{"id":346,"date":"2019-07-01T15:22:54","date_gmt":"2019-07-01T13:22:54","guid":{"rendered":"https:\/\/evangelische-religion.de\/ReligionNeu\/?page_id=346"},"modified":"2019-12-03T11:05:29","modified_gmt":"2019-12-03T10:05:29","slug":"singers-praeferenzutilitarismus","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/evangelische-religion.de\/ReligionNeu\/verhalten-ethik\/singers-praeferenzutilitarismus\/","title":{"rendered":"Singers Pr\u00e4ferenzutilitarismus"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"has-text-align-center has-medium-font-size\">Peter Singers Pr\u00e4ferenzutilitarismus<\/p>\n\n\n\n<p>Der atheistische Ethiker Peter Singer bringt als moralisches Kriterium den Pr\u00e4ferenzutilitarismus ins Spiel.<\/p>\n\n\n\n<p>Utilitarismus bedeutet: Alles muss dem Gl\u00fcck m\u00f6glichst vieler Menschen dienen.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Individuum hat im Grunde keine Chance, wenn er dem Gl\u00fcck der Menge dienen kann\/muss.<\/p>\n\n\n\n<p>Pr\u00e4ferenzutilitarismus im Sinne Singers:<\/p>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\"><li>Jedes Lebewesen hat Pr\u00e4ferenzen, W\u00fcnsche, Erwartungen\u2026<\/li><li>Es geht nicht mehr nur um das gr\u00f6\u00dfte Gl\u00fcck des Menschen, sondern um das gr\u00f6\u00dfte Gl\u00fcck aller bzw. der Mehrheit der Lebewesen.<\/li><li>In den Entscheidungsprozess ist aber nicht einzuordnen: Ich bin der Gr\u00f6\u00dfte \u2013 dann die Verwandten usw. Ich und die Verwandten haben im Pool der Lebewesen keine h\u00f6here Priorit\u00e4t.<\/li><li>Die Fokussierung der Moral und der Gesetze auf den Menschen ist in Frage zu stellen. Sie sind gut und wichtig, aber sie m\u00fcssen aus der Perspektive des Pr\u00e4ferenzutilitarismus in Frage gestellt werden, vor allem weil Moral und Gesetze aus der christlichen Tradition kommen, entsprechend nicht reflektiert und argumentativ begr\u00fcndet sind, sondern letztbegr\u00fcndet, das hei\u00dft als Gebot Gottes. Eine \u00dcberbetonung des Menschen ist Speziesismus \u2013 eine Art Rassismus.<\/li><\/ul>\n\n\n\n<p>Da aber auch Singer nicht den Kohlkopf und die Wanze mit dem Menschen gleichsetzt, unterteilt er Pr\u00e4ferenzen: Dazu geh\u00f6ren zum Beispiel Gef\u00fchl und Selbstbestimmung. das hei\u00dft:<\/p>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\"><li>Weniger zu ber\u00fccksichtigen sind Lebewesen, die kein Gef\u00fchl haben \u2013 eben Kohlkopf und Wanze.<\/li><li>St\u00e4rker zu ber\u00fccksichtigen sind Lebewesen mit Gef\u00fchl.<\/li><li>Noch st\u00e4rker sind es Lebewesen, denen Autonomie, Selbstbewusstsein, Rationalit\u00e4t zugeordnet werden.<\/li><li>Wir Menschen k\u00f6nnen nicht wissen, auf welche Tiere das zutrifft. Von daher muss er sich das denken, muss sich in die Tiere einf\u00fchlen. Von daher gibt es eben Tiere, denen in Singers Pr\u00e4ferenzutilitarismus mehr Raum gegeben wird.<\/li><\/ul>\n\n\n\n<p>Er w\u00e4hlt also (vgl. Aristoteles) aus \u2013 gibt den Pr\u00e4ferenzen eine Wertigkeit und sieht auch den Menschen als einen an, der sich in andere Lebewesen hineinversetzen soll. Was freilich ein Knacks in seiner logischen Argumentation bildet. Wir Menschen sind der Ma\u00dfstab daf\u00fcr, bestimmten Tieren Pr\u00e4ferenzen zuzuweisen. Von daher haben Delfine, Pferde, Elefanten, Eisb\u00e4ren gute Chancen. Sie sind so sympathisch. Die guten Chancen betreffen auch Wissenschaftler, die sich mit ihnen besch\u00e4ftigen \u2013 sie bekommen mehr Forschungsgelder.<\/p>\n\n\n\n<p>Ungeborenes Leben ist nicht in die Frage nach Pr\u00e4ferenzen einzuordnen, da es weder Selbstbestimmung, Rationalit\u00e4t noch Autonomie hat. Es hat nur so lange Lebensrecht, als sich Menschen in das ungeborene Leben hineindenken k\u00f6nnen und ihre eigenen Pr\u00e4ferenzen zur\u00fcckstellen. Aber das ist nicht notwendig.<\/p>\n\n\n\n<p>Kritik:<\/p>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\"><li>Menschenversuche sind m\u00f6glich mit Ungeborenen oder denen, denen keine Pr\u00e4ferenz zuzuweisen ist (warum gliedert er Komat\u00f6se bzw. Demente aus \u2013 nur, weil sie Selbstbestimmung usw. hatten? \u2013 unlogisch \u2013 von daher blitzt immer mal wieder durch, dass er auch an sie denkt). Wie sieht es aus mit T\u00f6tung ungeborenen Lebens, weil es zu viel Menschen auf der Erde gibt? Das gr\u00f6\u00dftm\u00f6gliche Gl\u00fcck f\u00fcr die Menschheit und die Tierwelt ist eine Reduzierung der Menschheit.<\/li><li>Es wird gesagt, dass Singer nicht die T\u00f6tung von Ungeborenen und Behinderten will, sondern nur die Tiere hervorheben will. Aber auch das hat einen logischen Knacks: Man muss nicht Tiere hervorheben durch Erniedrigung von Menschen. Das kommt darauf an, wo Singer die Grenze setzt. Wenn er die Ungeborenen mit ihren Pr\u00e4ferenzen beachten w\u00fcrde, w\u00e4ren sie schlagartig auch dabei im Entscheidungsfindungsprozess.<\/li><li>Er setzt willk\u00fcrlich Grenzen. Die Grenzen sind modernes Denken. Mutter will Berg besteigen \u2013 Kind st\u00f6rt \u2013 Kind kann abgetrieben werden, weil es dem Gl\u00fcck der Mutter und der Bergsteigergruppe st\u00f6rt. Es kommt nicht darauf an, welche Pr\u00e4ferenzen ein Wesen haben wird, sondern in diesem Augenblick hat. Das hat nichts mehr mit Moral und Ethik zu tun, sondern ist einfach nur der Versuch einer Begr\u00fcndung dessen, was die Menschen in ihrem Egoismus, Hedonismus wollen. Man kann auch nicht Rechtspraxis (in den USA Sp\u00e4tabbruch) als Begr\u00fcndung daf\u00fcr benutzen, dass man dann auch S\u00e4uglinge bis zur zweiten Woche nach der Geburt t\u00f6ten darf. Ethik hat Vorgaben zu machen und nicht \u00fcble Praxis zu rechtfertigen.<\/li><li>Warum wiegt die Pr\u00e4ferenz einer Schildkr\u00f6te, die davor gesch\u00fctzt werden soll, in die Suppe zu kommen, mehr als die des Ungeborene oder des S\u00e4uglings bis zur 2. Woche? Weil die ausgereifte Schildkr\u00f6te ihr nat\u00fcrliches Ziel erreicht hat. Er h\u00e4lt sich selbst nicht an seine Kriterien, sondern setzt Ausnahmen. Er m\u00fcsste die Kindst\u00f6tung auch ablehnen \u2013 tut er aber nicht, weil er einfach das begr\u00fcnden will, was eine bestimmte \u201emoderne\u201c Gruppe in der Welt haben will.<\/li><li>Zudem: Man kann die Grenzen ja auch anders setzen, statt Rationalit\u00e4t\u2026 \u2013 kann man sagen: Rasse, Klasse, Gruppenst\u00e4rke, Macht, \u2026 Er hat die Schleusen \u00fcbler Diskussionen ge\u00f6ffnet, indem er einfach festlegt, was an Kriterien wichtig ist, andere Gruppen mit anderen Interessen und Durchsetzungsverm\u00f6gen (Sozialdarwinismus) haben damit die Basis bekommen, ihre eigenen Kriterien aufzustellen.<\/li><li>Traditionell verstandene W\u00fcrde, Grundrechte werden durch Singer missachtet \u2013 sie sind eben religi\u00f6s begr\u00fcndet, was er ablehnt. Damit lehnt er auch Ans\u00e4tze anderer Atheisten ab, die nur seinen Ansichten widersprechen: Sie sind kryptoreligi\u00f6s.<\/li><li>Zudem: Interessenausgleich ist anzustreben zwischen allen Wesen. Das ist praktisch nicht m\u00f6glich. Gerade auch in Dilemma-Situationen. Und Singer m\u00f6chte eine Ethik liefern, die f\u00fcr den modernen Menschen praktikabel ist.<\/li><\/ul>\n\n\n\n<p>Die Diskussion um Singer ist auch aus dem Grund interessant, weil atheistische Ans\u00e4tze betonen, dass nicht nur Religionen Moral haben, sondern auch Atheisten. Singer ist ein negatives Beispiel daf\u00fcr, wie aus atheistischer Sicht argumentiert wird. Auch&nbsp;<strong>Richard Dawkins<\/strong>, der der Meinung ist, dass Natur Verhalten lehrt und der Naturwissenschaftler darlegen kann, was richtiges Verhalten ist, bietet aus religi\u00f6ser Sicht \u2013 aber auch aus der Sicht vieler ethisch gesinnter Atheisten \u2013 eine unzureichende Erkl\u00e4rung f\u00fcr Moral. Diese Sichtweisen sind wie die religi\u00f6sen Vorstellungen nicht logisch bzw. experimentell zu beweisen. Wenn die Evolution Lehrmeisterin in Sachen Moral ist, landen wir beim Sozialdarwinismus. Dagegen sieht ein anderer Atheist (Russell) zu recht, dass wir in Fragen der Ethik vor einem Problem stehen, weil ethisches Handeln nicht in Frage gestellt werden kann.<\/p>\n\n\n\n<p>Was Dawkins zum Thema T\u00f6tung Ungeborener mit Down Syndrom sagt: Treib ab \u2013 versuch es noch einmal. Begr\u00fcndung: Es sei unmoralisch ein solches Kind zur Welt zu bringen \u2013 unmoralisch aus der Sicht des Kindes, weil man es leiden l\u00e4sst, ihm das Gl\u00fcck verweigert. Zudem bereitet man sich auch selbst Sorgen und die meisten machen es. Das habe mit Eugenik nichts zu tun, weil Down-Syndrom nicht vererbbar sei. Auch wenn man es lieben w\u00fcrde \u2013 aber das sei kein logisches Argument. Die Frage, ob ein Ungeborenes schon Person sei, beantwortet er anders als Singer. Person seien Geborene \u2013 vor der Geburt ist es eine Art gradueller \u00dcbergang&nbsp;<a href=\"https:\/\/de.richarddawkins.net\/articles\/abtreibung-und-down-syndrom-eine-entschuldigung-dafur-dass-ich-die-hunde-des-twitterkrieges-entfesselt-habe\">https:\/\/de.richarddawkins.net\/articles\/abtreibung-und-down-syndrom-eine-entschuldigung-dafur-dass-ich-die-hunde-des-twitterkrieges-entfesselt-habe<\/a><\/p>\n\n\n\n<p>Wenn Gl\u00fcck zum Ma\u00dfstab wird \u2013 um nur diesen Aspekt anzusprechen \u2013 dann ist der besonders gl\u00fccklich, der sich das kaufen kann, was er will, der das bekommt, was er will. Der Mensch strebt nicht nach H\u00f6herem, sondern danach seine paar Jahre h\u00f6chstm\u00f6glich leidlos zu leben. Wenn es nicht gelingt? Was aus der Perspektive Wohlhabender f\u00fcr viele der Fall sein sollte, die eben nichts haben, die behindert sind, krank, einsam \u2013 was machen sie, was machen die Armen, dann mit so einem Leben? Wer Gl\u00fcck ins Zentrum r\u00fcckt, st\u00f6\u00dft Ungl\u00fcckliche tiefer ins Ungl\u00fcck. Es ist eine \u201eEthik\u201c von\/f\u00fcr Wohlstandsmenschen, die nicht genug \u201eWohlgef\u00fchl\u201c haben k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Michael Zander<\/strong>: Philosophie der Angst\u00a0<a href=\"https:\/\/no218nofundis.files.wordpress.com\/2015\/05\/philosophie-der-angst.pdf\">https:\/\/no218nofundis.files.wordpress.com\/2015\/05\/philosophie-der-angst.pdf\u00a0<\/a>(in: Junge Welt, 2011) und  <a href=\"https:\/\/www.nf-farn.de\/tiere-schuetzen-menschen-toeten\">https:\/\/www.nf-farn.de\/tiere-schuetzen-menschen-toeten<\/a>  (Fachstelle Radikalisierungspr\u00e4vention; ohne Jahr [nach 2015]) wendet sich (soweit ich dem Beitrag erschlie\u00dfe, als nichtreligi\u00f6ser Mensch) sowohl gegen Singer, als auch gegen die Giordano-Bruno-Stiftung, die solche Menschen wie Singer auszeichnet. Er wendet sich gegen die utilitaristische Sicht, dass Menschen n\u00fctzen m\u00fcssen, wendet sich gegen die Fokussierung auf Menschen mit Down-Syndrom, er kritisiert, dass nur religi\u00f6sen Menschen zugetraut wird, sich gegen Singer zu wenden \u2013 auch Atheisten wenden sich gegen dessen Sicht. Denn: F\u00fcr Behinderte einzutreten hat nichts mit Christentum zu tun, sondern mit Humanismus. Singer verteidigt sich, indem er sagt, dass seine Sicht sich von der Euthanasie der Nationalsozialisten unterscheide, was Zander nicht plausibel findet. Zudem wendet sich Singer dagegen, dass Menschen gegen seine Sicht protestieren, somit sei Singer auch gegen Meinungsfreiheit. Man d\u00fcrfe nicht Behinderte von anderen Menschen unterscheiden, das ist das inhumane Problem bei Singer, dass er das tut. Dagegen k\u00f6nnen auch Behinderte Gl\u00fcck empfinden und es sei Illusion zu glauben, es k\u00f6nne menschliches Leben ohne Leiden geben. Der menschenverachtende Ansatz Singers findet viele Anh\u00e4nger und wird als \u201eideologisches Angebot\u201c gerade auch in Zeiten wirtschaftlicher Not ebensolche finden.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Beitrag von Zander zeigt im Grunde, dass \u2013 wie er sagt \u2013 es kein Verdienst sei, Atheist zu sein. Die Sichtweise eines Atheisten ist nicht unbedingt vom Humanismus gepr\u00e4gt, wie an Singer, an der Giordano-Bruno-Stiftung, und an dem \u201eSoziobiologen\u201c Volker Sommer, der die Laudatio f\u00fcr Singer halten soll, zu sehen ist.<\/p>\n\n\n\n<p>Fazit:<\/p>\n\n\n\n<p>Zusammenfassend kann gesagt werden: Auch atheistische Sichtweisen sind nicht sakrosankt, auch die Berufung auf Logik und Verstand kann in ethisch-moralischen Fragen massive inhumane Folgen haben. Von daher sind atheistische Sichtweisen nur eine Stimme, eine Meinung unter vielen \u2013 somit der Diskursethik unterworfen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Peter Singers Pr\u00e4ferenzutilitarismus Der atheistische Ethiker Peter Singer bringt als moralisches Kriterium den Pr\u00e4ferenzutilitarismus ins Spiel. Utilitarismus bedeutet: Alles muss dem Gl\u00fcck m\u00f6glichst vieler Menschen dienen. Das Individuum hat im Grunde keine Chance, wenn er dem Gl\u00fcck der Menge dienen kann\/muss. Pr\u00e4ferenzutilitarismus im Sinne Singers: Jedes Lebewesen hat Pr\u00e4ferenzen, W\u00fcnsche, [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"parent":89,"menu_order":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","template":"","meta":{"footnotes":""},"class_list":["post-346","page","type-page","status-publish","hentry"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/evangelische-religion.de\/ReligionNeu\/wp-json\/wp\/v2\/pages\/346","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/evangelische-religion.de\/ReligionNeu\/wp-json\/wp\/v2\/pages"}],"about":[{"href":"https:\/\/evangelische-religion.de\/ReligionNeu\/wp-json\/wp\/v2\/types\/page"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/evangelische-religion.de\/ReligionNeu\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/evangelische-religion.de\/ReligionNeu\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=346"}],"version-history":[{"count":3,"href":"https:\/\/evangelische-religion.de\/ReligionNeu\/wp-json\/wp\/v2\/pages\/346\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":1966,"href":"https:\/\/evangelische-religion.de\/ReligionNeu\/wp-json\/wp\/v2\/pages\/346\/revisions\/1966"}],"up":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/evangelische-religion.de\/ReligionNeu\/wp-json\/wp\/v2\/pages\/89"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/evangelische-religion.de\/ReligionNeu\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=346"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}