{"id":2909,"date":"2026-04-16T08:30:48","date_gmt":"2026-04-16T06:30:48","guid":{"rendered":"https:\/\/evangelische-religion.de\/ReligionNeu\/?page_id=2909"},"modified":"2026-04-16T10:54:06","modified_gmt":"2026-04-16T08:54:06","slug":"menschenwuerde-1","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/evangelische-religion.de\/ReligionNeu\/menschenwuerde-1\/","title":{"rendered":"Menschenw\u00fcrde 1"},"content":{"rendered":"\n<p>MENSCHENW\u00dcRDE<\/p>\n\n\n\n<p>Im folgenden Abschnitt gilt es darzulegen, dass sich das Thema \u201eW\u00fcrde\u201c in der Geschichte der Menschheit erst langsam durchsetzen musste. Ein paar Str\u00e4nge werden nachgezeichnet \u2013 bis zu den Ans\u00e4tzen der Neuzeit. Wie wird die Aussage, dass alle Menschen gleicherma\u00dfen W\u00fcrde haben, dass diese \u201eunantastbar\u201c ist, begr\u00fcndet? Die Aussage, dass alle Menschen gleiche W\u00fcrde haben, wird auch immer wieder durch bestimmte Ans\u00e4tze in Frage gestellt \u2013 was zu massiven Konsequenzen f\u00fcr einzelne Individuen f\u00fchren kann.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center\"><strong>1. Die j\u00fcdisch-christlichen Grundlagen<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p style=\"text-decoration:underline\">a) Genesis 1 und 2: Wesensw\u00fcrde (&#8222;Ontologische W\u00fcrde&#8220;) und Gestaltungsw\u00fcrde (&#8222;Aktuale W\u00fcrde&#8220;)<\/p>\n\n\n\n<p>Der Mensch (als Mann und Frau) wurde als Ebenbild Gottes geschaffen (vgl. Jesus Sirach 17,3 und Weisheit 2,23). Das hei\u00dft: Mann und Frau haben von Gott Aufgaben bekommen. Sie sind Statthalter zur Bewahrung der Sch\u00f6pfung: Sie benennen alles, was um sie herum ist. Sie sind somit kreativ &#8211; und vieles andere h\u00e4ngt damit zusammen. Die Bedeutung f\u00fcr das Thema \u201eW\u00fcrde\u201c: Nicht nur Herrscher sind Ebenbilder Gottes, sondern alle Menschen.\u00a0<strong>Es ist eine Wesensw\u00fcrde, die dem Menschen zukommt. Aus ihr heraus folgt der Gestaltungsauftrag.<\/strong>\u00a0Die Frage ist umstritten: Gilt diese W\u00fcrde (a) dem jeweiligen Individuum oder (b) der Menschheit als Gattung.<\/p>\n\n\n\n<p>Dass Mann und Frau gleiche W\u00fcrde haben, entspricht auch Genesis 2. Die Frau wird aus der Rippe des Menschen\/Erdlings geschaffen, nicht, um sie unterzuordnen, sondern um zu betonen, dass der Mann und die Frau ein Fleisch \u2013 also eine vollkommene Einheit \u2013 seien. Gott hauchte Menschen den Lebensgeist ein \u2013 er hauchte uns W\u00fcrde ein. Doch der Mensch widersetzt sich dem Willen Gottes. Er hat von Gott von Anfang an<strong>\u00a0Freiheit\u00a0<\/strong>bekommen, sich widersetzen zu k\u00f6nnen, das hei\u00dft auch: Er hat\u00a0<strong>Verantwortung\u00a0<\/strong>\u00fcbertragen bekommen \u2013 und muss somit die Konsequenzen tragen. Durch seine S\u00fcnde hat er seine W\u00fcrde verzerrt, er ist\u00a0<strong>verzerrtes Ebenbild Gottes<\/strong>\u00a0\u2013 aber W\u00fcrde hat er nicht verloren, genauso wenig wie Freiheit und damit das Tragen von Verantwortung.<\/p>\n\n\n\n<p>Gott stellt den Menschen sehr hoch \u2013 darum f\u00e4llt er umso tiefer.<\/p>\n\n\n\n<p><em>Bemerkungen:<\/em><\/p>\n\n\n\n<ol class=\"wp-block-list\">\n<li>Wenn die W\u00fcrde der Menschheit als Gattung gilt, dann bedeutet das, dass das Kollektiv \u2013 z.B. Israel: das Volk \u2013 den Auftrag bekommen hat. Das hei\u00dft, dass der einzelne Mensch nicht ganz so wichtig ist, Hauptsache das Volk \u00fcberlebt, agiert\u2026 Wenn die W\u00fcrde des Individuums gemeint ist, dann ist jeder Mensch als Individuum zu achten. Beide Aspekte gibt es in Israel: Betonung des Volkes als Ganzes wie auch des Individuums, das vor Gott steht und klagt, dankt usw. ; Volk und Individuen m\u00fcssen die 10 Gebote und die weiteren Regeln Gottes halten.<\/li>\n\n\n\n<li>Genesis 9,5f. begr\u00fcndet das Verbot, einen Menschen zu t\u00f6ten damit, dass er Ebenbild Gottes sei. Und das bedeutet, wie Levitikus 24 verdeutlicht, dass ein Mensch, der den anderen t\u00f6tet, des Todes ist, weil er damit Gott l\u00e4stert, verspottet, verachtet. Damit wird jeder&nbsp;<strong>Mensch als Gottes Ebenbild unter Gottes Schutz<\/strong>&nbsp;gestellt, nicht nur, wie sonst \u00fcblich, der Herrscher bzw. hochgestellte Pers\u00f6nlichkeiten.<\/li>\n\n\n\n<li>Freiheit verantwortlich im Willen Gottes zu gestalten und das damit verbundene Versagen des jeweiligen Individuums und Kollektivs, das ist das gro\u00dfe Thema Israels.<\/li>\n\n\n\n<li>Sklaverei in Israel: Knechtschaft zur Abarbeitung der Schulden gab es in Israel \u2013 aber diese Menschen mussten, wenn sie dem Volk angeh\u00f6rten, nach ein paar Jahren entlassen werden. Allen galt der Sabbat als Ruhetag.<\/li>\n\n\n\n<li>Das, was W\u00fcrde des Menschen ist, wird auch durch den\u00a0<strong>Propheten Amos<\/strong>\u00a0bestimmt. Er wendet sich gegen die Ausbeutung von Menschen durch M\u00e4chtige und die Oberschicht.<\/li>\n\n\n\n<li>In den geschichtlichen Werken des Alten Testaments wird dargelegt, dass auch&nbsp;<strong>K\u00f6nige unter dem Gesetz Gottes<\/strong>&nbsp;stehen.<\/li>\n\n\n\n<li>Psalm 8 spricht von der W\u00fcrde und Ehre des Menschen. In der griechischen \u00dcbersetzung werden daf\u00fcr die Begriffe: doxa (Herrlichkeit) und time (Ehre) verwendet,<\/li>\n<\/ol>\n\n\n\n<p style=\"text-decoration:underline\">b) Jesus Christus (ca. 7v.-30n.Chr.) Wesensw\u00fcrde und Fokussierung auf Gestaltungsw\u00fcrde<\/p>\n\n\n\n<p>Jesus Christus konkretisiert das Thema \u201eW\u00fcrde\u201c mit Blick auf das Individuum. Das\u00a0<strong>Individuum\u00a0<\/strong>muss seine Beziehung zu Gott kl\u00e4ren, da hilft nicht das Volk. Dem Individuum kommt seine F\u00fcrsorge zugute. Zum Beispiel sagt er einem Menschen: \u201eDein Glaube hat dir geholfen\u201c \u2013 dem Individuum wird Kraft zugesprochen. Jesus erwartet: Wird der Einzelne ver\u00e4ndert, ver\u00e4ndert sich das Volk \u2013 vielleicht dachte er sogar an die Menschheit.<\/p>\n\n\n\n<p>Jesus argumentiert jedoch nicht mit Genesis 1-2, sondern er\u00a0konstatiert die W\u00fcrde<strong>\u00a0<\/strong>des Menschen, ohne einen entsprechenden Begriff zu verwenden.<\/p>\n\n\n\n<p>Auch die Frau, der geholfen wird, ist ein Kind Abrahams. Jesus argumentiert damit, dass Kranke und S\u00fcnder Hilfe ben\u00f6tigen. Er argumentiert mit dem Drang, einzelnen Notleidenden zu helfen (Mitleid?) (Mt 25,31ff.;\u00a0<em>Ethik der Einf\u00fchlung<\/em>: vgl. auch Mt 7,12: positive Goldene Regel). Die Entw\u00fcrdigten werden mit Blick auf die Zukunft aufgewertet und k\u00f6nnen sich somit jetzt schon aufwerten (Seligpreisungen). Jesus sagt: Ihr seid das Salz der Erde\/Licht der Welt:\u00a0<strong>Er begr\u00fcndet also nicht direkt, warum der Mensch W\u00fcrde hat, er konstatiert die W\u00fcrde der Angesprochenen \u2013 als Kinder Gottes<\/strong>\u00a0(Mt 5): Seid vollkommen wie auch euer himmlischer Vater vollkommen ist. Auch die Antithesen in der Bergpredigt begr\u00fcnden die Handlungen nicht mit dem Thema W\u00fcrde \u2013 sondern so entspricht es Gottes Willen. Gutes Handeln wird nicht mit dem Thema W\u00fcrde gefordert, sondern damit, dass man dem anderen Gutes tue \u2013 \u00fcber Grenzen hinweg (Gleichnis vom Barmherzigen Samariter).<\/p>\n\n\n\n<p>Jesus fordert, Notleidenden zu helfen. Damit hat der Mensch Gott geholfen (Mt 25,31ff.). Er fordert, ein verwaistes Kind aufzunehmen, damit hat der Mensch Gott aufgenommen (Mk 9,33ff.).\u00a0<strong>Der Gedanke, dass der Mensch Ebenbild Gottes ist, wird versch\u00e4rft.\u00a0<\/strong>Hier wird der Ansatz von Levitikus 24 erkennbar \u2013 aber nicht mit Blick auf Strafe, sondern auf helfen. Mit Blick auf Strafe wird das Individuum insofern betont, dass es vor Gott sein Handeln rechtfertigen muss. Der Mensch tr\u00e4gt Verantwortung f\u00fcr sein Handeln.<\/p>\n\n\n\n<p>Nach Jesu Sterben und Tod, sah die Gemeinde: Leiden nimmt dem Menschen W\u00fcrde \u2013 so empfindet es der Leidende vielfach. Das\u00a0<strong>Leiden Jesu gibt jedoch dem Menschen W\u00fcrde zur\u00fcck\u00a0<\/strong>(Dornen-Krone \u2013 das \u00e4u\u00dferste Erniedrigungsymbol wird zum K\u00f6nigssymbol). Der Tod nimmt dem Menschen W\u00fcrde \u2013 so empfinden es Menschen, die den Tod als endg\u00fcltige Begrenzung des Individuums wahrnehmen. Die Auferstehung Jesu gibt dem Menschen W\u00fcrde \u00fcber das Sterben hinaus.<\/p>\n\n\n\n<p><em>Bemerkungen:<\/em><\/p>\n\n\n\n<ol class=\"wp-block-list\">\n<li>Jesus theoretisiert nicht \u00fcber die W\u00fcrde des Menschen \u2013 er handelt. Wenn er jedoch auf das Thema zu sprechen kommt, dann argumentiert er nicht mit Genesis 1-2. Er zeigt, was es hei\u00dft, dass der Mensch W\u00fcrde hat. Jedem Einzelnen, der durch Gesellschaft oder Krankheit entw\u00fcrdigt ist, dem spricht er Gottes Kindschaft (= W\u00fcrde) zu (vgl. Seligpreisungen).<\/li>\n\n\n\n<li>Zentrales Thema der Lehre Jesu: Die Herrschaft \/ das Reich Gottes. Das, was er an Gerechtigkeit, Liebe usw. erwartet, soll der Mensch schon jetzt tun. Das Paradiesische, das erwartet wird, soll durch Aufhebung der Verzerrung vollzogen werden \u2013 der s\u00fcndige Mensch kann umkehren, neu anfangen (S\u00fcndenvergebung f\u00fchrt zu Neuanfang das f\u00fchrt dazu, dass einer Gottes Willen tut, das f\u00fchrt zu einer Gesellschaft nach Gottes Willen).<\/li>\n\n\n\n<li>Das lehrt er in seiner Ethik (Bergpredigt+Gleichnisse+Diskussionen), das zeigt er durch seine Wunder.<\/li>\n\n\n\n<li>Jesus Christus wird von der christlichen Gemeinde als das unverzerrte Ebenbild Gottes angesehen, weil er Gottes Willen tut. Er befreit zu einem neuen Leben f\u00fcr die Gemeinschaft in Verantwortung und Solidarit\u00e4t.<\/li>\n<\/ol>\n\n\n\n<p style=\"text-decoration:underline\">c) Apostel Paulus von Tarsus (\u2020 um 65 n.Chr.)<\/p>\n\n\n\n<p>In der fr\u00fchen Christenheit waren auch viele Sklaven Teil der Gemeinde. Dem Apostel Paulus ging es wohl nicht in erster Linie darum, die Sklavenbefreiung zu propagieren. Aber ein Christ als Sklavenbesitzer sollte Sklaven wie Br\u00fcder \/ Schwestern behandeln (Brief an Philemon). Wesentlich: Man kann seine W\u00fcrde als Kind Gottes auch als Sklave leben. Der Status vor Gott war wichtiger als der vor den Menschen. Das gab den Erniedrigten W\u00fcrde. Ein Einsatz f\u00fcr die Sklavenbefreiung lag zu der Zeit nicht im Blick, w\u00e4re auch vom Staat \/ der gesamten Gesellschaft massiv geahndet worden. Man kannte es nicht anders. Vielleicht formuliert Paulus aus diesem Grund so doppeldeutig: 1. Brief an die Korinther 7,20ff. \u2013 je nach Bibel\u00fcbersetzung. Frauen haben gleiche W\u00fcrde \u2013 allerdings konnten sie aufgrund der damaligen Situation nicht wie M\u00e4nner handeln \u2013 sie waren gef\u00e4hrdet.\u00a0<em>Dass alle Menschen gleiche W\u00fcrde haben \u2013 ohne das Wort \u201eW\u00fcrde\u201c zu verwenden, zeigt diese Aussage: \u201eJetzt ist es unwichtig, ob ihr Juden oder Griechen, Sklaven oder Freie, M\u00e4nner oder Frauen seid: in Christus seid ihr alle eins\u201c\u00a0<\/em>(Galaterbrief 3,28). F\u00fcr Paulus hat der Mensch die Herrlichkeit Gottes (doxa) verloren, aber er kann sie im Glauben anstreben und spiegelt sie unvollkommen zwar, aber er spiegelt sie wider. Letztlich bekommt er sie vollst\u00e4ndig in der Welt Gottes. In dem genannten Zitat wird das Individuum dem Kollektiv zugeordnet, weil es dem Apostel darum geht, die Spaltungen in der Gemeinde aufzuheben. Unterschiede in der Gemeinde wurden dazu benutzt, Menschen abzuwerten bzw. sich selbst aufzuplustern. Die Individualit\u00e4t bleibt, was auch sonst betont wird: Jeder Glaubende hat von Gott seine jeweiligen Gaben geschenkt bekommen, die f\u00fcr die Gesamtheit einzusetzen sind.<\/p>\n\n\n\n<p style=\"text-decoration:underline\">d) Ambrosius (339-397) und Luther (15.\/16. Jahrhundert)<\/p>\n\n\n\n<p>Der&nbsp;<strong>Bischof Ambrosius von Mailand<\/strong>&nbsp;betonte, dass diejenigen W\u00fcrde haben, denen Menschen die W\u00fcrde nehmen. Er betont: Das verdient W\u00fcrde genannt zu werden, wenn nach menschlichen Ma\u00dfst\u00e4ben einer unw\u00fcrdig sei. Begr\u00fcndung (!): Das darum, weil Gott in Jesus Christus Mensch (unw\u00fcrdig) geworden ist. Gott hat seine Macht aufgegeben darum sind auch M\u00e4chtige, die sich m\u00e4chtig geb\u00e4rden, ferner von W\u00fcrde. Er beschreibt als Idealzustand:&nbsp;<strong>Alle teilen gleiche W\u00fcrde (<em>Dignitas<\/em>). W\u00fcrde und Freiheit geh\u00f6ren zusammen.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\">\n<li>Ambrosius ist der erste (soweit wir wissen), der das Thema W\u00fcrde ausf\u00fchrlich behandelt hat (die Frage stellt sich allerdings, ob die Schrift zum Thema W\u00fcrde die ihm traditionell zugeschrieben wird, vom ihm ist oder nicht). Und er begr\u00fcndet die W\u00fcrde anders als die Tradition (s.u. Cicero) nicht mit der Abstammung des Menschen, sondern religi\u00f6s:\u00a0<strong>Weil Gott Mensch wurde, sich bis zum Tod am Kreuz entw\u00fcrdigt hat, hat auch der von Menschen als w\u00fcrdelos erniedrigte Mensch W\u00fcrde.<\/strong>\u00a0Gott erhebt den Entw\u00fcrdigten. Die W\u00fcrde des Menschen wird also nicht weltimmanent begr\u00fcndet, sondern mit der Transzendenz. Die Bedeutung dieser Begr\u00fcndung ist vor allem auch f\u00fcr die Neuzeit (s.u.) wichtig, die sich von der transzendenten Begr\u00fcndung abkoppeln will.<\/li>\n<\/ul>\n\n\n\n<p><strong>F\u00fcr Luther<\/strong>&nbsp;wird W\u00fcrde dem Menschen durch Gott in der Rechtfertigung&nbsp;(Gott macht den s\u00fcndigen Menschen durch den Tod Jesu am Kreuz gerecht)&nbsp;zugesprochen. An Luther ist freilich zu sehen, dass das f\u00fcr den Umgang mit Juden mit Blick auf W\u00fcrde keine positiven Folgen hatte.<\/p>\n\n\n\n<p style=\"text-decoration:underline\">e) Gregor von Nyssa (ca. 335-ca. 394)<\/p>\n\n\n\n<p>Der Mensch ist Ebenbild Gottes. Gott hat den Menschen geschaffen und auch sein K\u00f6rper ist wichtig, da er durch den K\u00f6rper den Auftrag Gottes ausf\u00fchren kann, die Seele allein k\u00f6nnte es nicht. Die Seele ist frei, selbst\u00e4ndig, sie handelt. Der Mensch hat durch seine ihm von Gott gegebene Ausstattung W\u00fcrde (nicht dignitas sondern: axiosis). Sie hat Tugend, Reinheit, Unsterblichkeit, Gerechtigkeit, Gl\u00fcckseligkeit durch Nachahmung Gottes hat sie Sch\u00f6nheit. Gregor wandte sich massiv gegen Sklaverei. Der Mensch erhebt sich \u00fcber Gottes Ebenbild, ma\u00dft sich an, andere, also Gottes Ebenbild, zu besitzen.<\/p>\n\n\n\n<p style=\"text-decoration:underline\">f) Fazit<\/p>\n\n\n\n<ol class=\"wp-block-list\">\n<li>Diese j\u00fcdisch-christliche Tradition pr\u00e4gt den Umgang der Christen mit den Menschen, wenn auch im Namen Jesu Verbrechen begangen wurden (allerdings ohne sich auf Jesus berufen zu k\u00f6nnen), so gab es auch immer Menschen, die Nachfolge lebten. Eine Ahnung von dem, was W\u00fcrde des Menschen bedeutet, bekommt man, wenn man die Bibel kennt bzw. insbesondere die Evangelien. Weil der Mensch Ebenbild Gottes ist, ist Sklaverei verboten (<em>Gregor von Nyssa,<\/em>\u00a0394 und andere). Der Mystiker\u00a0<em>Meister Eckart<\/em>\u00a0(1328) sieht, dass jeder Mensch Ebenbild Gottes ist \u2013 es ist zwar zugesch\u00fcttet und muss herausgearbeitet werden. Damit ist die Diskussion genannt: Das urspr\u00fcngliche Ebenbild wurde verzerrt \u2013 der Mensch muss dieses Ebenbild wieder ann\u00e4hernd herausarbeiten (Stufen der W\u00fcrde). Mit Blick auf den Menschen als Ebenbild Gottes argumentierten der erste gro\u00dfe Kirchenrechtler (<em>Burchard von Worms<\/em> \u2020 1025) und V\u00f6lkerrechtler (<em>Francisco de Vitoria<\/em> \u2020 1546).<\/li>\n\n\n\n<li>Das Thema W\u00fcrde des Menschen wurde von Theologen des Mittelalters vielfach dargelegt.\u00a0<strong>Es geht um Vernunft, die dem Menschen einzigartige W\u00fcrde gibt<\/strong>\u00a0\u2013 begr\u00fcndet mit der Bibel (vgl. unten Stoa und Cicero). Das hei\u00dft: Der Mensch als vern\u00fcnftiges Wesen, als ein Wesen, das einen freien Willen hat, hat die Verpflichtung, seiner W\u00fcrde entsprechend zu handeln (<em>Bonaventura<\/em>\u00a0[13. Jh.],\u00a0<em>Thomas von Aquin<\/em>\u00a0[13. Jh.]). Der sehr einflussreiche Aufkl\u00e4rer\u00a0<em>John Milton<\/em>\u00a0(17.Jh.) argumentierte mit dem Menschen als vern\u00fcnftigem Ebenbild Gottes, das man nicht t\u00f6ten d\u00fcrfe.<\/li>\n<\/ol>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center\"><strong>2. Nichtchristliche Ans\u00e4tze: Buddhismus, Islam, Cicero (Naturrecht)<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>a) Buddhismus \/ Buddha (Siddharta Gautama \u2013 6. Jahrhundert vor Christus): Gestaltungsw\u00fcrde und Ashoka (304-232 v.Chr.): Gestaltungsw\u00fcrde und Ans\u00e4tze der Wesensw\u00fcrde<\/p>\n\n\n\n<p><em>Buddha<\/em>\u00a0versucht das Kastenwesen aufzuheben. Die W\u00fcrde des Menschen besteht darin, dass er versuchen kann, sich dem, was W\u00fcrde nimmt, was entw\u00fcrdigt \u2013 das Leiden \u2013 zu entziehen, um ins Nirwana (die Losl\u00f6sung) zu gelangen. Der Achtfache Pfad versucht Vorgaben zu machen, die das Leiden durch Gesinnung und Tat vermindern. Es wird konstatiert, nicht argumentiert. Das hei\u00dft, er sagt: dem ist so &#8211; er sagt meines Wissens nicht, warum dem so ist. (Ich kenne freilich nicht s\u00e4mtliche buddhistische Schriften bzw. die Schriften, die Buddha zugeschrieben werden.) <\/p>\n\n\n\n<p>Auch\u00a0<em>Kaiser Ashoka<\/em>\u00a0argumentiert in den 14 Felsenregeln nicht, er konstatiert. Es ist das \u201emoralische Gesetz\u201c das gilt. Ashokas\u00a0Regeln beginnen mit der Anrede: Geliebte der G\u00f6tter\u2026 \u2013 und f\u00fcr die \u201eGeliebten der G\u00f6tter\u201c gilt: Gut ist es, nicht Tiere zu t\u00f6ten, gut ist es, Vater und Mutter zu ehren\u2026 Gegen Schuld auf sich laden, f\u00fcr Verdienste erwerben. Es geht um Unterst\u00fctzung von Gefangenen, Kranken usw. Ziel: Wohlergehen, Gl\u00fcck und Erlangen der himmlischen Welt. Ashoka sagt also nicht, wer sagt, dass es gut ist. Gut ist es nur mit Blick auf die Zukunft. <\/p>\n\n\n\n<p><em>Bemerkungen:<\/em><\/p>\n\n\n\n<ol class=\"wp-block-list\">\n<li>An Kaiser Ashoka wird besonders deutlich, dass Buddhas Lehre soziale Implikationen hatte.&nbsp;<em>Er spricht nicht von W\u00fcrde, sondern davon, was gut ist, was Menschen gut tut<\/em>. Ashoka hatte aber keine weiteren Auswirkungen. Er wurde in Indien vergessen, seine Regeln konnten auch nicht mehr \u00fcbersetzt werden, weil niemand mehr deren Sprache verstand. Das \u00e4nderte sich erst, als die Briten Indien besetzten und Forscher die Sprache entschl\u00fcsselten.<\/li>\n\n\n\n<li>Ashoka hat aber nicht Sklaven freigelassen, keine eroberten L\u00e4nder zur\u00fcckgegeben. Menschen, die seine Sicht nicht \u00fcbernommen hatten, wurden mit dem Tode bedroht.<\/li>\n\n\n\n<li>Buddha hat einen ganz anderen Ansatz mit dem Thema Leiden, das Menschen entw\u00fcrdigt, umzugehen als Jesus. Jesus k\u00e4mpft gegen das Leiden an, indem er Menschen aufwertet und anspornt, gegen das Leiden anzuk\u00e4mpfen. Buddha lehrt, sich dem Leiden zu entziehen, das macht sozusagen die W\u00fcrde des Menschen aus. Beide haben somit auch ganz unterschiedliche gesellschaftspolitische Folgen.<\/li>\n<\/ol>\n\n\n\n<p style=\"text-decoration:underline\">b) Islam \/Mohammed (ca. 570-632 n. Chr.): Von Allah bis ins Detail bestimmte Wesensw\u00fcrde (Gesetz)<\/p>\n\n\n\n<p>W\u00fcrde hat der, der Allah \u2013 wie er sich im Koran kundgibt \u2013 folgt und den Propheten Mohammed \u2013 wie er in den Ahadith \/ der Sunna vorgestellt wird \u2013 anerkennt. Vernunft und Willensfreiheit sich f\u00fcr das Gute zu entscheiden, das macht den Menschen so gro\u00df, dass sich sogar Engel vor Adam niederwerfen. Weil alle Menschen von Adam abstammen, sind sie gleich. Menschen sind von Anfang an Verehrer Allahs \u2013 und manche sind von Allahs Forderungen abgefallen. Und diese m\u00fcssen zur\u00fcckgef\u00fchrt werden.<\/p>\n\n\n\n<p><em>Bemerkungen:<\/em><\/p>\n\n\n\n<ol class=\"wp-block-list\">\n<li>Die Menschenrechte gelten im Rahmen der Scharia \u2013 und deren Auslegung ist abh\u00e4ngig von Gelehrten \u2013 das gilt auch f\u00fcr die W\u00fcrde der Menschen (<em>Kairoer Menschenrechtserkl\u00e4rung<\/em>&nbsp;1990 und&nbsp;<em>Arabische Charta der Menschenrechte&nbsp;<\/em>erweitert 2004). Das hei\u00dft: Individuelle Freiheit wird durch die Umma (die Gemeinschaft) bestimmt, sie bestimmt wie ein Mensch handeln darf. De facto wird auch die Gleichheit aller Menschen nur in wenigen islamischen Staaten auf Religionsfreiheit ausgedehnt, da die&nbsp;<strong>Umma als kollektive Gr\u00f6\u00dfe relevant ist, nicht das Individuum<\/strong>. Allerdings legen die f\u00fcnf\/sechs S\u00e4ulen nahe, dass man sich um das Individuum k\u00fcmmern sollte (Almosen).<\/li>\n\n\n\n<li><strong>Was Allah befiehlt, das ist W\u00fcrde<\/strong>. Auch K\u00f6rperstrafen werden allgemein als Islam-Konform, damit als kompatibel mit der W\u00fcrde des Menschen angesehen. (Auch in einer Anmerkung des Korans der Ahmadiyya best\u00e4tigt: Anm. 54 zu Sure 5:38\/9.)<\/li>\n\n\n\n<li>Mohammed hat nichts gegen Sklaverei unternommen, im Gegenteil, denn Sklaverei war gang und g\u00e4be.<\/li>\n<\/ol>\n\n\n\n<p style=\"text-decoration:underline\">c) Naturrecht und Cicero (106-43 v.Chr) (r\u00f6mischer Jurist, Rhetor und Philosoph in stoischer Tradition)<\/p>\n\n\n\n<p>Die&nbsp;<strong>Natur lehrt, was es hei\u00dft, dass alle Menschen W\u00fcrde haben<\/strong>: Alle sind gleich geboren worden. Aber das ist nicht die einzige Schlussfolgerung, denn die Natur zeigt auch, dass das Recht des \u201eSt\u00e4rkeren\u201c sich durchsetzt (je nach Intention: Reichtum, Macht, Leistung, Abstammung, Schlauheit; vgl. Platon: Gorgias).<\/p>\n\n\n\n<p>Cicero:<\/p>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\">\n<li>W\u00fcrde hat der Mensch aufgrund seiner Selbstbeherrschung.<\/li>\n\n\n\n<li>W\u00fcrde hat der Mensch aufgrund seiner gesellschaftlichen Stellung.<\/li>\n\n\n\n<li>W\u00fcrde haben alle Menschen, weil sie von gleicher Natur \/ Herkunft sind, wir haben Vernunft und unterscheiden uns von den Tieren. Diesen Ansatz hat er von den Stoikern \u00fcbernommen.<\/li>\n\n\n\n<li>W\u00fcrde (<em>dignitas<\/em>) hat, wer sich der dem Menschen angemessenen Rolle gem\u00e4\u00df benimmt.<\/li>\n<\/ul>\n\n\n\n<p>Die ersten beiden Punkte entsprechen traditionellen Vorstellungen. Der vorletzte Punkt wurde zwar theoretisch angedacht, hatte aber noch keine gesellschaftspolitischen Folgen. Das Thema, dass Menschen aufgrund ihrer W\u00fcrde gesch\u00fctzt werden m\u00fcssten, ist nicht im Blick:&nbsp;<strong>Wesentlich ist die soziale Rolle, die man w\u00fcrdig zu spielen hat.<\/strong>&nbsp;Manche, die nicht tugendhaft und gem\u00e4\u00df ihrer Rolle leben, sind nur dem Namen nach Menschen. Auch f\u00fcr Cicero waren Sklaven eine Normalit\u00e4t.<\/p>\n\n\n\n<p><em>Bemerkungen:<\/em><\/p>\n\n\n\n<ol class=\"wp-block-list\">\n<li>Man spricht in der Literatur allgemein von \u201estoischer Tradition\u201c. Soweit meine Recherchen zeigen, stammen die ersten eindeutigen Aussagen zur W\u00fcrde in der stoischen Tradition von Epiktet (*um 50 + um 138): Dissertationes. Allerdings hat Epiktet nichts aufgeschrieben, sondern sein Sch\u00fcler Arrian (um 90- nach 145) hat nach Epiktets Tod Lehren Epiktets herausgegeben, von denen man aber nicht mehr sagen kann, was von Epiktet, was von Arrian ist. Manches von dem, was Epiktet\/Arrian sagt, klingt christlich. W\u00e4hrend man fr\u00fcher davon ausging, dass Epiktet mit christlichem Denken konfrontiert worden war, nimmt man davon gegenw\u00e4rtig Abstand, weil man meint, das sei Allgemeinwissen. Das jedoch ist nicht wissenschaftlich argumentiert, sodass an dieser Stelle intensive Forschung noch aussteht. Stoisch ist: Der Mensch ist Kosmopolit, weil er ein Mensch ist, der vom g\u00f6ttlichen Geist durchstr\u00f6mt wird, er hat Sprache und Verstand. Diesem Geist geh\u00f6rt er an, von daher kann er vom K\u00f6rperlichen frei sein. Die Schranken, die Menschen aufstellen, sind irrelevant. Aber das bedeutet nicht, dass die gesellschaftlichen Schranken real aufgebrochen werden. Man muss sich einf\u00fcgen in die vorgegebene Ordnung, auch als Sklave. \u2013 Stoiker und Christen haben einander weitergeholfen. Das sieht man auch daran, mit welcher Achtung Christen zum Beispiel \u00fcber Cicero geredet haben. Zu recht.<\/li>\n\n\n\n<li>Der&nbsp;<em>moderne Sozialdarwinismus&nbsp;<\/em>(das Recht des Starken und Gesunden und wie auch immer Fitten, sich durchzusetzen) greift im Grunde weltweit verbreitete Handlungsweisen auf. M\u00e4chtige und \/ oder Reiche bestimmen alles. Dass M\u00e4chtige auch unter dem Gesetz Gottes stehen, das finden wir im Alten Testament (z.B. David) vorgezeichnet, hat sich aber erst im christlichen Bereich mit Berufung auf die Bibel im 17.\/18. Jh. langsam durchgesetzt (Magna Charta). Dass Reiche nicht autark sind, das versuchte&nbsp;<em>Solon<\/em>&nbsp;(6.Jh.v.Chr.) durchzusetzen.<\/li>\n\n\n\n<li>Sobald mit der W\u00fcrde des Menschen aus der Natur begr\u00fcndet wird, kommt \u00dcbles in die Diskussion: Der R\u00fcckgriff des Mittelalters auf die Antike (Aristoteles) f\u00fchrte dazu, die Sklaverei zu begr\u00fcnden und begr\u00fcndete in der Neuzeit den Rassismus.<\/li>\n\n\n\n<li>Dem muss aber nicht so sein: Auch die Kirche griff das Naturrecht auf: Menschen \u2013 als Gesch\u00f6pfe und Kinder Gottes \u2013 haben von Natur aus Vernunft und Gewissen. Alle Menschen, Menschen aller V\u00f6lker, stehen auf einer Stufe. Das f\u00f6rderte die Toleranz und auch die Kritik an Gesetzen, die dem Naturrecht nicht entsprachen, weil der Mensch nicht ver\u00e4ndert werden kann. Das Naturrecht wird aber aus der Perspektive der Bibel betrachtet: Nicht die Natur bestimmt das, was richtig ist, sondern: die Bibel sagt, wie das, was die Sch\u00f6pfungsordnung Gottes vorgibt, richtig ist. Die Perspektive ist eine andere. <\/li>\n\n\n\n<li>Der Bezug auf Gott wurde in der Folgezeit, der Zeit der S\u00e4kularisierung, immer st\u00e4rker beiseite geschoben: der Mensch hat W\u00fcrde, weil er als Mensch geboren wurde.\u00a0<strong>Das Naturrecht wird aber als statisches Konzept hinterfragt<\/strong>: Der Mensch ist nicht abh\u00e4ngig von Vorgaben der Natur \u2013 er kann sie selbst beeinflussen, er muss experimentieren, was auch immer das f\u00fcr einzelne Menschen an Negativ-Erfahrungen hei\u00dft.<\/li>\n<\/ol>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center\"><strong>3. Neuzeit \u2013 im christlichen Kulturkreis \u2013 so genannte postchristliche Zeit<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p style=\"text-decoration:underline\">a) Kant (1724-1804):<\/p>\n\n\n\n<p>Kant ist gegenw\u00e4rtig wesentlich f\u00fcr die Frage nach der W\u00fcrde, weil die Interpretation von \u201eW\u00fcrde\u201c im Deutschen Grundgesetz auf seine Vorarbeiten zum Thema zur\u00fcckzuf\u00fchren ist. Freilich ist umstritten, was er damit meinte. Grunds\u00e4tzlich:\u00a0<strong>Die Autonomie der Vernunft des Menschen ist Grund der W\u00fcrde.<\/strong>\u00a0Der Mensch darf andere nicht f\u00fcr seine W\u00fcnsche benutzen. Die Vernunft dient der moralischen Selbstbestimmung. Der Kategorische Imperativ (Grundform): \u201eHandle nur nach derjenigen Maxime, durch die du zugleich wollen kannst, dass sie ein allgemeines Gesetz werde.\u201c W\u00fcrde hat der sittliche Mensch.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Frage ist, wieweit W\u00fcrde bei Kant auch f\u00fcr die geistig Behinderten gilt, die nicht die Vernunft einsetzen k\u00f6nnen. W\u00e4hrend er in der Moralphilosophie Behinderte eher ausschlie\u00dft, werden sie in der Metaphysik der Sitten eher eingeschlossen. Eine m\u00f6gliche Antwort: In jedem Menschen ist die Vernunft unvollst\u00e4ndig \u2013 und darum gilt die W\u00fcrde der Menschheit als Ganzes.<\/p>\n\n\n\n<p><em>Bemerkung:<\/em><\/p>\n\n\n\n<ol class=\"wp-block-list\">\n<li>Das ist jedoch so eindeutig nicht. Warum sucht man also herauszufinden, dass auch Behinderte im Werk von Kant W\u00fcrde haben?<\/li>\n\n\n\n<li>Weil wir durch die j\u00fcdisch-christliche Tradition wissen, dass jeder Mensch W\u00fcrde hat. Wir haben eine Vorstellung von \u201eWesensw\u00fcrde\u201c. Weil aber die j\u00fcdisch-christliche Tradition in der s\u00e4kularen Zeit nicht mehr als Begr\u00fcndung dienen darf, wird ein anderer philosophischer Hintergrund gesucht. Freilich wird gegenw\u00e4rtig auch versucht, die Begr\u00fcndung der W\u00fcrde des Menschen von jeglichem metaphysischen Ansatz (also auch von Cicero, Kant und somit vermutlich auch von Ashoka) zu l\u00f6sen.<\/li>\n\n\n\n<li>Wie auch immer das alles zu sehen ist, auch die Aufgekl\u00e4rten Europas stehen in der j\u00fcdisch-christlichen Tradition. Das ist daran zu erkennen, dass Kulturen mit anderer Tradition eine andere Vorstellung von W\u00fcrde haben (Hinduismus\/Indien; islamische Staaten; bekannte afrikanische Traditionen).<\/li>\n\n\n\n<li>Ein Gegenentwurf zu Kant bot der\u00a0<em>Marquis des Sade<\/em> (\u2020 1814): Natur und Vernunft gebieten die Herrschaft des Starken \u00fcber die Schwachen, und sie gebieten auch die Entw\u00fcrdigung der Schwachen, soweit das dem Starken Lust bereitet. Denn es gibt keinen Gott, der das ahndet.<\/li>\n<\/ol>\n\n\n\n<p style=\"text-decoration:underline\">b) Gegenw\u00e4rtige Ans\u00e4tze: Keine Wesensw\u00fcrde \u2013 nur Gestaltungsw\u00fcrde<\/p>\n\n\n\n<p>Gegenw\u00e4rtige Ans\u00e4tze stellen den Verstand in den Vordergrund, darum wird Menschenw\u00fcrde sowohl vom Naturrecht als auch vom christlichen Glauben gel\u00f6st. Niemand gibt vor, was W\u00fcrde ist, weder Gott noch Natur, das muss neu bestimmt werden. Dazu gibt es unterschiedliche Ans\u00e4tze, sie zu begr\u00fcnden:<\/p>\n\n\n\n<ol class=\"wp-block-list\">\n<li><strong>Mitleidsethik\u00a0<\/strong>(<em>Schopenhauer<\/em>: 1788-1860): Menschen haben Mitleid \u2013 weil sie sich in den anderen hineinversetzen k\u00f6nnen: Was mir Leid bringt, bringt anderen Leiden, also versuche ich Leiden auch des anderen zu verhindern. In der Moderne weitergef\u00fchrt: Der Mensch hilft auf der Grundlage: Selbstachtung + Respekt voreinander + materielle Sicherheit. Sie helfen Menschen, die leiden und ihr Leben nicht mehr gestalten k\u00f6nnen, diese Menschen m\u00fcssen aber auch die M\u00f6glichkeit haben, sich selbst dem Leben zu entziehen. Embryonen haben noch keine Gestaltungsw\u00fcrde, weil sie keine Interessen und bewusste Bed\u00fcrfnisse haben. Mit ihnen kann man auch kein Mitleid haben, weil sie ja noch nicht richtig als selbstbestimmte Menschen existent sind bzw. es wird versucht, sie vom Mitleid zu l\u00f6sen.<\/li>\n\n\n\n<li>Versuch, das Thema von j\u00fcdisch-christlicher Tradition zu l\u00f6sen, ist auch in der\u00a0<strong>Diskursethik\u00a0<\/strong>(<em>Habermas<\/em>: 1929-2026) zu finden: Der Mensch ist durch Kommunikation in soziale Beziehungen eingebunden und so muss man sich gegenseitig als Kommunikationspartner anerkennen. Die W\u00fcrde ist universal und nicht verhandelbar, weil f\u00fcr eine gelungene Kommunikation die Anerkennung der W\u00fcrde des anderen Voraussetzung ist. Die konkrete Ausformung muss jedoch durch das Recht und somit durch den Diskurs erarbeitet werden. Behinderte haben durch Stellvertretung durch andere und an ihrer Teilhabe an der Gattung Mensch W\u00fcrde. <\/li>\n\n\n\n<li>\u201e<strong>Gewohnheitsw\u00fcrde<\/strong>&#8222;: Manche m\u00f6chten auch gar nicht mehr weiter diskutieren, sondern sagen: Es hat sich in der Moderne herauskristallisiert, was gut ist, was schlecht, was als W\u00fcrde empfunden wird, was nicht: Insgesamt gilt: Was dem Menschen gut tut \u2013 und was sich an Rechten im Laufe der Zeit ergeben haben (z.B. B\u00fcrgerrechte) \u2013 ist Ma\u00dfstab. Es ist so, weil es ist &#8211; nat\u00fcrlich kann sich auch alles irgendwie \u00e4ndern, weil sich die Gesellschaft \u00e4ndert. Und wer sagt, dass das, was ist mit Blick auf W\u00fcrde gut ist und das was sein wird, gut sein wird? (Vgl. Rorty \u2020 2007, Hume \u2020 1776, Burke \u2020 1797)<\/li>\n\n\n\n<li><strong>Schleier des Nichtwissens<\/strong>\u00a0(<em>Rawls<\/em>: 1921-2002): Zentral f\u00fcr Rawls ist die Selbstachtung. Man wei\u00df nicht, wie man in Zukunft leben muss. Und darum soll man sich in die Lage derer versetzen, die arm sind \u2013 das bedeutet, dass man darauf achten muss, dass diejenigen, die am wenigsten beg\u00fcnstigt sind, gr\u00f6\u00dftm\u00f6gliche Vorteile zukommen \u2013 weil man selbst nicht wei\u00df, ob man irgendwann einmal Nutznie\u00dfer dieser Vorteile sein wird. Das Thema W\u00fcrde ist insofern inh\u00e4rent, als ich den anderen als Ich betrachte &#8211; er wird gesch\u00fctzt, weil ich mich als k\u00fcnftigen Menschen dadurch sch\u00fctze. Problematisch wird das mit Blick auf Ungeborene. <\/li>\n\n\n\n<li><strong>Utilitarismus<\/strong>: In der Gegenwart sind verschiedene Spielarten des Utilitarismus dominant: Ma\u00dfstab f\u00fcr das Verhalten ist nicht die W\u00fcrde des Individuums, sondern: Welchen Nutzen hat die Gruppe vom Individuum. Freilich hat die Gruppe gr\u00f6\u00dftm\u00f6glichen Nutzen, wenn es dem Individuum gut geht, aber das Individuum muss zur Not dem Willen der Gruppe geopfert werden. <\/li>\n\n\n\n<li>Ein\u00a0<strong>abgestuftes Menschenw\u00fcrde-Konzept<\/strong>\u00a0erkennt der Jurist\u00a0<em>Herdegen<\/em>\u00a0\u2013 was zu Differenzierungen im W\u00fcrdeschutz f\u00fchrt (Ungeborene \u2013 neu Geborene \u2013 Erwachsene; Grundlage der Differenzierung ist die zwischenmenschliche Beziehung: Wer rettet wen zuerst?) Die Vorstellung von Aristoteles wird auf den Menschen \u00fcbertragen. Aristoteles ging von einer Stufung aus: Pflanzenseele &#8211; Tierseele &#8211; Menschenvernunft. Der Mensch wiederum wird moralisch unterteilt in seinem Seelenverm\u00f6gen. \u00dcberwiegend spielt das Thema (soweit ich sehe) eine Rolle mit Blick auf das Verh\u00e4ltnis Mensch-Tier (Singer) bzw. f\u00fcr das Verh\u00e4ltnis von Geborenen-Ungeborenen. Da die Abtreibung auf irgendeiner Weise legitimiert werden soll. <\/li>\n<\/ol>\n\n\n\n<p class=\"has-text-color has-link-color wp-elements-b993512ab7eb69041a06c100327b16cb\" style=\"color:#eb0a0a\">Aufgabe: <\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-color has-link-color wp-elements-88e22bfc628572fcb7927c5602b84b3a\" style=\"color:#eb0a0a\">Aufgabe 1: Du hast jetzt eine Menge an Informationen. (a) Welchem Menschenbild stimmst Du zu, (b) welches lehnst Du grunds\u00e4tzlich ab, (c) bei welchem Menschenbild bist Du Dir unsicher? <\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-color has-link-color wp-elements-b8dcbb53f178f7db0ef081fb3ec83105\" style=\"color:#eb0a0a\">Aufgabe 2: Tendierst Du eher dem Grundsatz der Wesensw\u00fcrde zu oder dem Grundsatz der Gestaltungsw\u00fcrde? Begr\u00fcnde!<\/p>\n\n\n\n<p><em>Bemerkungen \u2013 gleichzeitig ein paar zu bedenkende Fragen:<\/em><\/p>\n\n\n\n<ol class=\"wp-block-list\">\n<li><strong>Kritik an\u00a0<em>Schopenhauer\u00a0<\/em>(1.)<\/strong>: Folgen f\u00fcr die Gesellschaft: Sterbehilfe, Abtreibung usw. muss entgegen christlicher Tradition erm\u00f6glicht werden. Voraussetzung f\u00fcr diese grunds\u00e4tzlich mitleidvolle Sicht ist im Grunde unsere gegenw\u00e4rtige geordnete und mitleidvolle postchristliche Wohlstandsgesellschaft. Doch was ist mit Menschen, die ihrer W\u00fcrde selbst nicht bewusst sind, weil keiner Mitleid mit ihnen hat und die abgelehnt werden, z.B. weil sie den Gestaltungsrahmen der Selbstbewussten finanziell und zeitlich einschr\u00e4nken? Im Grunde geht diese Sicht an den realen Erfahrungen vorbei. Bei vielen Menschen spielt Mitleid eine Rolle &#8211; aber bei vielen auch \u00fcberhaupt nicht. Zudem ist Mitleid gesellschaftlich definiert. Was in manchen Kulturen Sch\u00fcbe an Mitleid hervorruft &#8211; kann in anderen Kulturen Recht sein. <\/li>\n\n\n\n<li>Kann sich ein Mensch W\u00fcrde zusprechen, wenn ihn alle entw\u00fcrdigen? Diese Sicht klammert zudem ethische Grundlagen: Egoismus, Hedonismus, Utilitarismus aus. Ist also unrealistisch. Der Aspekt, der f\u00fcr sie spricht, ist die Entdeckung der Spiegelneuronen. Diese werden zurzeit erforscht \u2013 aber man erkennt, dass diese \u201eSpiegel\u201c auch verfinstern k\u00f6nnen: Menschen \u2013 laienhaft gesagt \u2013 k\u00f6nnen ihre urspr\u00fcnglich mitleidsvolle \u201eSpiegelneuronen\u201c durch Egoismus usw. zerst\u00f6ren.<\/li>\n\n\n\n<li><strong>Kritik an 2.<\/strong> <em>Diskursethik<\/em>: F\u00fchrt ein Diskurs jemals zu einem Ergebnis? Wer setzt fest, wann das Ergebnis erreicht wurde? Kann nach einer Festsetzung nicht sofort wieder eine neue Diskursphase beginnen, weil eine neue Idee, eine neue Generation Weiteres bestimmt? Aber was wichtiger ist: wenn die Anerkennung des jeweils anderen die Grundlage der W\u00fcrde ist, dann ist W\u00fcrde abh\u00e4ngig von dem Anerkennenden. Das widerspricht kolossal der christlichen Sicht, dass Gott den Menschen anerkannt hat und W\u00fcrde gegeben hat &#8211; das die Basis des Miteinanders ist, die niemand in Frage stellen darf.<\/li>\n\n\n\n<li><strong>Kritik an 3.<\/strong><em> Gewohnheitsw\u00fcrde<\/em><strong>:<\/strong> Ein Festschreiben des status quo \/ des Vorliegenden entspricht nicht menschlichem Verhalten. Und: Manche sehen R\u00fcckschritte als Fortschritte an. Auch Erreichtes muss st\u00e4ndig neu erk\u00e4mpft werden. Zudem: B\u00fcrgerrechte regeln nur das Verh\u00e4ltnis zwischen B\u00fcrger und Staat \u2013 nicht aber die zwischenmenschlichen Verhaltensweisen. Nicht allein der Staat kann entw\u00fcrdigen, sondern Entw\u00fcrdigungen finden vielfach auch zwischen Menschen im Alltag statt.<\/li>\n\n\n\n<li>In der Philosophie gibt es eine Auseinandersetzung zwischen\u00a0<em>Werte-Subjektivisten und Werte-Objektivisten<\/em>. Werte-Objektivisten sagen, dass es Werte gibt, die wir noch nicht begr\u00fcnden k\u00f6nnen, aber fest, objektiv, vorhanden sind, zum Beispiel N\u00e4chstenliebe. Werte-Subjektivisten sagen hingegen, es gibt keine grundlegenden, objektiven Werte, sie sind immer individuelle bzw. kulturell bedingte Sichtweisen. Eine mittlere Position meint, dass man Werte mit Hilfe der Naturwissenschaften logisch entwickeln m\u00fcsse. Ein christlicher Werte-Objektivist muss zum Beispiel einem Tyrannen sagen: Gott hat die W\u00fcrde des Menschen bestimmt &#8211; also ist sie einzuhalten. Ob sich der Tyrann daran h\u00e4lt, weil er auch an Gott glaubt oder nicht, ist dann die Frage. Ein Werte-Subjektivist kann einem Tyrannen gar nicht sagen, dass er die W\u00fcrde des anderen missbraucht, weil dieses grausame Verhalten eben in seiner subjektiven Sicht begr\u00fcndet ist. Der Christ kann sagen: Gott wird Gerechtigkeit durchsetzen, dich zur Verantwortung ziehen. Was kann der Wertesubjektivist sagen? <\/li>\n\n\n\n<li><strong>Kritik an 4. <\/strong><em>Schleier des Nichtwissens<\/em><strong>:<\/strong> Es geht im Grunde nicht um die Frage der W\u00fcrde. Es geht nur noch darum, dass man als Egoist dazu gedr\u00e4ngt wird, anderen zu helfen, damit man im Notfall Hilfe bekommt. Das ist ein raffinierter Ansatz, um eine Art soziale Gerechtigkeit in der Gesellschaft durchzusetzen.<\/li>\n\n\n\n<li><strong>Kritik an 5.<\/strong> <em>Utilitarismus<\/em> wird aus den verschiedenen Perspektiven ge\u00e4u\u00dfert, die das Individuum betonen. Das Individuum hat W\u00fcrde \u2013 auch entgegen den Vorstellungen der Gruppe. W\u00fcrde wird sozusagen verrechenbar: Ein Mensch kann geopfert werden, wenn es einer gr\u00f6\u00dferen Anzahl an Menschen von Nutzen ist. Hieran wird auch deutlich, warum in manchen Bereichen unserer Gesellschaft so massiv ist: Bei der Wesensw\u00fcrde und der Gestaltungsw\u00fcrde stehen vollkommen unterschiedliche Menschenbilder im Hintergrund. <\/li>\n\n\n\n<li><strong>Kritik an 6. <\/strong><em>&#8211; abgestufte Menschenw\u00fcrde &#8211; :<\/em><strong><em> <\/em><\/strong>Dieses Modell wird kritisiert, weil durch eine solche Diskussion die W\u00fcrde selbst relativiert wird. Im Alltag werden Unterschiede gemacht, mit Blick auf das Beispiel der Rettung von Menschen. Aber das kann nicht die Grundlage f\u00fcr das Menschenbild sein.<\/li>\n<\/ol>\n\n\n\n<p style=\"text-decoration:underline\">c) Pr\u00e4ambeln: Charta der Vereinten Nationen 1945 (I) und Allgemeine Erkl\u00e4rung der Menschenrechte (1948) (II) und Art. 1 der Allgemeinen Erkl\u00e4rung der Menschenrechte (III), Unabh\u00e4ngkeitserkl\u00e4rung der Vereinigten Staaten 1776 (IV)<\/p>\n\n\n\n<p>Charta der Menschenrechte: (I)\u00a0 \u201e\u2026 unseren Glauben an die Grundrechte des Menschen, an W\u00fcrde und Wert der menschlichen Pers\u00f6nlichkeit, \u2026\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Allgemeine Erkl\u00e4rung der Menschenrechte: (II) \u201eDa die Anerkennung der angeborenen W\u00fcrde (sanctity wurde durch dignity ersetzt) und der gleichen und unver\u00e4u\u00dferlichen Rechte aller Mitglieder der Gemeinschaft der Menschen die Grundlage von Freiheit, Gerechtigkeit und Frieden in der Welt bildet\u2026<\/p>\n\n\n\n<p>Art. 1: (III) \u201eAlle Menschen sind frei und gleich an W\u00fcrde und Rechten geboren.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Dazu siehe auch:&nbsp;<a href=\"https:\/\/evangelische-religion.de\/ReligionNeu\/mensch\/menschenrechte-1\/\">https:\/\/evangelische-religion.de\/ReligionNeu\/mensch\/menschenrechte-1\/<\/a><\/p>\n\n\n\n<p><em>Bemerkung:<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Dieser Satz (I und III) greift das Naturrecht auf, wird aber j\u00fcdisch-christlich interpretiert. Denn: Wer sagt, dass dem so ist? Es wird behauptet. Das hei\u00dft: Auch die Allgemeine Erkl\u00e4rung der Menschenrechte ist Folge der j\u00fcdisch-christlichen Tradition in Fortf\u00fchrung durch die Moderne. Darum stimmen in der Gegenwart andere Kulturkreise dem dort Niedergelegten nicht mehr so ohne weiteres zu. Man r\u00fchrt aber nicht an dem Problem, sonst w\u00fcrde die Welt politisch noch mehr zerfallen. Anders ist (II) zu beurteilen. Hier wird vermutlich die Beobachtung wiedergegeben, dass es Freiheit, Gerechtigkeit und Frieden nur gibt, wenn man die W\u00fcrde aller beachtet. Es handelt sich um eine Art Klugheitsregel. \u00dcbrigens gilt die W\u00fcrde Ungeborenen nicht! Erst der geborene Mensch hat W\u00fcrde.<\/p>\n\n\n\n<p>(IV) Die Aussagen der UN greifen modifiziert die Unabh\u00e4ngigkeitserkl\u00e4rung der Vereinigten Staaten von 1776 auf:&nbsp;<em>\u201eWir halten diese Wahrheit f\u00fcr ausgemacht, dass alle Menschen gleich erschaffen worden, dass sie von ihrem Sch\u00f6pfer mit gewissen unver\u00e4u\u00dferlichen Rechten begabt worden, worunter sind Leben, Freiheit und Bestreben nach Gl\u00fcckseligkeit.\u201c<\/em>&nbsp;Hieran kann man sch\u00f6n sehen, wie der s\u00e4kulare Mensch Traditionen aufgreift, die im christlichen Glauben verwurzelt sind, aber dann diese Tradition leugnet \u2013 und vielfach auch so tut, als seien die Aussagen Ergebnis moderner atheistischer Aufkl\u00e4rung.<\/p>\n\n\n\n<p>d) Deutsches Grundgesetz Artikel 1 Absatz 1 (Mai 1949)<\/p>\n\n\n\n<p>\u201e<em>Die W\u00fcrde des Menschen ist unantastbar. Sie zu achten und zu sch\u00fctzen ist Verpflichtung aller staatlichen Gewalt.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Auslegung des Bundesverfassungsgerichtes: \u201eJeder besitzt (Menschenw\u00fcrde), ohne R\u00fccksicht auf seine Eigenschaften, seine Leistungen und seinen sozialen Status. Sie ist auch dem eigen, der aufgrund seines k\u00f6rperlichen und geistigen Zustands nicht sinnhaft handeln kann. Selbst durch `unw\u00fcrdiges\u00b4 Verhalten geht sie nicht verloren. Sie kann keinem Menschen genommen werden.\u201c Warum dem so ist, kann nicht hinterfragt werden: Dem ist so. Menschenw\u00fcrde wird absolut gesetzt, ohne dass gesagt wird, was eigentlich gesch\u00fctzt werden muss.<\/p>\n\n\n\n<p><em>Bemerkung:<\/em><\/p>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\">\n<li>Die Frage ist: Was ist unter \u201eunantastbar\u201c zu verstehen: (a) Wesensw\u00fcrde \u2013 weil sie dem Menschen zu eigen ist oder (b) Gestaltungsw\u00fcrde, das hei\u00dft, der Staat muss dem Individuum ein Leben erm\u00f6glichen, das ein selbst gestaltetes Leben in W\u00fcrde garantiert ist.<\/li>\n\n\n\n<li>Die W\u00fcrde des Menschen (a) kann nicht angetastet werden bzw. (b) darf nicht angetastet werden.<\/li>\n\n\n\n<li>Das Bundesverfassungsgericht definiert nicht, was W\u00fcrde ist. Darum muss es von Fall zu Fall entscheiden, wenn einer wegen vermeintlicher Verletzung seiner W\u00fcrde klagt.<\/li>\n<\/ul>\n\n\n\n<p>4. Christliches Verst\u00e4ndnis von W\u00fcrde in der Gegenwart auf der Basis der Bibel\/Jesus und der letzten 2000 Jahre<\/p>\n\n\n\n<p><strong>W\u00fcrde findet ihre Letztbegr\u00fcndung in Gott, seiner Erschaffung des Menschen, dass er ihn durch die Sendung Jesu Christi w\u00fcrdigt und mit seinem Geist beschenkt.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\">\n<li><em>W\u00fcrde ist ein Geheimnis<\/em>, der Mensch ist nicht in der Lage, W\u00fcrde zu definieren. Wie der Mensch sich selbst nicht definieren kann, sich damit auch nicht vollst\u00e4ndig in den Griff bekommen kann, so ist auch das Wort \u201eW\u00fcrde\u201c nicht einzugrenzen. Der Mensch ist nicht am Vorfindlichen in seinem Wesen erkennbar, an seinen Eigenschaften.&nbsp;<em>Nicht innerweltliche Ma\u00dfst\u00e4be gen\u00fcgen, um seine W\u00fcrde zu definieren<\/em>&nbsp;\u2013 Definitionen w\u00fcrden ausgrenzen, begrenzen.<\/li>\n\n\n\n<li>Erfahrungen der Entw\u00fcrdigungen machen es m\u00f6glich, sich der \u201eW\u00fcrde\u201c inhaltlich anzun\u00e4hern (<em>Hiob; Jesus<\/em>).<\/li>\n\n\n\n<li><em>Aus christlicher Perspektive bestimmt Gott die W\u00fcrde des Menschen<\/em>.&nbsp;<strong>Gott hat den Menschen zu seinem Ebenbild geschaffen (Wesensw\u00fcrde), er spricht den Menschen an, er beauftragt ihn (Gestaltungsw\u00fcrde)<\/strong>. In Jesus sehen wir, dass Gott den Menschen, die von der Gesellschaft entw\u00fcrdigt werden, W\u00fcrde gibt, weil ihnen Wesensw\u00fcrde zukommt \u2013 und damit verbunden Gestaltungsw\u00fcrde).<\/li>\n\n\n\n<li>Das bedeutet freilich nicht, wie es der christlichen Vorstellung von W\u00fcrde vorgeworfen wird, dass W\u00fcrde nur innerhalb der Religion gilt \u2013 eine entsprechende Einstellung ist auch in der Kirchengeschichte nicht zu finden. Die Ebenbildlichkeit Gottes (Genesis 1) betrifft die gesamte Menschheit, die Erw\u00e4hlung Israels wird erst sp\u00e4ter erz\u00e4hlt. Zudem entgrenzt Jesus begrenzte Vorstellungen. Jesus Christus wird in der Frage nach W\u00fcrde in der Profandarstellung zum Thema W\u00fcrde meistens \u00fcbergangen. Dabei ist er von immenser Bedeutung: s. Ambrosius.<\/li>\n\n\n\n<li>Menschen, die leiden, bekommen W\u00fcrde, selbst der Tod kann die W\u00fcrde nicht nehmen, weil Gott den Menschen \u00fcber das irdische Leben hinaus W\u00fcrde gibt.<\/li>\n\n\n\n<li>Gott gibt dem Menschen auch W\u00fcrde, indem er ihm zutraut, sich sozial verhalten zu k\u00f6nnen.<\/li>\n\n\n\n<li>Von daher ist das Handeln der gro\u00dfen Kirchen gegenw\u00e4rtig davon bestimmt, sich f\u00fcr die W\u00fcrde aller Menschen einzusetzen. Ebenso von NGOs, die im wesentlichen christliche Grundlagen hatten\/haben.<\/li>\n\n\n\n<li>Aus katholischer Sicht hat der Mensch einen Rest W\u00fcrde beibehalten, als protestantischer Sicht gibt es keinen substantiellen Rest, sondern die W\u00fcrde ist bestimmt von der Beziehung, die Gott mit dem Menschen kn\u00fcpft.&nbsp;<em>W\u00fcrde als Substanz-Begriff und als Relations-Begriff.<\/em><\/li>\n<\/ul>\n\n\n\n<p>Einige weitere Aspekte zum Thema W\u00fcrde:<\/p>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\">\n<li>Neues Testament: Gott ist nicht nur der liebende Gott \u2013 im landl\u00e4ufigen Sinn \u2013 sondern auch&nbsp;<strong>der gerechte Gott<\/strong>.&nbsp;Die Gerechtigkeit Gottes wird von seiner Liebe bestimmt. Von daher ist er auch fordernd, er belohnt und straft. Die Aussagen zur Strafe dienen als Drohung, als Warnung. Dominant ist die Erwartung der Belohnung: Gottes Kind sein, Trost, gestillte Sehnsucht, Erfahrung der Barmherzigkeit Gottes, Leben in Gottes Reich.&nbsp;<strong>Gerechtigkeit Gottes und die W\u00fcrde des Menschen geh\u00f6ren zusammen, weil Gott in seiner Gerechtigkeit die Entw\u00fcrdigenden bestraft und die Entw\u00fcrdigten erhebt<\/strong>.<\/li>\n<\/ul>\n\n\n\n<p>5. Fazit: Das Gottes- und Menschenbild pr\u00e4gt die Vorstellung von Menschenw\u00fcrde<\/p>\n\n\n\n<p>Das Gottesbild der Menschen bestimmt auch ihre Vorstellung von W\u00fcrde bzw. dem w\u00fcrdevollen Umgang mit Menschen.<\/p>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\">\n<li>Wird Gott als zorniger, strafender Gott angesehen, so nehmen Menschen diesen Zorn und Bestrafung nicht selten selbst in die Hand.<\/li>\n\n\n\n<li>Wird Gott als gleichg\u00fcltig angesehen, so gehen Menschen mit der W\u00fcrde des Menschen gleichg\u00fcltig um.<\/li>\n\n\n\n<li>Wird Gott als der Liebende angesehen, wird die W\u00fcrde von diesem Ma\u00dfstab aus bestimmt.<\/li>\n<\/ul>\n\n\n\n<p><strong>Ebenso bestimmt das Menschenbild die Interpretation des Wortes W\u00fcrde und den Umgang mit anderen Menschen und sich selbst<\/strong>:<\/p>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\">\n<li>Ist der Mensch nichts Besonderes, nur Teil der allgemeinen Natur \u2013 wird er entsprechend der jeweiligen W\u00fcrdevorstellung w\u00fcrdig oder entw\u00fcrdigt behandelt (Kosten, Nutzen).<\/li>\n\n\n\n<li>Ist das Individuum nichts Besonderes, kann die Gruppe \u00fcber das Individuum hinweggehen und auf dessen Kosten Leben (Utilitarismus).<\/li>\n\n\n\n<li>Ist der Mensch in seinem Wesen b\u00f6se, muss er entsprechend eingeengt werden (Gesetze).<\/li>\n\n\n\n<li>Ist der Mensch in seinem Wesen gut, muss der \u201eB\u00f6se\u201c umerzogen werden (Erziehungslager).<\/li>\n\n\n\n<li>Sieht sich das jeweilige Individuum als gro\u00df an, geht es um Lustgewinnung (Vorteile, Karriere\u2026), werden andere klein gemacht, missachtet (Egoismus, Hedonismus).<\/li>\n\n\n\n<li>Sieht sich eine Elite als bedeutsamer an als die anderen Menschen, muss die Masse der Bev\u00f6lkerung durch Nudging ver\u00e4ndert werden (Einflussnahme durch psychologische Tricks auf die Menge der Menschen).<\/li>\n\n\n\n<li>Ist der Mensch Zufallsprodukt der Evolution, dann kann er verachtet oder wie diese bewundert werden.<\/li>\n\n\n\n<li>Ist der Mensch ein Tier unter Tieren, ist er entsprechend zu behandeln \u2013 je nach Sichtweise: gut, wenn man tierfreundlich ist, schlecht, wenn man Tiere missachtet.<\/li>\n\n\n\n<li>Gruppen k\u00f6nnen sich \u00fcber andere Gruppen erheben: Rassismus, Kommunismus, religi\u00f6se Arroganz, Reiche, Gebildete, M\u00e4chtige stellen sich \u00fcber andere \u2013 es gibt aber auch die M\u00f6glichkeit, dass sich Minderheiten \u00fcber andere stellen bzw. bevorzugt behandelt werden.<\/li>\n<\/ul>\n\n\n\n<p>Zu diesem Komplex siehe auch:&nbsp;<a href=\"https:\/\/evangelische-religion.de\/ReligionNeu\/kirche\/theologie-weg-lern-prozess\/\">https:\/\/evangelische-religion.de\/ReligionNeu\/kirche\/theologie-weg-lern-prozess\/<\/a><\/p>\n\n\n\n<p>6. Fazit<\/p>\n\n\n\n<p>Dass jeder Mensch gleiche W\u00fcrde hat, das l\u00e4sst sich empirisch weder widerlegen noch best\u00e4tigen. Naturwissenschaft sagt dazu nichts \u2013 kann und darf dazu nichts sagen, wenn sie Wissenschaft bleiben m\u00f6chte. Das, was wir heute in unserem Kulturkreis als W\u00fcrde bezeichnen, ist im laufe der Jahrtausende gewachsen. Neben entsprechenden Texten tragen dazu auch die Erniedrigungs- und Unrechtserfahrungen von Menschen und Schriften bei: Hiob, Jeremia, Psalmen, Jesus, nachjesuanische Erfahrungen: Geschichten christlicher M\u00e4rtyrer usw. Dazu verhalfen auch philosophische Anthropologien, die Gr\u00fcnde f\u00fcr eine solche zu verbalisieren suchten, um sie rechtlich begr\u00fcndet umsetzen zu k\u00f6nnen. Immer aber ber\u00fccksichtigend, dass ein ungekl\u00e4rter Rest bleibt, bleiben muss. Letztlich wurde diese Sicht eine Errungenschaft von uns Menschen, in der sich auch Menschen anderer Kulturkreise wiedererkennen.<\/p>\n\n\n\n<p>7. Literatur<\/p>\n\n\n\n<p>Arnold Angenendt: Toleranz und Gewalt. Das Christentum zwischen Bibel und Schwert, Achendorf 2009 (5. Auflage) erg\u00e4nzt.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>MENSCHENW\u00dcRDE Im folgenden Abschnitt gilt es darzulegen, dass sich das Thema \u201eW\u00fcrde\u201c in der Geschichte der Menschheit erst langsam durchsetzen musste. Ein paar Str\u00e4nge werden nachgezeichnet \u2013 bis zu den Ans\u00e4tzen der Neuzeit. Wie wird die Aussage, dass alle Menschen gleicherma\u00dfen W\u00fcrde haben, dass diese \u201eunantastbar\u201c ist, begr\u00fcndet? 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