{"id":329,"date":"2019-07-01T15:12:02","date_gmt":"2019-07-01T13:12:02","guid":{"rendered":"https:\/\/evangelische-religion.de\/ReligionNeu\/?page_id=329"},"modified":"2019-10-10T15:18:13","modified_gmt":"2019-10-10T13:18:13","slug":"christliche-ethik","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/evangelische-religion.de\/ReligionNeu\/verhalten-ethik\/christliche-ethik\/","title":{"rendered":"Christliche Ethik"},"content":{"rendered":"\n<p style=\"text-align:center\" class=\"has-medium-font-size\">GRUNDLAGEN CHRISTLICHER ETHIK<\/p>\n\n\n\n<p style=\"text-align:center\"><strong>1. Allgemeine Hinweise zur Ethik<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Der Mensch kann<\/p>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\"><li>urteilen, entscheiden, werten.<\/li><li>in Konfliktsituationen verantwortungsvoll handeln.<\/li><li>in Auseinandersetzungen Werte argumentativ einbringen.<\/li><\/ul>\n\n\n\n<p class=\"has-text-color has-accent-color\">Christliche Ethik hat es wie jede Ethik mit der individuellen Lebensf\u00fchrung zu tun und der Gestaltung der Gesellschaft.<\/p>\n\n\n\n<p style=\"color:#7400a3\" class=\"has-text-color\">Sie ist die Reflexion eines im Sinne des christlichen Glaubens gef\u00fchrten Lebens und bietet Ma\u00dfst\u00e4be f\u00fcr ein gutes\/gelingendes Leben: als Individuum und als soziales Wesen \u2013 unter Einbezug der nichtmenschlichen Welt (Tiere, Umwelt insgesamt).<\/p>\n\n\n\n<p style=\"color:#a3002c\" class=\"has-text-color\">Christliche Ethik hat es nicht mit gesetzlichem Leben zu tun, sondern mit selbst-verantwortetem Leben auf der Basis der in der Bibel dargelegten Gesetze \u2013 aus der Perspektive Jesu Christi \u2013 mit Hilfe des Geistes Gottes. Von daher ist christliche Ethik im Grunde nicht von allen zu fordern, da sie nur aus der Beziehung zu Jesus Christus realisiert werden kann. Wird sie verallgemeinert, kann sie ideologische Z\u00fcge bekommen. Dennoch muss sie versuchen, Menschen zu \u00fcberzeugen, auch wenn sie nicht dem christlichen Glauben angeh\u00f6ren, da ihr Anspruch darin besteht, dem Willen Gottes, damit das Wohl des Menschen als Gottes Gesch\u00f6pf zu dienen.<\/p>\n\n\n\n<p>Christliche Gruppen k\u00f6nnen unterschiedliche ethische Schwerpunkte setzen (z.B. intensivere Betonung des Gesetzes, der Bestrafung durch Gott; Einsiedler haben andere Schwerpunkte als Christen im sozialen Miteinander, usw.). So lange sie miteinander im Geist Jesu Christi menschlich umgehen, ist das kein Problem. Da wir Menschen aber eben gerade das h\u00e4ufig nicht k\u00f6nnen &#8211; als S\u00fcnder &#8211; wird es zu einem Problem.<\/p>\n\n\n\n<p style=\"color:#00a333\" class=\"has-text-color\"><strong>Anmerkung:<\/strong> In der Antike empfand man christliche Ethik als eine neue Ethik. Hinter der christlichen Argumentation stand eine neue Philosophie. Die <em>Philosophie der Antike <\/em>sah in allem die g\u00f6ttliche Vernunft die Ordnung wirken. Von daher musste Ethik versuchen, das Vern\u00fcnftige in der Natur zu finden, entsprechend dann zu handeln. Die <em>christliche Ethik<\/em> erkannte, dass Gottes Willen getan werden m\u00fcsse. Man musste f\u00fcr das vern\u00fcnftige Handeln einen Ma\u00dfstab finden, und dieser liegt nicht in den Widerspr\u00fcchen der Natur. Ma\u00dfstab f\u00fcr das, was vern\u00fcnftig ist, ist Gottes Wort. Weil aber Gott der Sch\u00f6pfer ist, bietet auch die Natur Anhaltspunkte zu richtigem Verhalten. Aber eben nur gemessen am Wort Gottes. Wir befinden uns damit am Beginn ethischer Diskussionen. <em>Heute<\/em>, 2000 Jahre sp\u00e4ter, ist man in der <em>nichtchristlichen Ethik<\/em> eher der Ansicht: Gut ist, was dem Menschen gut tut. Aber das bestimmt nicht das Individuum, sondern muss argumentativ ausgehandelt werden, da das, was dem Menschen gut tut, insgesamt auch sch\u00e4dlich sein kann (f\u00fcr Menschen allgemein und Umwelt). Christliche Ethik meldet Vorbehalte an, da der Mensch die Zukunft nicht kennt, wei\u00df er auch nur begrenzt, was gut ist.<\/p>\n\n\n\n<p style=\"text-align:center\"><strong>2. Das christliche Menschenbild<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Dazu siehe Grundlage und Ausganspunkt:&nbsp;<a href=\"https:\/\/evangelische-religion.de\/ReligionNeu\/verhalten-ethik\/jesus-und-ethik\/\">https:\/\/evangelische-religion.de\/ReligionNeu\/verhalten-ethik\/jesus-und-ethik\/<\/a><\/p>\n\n\n\n<p>Auf der Basis Jesu Christi haben Christen weiter gedacht und weiter formuliert: Der Mensch ist vor Gott (<em>coram Deo<\/em>) ein <em>S\u00fcnder<\/em> \u2013 und: Der Mensch erkennt sich als S\u00fcnder \u2013 durch das Gesetz Gottes (R\u00f6m 7) und durch das ihm von Gott geschenkte Gewissen, denn er ist auf Gott hin geschaffen. Durch das <em>Gewissen<\/em> erkennt er sich als einen, der nicht immer in der Lage ist, gottgem\u00e4\u00df, das hei\u00dft, sich selbst und anderen Menschen gegen\u00fcber angemessen, zu handeln. Weil er sich aber als einen erkennen kann, der falsch handelt, ist in ihm auch der Keim des Guten vorhanden. Er kann das Gute in Bezug auf andere Menschen nur ansatzweise realisieren, aber nie vollkommen. \u201eAnsatzweise\u201c insofern, weil niemand die wahren Beweggr\u00fcnde des Handelns kennt, die langfristigen Folgen ebenso nicht usw. (Ist die Handlung gut \u2013 aber der Beweggrund schlecht? Ist die Handlung gut \u2013 aber die Folge schlecht?) Das Idealbild ist: Der Mensch ist so, wie er handelt \u2013 handelt so, wie er ist; und: Er handelt in <em>Einklang mit Gott<\/em> (Mt 5,48: Seid vollkommen, wie der himmlische Vater vollkommen ist). Das \u00fcberfordert ihn als S\u00fcnder. Dar\u00fcber hinaus ist er eingebunden in <em>strukturelle S\u00fcnde<\/em> (S\u00fcnde einer Gruppe, in die das Individuum eingebunden ist, und das nichts dagegen tun kann, h\u00e4ufig auch gar nicht bemerkt: z.B. wirtschaftliche Ungerechtigkeiten).<\/p>\n\n\n\n<p>Eine Anmerkung zum Thema <em>Erbs\u00fcnde:<\/em> Die Vorstellung, die hinter dem Begriff steht: Der Mensch gibt seit Adam seine S\u00fcnde an kommende Generationen weiter \u2013 von Individuum zu Individuum. Heute sieht man eher, dass der Mensch als Kollektiv \u201eS\u00fcnder\u201c ist \u2013 bzw. weniger religi\u00f6s ausgesprochen: Jeder verh\u00e4lt sich asozial. Dazu siehe:&nbsp;<a href=\"https:\/\/evangelische-religion.de\/ReligionNeu\/verhalten-ethik\/boeses-verhalten\/\">https:\/\/evangelische-religion.de\/ReligionNeu\/verhalten-ethik\/boeses-verhalten\/<\/a><\/p>\n\n\n\n<p>Eine Anmerkung zum Thema <em>Endgericht<\/em>: Der Mensch ben\u00f6tigt Verhaltensma\u00dfst\u00e4be, damit er lernt, sich sozial zu verhalten. Sozial verhalten bedeutet, sich dem Willen Gottes gem\u00e4\u00df zu verhalten. Es liegt aber am Menschen, sich diesem zu verweigern. Die Gr\u00fcnde sind unter anderem Egoismus und Hedonismus. Jesus versucht den Menschen dazu zu bringen, sich angemessen zu verhalten, indem er \u00fcberwiegend damit lockt: Im Reich Gottes gibt es Schalom, das Reich Gottes ist Schalom (Frieden, Gemeinschaft, Wohlergehen, Gesundheit, Freiheit usw.). Wer sich das ersehnt, soll sich entsprechend schon jetzt verhalten. Wer sich Schalom gem\u00e4\u00df verh\u00e4lt, bekommt Gottes Schalom. Wer sich von Gottes Schalom abwendet, der bekommt Gottesferne. Diese Drohung mit der Gottesferne bekommt im Matth\u00e4usevangelium immer st\u00e4rker Z\u00fcge dessen, was wir heute unter H\u00f6lle kennen. Im Mittelalter wurde dieser Aspekt der Drohung hervorgehoben, der Aspekt des Lockens wurde ganz klein geschrieben (wurde aber nicht vergessen!). <\/p>\n\n\n\n<p style=\"text-align:center\"><strong>3. Gott setzt Verhaltensma\u00dfst\u00e4be<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-color has-accent-color\"><em><strong>Indikativ und Imperativ:<\/strong><\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Gott liebt den Menschen (<em>Indikativ<\/em>) \u2013 der Mensch reagiert mit Liebe zu Gott und Mensch. Diese entsprechende Reaktion wird auch erwartet (<em>Imperativ<\/em>). (Das bedeutet: Nicht das gesetzliche Handeln steht im Vordergrund, auch nicht der Gehorsam gegen\u00fcber g\u00f6ttlichen Geboten, sondern: <em>Wer sich von Gott angenommen und geliebt wei\u00df, hat den Drang, andere anzunehmen und diese Liebe weiterzugeben.<\/em> Die Seligpreisungen gehen in Matth\u00e4us 5-7 den Forderungen\/Antithesen voran. Den alttestamentlichen Geboten geht die Befreiung aus der Sklaverei voran.)<\/p>\n\n\n\n<p style=\"color:#a30003\" class=\"has-text-color\"><em><strong>Gottes Liebe ist sichtbar in:<\/strong><\/em><\/p>\n\n\n\n<ol class=\"wp-block-list\"><li>Gottes Wirken in \/ durch Jesus Christus (Zuwendung: Heilungen, Worte \u2013 Gleichnisse\u2026, Leben + Sterben zeigen Gottes Liebe).<\/li><li>Sch\u00f6pfung: Gott schuf den Menschen nach seinem Bild; entsprechend hat jeder Mensch von Gott W\u00fcrde bekommen (1. Buch Mose \/ Genesis 1).<\/li><li>Gott gibt den Menschen mit den 10 Geboten (Dekalog; (5. Mose \/ Deuteronomium 5) und mit dem Doppelgebot der Liebe (Liebe Gott und den N\u00e4chsten: Mt 22,37ff.) Ma\u00dfst\u00e4be.<\/li><li>Botschaft der Bergpredigt (Matth\u00e4us 5-7) + Gleichnisse: Auch in ihnen zeigt er seine F\u00fcrsorge und sein Zutrauen zu uns Menschen: Es kommt nicht allein auf das \u00e4u\u00dfere Tun an, sondern darauf, sich von Gott erneuern zu lassen.<\/li><li>\u201eGottes Reich\u201c ist das \u201eH\u00f6chste Gut(e)\u201c (summum bonum: h\u00f6chster handlungsleitender Wert): Das kommende Reich Gottes als Ausdruck der Liebe Gottes wird zum Handlungsmuster: In Freiheit dem anderen Menschen dienen.<\/li><li>Neben diesen zentralen Themen\/Texten liegen im Alten Testament konkrete Aufforderungen vor, in denen Gottes Ma\u00dfstab durch Propheten verdeutlicht wird, im Neuen Testament liegen Texte vor, in denen Nachfolger Jesu Gottes konkrete Anweisungen weitergeben.<\/li><\/ol>\n\n\n\n<p style=\"color:#a30003\" class=\"has-text-color\"><em><strong>Folge der Liebe Gottes:<\/strong><\/em><\/p>\n\n\n\n<ol class=\"wp-block-list\"><li>Glaubende sind frei von Menschen und deren Gesetzen \u2013 allein gebunden an Gottes liebenden Willen durch den Heiligen Geist (Augustinus: Liebe \u2013 und tue was du willst).<\/li><li>Glaubende m\u00fcssen nicht auf sich selbst achten \u2013 sind allerdings so frei, auch sich selbst zu lieben (Liebe deinen N\u00e4chsten wie dich selbst: 3. Buch Mose \/ Levitikus 19,18 + Mt 22,39).<\/li><li>Sie k\u00f6nnen mutig und verantwortungsvoll handeln, weil sie bei falschen Entscheidungen weder Gottes Strafe f\u00fcrchten m\u00fcssen noch den Tod und die S\u00fcnde. (Freilich: Als Handlungskorrektiv scheint mancher Mensch \u2013 auch Christ \u2013 die Warnung zu ben\u00f6tigen.)<\/li><li>Das Wirken des Geistes f\u00fchrt zur Gemeinschaft (Gemeinde) \u2013 das hei\u00dft zur Argumentation in ethischen Fragen auf der oben genannten Basis (Jesus, Paulus).<\/li><li>Im Laufe der Kirchengeschichte wurden Menschen als Vorbilder f\u00fcr das Verhalten hervorgehoben (traditionell gesprochen: Heilige) \u2013 oder es wurden (mit Hilfe des neutestamentlichen Ma\u00dfstabs) relevante Formulierungen (z.B. \u201eBarmer Theologische Erkl\u00e4rung\u201c) bzw. Entscheidungen in den ethischen Argumentationsprozess mit einbezogen. Das hei\u00dft: Auch ethische Erfahrungen der Vergangenheit werden durch die Gegenwart rezipiert, Zeitgeist kann f\u00fcr Christen, die auch \u00fcber die Jahrhunderte hinweg gemeindegebunden sind, nicht der alleinige Ma\u00dfstab sein.<\/li><li>Weil Glaubende frei sind von H\u00f6llenangst oder dem Streben ins Reich Gottes zu kommen, weil sie schon von Gott angenommen worden sind (Vergebung \u2013 Rechtfertigung), ist ihr Verhalten im Sinne Jesu nicht von ihrem k\u00fcnftigen Ergehen abh\u00e4ngig (wie z.B. beim Buddhismus: erreichen des Nirwana, Islam: gelangen ins Paradies), sondern vom notleidenden Menschen (Barmherziger Samariter: Lukas 10,25ff.): Diakonie\/Caritas.<\/li><li>Eine moderne Art von H\u00f6llenangst ist es, wenn Menschen meinen, alles in der Hand zu haben, wenn sie nicht richtig handeln, geht die Welt unter. Ohne Frage tragen Menschen Verantwortung, wie aus all dem bisher Gesagten deutlich wird. Aber der Mensch kann seine Begrenztheit annehmen und Gott das \u00fcberlassen, was Gottes ist.<\/li><li>Liebesethik z\u00e4hlt: Liebe Gott und deinen N\u00e4chsten, liebe deinen Feind usw. Liebe bedeutet: aktive Hinwendung zu dem anderen, um ihm zu helfen (aus Mitleid: Mt 25,31ff.), so wie Gott sich dem Menschen zuwendet. Das hei\u00dft: Die Liebe hat ein Vorbild in Gott&nbsp; \u2013 und freilich im Handeln Jesu (Gleichnisse aus Lukas 15: Verlorenes Schaf usw.): Man kann es als Nachfolgeethik (Mt 5,48) bezeichnen.<\/li><li>Auch in der Gegenwart werden Menschen mit ihrem Tun in Eins gesetzt: Weil ein Mensch Schlimmes tut, darf er \u2013 zumindest lehren das Filme \u2013 get\u00f6tet werden. Christliche Ethik trennt zwischen dem Menschen als Person und seiner Tat. Als Person hat er, so lange er lebt die Chance, umzukehren und sein Leben so zu leben, wie Gott es will. Das wird deutlich am Leben des Apostels Paulus sichtbar. Dem scheint jedoch Mt 7,16ff. (Bildwort vom Baum und seinen Fr\u00fcchten) entgegenzustehen. Aber dieses Bildwort hat im Blick, dass man Menschen, die sich aktuell \u00fcbel verhalten, nicht trauen soll, denn wer B\u00f6ses tut, kann (in dem Augenblick) nichts Gutes\/G\u00f6ttliches tun\/sagen.<\/li><li>Im Mittelalter lernte man, sich in das Leiden Jesu hineinzuversetzen. Das wurde nachempfunden, das Leiden wurde verinnerlicht. Es ist das Leiden eines anderen, das zu meinem Mit-Leiden f\u00fchrt. Dieses Mitf\u00fchlen als eines, das sich gesellschaftlich weiter verbreitet hat und nicht nur Charakter einzelner Menschen ist, ist f\u00fcr die christliche Ethik relevant.<\/li><li>Grundlage ist nicht der \u201eVerstand\u201c, denn dieser ist abh\u00e4ngig von dem, was sich Menschen w\u00fcnschen, vorstellen usw. \u2013 was dem Menschen als S\u00fcnder angemessen erscheint. Grundlage ist, wie Paulus formuliert:<\/li><\/ol>\n\n\n\n<p><em>\u201eSeid so unter euch gesinnt, wie es der Gemeinschaft in Jesus Christus entspricht\u201c<\/em> (Philipper 2,5)<\/p>\n\n\n\n<p style=\"text-align:center\"><strong>4. Christliche Ethik und Ethik der Welt<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Christliche Ethik ist in erster Linie Ethik mit Blick auf Christen. Sie geht darum auch nur Christen etwas an, und kein Staat, keine au\u00dferchristliche Gruppe hat aus christlicher Sicht zu bestimmen, wie sich Christen zu verhalten haben. Das kann zu Reibereien f\u00fchren. Nicht in erster Linie aufgrund von Forderungen des Staates (zumindest in unserer Kultur), sondern mit Blick auf Christen untereinander. Manche Christen sind traditioneller, konservativer ausgerichtet, manche Christen sind eher liberaler und schwimmen mit den Moden der jeweiligen Zeit. Letztgenannte ecken von daher weniger an, wenn die Gesellschaft Anspr\u00fcche an Christen stellt bzw. von Christen verlangen, ihren modernen Erwartungen zu entsprechen. Von daher hat christliche Ethik immer auch selbstkritisch zu sein:<\/p>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\"><li>Nehmen wir diese liberale Haltung ein, weil sie modern ist, oder weil sie dem Willen Gottes entspricht?<\/li><li>Nehmen wir diese traditionelle Haltung ein, weil sie sich eingeschliffen hat, oder weil sie dem Willen Gottes entspricht?<\/li><\/ul>\n\n\n\n<p style=\"color:#00a31f\" class=\"has-text-color\"><strong>Es muss Christen immer wieder deutlich werden:<\/strong><\/p>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\"><li>Nicht die Ethik ist das Zentrum christlichen Glaubens,<\/li><li>sondern Gott, der in Jesus Christus Mensch geworden ist.<\/li><li>Das bedeutet konkret:<\/li><li>Man darf und muss sich um den richtigen Weg streiten,<\/li><li>aber der Streit darf die Gemeinschaft nicht spalten. (Siehe unten Aufgabe 2.)<\/li><\/ul>\n\n\n\n<p>Weitere Aspekte:<\/p>\n\n\n\n<ol class=\"wp-block-list\"><li>Weil Gott als Sch\u00f6pfer geglaubt wird, l\u00e4sst Gott auch Nichtglaubende nicht allein, sondern: Er hat ihnen sein Gesetz ins Herz geschrieben (Paulus: R\u00f6merbrief 2,15), und sie k\u00f6nnen somit ansatzweise verantwortlich handeln. (Manchmal sogar \u201ebesser\u201c als einzelne Christen.)<\/li><li>Christliche Ethik schlie\u00dft sich nicht ab, sondern diskutiert auch mit Vertretern philosophischer und nichtchristlicher religi\u00f6ser Konzepte\/Ethiken. Manche stehen ihrer Intention n\u00e4her (Platon, Stoiker, Kant\u2026), manche ferner (Epikur, Hedonismus\u2026). Das Naturrecht spielt traditionell mit den Stoikern eine gro\u00dfe Rolle: Die Sch\u00f6pfung zeigt auch Ans\u00e4tze daf\u00fcr, wie Gott sich das Verhalten des Menschen gedacht hat, z.B. Ehe \u2013 Monogamie. Freilich spielen auch noch andere ethische \u00dcberlegungen eine Rolle. Naturrecht aus christlicher Sicht ist nicht biologistisch einzugrenzen.<\/li><li>In der Diskussion ziehen Glaubende auch das heran, was in der Gesellschaft als \u201egut\u201c, \u201eheilsam\u201c, \u201en\u00fctzlich\u201c usw. angesehen wird: zum Beispiel die Tugenden; Paulus sagt: <em>Pr\u00fcft alles, das Gute behaltet<\/em> (1. Thessalonicher 5,21; Philipper 4,8) (z.B. Ethik der [Kardinal-]Tugenden: Weisheit, Gerechtigkeit, Tapferkeit, Besonnenheit \u2013 hinzu kommen die theologischen Tugenden: Glaube, Hoffnung, Liebe).<\/li><li>Christliche Ethik hat Anspruch auf Allgemeing\u00fcltigkeit, weil der Mensch Gesch\u00f6pf Gottes ist. So gelten freilich die 10 Gebote (der Dekalog) und das Liebesgebot nicht, weil sie christlich sind, sondern weil sie universal g\u00fcltig und Ausdruck f\u00fcr menschliches \/ angemessenes soziales Verhalten sind. (Gegenw\u00e4rtige Folge: Weltweite Durchsetzung der Menschenrechte, die auch Folge dieser j\u00fcdisch-christlichen Basis sind.)<\/li><li>Wenn Gottes Geist in allen Menschen wirkt, warum ben\u00f6tigt man dann noch Christen? Christen sind nicht Christen wegen der Ethik, sie sind es, weil sie die Erfahrung gemacht haben, dass Gott in Jesus Christus vollm\u00e4chtig handelt und sie selbst in der Nachfolge Jesu stehen. Die Welt-Erkl\u00e4rung mit Gott ist ihnen plausibler als ohne Gott. Menschen sind nicht wegen der Ethik Christen, sondern weil sie auf Gottes Handeln, seine \u201eAnrede\u201c reagieren. Als solche von Gott Angesprochene sollten sie sich in die ethischen Diskussionen einer Gesellschaft einbringen. Da es in einer Gesellschaft sehr viele ethische Ans\u00e4tze gibt, werden sie in einer freien Gesellschaft ihre Stimme einbringen. Das auch dann, wenn Atheisten\/Religionskritiker und S\u00e4kulare sich dagegen stellen, weil die religi\u00f6se<em> Letztbegr\u00fcndung<\/em> f\u00fcr sie nicht einleuchtend ist. Aus christlicher Sicht wird es ohne Letztbegr\u00fcndung nie zu einem angemessenen ethischen Ergebnis kommen. Man kann freilich zu vorl\u00e4ufigen Ergebnissen kommen, die christlich letztbegr\u00fcndeten Antworten entsprechen. Die Diskussionen werden sich jedoch immer im Kreise drehen und im Grunde Eintagsfliegen sein, weil sie abh\u00e4ngig sind von der jeweiligen Zeit, den jeweiligen Menschen, den jeweiligen vielf\u00e4ltigen ethischen Ansichten. Ein Beispiel daf\u00fcr, dass Christen mit ihrer Letztbegr\u00fcndung und Nichtchristen ohne Letztbegr\u00fcndung ein gemeinsames Ergebnis erzielen, ist die <em>W\u00fcrde des Menschen<\/em>. Sie hat ihre urspr\u00fcngliche Begr\u00fcndung in der Aussage der Sch\u00f6pfungsgeschichte von Genesis 1:&nbsp;<em>Der Mensch ist Gottes Ebenbild<\/em>. Diese Letztbegr\u00fcndung wird zwar s\u00e4kular\/atheistisch nicht akzeptiert, aber man kommt zum gleichen Ergebnis: Jeder Mensch hat gleicherma\u00dfen W\u00fcrde \u2013 auch wenn einige Denker versuchen, diese Aussage zu modifizieren. Eine Begr\u00fcndung f\u00fcr diese Aussage wird vermieden, denn es hat sich als gut erwiesen. Man bedenke allerdings: Das gilt nur in dem Kulturkreis, in dem Christen diese Begr\u00fcndung geliefert haben. In anderen Kulturen gilt diese Sicht nicht uneingeschr\u00e4nkt. <a href=\"https:\/\/evangelische-religion.de\/ReligionNeu\/mensch\/menschenwuerde-1\/\">https:\/\/evangelische-religion.de\/ReligionNeu\/mensch\/menschenwuerde-1\/<\/a><\/li><li>Gott ist als Person, als Energie, als Urgrund allen Seins am Wirken. Wie an Jesus Christus zu erkennen ist, ist er liebend, Gemeinschaft stiftend am Wirken. Als solcher Wirkender lockt er Menschen aller Welt und Kulturen (auch die Gesch\u00f6pfe), sich liebend, Gemeinschaft suchend zu verhalten. Menschen (wie Gesch\u00f6pfe) k\u00f6nnen dem stattgeben, k\u00f6nnen sich aber auch verweigern. Das liegt in ihrer Freiheit begr\u00fcndet, die Gott ihnen schenkt. Das gilt nicht allein f\u00fcr Christen. Christen wissen jedoch durch Jesus Christus, dass Gott entsprechend als einer zu verstehen ist, der Gemeinschaft f\u00f6rdert, Liebe, letztlich Gl\u00fcck. (Siehe eud\u00e4mologischer Gottesbeweis:&nbsp;<a href=\"https:\/\/evangelische-religion.de\/ReligionNeu\/gott\/philosophie-gottesbeweis\/\">https:\/\/evangelische-religion.de\/ReligionNeu\/gott\/philosophie-gottesbeweis\/<\/a> &nbsp;s. auch Alfred Adler bzw. Victor Frankl als andere Ans\u00e4tze zu Freud:&nbsp;<a href=\"https:\/\/evangelische-religion.de\/ReligionNeu\/gott\/kritik-der-religionskritik\/\">https:\/\/evangelische-religion.de\/ReligionNeu\/gott\/kritik-der-religionskritik\/<\/a>)<\/li><\/ol>\n\n\n\n<p style=\"color:#a30003\" class=\"has-text-color\"><strong>Aufgabe 1<\/strong>: Sind Menschenrechte, die auf antiker und j\u00fcdisch-christlicher Basis in der westlichen Aufkl\u00e4rung&nbsp; weiter entwickelt wurden, weltweit g\u00fcltig?<\/p>\n\n\n\n<p style=\"color:#a30003\" class=\"has-text-color\"><strong>Aufgabe 2<\/strong>: \u00dcberlege\/Diskutiere: Das (siehe die oben gr\u00fcn gedruckten Aussagen) ist nat\u00fcrlich schwer, wenn man zum Beispiel an die Zeit des Nationalsozialismus denkt: Wenn die Mehrheit der Christen rassistisch denkt, muss man sich als Minderheit anpassen? Kann man einen Gottesdienst mitfeiern, in dem Menschen rassistisch erniedrigt werden? Nein. Von daher haben ethische Ans\u00e4tze Spaltungen notwendig zur Folge. Das vor allem dann, wenn mit der Ethik das Gottesbild verrutscht ist: Glauben Christen an einen Gott, der zwischen Rassen, Klassen, St\u00e4mmen, Clans, Kulturen usw. trennt \u2013 oder an einen Gott, der das nicht tut? An dieser Stelle hilft es nicht, \u00fcber die ethischen Fragen zu diskutieren, sondern es muss \u00fcber Gott diskutiert werden.<\/p>\n\n\n\n<p>Entsprechend muss \u00fcber das Gottesbild diskutiert werden, wenn es zum Beispiel um<\/p>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\"><li>Massenvernichtungswaffen,<\/li><li>unrechte Wirtschaftsgesetze,<\/li><li>Umwelt-\/Tierethik,<\/li><li>Fl\u00fcchtlingsfragen geht.<\/li><\/ul>\n\n\n\n<p>Das sind dann aber keine rein christlichen Fragen, sondern betreffen eine ganze Gesellschaft. Und so haben sich Christen nicht nur einfach in pro oder contra zu positionieren, sondern m\u00fcssen versuchen, der Gesellschaft einen Weg aufzuzeigen, wie sie aus den Dilemmata herauskommen k\u00f6nnte. Christliche Naivit\u00e4t oder eine Ideologisierung des christlichen Glaubens, der fundamentalistisch auf einer Position beharrt, wird in gesellschaftspolitischen Situationen nicht ernst genommen. Zu recht. Kirchen\/Christen haben nicht mehr die Macht, eine Gesellschaft zu bestimmen \u2013 diese sollen sie sich auch nicht anma\u00dfen. Sie haben ihre Positionen unerschrocken in die Diskussion einzubringen, wie andere gesellschaftlichen Gruppen auch. Ma\u00dfstab muss immer die christliche Ethik sein, die in vorangegangenen Abschnitten beschrieben wurde \u2013 die manchmal leider aber nur auf Umwegen zu erreichen ist.<\/p>\n\n\n\n<p><em>Christen k\u00f6nnen nicht mehr bestimmen \u2013 aber sie k\u00f6nnen motivieren. Und diese Chance sollte man sich nicht entgehen lassen.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p style=\"color:#a30003\" class=\"has-text-color\"><strong>Aufgabe 3: <\/strong>Der Friedensnobelpreistr\u00e4ger Denis Mukwege 2018, Arzt und Pfarrer, beschreibt in seiner Biographie:<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eWir behandelten unter anderem auch viele Patienten aus den Fl\u00fcchtlingscamps entlang der Grenze, die das Rote Kreuz \u2013 manchmal \u00e4u\u00dferst widerwillig \u2013 zu uns brachte. Da es sich um Hutu-Fl\u00fcchtlinge handelte, die am Genozid in Ruanda mitgewirkt hatten, wollten manche Mitarbeiter des Roten Kreuzes ihnen die Behandlung im Krankenhaus verweigern. Ich spielte dieses Spiel nicht mit.\u201c (Meine Stimme f\u00fcr das Leben, BrunnenVerlag 2018, 116)<\/p>\n\n\n\n<p style=\"color:#a30003\" class=\"has-text-color\">Wie beurteilst Du das aus christlicher, nichtchristlicher Perspektive?<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>GRUNDLAGEN CHRISTLICHER ETHIK 1. Allgemeine Hinweise zur Ethik Der Mensch kann urteilen, entscheiden, werten. in Konfliktsituationen verantwortungsvoll handeln. in Auseinandersetzungen Werte argumentativ einbringen. Christliche Ethik hat es wie jede Ethik mit der individuellen Lebensf\u00fchrung zu tun und der Gestaltung der Gesellschaft. 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