{"id":349,"date":"2019-07-01T15:24:42","date_gmt":"2019-07-01T13:24:42","guid":{"rendered":"https:\/\/evangelische-religion.de\/ReligionNeu\/?page_id=349"},"modified":"2019-07-10T18:25:39","modified_gmt":"2019-07-10T16:25:39","slug":"homo-oeconomicus","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/evangelische-religion.de\/ReligionNeu\/verhalten-ethik\/homo-oeconomicus\/","title":{"rendered":"Homo Oeconomicus"},"content":{"rendered":"\n<p style=\"text-align:center\" class=\"has-medium-font-size\">Homo Oeconomicus<\/p>\n\n\n\n<p>W\u00e4hrend die Soziologie Gruppenprozesse und Gruppendynamik untersucht und damit auch die Individuen, die in diesen Gruppenprozessen involviert sind, spielt bei dem <em>Homo Oeconomicus<\/em> das Individuum keine Rolle, sondern das Ergebnis des Verhaltens einer Gruppe \u2013 die <em>Resultate von Gruppenprozessen werden individualisiert<\/em>, wie der Begriff&nbsp;Homo Oeconomicus&nbsp;ausspricht. Der Homo Oeconomicus ist also kein Mensch, sondern <em>eine zum \u201eMenschen\u201c gemachte Verhaltensweise, die alles andere (zum Beispiel soziales Miteinander, Moral, Traditionen\/Kultur, Psyche) ausblendet<\/em>.<\/p>\n\n\n\n<p>Was kennzeichnet den von allem anderen reduzierten Homo Oeconomicus laut <em>John Stuart Mill<\/em>? Er ist lieber reich als arm, arbeitet lieber wenig als viel, konsumiert jetzt, nicht nachher. Der Homo Oeconomicus ist aber nicht nur lieber das eine statt das andere, sondern er handelt m\u00f6glichst rational, weil er m\u00f6glichst effektiv ans Ziel seiner eigenen Interessen kommen will. Rational bedeutet hier: Die vorhandenen Ressourcen werden so eingesetzt, dass mit ihnen ein Maximum an Gewinn bzw. Konsum erbracht wird. Um das erreichen zu k\u00f6nnen, muss er im Besitz s\u00e4mtlicher Informationen sein, um die beste Entscheidung treffen zu k\u00f6nnen. Weniger bis gar nicht werden in dieser Rechnung psychische Faktoren ber\u00fccksichtigt, wie zum Beispiel: Schlechtes Gewissen. Die Menschen sind ihm im Grunde egal \u2013 es sei denn, er kann durch die Kooperation mit m\u00f6glichst wenig Aufwand einen maximalen Nutzen erlangen. Das gilt auch f\u00fcr die Umwelt: Sie ist ihm egal, aber gleichzeitig setzt die Begrenztheit der Ressourcen Grenzen, das hei\u00dft er muss sie ber\u00fccksichtigen, um eben Gewinn maximieren zu k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n<p>Nun hat in unserer Zeit ein Wertewandel stattgefunden: der Mensch wird wichtig, die Umwelt wird wichtig. Aber dieser Wertewandel konnte nur dadurch stattfinden, dass der Homo Oeconomicus die Basis daf\u00fcr geschaffen hat: Wenn man die Grundbed\u00fcrfnisse befriedigen kann, dann kann man weiterdenken und Korrekturen anbringen \u2013 aber eben immer noch auf der Basis des Homo Oeconomicus. Freilich geht es \u00fcber die Grundbed\u00fcrfnisse hinaus \u2013 er wendet sich den hohen Bed\u00fcrfnissen, dem Luxus zu (also eine Luxushierarchie). Wie Henry Ford schon erkannte: Wenn die Arbeiter zu wenig verdienen, k\u00f6nnen sie nicht das Produkt kaufen \u2013 und der Produzent verdient zu wenig, hat somit keine Ressourcen, um in der weiterf\u00fchrend Forschung innovativ t\u00e4tig zu werden. Wenn also eine Gesellschaft verarmt, kann der Homo Oeconomicus keinen Gewinn machen. Das Problem heute besteht allerdings darin: Wenn eine Gesellschaft verarmt, wird der Homo Oeconomicus den Menschen, die f\u00fcr wenig Geld etwas produzieren, nicht mehr Geld zugestehen, da er das Produkt auf dem weltweiten Markt verkauft, auf dem er mehr Geld daf\u00fcr bekommt. Das ist sozusagen ein Problem der Globalisierung. Dieses Problem betrifft bislang die \u00e4rmeren L\u00e4nder, sodass es kaum zu einem Problem der reichen L\u00e4nder, in denen der Homo Oeconomicus \u00fcberwiegt, geworden ist.<\/p>\n\n\n\n<p>Es gibt Ans\u00e4tze, dagegen anzugehen, das hei\u00dft, der Homo Oeconomicus (der ja nicht nur aus Firmenchefs besteht, sondern aus den Konsumenten der reichen L\u00e4nder insgesamt, die sozusagen diese Struktur des Homo Oeconomicus verinnerlicht haben) in den reichen L\u00e4ndern bekommt so eine Art schlechtes Gewissen: Menschen anderer L\u00e4nder m\u00fcssen unter den guten Bedingungen arbeiten k\u00f6nnen, wie die Menschen in den reichen L\u00e4ndern; oder die Natur muss so wertgesch\u00e4tzt werden wie in den reichen L\u00e4ndern \u2013 was letztlich aber bedeutet, dass das finanziell die Quadratur des Kreises verlangt.<\/p>\n\n\n\n<p>Allerdings stellt sich die Frage mit Blick auf die Bed\u00fcrfnishierarchie: Soll es den Menschen in armen L\u00e4ndern so gut gehen wie den Menschen in reichen L\u00e4ndern \u2013 oder eben nur so gut, dass sie ihre Grundbed\u00fcrfnisse befriedigen k\u00f6nnen, und der Homo Oeconomicus im reichen Land ein gutes Gewissen hat? Wie dem auch sei: Der Homo Oeconomicus wird wieder einen neuen Weg finden, der es ihm erm\u00f6glicht, aufgrund knapper werdender Ressourcen (sauberes Wasser, keine Atomverstrahlung, gute Luft, Umweltauflagen, Stadt-Land-Problem, Infrastruktur, keine D\u00fcrren\/\u00dcberschwemmungen) m\u00f6glichst viel Gewinn zu machen, indem er sich dem Wertewandel anpasst.<\/p>\n\n\n\n<p>Wieweit das letztlich m\u00f6glich ist, ist vom Geschick des Homo Oeconomicus abh\u00e4ngig, der dann auch bereit ist, wenn der Wertewandel in einem Teil der Gesellschaft zu stark wird, sich aus diesem Land zur\u00fcckzuziehen, um in einem anderen, g\u00fcnstigeren Land zu produzieren. Damit k\u00f6nnen die Luxus-Bed\u00fcrfnisse der Menschen in dem reichen Land nicht mehr befriedigt werden \u2013 sp\u00e4ter, angesichts der wirtschaftlichen Abw\u00e4rtsspirale, auch die Grundbed\u00fcrfnisse nicht mehr. Allerdings gewinnt der Homo Oeconomicus (wenn auch nur mit gro\u00dfer Anstrengung) der in den ehemals reichen L\u00e4ndern durch den Wertewandel zusammengefallen ist, in der Gesellschaft langsam wieder Oberwasser, denn er will wieder trotz der Ressourcen-Minimierung maximalen Gewinn erlangen.<\/p>\n\n\n\n<p>Anders gesagt: Die Firmen wandern ab, wenn die Auflagen zu hoch werden, wenn also kein Gewinn mehr zu machen ist. Darum versucht die Politik der reichen L\u00e4nder die Wirtschaft weltweit zu vereinheitlichen, damit die Firmen nicht abwandern k\u00f6nnen. Die Politik ist n\u00e4mlich Teil des Systems des Homo Oeconomicus. Sie versucht allerdings nicht nur den Produzenten Vorschriften zu machen, sondern auch den Konsumenten, wenn beide jeweils nicht dem Kosten-Nutzen-Denken entsprechen (zum Beispiel in Umweltfragen). Die Angst besteht n\u00e4mlich, dass der Homo Oeconomicus der reichen L\u00e4nder, falls er nicht befriedigt wird, zu einem rei\u00dfenden Wolf unter rei\u00dfenden W\u00f6lfen wird (<em>Hobbes<\/em>: Der Mensch ist dem Menschen ein Wolf).<\/p>\n\n\n\n<p style=\"color:#a30003\" class=\"has-text-color has-background has-background-color-background-color\"><strong>Aufgaben:<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p style=\"color:#a30003\" class=\"has-text-color\">Vergleiche diese Sicht mit dem christlichen Menschenbild https:\/\/evangelische-religion.de\/christliche-ethik.html .<\/p>\n\n\n\n<p style=\"color:#a30003\" class=\"has-text-color\">Wie w\u00fcrde Jesus auf dieses Menschenbild reagieren? https:\/\/evangelische-religion.de\/ethik\u2014jesus.html<\/p>\n\n\n\n<p style=\"color:#a3000f\" class=\"has-text-color\">Welche Werte w\u00fcrde Jesus diesem Homo Oeconomicus entgegenstellen?<\/p>\n\n\n\n<p>Unabh\u00e4ngig von dem oben skizzierten Homo Oeconomicus ist der Mensch ein handelndes Wesen:<\/p>\n\n\n\n<p>Der Mensch muss seinen Unterhalt bestreiten, darum muss er arbeiten \u2013 und die meisten Menschen tun das auch. Sie bieten an, was sie landwirtschaftlich produziert haben, andere ben\u00f6tigen das und darum kann sich der Mensch, der seine landwirtschaftlichen Waren angeboten hat, wieder etwas von einem anderen besorgen, er kann bezahlen oder tauschen. Menschen vernetzen sich, indem jeder etwas zum \u00dcberleben des anderen beitr\u00e4gt. Neben landwirtschaftlichen Produkten kamen handwerkliche Produkte dazu (T\u00f6pfer, Schmuckhersteller, Zimmerm\u00e4nner\u2026), zudem Dienstleistungen: Menschen, die selbst nichts produzieren, aber verwalten (Verwalter, Organisatoren), schreiben (Schreiber) und seelische Bed\u00fcrfnisse (Priester) und k\u00f6rperliche Bed\u00fcrfnisse (Hygiene) der Menschen befriedigten, der Verteidigung dienten (Soldaten) und dem Recht (Richter). Es entstand ein Wirtschaftssystem aus Selbst\u00e4ndigen, Angestellten, Sklaven. Um \u00fcberleben zu k\u00f6nnen, musste man allerdings etwas anbieten, das auch nachgefragt wurde. Entsprechend musste der Mensch kreativ werden. Wirtschaft und Gesellschaft lassen sich nicht auseinander dividieren.<\/p>\n\n\n\n<p>Die wirtschaftlichen Prozesse der Vergangenheit untersucht die <em>Wirtschaftsgeschichte<\/em>. Die wirtschaftliche Gegenwart in verschiedensten Bereichen untersuchen die <em>Wirtschaftswissenschaften<\/em>, zum Beispiel die Volkswirtschaftslehre, Betriebswirtschaft, Finanzwissenschaft. Die <em>Wirtschaftstheorie<\/em> versucht die Zusammenh\u00e4nge herauszuarbeiten, <em>Wirtschaftspolitik<\/em> nimmt die Zukunft in den Blick. All das beschreibend (deskriptiv), theoretisch, aufs praktische Handeln bezogen (pragmatisch) und normativ.<\/p>\n\n\n\n<p style=\"color:#a30003\" class=\"has-text-color has-background has-background-color-background-color\"><strong>Aufgaben:<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p style=\"color:#a30003\" class=\"has-text-color\">Aus welchen Bereichen entnimmt Jesus viele Themen seiner Gleichnisse? (Siehe Markus 4; Matth\u00e4us 18,21ff.; Matth\u00e4us 20,1ff.)<\/p>\n\n\n\n<p style=\"color:#a30003\" class=\"has-text-color\">Wie sieht Jesus das Thema: Arm-Reich? (Matth\u00e4us 6; Lukas 12,16ff.; Lukas 16,19ff.; Lukas 18,18ff.)<\/p>\n\n\n\n<p style=\"color:#a30003\" class=\"has-text-color\">Paulus schreibt mit einem Sprichwort. Dem Ochsen, der drischt, sollst du nicht das Maul verbinden. Ein Sch\u00fcler des Paulus schreibt: Arbeite, damit du etwas hast, das du teilen kannst. Nimm&nbsp; Stellung zu diesen Aussagen.<\/p>\n\n\n\n<p>*<\/p>\n\n\n\n<p style=\"text-align:center\" class=\"has-medium-font-size\"><strong>Angedacht<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Am Rande sei auch auf den <em><strong>Homo aedificus<\/strong><\/em> hingewiesen. Den Begriff habe ich gepr\u00e4gt \u2013 vielleicht gibt es einen entsprechenden schon, der Folgendes kennzeichnet: Der Mensch muss bauen. Er baut nicht nur H\u00e4user und Fabrikanlagen, er baut nicht allein Stra\u00dfen, er begradigt Fl\u00fcsse, baut Deiche und Staumauern, baut Br\u00fccken und Tunnel. Alles unterbaut, \u00fcberbaut und durchw\u00fchlt er. Er f\u00e4llt die W\u00e4lder \u2013 und bebaut sie selbst nach eigenem Gutd\u00fcnken \u2013 macht aus wilden W\u00e4ldern Parkanlagen, die besser kontrolliert werden k\u00f6nnen. Macht aus wilden Herden ein Teil seines Zoos und beschneit die Berge dort, wo er es will. Er baut, damit er das Wetter kontrollieren kann, die Meere, die Erde. Er ist ein Natur-Kontroll-Freak. Und wenn er Natur begegnet, sie fotografiert, dann macht er sie \u201esch\u00f6ner\u201c mit Bearbeitungsprogrammen. (Auch er selbst nimmt sich nicht so, wie er ist.) Damit verliert er auch etwas: Die Ahnung, dass er Teil der Natur ist, dass die Natur gr\u00f6\u00dfer ist als er. Er kann nicht mehr durchatmen, nicht mehr durch sich hindurch str\u00f6men lassen, was vor wenigen Jahrhunderten noch <em>naturtheologische Erfahrung<\/em> war: Natur als Ort der Begegnung mit Gott. R\u00fcckzugsort f\u00fcr das Gebet, das Alleinsein mit Gott. Er begegnet \u00fcberall nur sich selbst.<\/p>\n\n\n\n<p>Aber der Mensch ist flexibel, Gott ist flexibel. Er wird sich immer zur Sprache bringen. Dass der Mensch Sehnsucht hat nach Natur, das bricht immer wieder hervor. Aber eben: Nach kontrollierbarer Natur. Zumindest im Augenblick.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Homo Oeconomicus W\u00e4hrend die Soziologie Gruppenprozesse und Gruppendynamik untersucht und damit auch die Individuen, die in diesen Gruppenprozessen involviert sind, spielt bei dem Homo Oeconomicus das Individuum keine Rolle, sondern das Ergebnis des Verhaltens einer Gruppe \u2013 die Resultate von Gruppenprozessen werden individualisiert, wie der Begriff&nbsp;Homo Oeconomicus&nbsp;ausspricht. Der Homo Oeconomicus [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"parent":89,"menu_order":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","template":"","meta":{"footnotes":""},"class_list":["post-349","page","type-page","status-publish","hentry"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/evangelische-religion.de\/ReligionNeu\/wp-json\/wp\/v2\/pages\/349","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/evangelische-religion.de\/ReligionNeu\/wp-json\/wp\/v2\/pages"}],"about":[{"href":"https:\/\/evangelische-religion.de\/ReligionNeu\/wp-json\/wp\/v2\/types\/page"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/evangelische-religion.de\/ReligionNeu\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/evangelische-religion.de\/ReligionNeu\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=349"}],"version-history":[{"count":6,"href":"https:\/\/evangelische-religion.de\/ReligionNeu\/wp-json\/wp\/v2\/pages\/349\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":1125,"href":"https:\/\/evangelische-religion.de\/ReligionNeu\/wp-json\/wp\/v2\/pages\/349\/revisions\/1125"}],"up":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/evangelische-religion.de\/ReligionNeu\/wp-json\/wp\/v2\/pages\/89"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/evangelische-religion.de\/ReligionNeu\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=349"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}