{"id":274,"date":"2019-06-30T10:16:10","date_gmt":"2019-06-30T08:16:10","guid":{"rendered":"https:\/\/evangelische-religion.de\/ReligionNeu\/?page_id=274"},"modified":"2026-04-14T18:38:17","modified_gmt":"2026-04-14T16:38:17","slug":"mythos","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/evangelische-religion.de\/ReligionNeu\/mensch\/mythos\/","title":{"rendered":"Mythos"},"content":{"rendered":"\n<p>Mythos<\/p>\n\n\n\n<p>Die Sch\u00f6pfungsgeschichten von Genesis 1 und Genesis 2f. (1. Buch Mose Kapitel 1 und 2) geh\u00f6ren unterschiedlichen Gattungen an: Man spricht bei Genesis 1 von einem Mythos in Form eines Lehrgedichtes bzw. Sch\u00f6pfungsliedes und von Genesis 2 von einem Mythos.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Genesis 2<\/strong>&nbsp;(m\u00f6glicherweise von einem Autor oder von einer Gruppe, die als&nbsp;<em>Jahwist&nbsp;<\/em>bezeichnet wird, geschrieben bzw. redaktionell \u00fcberarbeitet worden; ca. 1000v.Chr.) wird den Mythen zugerechnet, weil dieser Text einfach erz\u00e4hlt, wie die Sch\u00f6pfung vonstatten gegangen ist: Es sind zum Teil Spannungen im Text vorhanden, die nicht gekl\u00e4rt werden, er hat zudem Teil m\u00e4rchenhafte Z\u00fcge (\u201eSch\u00e4tze\u201c), Lehm, aus dem der Mensch geformt wird, muss schon vorhanden sein usw.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Genesis 1&nbsp;<\/strong>(Priesterschrift; ca. 550v.Chr.) wird den Lehrgedichten zugerechnet, weil der Text sich intellektuell mit dem babylonischen Sch\u00f6pfungsmythos auseinandersetzt und diesem den j\u00fcdischen Glauben entgegenh\u00e4lt: Nicht die G\u00f6tter haben die Welt erschaffen, sondern Gott. Die Sterne sind keine G\u00f6tter \u2013 sie sind Lichter, also Teil der Sch\u00f6pfung, der Mensch wurde nicht zum Sklaven der G\u00f6tter geschaffen, sondern ist Ebenbild Gottes. der Mensch als solcher ist Ebenbild Gottes, nicht der Herrscher allein. All das wird in einer erstaunlichen Klarheit und Folgerichtigkeit genannt.<\/p>\n\n\n\n<p>Dennoch ist der Begriff Mythos schillernd, so dass auch Genesis 1 landl\u00e4ufig dem Mythos zugerechnet wird.<\/p>\n\n\n\n<p><em>Ein\u00a0<strong>Mythos<\/strong>\u00a0schl\u00e4gt sich in Texten nieder: Sie geben keinen logisch nachvollziehbaren Bericht, sondern erz\u00e4hlen eine Geschichte. Ein Sch\u00f6pfungsmythos versucht nicht das Geschehen (im gegenw\u00e4rtigen Sinn) wissenschaftlich zu erkl\u00e4ren, sondern\u00a0mit ihm versucht der Mensch, sich selbst in der Welt zu verorten: Warum ist alles, was wir sehen? Wie stehe ich in dieser Welt? Warum? Was f\u00fcr Aufgaben habe ich? <\/em>Weil G\u00f6tter, ein Gott\u00a0 alles erschaffen hat \u2013 und das ging so\u2026 Aber auch Genesis 1 und 2f. greifen &#8222;wissenschaftliche&#8220; Errungenschaften der damaligen Zeit auf, denn es wird beschrieben. Das beschreiben, was man sieht, das Gesehene einteilen (Pflanzen, Tiere, Zeiten, Universen) und interpretieren, ist die Grundlage der Wissenschaft.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-small-font-size\">Wissenschaftlicher im landl\u00e4ufigen Sinn sind die&nbsp;<em>Vorsokratiker<\/em>&nbsp;(600-400 v. Chr.) dieser Frage in Griechenland nachgegangen: Thales sieht das Wasser als Beginn \u201eArch\u00e9\u201c an, Anaximenes die Luft, Empedokles spricht von vier Elementen. Aber auch diese und weitere Philosophen\/Wissenschaftler k\u00f6nnen sich nicht vorstellen, dass es eine Sch\u00f6pfung aus dem Nichts gibt (creatio ex nihilo): Aristoteles sieht den &#8222;Unbewegten Beweger&#8220; am Beginn dessen, was wir als Sch\u00f6pfung ansehen &#8211; aber die Welt hat keinen Anfang. Der &#8222;Unbewegte Beweger&#8220; ist der, den der Mensch sich denkt, weil der Mensch wei\u00df: alles muss einen Anfang haben. Der &#8222;Unbewegte Beweger&#8220; ist also nicht ein erschaffender Gott.<\/p>\n\n\n\n<p>Und wenn man wei\u00df, wo man herkommt, dann wei\u00df man auch, wo man hingeht und was gegenw\u00e4rtig zu tun ist.&nbsp;<em>Ein Mythos hat somit auch h\u00e4ufig gesellschaftspolitische Bedeutung f\u00fcr die Zukunft.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Das finden wir auch in Genesis 1 und 2f. Zum Beispiel gibt Gott dem neu geschaffenen Menschen Auftr\u00e4ge, er wei\u00df somit, was er zu tun hat. Gott als Sch\u00f6pfer, so wird auch durch die Fortf\u00fchrungen von Genesis 3ff. gezeigt, steht am Anfang \u2013 und er erh\u00e4lt alles, gibt Weisungen zum Leben bzw. setzt auch Katastrophen in Gang, um seinen Willen durchzusetzen.<\/p>\n\n\n\n<p>Setzen wir dem Mythos die Wissenschaft im landl\u00e4ufigen Sinn entgegen: Die Vorstellung von einem Urknall hat keine gesellschaftspolitisch stabilisierende Wirkung \u2013 genauso wenig wie die Vorstellung einer alles beendenden kosmischen Katastrophe. Nun erkennt aber auch im Laufe der Zeit die Wissenschaft, dass sie von Mythen abh\u00e4ngig ist. So ist die Vorstellung vom \u201eUrknall\u201c nicht zuf\u00e4llig im j\u00fcdisch-christlichen Kulturkreis entstanden, denn sie s\u00e4kularisiert im Grunde nur den Sch\u00f6pfungsmythos: Alles hat einen Anfang \u2013 nur ohne Gott. (Da ein katholischer Priester, der auch Wissenschaftler war, den Sachverhalt des Urknalls in die Diskussion eingebracht hat, wurde diese Interpretation auch von Kritikern bis weit ins 20. Jahrhundert hinein, abgelehnt und als \u201eUrknall\u201c [Fred Hoyle] verspottet.) Das bedeutet, dass der Mythos grundlegend ist, dass er auch Wissenschaft mitbestimmt. Und wenn man diesem westlichen Mythos entfliehen will und von einer sich immer wiederholenden Welt-Entstehung spricht, hat man sich einem asiatischen Mythos angeschlossen. Und wenn gesagt wird, dass schon immer etwas war, unabh\u00e4ngig von den Weltentstehungs-Zyklen, dann sind wir bei den alten Griechen. Auch bei ihnen war immer etwas: Chaos, Wasser, Nacht usw. So erschuf Gott laut Platon nicht aus Nichts, sondern er formte Materie.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Mythos bestimmt uns \u2013 wenn wir vor Fragen stehen, die im strengen wissenschaftlichen Sinn nicht bewiesen werden k\u00f6nnen. Wir sind wie die Alten in den Bildern des Mythos gefangen. Freilich gibt es M\u00f6glichkeiten aus dem Mythos auszubrechen. Nur dann stellt sich die Frage des Vorsokratikers Xenophanes: Wenn wir die Wahrheit haben \u2013 k\u00f6nnen wir sie dann als solche erkennen?<\/p>\n\n\n\n<p>Anhand der unterschiedlichsten Mythen kann man erkennen, welchen Stellenwert der Mensch in der jeweiligen Gesellschaft besitzt. Ist er Ebenbild Gottes? Ist er Sklave Gottes? Ist er, wie im baltischen Mythos, zuf\u00e4llig aus der Spucke eines Gottes entstanden (sozusagen derb: hingerotzt worden)? Ein Vergleich lohnt sich \u2013 auch ein Vergleich der Mythen, die von der Entstehung der Geschlechter sprechen.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Mythos geh\u00f6rt mit den Symbolen <a href=\"https:\/\/evangelische-religion.de\/ReligionNeu\/religion-en\/symbole\/\">https:\/\/evangelische-religion.de\/ReligionNeu\/religion-en\/symbole\/<\/a> zur Sprache des Glaubens <a href=\"https:\/\/evangelische-religion.de\/ReligionNeu\/gott\/\">https:\/\/evangelische-religion.de\/ReligionNeu\/gott\/<\/a> .<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center has-background\" style=\"background-color:#f2df48\">Begriffskl\u00e4rungen<\/p>\n\n\n\n<p>Der Mythos ist keine Legende und auch kein M\u00e4rchen. <strong>Legenden<\/strong> handeln von Menschen, die gelebt haben k\u00f6nnen bzw. in deren Biographie verschiedene Biographien konzentriert werden. Zum Beispiel wird es die Heilige Barbara so, wie die Legende erz\u00e4hlt, nicht gegeben haben. Es kann eine solche Frau gegeben haben, aber ihre Biographie wurde mit Hilfe \u00e4hnlicher Biographien ausgeweitet, vertieft. Hinter Legenden k\u00f6nnen reale Begebenheiten stehen. Die Legenden sind manchmal auch so gestaltet, dass sie anderen Menschen helfen sollen, ihr Leben zu bew\u00e4ltigen. Die geschilderten Menschen k\u00f6nnen auch als Vorbild dienen. Im <strong>Mythos<\/strong> kommen auch handelnde Personen vor: Gott\/G\u00f6tter, Menschen, Mischwesen, die dazu dienen, Welt zu erkl\u00e4ren. <strong>M\u00e4rchen<\/strong> sind Fantasiegeschichten, die sich Menschen ausgedacht haben, in ihnen siegt meist das Gute \u00fcber das B\u00f6se &#8211; hat also auch Bedeutung f\u00fcr das Leben der Menschen, aber die Geschilderten sind keine Vorbilder. Und dann haben wir noch den <strong>Epos<\/strong>. So erz\u00e4hlt die Odyssee von Homer von einem Helden, der viele Abenteuer erlebt. In diese Abenteuer k\u00f6nnen Elemente des Mythos eingeflochten werden. Der Epos ist jedoch kein Mythos. In der Noah-Geschichte ist es anders: Hier geht es um einen Mythos, in dem, wenn man so will, legendenartiges Material eingeflochten wurde. <\/p>\n\n\n\n<p>Unter dem Wort <strong>Geschichten<\/strong> k\u00f6nnen diese Gattungen wie auch historische Erz\u00e4hlungen zusammengefasst werden. Zudem hat das Wort &#8222;Geschichte&#8220; manchmal auch abwertenden Klang: Ist ja nur eine Geschichte. Wenn pr\u00e4zise gesprochen wird, sollte wie in der Literaturwissenschaft unterschieden werden: Mit den oben genannten Gattungen \/ Textformen handelt es sich um <strong>narrative Texte<\/strong>. Manche Geschichten versuchen historische Realit\u00e4t wiederzugeben, andere, wie die oben Genannten, haben andere Bedeutung f\u00fcr die Menschheit.<\/p>\n\n\n\n<p>Weitere Begriffe: <strong>Textgattung<\/strong> (z.B. Romane\/erz\u00e4hlende Literatur, Lyrik, Theaterst\u00fccke), <strong>Textform<\/strong> (Formale Gestaltung des Textes, so kann es in Romanen auch Dialoge, Lieder usw. geben), <strong>Textsorte<\/strong> (die Funktion eines Textes mit einer bestimmten Form, z.B. Wetterbericht). <\/p>\n\n\n\n<p>Der Mythos geh\u00f6rt zur Gattung der erz\u00e4hlenden Literatur, er kann unterschiedliche Textformen \u00fcbernehmen (Verse, Lied) und hat als Textsorte die oben genannte Funktion: Erkl\u00e4ren der Welt usw. Der Mythos kann als Textsorte begegnen oder eben auch als Stoff. Das hei\u00dft, wie oben mit Blick auf Odysseus geschrieben: Der Stoff des Mythos kann auch in anderen Textgattungen verwendet werden. <\/p>\n\n\n\n<p>Mythisch ist etwas anderes als mystisch. <strong>Mythisch<\/strong> bezieht sich auf das, was wir zum Thema Mythos gelernt haben. <strong>Mystisch<\/strong> bedeutet geheimnisvoll &#8211; vor allem auch mit Blick auf Religion. <\/p>\n\n\n\n<p>Noch ein Aspekt ist zu nennen: <strong>Mythen<\/strong> ist der Plural von Mythos. Heute wird der Plural aber auch anders verwendet, in dem Sinn, dass etwas nicht richtig ist: Es gibt Mythen \u00fcber gesunde Lebensweisen usw. Das hei\u00dft: Etwas ist unbewiesen, wird nur behauptet. <\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Mythos Die Sch\u00f6pfungsgeschichten von Genesis 1 und Genesis 2f. (1. Buch Mose Kapitel 1 und 2) geh\u00f6ren unterschiedlichen Gattungen an: Man spricht bei Genesis 1 von einem Mythos in Form eines Lehrgedichtes bzw. 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