{"id":320,"date":"2019-07-01T15:06:46","date_gmt":"2019-07-01T13:06:46","guid":{"rendered":"https:\/\/evangelische-religion.de\/ReligionNeu\/?page_id=320"},"modified":"2026-05-12T09:09:24","modified_gmt":"2026-05-12T07:09:24","slug":"philosophische-ethik-2","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/evangelische-religion.de\/ReligionNeu\/verhalten-ethik\/philosophische-ethik-2\/","title":{"rendered":"Philosophische Ethik 2"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"has-text-align-center has-medium-font-size\">BEDEUTUNG DES VERSTANDES UND DER LETZTBEGR\u00dcNDUNG<\/p>\n\n\n\n<p><em>Religi\u00f6se Ethik<\/em> geht von einer <em>Letztbegr\u00fcndung<\/em> aus: Der Mensch muss sich so und so verhalten, weil Gott es vorgegeben hat.<\/p>\n\n\n\n<p>Die <em>Philosophische Ethik<\/em> versucht sich vom Gedanken der Letztbegr\u00fcndung zu l\u00f6sen und Ma\u00dfst\u00e4be zu entwickeln. Aus ihrer Sicht muss der Mensch alles verantworten k\u00f6nnen \u2013 somit auch begr\u00fcnden k\u00f6nnen. Eine Letztbegr\u00fcndung ist somit nicht die L\u00f6sung. Verhalten mit der <em>Vernunft<\/em> zu begr\u00fcnden, ist keine Erscheinung der Neuzeit, sondern begann zum Beispiel schon mit Sokrates\/Aristoteles.<\/p>\n\n\n\n<p>Entsprechend kann man die ethischen Grundstr\u00f6mungen folgenderma\u00dfen Darstellen:<\/p>\n\n\n\n<p><em><strong>A Deontologische Ethik\/Pflichtethik<\/strong><\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Der Mensch muss sich entsprechend der Vernunftvorgaben verhalten. Das, was gut ist, ist vorgegeben. Als Beispiel ist Kants Ansatz zu nennen: Der Verstand sieht ein, dass der <em>Kategorische Imperativ <\/em>relevant ist, also muss man sich auch entsprechend verhalten. <\/p>\n\n\n\n<p>Eine besondere Form ist die des <em>Nudging<\/em>: Die Elite des Staates gibt Anstuppser, damit sich die Menschen entsprechend der Vernunft \u2013 wie die politisch\/mediale\/philosophische Elite es sieht \u2013 verhalten (m\u00fcssen). Das wird auch libert\u00e4rer Paternalismus genannt. Libert\u00e4r, weil der Mensch Freiheit hat, Paternalistisch, weil eine Elite vorgibt, was richtig ist.<\/p>\n\n\n\n<p><em><strong>B Teleologische Ethik\/Lebewesen folgen naturgegebenen Zielen<\/strong><\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Hierzu z\u00e4hlen:<\/p>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\">\n<li><em>Egoismus<\/em> (Individualismus) \u2013 begr\u00fcndet durch Psychologie,<\/li>\n\n\n\n<li><em>Hedonismus<\/em> (Individualismus) \u2013 begr\u00fcndet durch Psychologie,<\/li>\n\n\n\n<li><em>Utilitarismus<\/em> (Kollektivismus) \u2013 begr\u00fcndet durch Soziopsychologie,<\/li>\n\n\n\n<li><em>Mitleidsethik<\/em> von Schopenhauer \u2013 in der Moderne begr\u00fcndet durch die Entdeckung der \u201eSpiegelneuronen\u201c.<\/li>\n\n\n\n<li><em>Schleier des Nichtwissens<\/em> von Rawls \u2013 Versuche, mit den sozialen Problemen der Zeit rational umzugehen (ich ordne Rawls hier ein, denn die Furcht vor der Zukunft ist im Grunde Motiv, den Gerechtigkeits-Vertrag zu schlie\u00dfen [auch eher bei der Vertragstheorie einzuordnen]).<\/li>\n\n\n\n<li><em>Risikoethik<\/em> von Bayes \u2013 Versuche, mit den technischen Problemen der Zeit rational umzugehen.<\/li>\n\n\n\n<li><em>Wissenschaftlich begr\u00fcndete Ethik:<\/em> Versuche, Ethik naturwissenschaftlich zu begr\u00fcnden \u2013 so sprechen die 10 Angebote des evolution\u00e4ren Humanismus (Giordano-Bruno-Stiftung) begr\u00fcndend von \u201eWissenschaft\u201c. (Zu den Versuchen, Verhaltensweisen wissenschaftlich zu begr\u00fcnden, sind auch die sozialdarwinistischen Ans\u00e4tze zu rechnen.)<\/li>\n<\/ul>\n\n\n\n<p>Gibt es angeborenes Gutes? Wie Tiere Sozialverhalten kennen, d\u00fcrfte auch bei Menschen Sozialverhalten angeboren sein (wie auch immer das zu begr\u00fcnden ist: Genetisch? Epigenetisch?). Das ist aber nur in einem sehr begrenzten Ma\u00dfe der Fall, da der Mensch in der Lage ist, sein Verhalten selbst zu bestimmen. Wie kam es dazu? <em>Evolution\u00e4re Ethik<\/em> meint, dass der Mensch durch seine Sippe (unbewusst) im Laufe der Zeit sozialisiert wurde: Du kannst nur \u00fcberleben, wenn du dem \u00dcberleben der Sippe dienst; wenn du dich ihr nicht angemessen verh\u00e4ltst, sanktioniert sie dich, wirft dich aus der Sippengemeinschaft hinaus; drau\u00dfen wirst du nicht \u00fcberleben. \u00dcberlebt haben also nur die Gruppen, die ein festes Sozialverhalten kannten. Das bedeutet aber auch: Gegen\u00fcber Fremden musst du misstrauisch sein, da sie deiner Sippe schaden, du musst sie dir unterwerfen, damit sie dir nicht schaden k\u00f6nnen. Das w\u00e4re das Ergebnis evolution\u00e4rer Ethik. Da aber gegenw\u00e4rtige evolution\u00e4re Ethik bestrebt ist, die N\u00e4chstenliebe nicht religi\u00f6s begr\u00fcndet sein zu lassen, muss sie versuchen, das negative Verhalten gegen\u00fcber den Fremden irgendwie anders zu begr\u00fcnden. Dazu dient ihr dann die Religion: Diese grenze aus. Das allerdings ist weder geschichtlich noch logisch begr\u00fcndbar. <\/p>\n\n\n\n<p><strong><em>C Tugendethik<\/em><\/strong><\/p>\n\n\n\n<p> Jedes Teil der Natur strebt danach, sich zu vervollkommnen. Auch der Mensch. \u00dcber diese Onto-Teleologische (Seins-Teleologische) Sicht geht die Tugendethik hinaus: Anders als z.B. beim Baum ist der Mensch nicht festgelegt, er muss selbst darauf achten, wie er sich vervollkommnet. <\/p>\n\n\n\n<p>Hierzu z\u00e4hlen die Ans\u00e4tze von Platon, Aristoteles, Stoiker\/Stoa \u2013 aufgenommen von Christen, aber modifiziert. Ma\u00dfstab f\u00fcr die Tugenden ist bei Platon &#8222;das Gute&#8220;. Der Weise wei\u00df, was &#8222;das Gute&#8220; ist. F\u00fcr Aristoteles ist das &#8222;h\u00f6chste Gut&#8220; das Gl\u00fcck &#8211; aber nur ann\u00e4hernd durch tugendhaftes Leben innerhalb der Polis &#8211; des sozialen Miteinanders &#8211; zu erreichen. F\u00fcr die Stoiker lernt die Vernunft, sich dem g\u00f6ttlichen Weltgesetz anzupassen, was zur Aus\u00fcbung von Tugenden f\u00fchrt.<\/p>\n\n\n\n<p>(In den eckigen Klammern folgt eine Interpretation \u2013 die Intention wird allerdings nur den ersten Begriffen zugef\u00fcgt. Die der anderen bitte erg\u00e4nzen: <em>Gerechtigkeit<\/em> [zwischenmenschlich: kein Leiden zuf\u00fcgen \/ staatlich: kein Leiden durch Unrecht zuf\u00fcgen], <em>Tapferkeit<\/em> [Werte durchsetzen], <em>M\u00e4\u00dfigung<\/em> [nat\u00fcrliche Grundordnungen nicht durchbrechen], <em>Freigiebigkeit<\/em> [selbst\u00e4ndig mit dem besitz umgehen: ohne Geiz, ohne Verschwendung], <em>Hilfsbereitschaft<\/em>, <em>Sanftmut<\/em> [sich beherrschen, besonnen sein], <em>Wahrhaftigkeit<\/em> [\u00dcbereinstimmung von Denken, Reden, Handeln], <em>Klugheit<\/em>, <em>Einf\u00fchlsamkeit<\/em>, <em>Seelengr\u00f6\u00dfe<\/em> [den eigenen Wert erkennen &#8211; nach H\u00f6herem streben]\u2026 \u2013 christlich modifiziert: <em>Glaube, Hoffnung, Liebe<\/em>). (Dazu beachte auch den achtfachen Pfad Buddhas.)<\/p>\n\n\n\n<p>In der Moderne vertritt der Atheist Dworkin den Ansatz, dass Werte eigenst\u00e4ndig seien. Dass Dworkin Atheist ist, ist insofern von Relevanz, als die Tugendethik \u2013 so die atheistische Kritik \u2013 sehr stark religi\u00f6s gepr\u00e4gt ist. Kritisiert wird die Tugendethik, weil aus ihr keine Gesetze abgeleitet werden k\u00f6nnen. Aus christlicher Sicht sind die Tugenden Gesetz, und zwar Gesetz Gottes. Er wird, so vor allem die mittelalterliche Sicht, ein Vergehen im Endgericht ahnden, ein Einhalten belohnen. <\/p>\n\n\n\n<p><strong><em>D Metaethik<\/em><\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Methaethik stellt die Frage: Was ist \u00fcberhaupt gut. Wie kommt eine reflektierte Gesellschaft zu einer Antwort? Ich sehe in diesem Zusammenhang die <em>Diskursethik<\/em>: Sie steht \u00fcber allen \u2013 denn alle Menschen guten Willens m\u00fcssen miteinander reden, um zu einem m\u00f6glichst positiven Ziel zu gelangen. (Bis allerdings ein Ergebnis erreicht ist, bleibt alles so, wie es traditionell ist, damit die -Gesellschaft nicht zerst\u00f6rt wird). Metaethik bedeutet: Man denkt miteinander dar\u00fcber nach, wie \u00fcber ethische Fragen nachzudenken ist: Wie ist Sprache angemessen zu verwenden, wie kann man allgemein verbindliche Verhaltensweisen miteinander herausfinden. (Ich erw\u00e4hne sie an dieser Stelle, auch wenn sie der normativen Ethik zuzuordnen ist, das hei\u00dft die Normen vorgibt: ehrlich, gewaltfrei, argumentativ.)<\/p>\n\n\n\n<p><strong><em>E Verstand<\/em><\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Basis aller drei grundlegenden Ans\u00e4tze ist der Verstand: Der Verstand sagt, welche Tugenden gelten, die Verstand sagt, wie man sich pflichtgem\u00e4\u00df zu verhalten hat, ebenso spielt der Verstand bei Ans\u00e4tzen der Teleologischen Ethik eine Rolle. So basiert auch die Ethik von Peter Singer, der Menschen W\u00fcrde abspricht, die kein Selbstbewusstsein, keine Autonomie und Rationalit\u00e4t vorweisen (Ungeborene, S\u00e4uglinge, Behinderte\u2026) auf Verstand. Er begr\u00fcndet seine Sicht argumentativ. Ebenso basiert die Deontologische Ethik darauf, Ergebnis des Verstandes zu sein. Besonders beruft sich freilich auch die Diskursethik auf den Verstand, weil alle m\u00f6glichen Argumente zu einem Ziel f\u00fchren k\u00f6nnen. Hinzuweisen ist auf die Ethik des Ph\u00e4nomenologen Levinas, der das menschliche Verhalten vorrational einordnet: Ich lebe in Beziehung zum Mitmenschen &#8211; und handle verantwortlich, bevor ich \u00fcberhaupt nachdenke. Von daher ist ein Mensch auch zur Verantwortung zu ziehen, bevor er sich f\u00fcr eine Handlung entschieden hat. <\/p>\n\n\n\n<p><strong><em>F Grenzen der ethischen Begr\u00fcndung<\/em><\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Das bedeutet, sichtbar an Singer: F\u00fcr ethisches Verhalten ist eine reine Argumentation nicht immer weiterf\u00fchrend bzw. kann in die Irre f\u00fchren. Denn auch Verstand wie Vernunft bauen auf Pr\u00e4missen auf \u2013 und k\u00f6nnen zeitbedingte Mehrheiten erlangen, die durch Menschen anderer Zeiten abgelehnt werden. Darum ist die Pr\u00e4misse jedes ethischen Ansatzes zu ber\u00fccksichtigen. Zudem ist der Verstand ein Teil der Vernunft \u2013 und diese wird von Kultur, Emotion, Tradition, Ideologie usw. gepr\u00e4gt. Die \u201eEmotion\u201c sagt, was zu tun ist \u2013 der Verstand sucht dann die Argumente, um mit Gleichgesinnten die Mehrheit zu erlangen. der verstand ist ein Werkzeug &#8211; aber nicht die Basis der Moral. Das bedeutet:<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-black-color has-text-color\">Moral wird \u201evor-rational\u201c gebildet, durch Erziehung, Vorbilder. Sie wird dann rationalisiert, bleibt aber abh\u00e4ngig von der \u201evor-rationalen\u201c Phase des Lebens. Von daher gibt es auch die ber\u00fchmte Diskrepanz: Man wei\u00df, was richtig\/gut ist \u2013 handelt aber anders.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-black-color has-text-color\">Dass die ethische Begr\u00fcndung an Grenzen kommt, ist auch in der Diskussion um Menschenw\u00fcrde besonders deutlich. Menschenw\u00fcrde kann nicht begr\u00fcndet werden \u2013 sie muss konstatiert werden, wenn keine Letztbegr\u00fcndung durch Gott gegeben wird.<strong> <\/strong>(Siehe&nbsp;<a href=\"https:\/\/evangelische-religion.de\/menschenw%C3%BCrde.html\">https:\/\/evangelische-religion.de\/menschenw%C3%BCrde.html<\/a>&nbsp;)<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-black-color has-text-color\">Den Kritiken zum trotz sei jedoch auch erw\u00e4hnt, dass religi\u00f6s begr\u00fcndete ethische Vorstellungen nicht einfach so in die Welt gekommen sind, sondern auf dem Verstand unz\u00e4hliger Menschen, die vor der jetzigen Generation gelebt haben, basieren. Es ist <em>eine kollektiv entwickelte Moral<\/em> \u00fcber Jahrtausende hinweg. F\u00fcr Christen gesehen: Mit Hilfe des Geistes Gottes entwickelt, der den menschlichen Verstand nicht unber\u00fchrt l\u00e4sst. (<a href=\"https:\/\/evangelische-religion.de\/ReligionNeu\/kirche\/theologie-weg-lern-prozess\/\">https:\/\/evangelische-religion.de\/ReligionNeu\/kirche\/theologie-weg-lern-prozess\/<\/a>)<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-color has-link-color wp-elements-16bc7b11764641fcae2fdaf0edd98622\" style=\"color:#d70303\">Aufgabe:<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-color has-link-color wp-elements-61ce77a1efaa28c284a2235de94166c3\" style=\"color:#d70303\">1. Vergleiche diese Darlegung Punkt f\u00fcr Punkt mit dem, was Du in Deinem Ethik bzw. Religionsbuch findest. (a) Findest Du Abweichungen? (b) \u00dcbereinstimmungen? (c) Wurde im Ethik- \/ ReliBuch oder in diesem Text Wesentliches \u00fcbergangen? (d) Nimm Stellung. <\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-color has-link-color wp-elements-6e1c79b52a5bcc806c57d8460c66eb52\" style=\"color:#d70303\">2. In diesem Text wurden kaum Namen genannt. Kannst Du die jeweiligen Aussagen mit Hilfe des Ethik- \/ ReliBuches mit Namen von Philosophen erg\u00e4nzen?<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>BEDEUTUNG DES VERSTANDES UND DER LETZTBEGR\u00dcNDUNG Religi\u00f6se Ethik geht von einer Letztbegr\u00fcndung aus: Der Mensch muss sich so und so verhalten, weil Gott es vorgegeben hat. Die Philosophische Ethik versucht sich vom Gedanken der Letztbegr\u00fcndung zu l\u00f6sen und Ma\u00dfst\u00e4be zu entwickeln. 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