selbst- und Welterkenntnis zur Folge hat?\u201c Zu diesem Text s.: http:\/\/www.philosophersmag.com\/index.php\/component\/content\/article?id=98:what-do-you-really-want<\/p>\n\n\n\n<p style=\"color:#a30003\" class=\"has-text-color has-background has-background-color-background-color\"><strong>Aufgabe:<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p style=\"color:#a30003\" class=\"has-text-color\">Wie sch\u00e4tzt Du Jesus ein, was das rational-logische Durchdringen des Menschen betrifft? (Denke zum Beispiel an seine Gleichnisse\/Bildworte: Lies Markus 4,30-32; Lukas 15,3-10; Matth\u00e4us 7,3-5; 7,24-27. Was haben Gleichnisse, das rational-logische Texte nicht haben?)<\/p>\n\n\n\n<p style=\"color:#a30003\" class=\"has-text-color\">\u00dcberlege: Welche Gattungen verwendete Jesus bevorzugt, um den Menschen zu einer Stellungnahme mit Blick auf sein Welt- und Gottesbild zu bewegen? (Ein Tipp: Lies Lukas 15,11ff.; Lukas 12,13-21.)<\/p>\n\n\n\n<p style=\"color:#a30003\" class=\"has-text-color\">Jesus geht es darum, dass der Mensch von seinem bisherigen s\u00fcndigen\/asozialen Leben zu Gott umkehrt und mit anderen eine gottgem\u00e4\u00dfe Gemeinschaft bildet. Das bedeutet, dass der Mensch in sich geht und erst einmal erkennt, dass er asozial war. Wie versucht Jesus das zu erreichen? Welche Texte fallen Dir dazu ein? (Matth\u00e4us 5,21-48; 7,1-6; 25,31ff.; 18,21ff.)<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Homo Philosophicus In uns Menschen steckt der Philosoph, derjenige, der \u00fcber sich selbst und das Leben nachdenkt. 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