{"id":228,"date":"2019-06-29T17:35:44","date_gmt":"2019-06-29T15:35:44","guid":{"rendered":"https:\/\/evangelische-religion.de\/ReligionNeu\/?page_id=228"},"modified":"2026-04-17T09:59:36","modified_gmt":"2026-04-17T07:59:36","slug":"menschenwuerde-2","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/evangelische-religion.de\/ReligionNeu\/mensch\/menschenwuerde-2\/","title":{"rendered":"Menschenw\u00fcrde 2"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"has-text-align-center has-medium-font-size wp-block-paragraph\">MENSCHENW\u00dcRDE<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Auf dieser Seite werden noch der eine oder andere Aspekt behandelt, der unter Menschenw\u00fcrde 1 keinen Eingang gefunden hat.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Dort wurde gesagt:<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der Mensch hat W\u00fcrde \u2013 aber sie ist nicht aus dem Menschen selbst heraus zu definieren. Der Mensch selbst ist biologisch gesehen nur ein Lebewesen unter anderen. Die Besonderheit des Menschen ist vielfach begr\u00fcndbar (Verstand, Selbstbewusstsein\u2026). Wenn man W\u00fcrde jedoch aus dem Menschen heraus definieren w\u00fcrde, w\u00fcrde man immer etwas finden, das manche Menschen aus dieser W\u00fcrde herausfallen lassen kann.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center has-black-color has-text-color wp-block-paragraph\"><strong>1. J\u00fcdisch-christliche Tradition<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center wp-block-paragraph\">Altes Testament<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Gilt die Wesensw\u00fcrde dem einzelnen Menschen oder dem Menschen als Gattung?<\/p>\n\n\n\n<ol class=\"wp-block-list\">\n<li>Gott spricht den Menschen an (Genesis 1, vgl. auch Jesaja: Ich habe dich bei deinem Namen gerufen, du bist mein, spricht Gott).<\/li>\n\n\n\n<li>Gott gibt dem Menschen einen Auftrag, damit ein Ziel, damit Lebenssinn (Genesis 1).<\/li>\n\n\n\n<li>Gott gibt vor, dass der Mensch ein freier und Verantwortung tragender Mensch ist (Genesis 1).<\/li>\n\n\n\n<li>Gott haucht ihm seinen besonderen Lebensatem ein (Genesis 2).<\/li>\n\n\n\n<li>Gott macht den Menschen als Menschen gro\u00df \u2013 nicht der Mensch macht sich gro\u00df, weil er eine wichtige Rolle spielt, weil er einer Gruppe (Rasse, Weltanschauung, Elite) zugeh\u00f6rt \u2013 Gott ist das Ma\u00df der W\u00fcrde, Menschen ma\u00dfen sich selbst nur mehr W\u00fcrde an und werden darum ma\u00dflos.<\/li>\n\n\n\n<li>Der Mensch ist als Ebenbild Gottes ein Geheimnis \u2013 wie Gott ein Geheimnis ist. Er l\u00e4sst sich nicht definieren. So fragt der Psalm-S\u00e4nger staunend: Was ist der Mensch, dass du, Gott, seiner gedenkst? (Psalm 8)<\/li>\n<\/ol>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Mit Blick auf die alttestamentliche W\u00fcrde-Vorstellung kann man nat\u00fcrlich fragen: Hat nur der ansprechbare Mensch, derjenige, der das von Gott gesetzte Ziel, der freie, autonome, selbstbestimmte Mensch W\u00fcrde? Um das zu umgehen spricht man auch vom Alten Testament her gesehen schon von Wesensw\u00fcrde, die dem Menschen zukommt: der Mensch ist Ebenbild Gottes, nicht, weil er einen Auftrag ausf\u00fchren kann usw. sondern weil er von Gott angesprochen wird (er ist <em>relationales Ebenbild<\/em>). Er ist Gottes Ebenbild, das hei\u00dft, er ist wie Gott ein Geheimnis, er ist nicht definierbar \u2013 auch wenn er nicht ansprechbar ist, auch wenn er auf die Wesensw\u00fcrde nicht mit Gestaltungsw\u00fcrde reagieren kann, ist er Ebenbild Gottes.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center has-black-color has-text-color wp-block-paragraph\">Neues Testament<\/p>\n\n\n\n<ol class=\"wp-block-list\">\n<li>Gott hebt in der Menschwerdung Jesu Christi die Bedeutung des Menschen hervor \u2013 mit Blick auf die Lehre Jesu: Jeder Mensch ist berufen, in die Gottesherrschaft zu gelangen.<\/li>\n\n\n\n<li>Jesus setzt den Menschen in Beziehung zu Gott: Er ist nicht als Volk Adressat Gottes, sondern als Individuum, er ist Kind Gottes, das Gott als Vater anreden darf \u2013 weil Gott ihn wie die anderen auch liebt.<\/li>\n\n\n\n<li>Gott hebt in der Menschwerdung Jesu Christi die Bedeutung des Menschen hervor \u2013 mit Blick auf die Taten Jesu: Jeder Mensch ist es wert, dass ihm geholfen werde. Der Mensch geht nicht in dem Vorhandenen, dem Sichtbaren, der augenblicklichen Situation auf.<\/li>\n\n\n\n<li>Gott hebt in der Menschwerdung Jesu Christi die Bedeutung des Menschen hervor \u2013 mit Blick auf das Sterben und Auferstehen Jesu: Jesus ist f\u00fcr alle Menschen gestorben (Rechtfertigungshandeln als Grund der W\u00fcrde).<\/li>\n<\/ol>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Mit Blick auf die neutestamentliche W\u00fcrde-Vorstellung hei\u00dft das: Die Wesensw\u00fcrde wird durch Jesus betont: Der schwache Mensch, der S\u00fcnder, der ausgesto\u00dfene Mensch hat W\u00fcrde \u2013 und er bekommt sie durch Jesus auch in seinen gesellschaftlichen Bez\u00fcgen zur\u00fcck. Und diese W\u00fcrde gilt selbst dem verstorbenen Menschen, denn Gott will ihn bei sich haben \u2013 in seinem Reich.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Reich-Gottes-Botschaft beinhaltet noch einen weiteren Aspekt zum Thema W\u00fcrde: Jeder ist zum Reich Gottes berufen \u2013 niemand darf in seiner Freiheit und Verantwortung eingeschr\u00e4nkt werden \u2013 der Mensch, der verzerrtes Ebenbild Gottes ist, wird seine Gottebenbildlichkeit in der Auferstehung vollenden. Verbunden damit, dass der Mensch diese kommende vollendete Gottebenbildlichkeit schon vorwegnehmen soll, bedeutet das: Der Mensch ist als Nachfolger Jesu auf dem Weg, diese Gottebenbildlichkeit schon jetzt Gestalt werden zu lassen, in dem er den anderen als ein solches Ebenbild Gottes (Mt 25,31ff.) ansieht. Ohne diese Ewigkeitsperspektive bleibt der Mensch ein dem Tod verfallenes Wesen \u2013 somit geht seine W\u00fcrde verloren \u2013 und man kann sie ihm entsprechend schon jetzt nehmen. All diese Aspekte finden ihre Konkretion in der Gestaltungsw\u00fcrde.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Weil Gott den Menschen aufwertet, hat der Mensch Wert. Gott spricht ihm Wert zu \u2013 auch wenn der Mensch sie am anderen und an sich selbst nicht erkennen kann. Es handelt sich also um eine Beziehungs-W\u00fcrde, relationale W\u00fcrde, die die Wesensw\u00fcrde des Menschen bestimmt. Es ist nicht etwas am Menschen, das ihm W\u00fcrde gibt. Die W\u00fcrde ist \u201etranszendent\u201c, ist ein Geheimnis.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Auch Menschen untereinander haben Beziehung. Und von hier aus gesehen haben manche Menschen f\u00fcr Menschen mehr W\u00fcrde. Aber es fallen eben auch Menschen aus dieser menschlichen relationalen W\u00fcrde heraus, weil sie aus irgendeinem Grund nicht von der jeweiligen Menschengruppe anerkannt werden. Von daher kann die Beziehung des Menschen zum Menschen in der Frage der W\u00fcrde nicht die Gottesbeziehung ersetzen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center has-black-color has-text-color wp-block-paragraph\"><strong>2. Menschenw\u00fcrde \u2013 Religionen und Religionskritik<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die christliche Herleitung der Menschenw\u00fcrde mit Blick auf Jesus hat einen Nachteil: Sie ist im Gespr\u00e4ch mit anderen Religionen nicht zu vermitteln. Der sch\u00f6pfungstheologische Ansatz des Alten Testaments ist das eher, weil alle Religionen an einen Gott\/G\u00f6tter\/M\u00e4chte glauben. Allerdings haben die Religionen unterschiedliche Anthropologien entwickelt \u2013 unterschiedliche Menschenbilder.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Im Gespr\u00e4ch mit der Religionskritik kann der Ansatz der Gestaltungsw\u00fcrde, die Jesus mit seiner Lehre und seinem Leben vertreten hat, vertieft werden \u2013 allerdings spielen Rechtfertigungslehre und Reich Gottes in dieser Hinsicht keine Rolle.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Religionskritiker suchen einen eigenen Ansatz, um die W\u00fcrde des Menschen bestimmen zu k\u00f6nnen. Selbst der Ansatz von Kant ist manchem Religionskritiker in seiner Begr\u00fcndung zu metaphysisch, zu philosophisch-religi\u00f6s: dass man so handeln soll, dass man den anderen nicht f\u00fcr sich selbst missbrauchen soll.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center wp-block-paragraph\"><strong>3. Menschenw\u00fcrde &#8211; Selbstbestimmung<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Nicht nur aus anderer religi\u00f6ser Sicht wird die j\u00fcdisch-christliche Sicht von Menschenw\u00fcrde hinterfragt. Heutigen s\u00e4kularen Weltanschauungen geht es um die Selbstbestimmung des Menschen und diese kollidiert mit der j\u00fcdisch-christlichen Tradition.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Es gibt folgende wesentliche Richtungen:<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Zun\u00e4chst geht es um Selbstbestimmung: Der Mensch muss in erster Linie an sich denken (Individualismus-Hedonismus). Vor allem soll der Begriff W\u00fcrde weniger absolut sein, damit bestimmte gesellschaftliche Ver\u00e4nderungen erm\u00f6glicht werden. Es wird die Autonomie, das Selbstbestimmungsrecht betont \u2013 zum Beispiel:<\/p>\n\n\n\n<ol class=\"wp-block-list\">\n<li>Selbstbestimmungsrecht der Frau \u2013 f\u00fcr Abtreibung;<\/li>\n\n\n\n<li>Selbstbestimmungsrecht des Menschen \u2013 wann ist der Mensch ein Mensch;<\/li>\n\n\n\n<li>Selbstbestimmungsrecht des Menschen \u2013 f\u00fcr Suizid, Sterbehilfe;<\/li>\n\n\n\n<li>Selbstbestimmungsrecht des Menschen \u2013 f\u00fcr Genforschung auch an embryonalen Zellen;<\/li>\n\n\n\n<li>Selbstbestimmungsrecht der Eltern \u2013 gegen behinderte Kinder;<\/li>\n\n\n\n<li>Selbstbestimmungsrecht der Gesunden \u2013 zur Zeugung von Menschen, um an die Organe zu gelangen. Es ist nur schwierig, abzugrenzen, denn gilt das auch dann: <\/li>\n\n\n\n<li>Selbstbestimmungsrecht des reichen, bedeutenden Menschen \u2013 gegen arme, unbedeutende\u2026 (Organspende)?<\/li>\n<\/ol>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der selbstbestimmte Mensch gestaltet sein Leben so, wie er es f\u00fcr richtig h\u00e4lt. Er ist selbst bestimmt. Wenn es ihm misslingt, ist er selbst verantwortlich. Wenn es gelingt, kann er sich begl\u00fcckw\u00fcnschen. Das Problem ist freilich: Das Individuum ist eingebunden in den sozialen Kontext, in den biologischen Kontext usw. Das bedeutet, dass Selbstbestimmung nur in einem gewissen Rahmen m\u00f6glich ist. <\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Und die zweite &#8211; gegenteilige &#8211; Richtung: Der Mensch muss darauf achten, dass es der Gemeinschaft nutzt: Kollektivismus-Utilitarismus. Besonderes Beispiel f\u00fcr den Utilitarismus ist der Ansatz von Singer: Der Mensch wird auf seine N\u00fctzlichkeit f\u00fcr die Gesellschaft reduziert.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center wp-block-paragraph\"><strong>4. Fazit<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Beide s\u00e4kulare Ans\u00e4tze ringen in unserer modernen Gesellschaft miteinander. Der utilitaristische Ansatz soll in den westlichen Staaten, in den das freie Individuum viel z\u00e4hlt, wieder st\u00e4rker Fu\u00df fassen &#8211; wohingegen Menschen, die in einem utilitaristischen \/ gesetzlichen Umfeld aufgewachsen sind, sich dem Ansatz der Selbstbestimmung des Individuums zuwenden. Kurz gesagt: In der Frage nach W\u00fcrde geht es nicht allein um eine Frage Religion-Nicht-Religion, sondern auch um die Frage des Verh\u00e4ltnisses zwischen Gesellschaft und Individuum. (Es ist zu beachten, dass es utilitaristische Str\u00f6mungen gibt, die das Individuum nicht g\u00e4nzlich ausschlie\u00dfen und individualistische Richtungen, die die Gemeinschaft nicht ausschlie\u00dfen.) <\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">In diesem Ringen ist vor allem auch die j\u00fcdisch-christliche Sicht einzubeziehen, da sie beide Ans\u00e4tze in sich vereinigt: Einmal ist der Mensch, wie Jesus es lehrt, ein freies Wesen, Kind Gottes. Zum anderen geh\u00f6rt das Kind Gottes zur Familie der Kinder Gottes. Individualit\u00e4t und Gemeinschaft geh\u00f6ren zusammen. Zu einer Gemeinschaft geh\u00f6ren auch Regeln. An dieser Stelle ist der Apostel Paulus weiterf\u00fchrend, der in seinen Briefen an die Gemeinden versucht, diese beiden Formen zusammenzuf\u00fchren: Freiheit des Individuums &#8211; Gemeinschaft mit Regeln (spannend sind in dieser Fragestellung unter anderem der Galaterbrief und der 1. Korintherbrief). Darum ringt die fr\u00fche christliche Gemeinde, darum ringen die Philosophien, die Gesellschaften bis in die Gegenwart. Auch das Grundgesetz hat beide Aspekte: einmal die W\u00fcrde und Freiheit des Einzelnen &#8211; aber auch die soziale Verpflichtung. An diesem Ringen hat jeder einzelne Mensch in unserem Land Teil. <\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-color has-link-color wp-elements-19ef3512f373a7b4b9d50655d6e3b4c9 wp-block-paragraph\" style=\"color:#fa0b0b\">Aufgaben: <\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-color has-link-color wp-elements-83d46fe890731b42c27424f1fc421f39 wp-block-paragraph\" style=\"color:#fa0b0b\">1. Siehst Du Dich eher als einen der das Individuum betont &#8211; oder als einen, der die Einordnung in die Gemeinschaft betont? Begr\u00fcnde.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-color has-link-color wp-elements-746506add91a7ffecb058fcb2030130d wp-block-paragraph\" style=\"color:#fa0b0b\">2. Siehst Du die Notwendigkeit, Individualismus und Kollektivismus irgendwie zusammenzuf\u00fchren? Wenn ja, warum? Wenn nein, warum nicht? <\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-color has-link-color wp-elements-caca042ee085d1257c4dab9c4be1b5b8 wp-block-paragraph\" style=\"color:#fa0b0b\">3. Schau Dir das Grundgesetz an: den Artikel 1 und die Artikel 14 und 20. Dazu die Pr\u00e4ambel. Was hat diese mit dem Thema zu tun?<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>MENSCHENW\u00dcRDE Auf dieser Seite werden noch der eine oder andere Aspekt behandelt, der unter Menschenw\u00fcrde 1 keinen Eingang gefunden hat. Dort wurde gesagt: Der Mensch hat W\u00fcrde \u2013 aber sie ist nicht aus dem Menschen selbst heraus zu definieren. Der Mensch selbst ist biologisch gesehen nur ein Lebewesen unter anderen. 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