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Religionskritiker kritisch gesehen

 

Die folgende Darstellung kann nicht umfassend sein. Sie gibt ein paar Schlaglichter auf große Religionskritiker. Sie sollen Appetithappen sein, für eine intensivere Beschäftigung mit ihnen:

 

(1) Ludwig Feuerbach:

* 1804 Landshut, † 1872 Rechenberg bei Nürnberg

Kind eines berühmten Juristen und einer Mutter aus altem Adel. Studium von Theologie, dann Philosophie. Zahlreiche Werke, darunter sein religionskritisches Hauptwerk: Das Wesen des Christentums (1841). Rege Reisetätigkeit (in Heidelberg trotz Ehe liiert mit einer 16jährigen Verehrerin). Verarmung – dann Unterstützung durch zahlreiche Freunde. Kontakte zu kommunistischen und materialistischen Gruppen, ohne sich jedoch zu binden. 1869 Eintritt in die SDAP (So-zialdemokratische Arbeiterpartei).

 

Religionskritik: Der Mensch ist in sich gespalten. So erfährt sich der Mensch als sterblich - Gott als unsterblich. Er sieht sich als negativ an (Sünde, Schuld) und projiziert alles Gute auf einen selbst erdachten Gott: Der Mensch erschafft Gott – nicht Gott erschafft den Menschen, so das berühmte Diktum. Das muss, so Feuerbach, geändert werden, damit der Mensch selbst seine guten Seiten erkennen kann und wieder gut wird. Die Vernunft ist das Größte: Sie kann erkennen, dass Gott ein Geschöpf der Vernunft ist. Und wenn sie das erkennt, hat sie sich zum Äußersten entfaltet.

 

Kritik:

  • Feuerbachs Thesen – so kann inzwischen gedacht werden – sind Projektionen. Sie waren philosophisch begründet, halten aber logischem Denken nicht Stand. Es wird nur ein Gegensatz postuliert. Glaubende sagen: Wir glauben an Gott, weil es ihn gibt – Feuerbach sagt dagegen: Nein, ihr glaubt an Gott, weil ihr ihn euch gemacht habt. Das heißt: Etwas für die Glaubenden Seiendes wird von Feuerbach in die Psyche des Menschen verlegt. Voraussetzung Feuerbachs: Gott ist Folge der Psyche. Feuerbach hat insofern Recht, weil viele Glaubende Gott auch als einen beschreiben, der für ihre Psyche Bedeutung hat (er gibt Kraft, Tröstet…). Aber seine Schlussfolgerung ist nicht zwingend.
  • Der jüdische-christliche Gott ist nicht nur Projektion des Guten, das der Mensch aus sich selbst auslagert. Gott wird auch vielfach als erschreckend, als negativ angesehen (z.B. Hiob).
  • Die Sehnsucht nach Gott lässt die Erkenntnis Feuerbachs zu, dass der Mensch sich ein Objekt der Sehnsucht geschaffen habe – aber der christliche Glaube deutet es andersherum: Dass der Mensch Sehnsucht hat nach Gott, das liegt daran, dass Gott sein Schöpfer ist. Hier steht somit Idee gegen Idee. Welche ist richtig? Da es keinen neutralen Menschen gibt, kann er das nicht sagen.
  • In Feuerbachs Zeit hat die Religion/Kirche die Sünde sehr betont. Er versucht, den Menschen aus dieser Knechtschaft auf seine Art zu befreien. Heute stellt sich jedoch die Frage: Liebt der Mensch, der in sich selbst die positiven Seiten Gottes sieht, die Menschen mehr als einer, der an Gott glaubt? Der Beweis steht noch aus. Bislang haben atheistische Menschen und Systeme diese These noch nicht bewahrheiten können.

 

(2) Karl Marx:

* 1818 Trier, † 1883 London

Kind eines Anwaltes, Enkel bekannter Rabbinerfamilien. Eltern konvertierten zum Protestantismus. Er studierte Rechtswissenschaften und Finanzen. War Journalist/Redakteur regierungskritischer Blätter. Er musste Repressionen durch die Zensur erleiden – er entwich nach Paris und war Mitglied im Bund der Gerechten = Vorläufer der Kommunistischen Partei, und lebte in Brüssel. Beschäftigung mit Wirtschaftsfragen. Es erschienen zahlreiche Werke. Gemeinsam mit Engels arbeitete er an einem geschichtlichen Thema: Geschichte ist nicht Weiterentwicklung des Verstandes, sondern das Soziale und Materielle treibt die Geschichte voran (Materialismus). 1848 erschien das „Manifest der Kommunistischen Partei“. 1849 „Flucht“ nach London. 1872 erschien der erste Band: Das Kapital. Zeitweise lebte er mit seiner Familie sehr verarmt. Familiäre Auseinandersetzungen.

 

Religionskritik: Der Mensch wird von Kapitalisten unterdrückt – er leidet – Religion ist die Flucht vor Leiden in die Vorstellung einer paradiesischen Zukunft im Himmel. Religion ist das Opium des Volkes. Der Mensch, der in die Phantasie „Gott“ flüchtet, ist gelähmt und bekämpft nicht die Kapitalisten – und die Kirchen unterstützen die Kapitalisten, indem sie diese Phantasie intensivieren. Der Mensch muss das irdische Leiden bekämpfen – dann wird sich auch die Religion ins Nichts auflösen, die Kirchen werden dann auch keine Bedeutung mehr haben. Weiter gedacht: Kirchen müssen als Teil des kapitalistischen Systems bekämpft werden, damit Menschen bereit sind, für diese gute irdische Zukunft zu kämpfen. Aufgrund der Sicht, dass nicht Menschen die Geschichte machen, sondern die Geschichte den Menschen, versucht er die Geschichte im Sinne des von ihm in der Geschichte erkannten Materialismus voranzutreiben.

 

Eine kleine Kostprobe: "Die sozialen Prinzipien des Christentums haben die antike Sklaverei gerechtfertigt, die mittelalterliche Leibeigenschaft verherrlicht und verstehen sich ebenfalls im Notfall dazu, die Unterdrückung des Proletariats, wenn auch mit etwas jämmerlicher Miene, zu verteidigen.

Die sozialen Prinzipien des Christentums predigen die Notwendigkeit einer herrschenden und einer unterdrückten Klasse und haben für die letztere nur den frommen Wunsch, die erste möge wohltätig sein.

Die sozialen Prinzipien des Christentums setzen die konsistorialrätliche Ausgleichung aller Infamien in den Himmel und rechtfertigen dadurch die Fortdauer dieser Infamien auf der Erde.

Die sozialen Prinzipien des Christentums erklären alle Niederträchtigkeiten der Unterdrücker gegen die Unterdrückten entweder für gerechte Strafe der Erbsünde und sonstigen Sünden oder für Prüfungen, die der Herr über die Erlösten nach seiner unendlichen Weisheit verhängt.

Die sozialen Prinzipien des Christentums predigen die Feigheit, die Selbstverachtung, die Erniedrigung, die Unterwürfigkeit, die Demut, kurz alle Eigenschaften der Kanaille, und das Proletariat, das sich nicht als Kanaille behandeln lassen will, hat seinen Mut, sein Selbstgefühl, seinen Stolz und seinen Unabhängigkeitssinn noch viel nötiger als sein Brot.

Die sozialen Prinzipien des Christentums sind duckmäuserig, und das Proletariat ist revolutionär." http://www.vulture-bookz.de/marx/archive/quellen/Marx~Die_sozialen_Prinzipien_des_Christentums.html

 

 

Kritik:

  • Die Thesen von Marx werden durch den Vergleich der Bundesrepublik Deutschland mit dem der Deutschen Demokratischen Republik hinterfragt: In der Bundesrepublik waren die Menschen reich – und die meisten Menschen waren Christen. In der DDR waren sie arm und keine Christen. Man mag andere Gesellschaften heranziehen, die das Gegenteil belegen. Aber weil es auch Gegenbeispiele gibt, ist dieser Ansatz nicht zwingend.
  • Dass Religion betäubt, das mag streckenweise so sein – aber christliche Religion ist seit 2000 Jahren auch Motor für positive gesellschaftliche Veränderungen.
  • Man kann sich auch anders schneller und effektiver betäuben als mit diesem komplizierten "Etwas", das Religion genannt wird.
  • Marx selbst hat den Maßstab für das, was gerecht und ungerecht ist, der Bibel bzw. seiner jüdisch-christlichen Tradition entnommen (Amos, Jesus) – selbst sein Bild von der Zukunft ist Folge von Apostelgeschichte 4,32ff.
  • Jesus lehrt: Nur veränderte Menschen können die Welt positiv verändern. Marx lehrt: Die Gesellschaft prägt den Menschen – nicht der Mensch die Gesellschaft. Die Unlogik im Grundsatz besteht darin, dass Marx selbst ja einen neuen Ansatz (mit anderen) in die Gesellschaft bringt.
  • Zur selben Zeit wie Marx hat Johann Hinrich Wichern seinen Ansatz aus dem christlichen Glauben heraus verbreitet: Kirchen müssen mit Hilfe der Kapitalisten die Welt verändern. Die Folge: Diakonie und auch die Caritas. Sie sind weltweit bis heute die treibende Kraft zur sozialen Veränderung. Ob Nachfolger von Marx treibende Kräfte für soziale Veränderungen in der Welt sind, mag jeder selbst beurteilen.
  • Dass die Religion Hand in Hand geht mit den Kapitalisten, das hat er aus der konkreten Situation seiner Zeit erschlossen, allerdings gab es auch damals Strömungen, die dieser Sicht nicht entsprachen. Wie dem auch sei: Dass die christliche Religion unterdrückt (Hand in Hand mit den Kapitalisten), das ist gegenwärtig vielleicht lokal noch der Fall, aber nicht mehr insgesamt. Dass die kommunistischen Systeme nicht unterdrückend aktiv sind, lässt sich kaum sagen.
  • Man kann einwenden, dass der Marxismus nie konsequent durchgeführt wurde, sondern dass Menschen ihn für ihre Sicht missbraucht haben, von daher unterdrückerische Systeme entstanden sind. Aber ist das eine Entschuldigung? Denn gerade aus marxistischer Sicht kommt der Vorwurf an das Christentum, dass der Weg Jesu nicht richtig sei, weil er nicht umgesetzt wurde. Wenn dieser Vorwurf den Christen gilt - dann gilt er entsprechend auch den Marx-Anhängern.

 

(3) Friedrich Nietzsche

* 1844 Röcken (Sachsen-Anhalt); † 1900 Weimar

Kind eines evangelischen Pfarrers, der starb, als Nietzsche 5 Jahre alt war. Er wuchs unter sechs Frauen auf (Naumburger Frauenhaushalt). Schon in der Schule entwickelte er ein eigenes Bild von der Antike, das er der kleinbürgerlichen christlichen Moral entgegenstellte. Ab WS 1864/65 begann er Theologie und klassische Philologie zu studieren. Er gab das Theologiestudium auf und wurde mit 24 Jahren Professor für klassische Philologie. 1870 lernte er den atheistischen Theologieprofessor Franz Overbeck (das Christentum seit den Kirchenvätern hat nichts mit dem ursprünglichen Denken Jesu zu tun) kennen, die Freundschaft blieb bis zu Nietzsches Tod. Die Professur legte er mit 34 Jahren aus gesundheitlichen Gründen nieder und reiste, um seinem Leiden Linderungen zu verschaffen. Ab 45 psychisch erkrankt (Folge von Syphilis?).

 

Religionskritik: Nietzsche war der Ansicht, dass der Mensch Gott getötet habe (Gott ist tot) und nun außerordentlich einsam sei. Und weil er Gott getötet hat, müsse er nun eine neue Moral erarbeiten, eine Moral die der christlichen Sklavenmoral entgegenstünde. Christen würden nur die Schwachen, Ohnmächtigen, Wertlosen hervorheben, würden Wissenschaft und Kultur verderben - dagegen müsse der wahre Mensch sich selbst höher entwickeln, zu einem Übermenschen werden. Das gelte freilich für die christlich Missratenen (Unwerten), die sich ein imaginäres Jenseits errichten, als böse und sie hassen die Vornehmen, die sich im Diesseits hoch entwickeln. Schopenhauer hatte Mitleid betont – Nietzsche meint, Mitleid würde nur das Leid vermehren – dagegen müsse man vernichten – und sich dazu überwinden, denn man entwickelt sich auf diesem Wege zum Übermenschen. Es geht ihm um die „Umwertung aller Werte“. Wie die Werte letztendlich aussahen, hat er nicht mehr dargelegt. Dass aber Missratene vernichtet werden müssten und der neue Mensch gezüchtet werden müsse, dieser sozialdarwinistische Ansatz findet sich in einem Fragment von 1884. Es ist aber schwer, solche Aussagen einzuordnen, weil seine Schwester möglicherweise Texte vernichtet hat, die eine Interpretation ermöglichen könnten. Parallel zu seinem körperlichen Verfall entwickelte er immer extremere Machtphantasien. Er war kein Nihilist (alles ist sinnlos) – sondern entwickelte den Gegenmenschen – den er als Gegengewicht zum getöteten Gott errichtete. Ich denke, dass sein Idealbild vom Menschen die griechischen Skulpturen wiedergegeben haben: aus weißem Marmor, harmonisch, erhaben, wunderschön, göttlich. Und diesem Idealbild entsprach das reale Menschsein überhaupt nicht.

Nietzsche wurde von Nationalsozialisten aufgenommen, die ihn in ihre Ideologie einarbeiteten. Aus diesem Grund war Nietzsche lange Zeit verpönt. In letzten Jahrzehnten beschäftigt man sich zu recht wieder intensiver mit ihm. Nietzsche selbst war kein Antisemit (wandte sich zum Beispiel gegen Richard Wagner).

 

Kritik:

  • Nietzsche ist konsequent: Wenn es keinen Gott (mehr) gibt, dann muss der Mensch selber sehen, wie er alles auf die Reihe bekommt – auch die Moral – und das geht nur durch puren Egoismus – auch mit Blick auf Hedonismus. Er erkennt, dass die europäische Moralvorstellungen überwiegend mit der jüdisch-christlichen Tradition zusammenhängt. Und diese hat die Elitäre Moral der alten Griechen und Römer - wie er sie versteht - verdrängt.
  • Nietzsche reagiert anders als Marx nicht allein auf die Kirche seiner Zeit, sondern kritisiert Jesus/Paulus selbst, die Ursache des europäischen Menschenbildes. Die Kirchen seiner Zeit waren, grob gesagt, sozialer engagiert als zu der Zeit von Marx.

 

(4) Sigmund Freud:

* 1856 Freiberg/Mähren; † 1939 London

Kind jüdischer Eltern, fühlte sich trotz Religionskritik dem Judentum zugehörig. Umzug nach Wien, dort Besuch des Gymnasiums. Seit 1873 Medizinstudium. Selbstversuche mit Kokain. 1885 in Paris Arbeit in psychiatrischer Klinik, Erfahrungen mit Hypnose, Hinwendung zur Traumdeutung, um die Struktur der Seele zu erkunden. Weitere Forschungen machten ihn zum Tiefenpsychologen: Er gilt als Begründer der Psychoanalyse. Sexualität, Triebhafte Wünsche usw. be-stimmen, so Freud, den Menschen. 1922 erkrankte der starke Raucher an Gaumenkrebs. Zahlreiche Operationen folgten.

 

Religionskritik: Er sah sich als Feind der Religion jeglicher Form. Er greift Feuerbach, Nietzsche und Erkenntnisse Darwins auf und seine eigenen psychologischen Interpretationen. Religion ist mit einer Kindheitsneurose zu vergleichen. Der Mensch fühlt sich Angriffen der Umwelt ausgesetzt – und sucht sich schützende Mächte, die er gleichzeitig fürchtet. Gott ist ein vom Menschen gebildeter Vaterersatz, denn auch erwachsene Menschen benötigen einen Vater. Das Über-Ich, das Gewissen, das die Gesellschaft gegen das mächtige ES der Triebe ausgebildet hat, bekommt ein Gottesgesicht: Es straft und mahnt und vergibt… Aber der selbst erschaffene Gott kann auch übergroß werden, das heißt, das Über-Ich (Gewissen) versucht den Menschen zu beherrschen – und so kommt es zu Zwangsvorstellungen, Neurosen. Das Über-Ich muss, so Freud, durch das Ich entgöttlicht werden, das heißt: der Verstand muss zwischen den Forderungen des Über-Ich und des Es entscheiden und nur so wird der Mensch frei. Verhaltensweisen sind also abhängig von dem Verstand – nicht von der Religion.

 

Kritik:

  • Psychologen können auch zu anderen Ergebnissen kommen: Und so hat Alfred Adler eine andere Sichtweise: Das Individuum lebt in Gemeinschaft, es erfährt ein Gemeinschaftsgefühl, das vom Gemeinschaftsgefühl des Kindes zur Mutter geprägt ist. Das Gemeinschaftsgefühl hat es allerdings nicht allein mit den Menschen, sondern über den Menschen hinaus mit seiner Lebensumwelt - und spirituell bezogen auf die Transzendenz, das Göttliche. Wobei die Transzendenz eben auch Mängel menschlichen Gemeinschaftsgefühls ausgleichen kann, denn der Mensch strebt danach, die Vollkommenheit des Gemeinschaftsgefühls zu erreichen. C.G. Jung sah Gott aus dem kollektiven Unbewussten herauskommen und der Mensch, der nur ein Teil des Ganzen ist, begreift das Ganze nicht richtig, so dass Gott nicht allein ein Teil des Unbewussten ist, sondern auch transzendent. Der Mensch muss Gott erfassen, indem er in seine tieferen Schichten seines Selbst eindringt. Das heißt: Die Archetypen, die Urbilder, die die Grundstruktur des Unbewussten bilden, hat der Mensch nicht erschaffen, denn er ist abhängig von ihnen. Viktor Frankl, der vierte im Bunde, hat Gott nicht abgelehnt, sondern als Garant für den Lebenssinn des Menschen angesehen. Denn Gott allein garantiert, dass es Sinn trotz Leiden gibt.
  • Freud ist sehr stark auf den christlichen „Vater“ Gott fixiert. Andere Religionen haben keinen Vater-Gott - aber auch massive Moralvorstellungen (Islam) bzw. Moralvorstellungen anderer Art (Hinduismus). Andererseits: In der Antike galt Gott als "Vater" - aber diese religiöse Sicht hat keine intensiven Moralvorstellungen entwickelt.
  • Religion ist Folge einer Wunschvorstellung – bedeutet das zwingend, dass einer Wunschvorstellung nicht eine Wirklichkeit zugrunde liegen kann?

 

(5) Christopher Hitchens und Richard Dawkins:

 

a) Hitchens:

* 1949 Portsmouth (Großbritannien) † 2011 Houston (USA)

1967-1970 Studium: Philosophie, Politik, Wirtschaft. Autor und Literaturkritiker.

 

Religionskritik: „God is not Great“ (deutsch: „Der Herr ist kein Hirte. Wie Religion die Welt vergiftet“): Religion sei brutal, intolerant, egoistisch und unterwürfig. Es gebe keinen Gott – und sie sei Wissenschafts- und Sexualfeindlich. Man müsse Religion nicht widerlegen, weil sie einfach lächerlich ist. Man müsse ihr mit Spott, Verachtung und Hass begegnen. Massive Kritik an Mutter Teresa: Sie verherrliche das Leid und würde missionieren. Hitchens starb an Krebs – und sagte vorher: Wenn er vor seinem Tod beginnen würde, an Gott zu glauben, solle man ihn nicht ernst nehmen.

 

b) Dawkins

* 1941 Nairobi/Kenia; Zoologe und Biologe und Autor

 

Religionskritik: In seinem Buch Der Gotteswahn stellt er den Gottesglauben recht umfassend aus allen möglichen Perspektiven dar: Woher der Glaube an einen Gott kommt – er widerlegt die Gottesbeweise – begründet, warum es höchst wahrscheinlich keinen Gott gebe – geht der nicht-religiösen Herkunft der Moral auf den Grund – sieht die Bibel als ein willkürlich zusammengewürfeltes Buch an. Sein Ziel wird ab Kapitel 8 besonders deutlich: Religion ist schlimm, weil sie unwissenschaftlich ist, gegen Homosexualität ist und Fanatismus fördere. (Pädophilie ist für ihn weniger schlimm als Religion.) Er wendet sich gegen alles Übernatürliche und Unlogische, alle Wundergläubigkeit und Gebetsgläubigkeit. Seine Grundlage ist die Evolutionslehre (er sieht Leben aus dem Kosmos auf die Erde gekommen [Panspermie], weil man sich Entstehung des Lebens aus Materie unter irdischen Bedingungen nicht vorstellen kann): Intelligenz ist Folge einer Entwicklung (Mensch) und steht nicht am Anfang (Gott). Warum glauben Menschen noch heute? Weil die Bildung versagt hat und den Menschen nicht deutlich machen kann, dass es auch ohne Glaube geht.

 

Kritik an Hitchens:

  • Hitchens gehört zu der Gruppe der Atheisten und Religionskritiker, die meinten, man müsse nicht mit Vertretern von Religionen reden, weil Religionen einfach lächerlich seien - aber dann doch ein Büchlein geschrieben hat, in dem er sich mit dem Judentum (er war Sohn einer Jüdin) und dem Christentum auseinandersetzte. Er hat sich ein paar Punkte herausgesucht, die er kritisierte - wie eben auch Dawkins sich ein paar Punkte heraussuchte, mit denen er meinte, die christliche Religion zu widerlegen. Diese Punkte müssten jetzt im Detail vorgestellt werden - von der so genannten Opferung Isaaks (der nicht geopfert wurde) bis hin zu den so genannten Gottesbeweisen. Das würde diesen Rahmen sprengen. Im Grunde handelt es sich um Themen, die schon seit Jahrhunderten diskutiert werden und im christlichen Raum auch Antworten gefunden haben bzw. selbst kritisch angesehen werden.
  • Der beliebte Vorwurf, dass Religionen für die Konflikte in der Welt verantwortlich sind, kann ganz schnell dadurch widerlegt werden, wenn man sich die Konflikte in der Welt einmal anschaut. Es ging im Wesentlichen um Expansion (Alexander der Große, Römer, Napoleon, ...). Der Vorwurf, den man der christlichen Religion machen kann - nicht dem Islam, denn er hat selbst einen kriegerischen Urgrund -, ist, dass es nicht in der Lage war, Kriege zu verhindern. Aber dieser Vorwurf zählt nur, wenn man dem Christentum gleichzeitig vorwirft, nicht den Menschen in einer Art Diktatur zu fesseln.

Der Bruder von Christopher Hitchens, Peter Hitchens, war auch Atheist und wandte sich wieder dem Christentum zu, und zwar einer konservativen Form. http://www.dailymail.co.uk/news/article-1255983/How-I-God-peace-atheist-brother-PETER-HITCHENS-traces-journey-Christianity.html

 

Kritik an Dawkins:

Mit diesem umfangreichen Werk hat sich Dawkins als Chef-Atheist einen Namen gemacht. Die Einnahmen verwendet er dazu, eine großangelegte Atheismus-Mission zu finanzieren. Weil dieses Buch eines Wissenschaftlers unter Atheisten so populär geworden ist, haben auch Wissenschaftler es unter die Lupe genommen (unter anderem Higgs: „peinlich“): Es gebe sich den Anschein von Wissenschaftlichkeit, würde aber im Grunde nur populärwissenschaftlich herum spekulieren – und gegen eine veraltete Karikatur von Religion ankämpfen – und das, ohne Ahnung von der aktuellen wissenschaftlichen Diskussion zu haben. Intensivste Kritik kommt von dem Wissenschaftler Alister McGrath: Der Atheismus-Wahn. Eine Antwort auf Richard Dawkins und den atheistischen Fundamentalismus, 2007 – und Richard Schröder: Abschaffung der Religion? Wissenschaftlicher Fanatismus und die Folgen, 2008; ebenso Kritik vom "frommen Atheisten" Schnädelbach: Überholter Materialismus des 19. Jahrhunderts, absurd, lächerlich.

 

Diese moderne Form des Atheismus im 20. Jahrhundert ist dadurch gekennzeichnet, dass sie im wesentlichen das Christentum kritisieren, aber anders als die Atheisten des 19. Jahrhunderts, Feuerbach, Marx, Nietzsche, Freud, der Religion nichts Adäquates entgegensetzen. Religionskritik des beginnenden 21. Jahrhunderts ist stärker durch diejenigen bestimmt, die dem frommen Atheismus zugerechnet werden: Mit Feuerbach: Es gibt keinen Gott, Religion ist vom Menschen gemacht worden - aber: Es muss einen Grund dafür geben, dass der Mensch Religion gemacht hat: Er benötigt Aspekte der Religion (Gemeinschaft, Hilfe, Trost, Kraft, Lebenssinn...).

 

 

(6) Bernd Ehlert ( http://www.tabvlarasa.de/30/Ehlert.php )

Ingenieur, studierte auch Religionswissenschaft und Philosophie

 

Religionskritik: Gegen Dawkins: Religion gehört zur Evolution, hatte evolutionäre Vorteile für den Menschen und ist so alt wie das Selbstbewusstsein des Menschen: Der Mensch löste sich vom Tier und er-warb neue Möglichkeiten der Informationsaufnahme, -weitergabe und -verarbeitung. Er er-kennt sich dadurch als Person, als ein Wesen, das vom Tod bedroht ist. Religion gab ihm Selbstbewusstsein, stabilisierte ihn in dieser neuen Weltwahrnehmung, die er in seiner Entfremdung vom Tier erklommen hatte. Da nun der Mensch in der Evolution voranschreitet, übernimmt immer stärker sein Denkvermögen und die Vernunft die Oberhand, bis die Religion irgendwann nicht mehr benötigt wird. Die so genannten neuen Atheisten um Dawkins sind noch Teil der alten kulturellen Evolution, der auch die Religionen zugehören, da sie genauso wie diese kämpfen, nur eben gegen Religion. Die Betonung des Denkvermögens und der Vernunft ermöglicht es den Menschen, diese alten Formen zu überwinden und neue zu installieren. Dazu gehört angesichts der möglichen Vernichtung der Menschheit der Abbau sozialer Aggression mit Hilfe des Verstandes.

 

Anmerkungen zu Ehlerts Sicht:

Dieser Ansatz ist anregend, weil er so manches mit unserer christlich religiösen Sicht verbindet. Was Ehlert Evolution der Religion nennt, nennen Christen: Gott reagiert auf den Menschen, Gott ist kein starres Etwas, sondern ein den Menschen in Liebe zugewandtes auf ihn reagierendes Sein. Gott rief Abraham und sagte ihm seine Gegenwart zu. Das Volk rief in der Not Gott und Gott berief Moses, er gab dem Volk Gebote, damit die Menschen wissen, wie sie sich verhalten sollten. Gott reagierte in der weiteren Geschichte auf die Verlorenheit des Menschen mit der Sendung seines Sohnes Jesus Christus. Und mit Jesus Christus begann das neue Leben die Welt der Menschen positiv zu durchdringen was auch Ehlert (allerdings aus säkularer Perspektive) darlegt. Gott reagiert auf den Menschen und lenkt den Menschen immer weiter. Und Gott gab dem Menschen von Anfang an Verantwortung mit (entscheiden zwischen gut und böse), er gab ihm den Verstand usw. So sehen Christen es mit Blick auf das Alte und Neue Testament und die Kirchengeschichte. Die treibende Kraft ist der Geist Gottes. Der Verstand, den Gott Menschen gegeben hat, den sollen sie zur Nächstenliebe einsetzen – das lehrte im Grunde Jesus: Was denkst du: Wer ist der Nächste? (Lukas 10,36)

Was Christen freilich von Ehlerts Ansatz unterscheidet, ist, dass für Ehlert der Verstand letztendlich Religion nicht mehr benötigt, um die heile Welt, die Welt ohne soziale Aggression, zu erreichen. Das bedeutet: Der Mensch kann nun die weitere Evolution selbst in die Hand nehmen? An dieser Stelle war schon Paulus und in seinem Gefolge Luther kritischer: Der Verstand ist nur die Magd des Bauches... Auch Darwin war sich nicht sicher, ob das menschliche Gehirn, das sich aus einem Affenhirn entwickelt hat, überhaupt vertrauenswürdig ist (Michael Blume).

Wie dem auch sei: Hier gibt es Ansätze für ein Miteinander von Atheismus und christlicher Religion zum Wohl der Welt.

 

 

Fazit:

  • Religionskritik ist überwiegend im Kulturkreis der christlichen Religion entstanden.
  • Religionskritik ist häufig Reaktion auf zeitgemäß akzeptierte Äußerungen von Theologie und Kirche, die nachfolgende Generationen als falsch ansehen. Da sie auf zeitgemäße Fehler der Kirchen reagieren, sind sie für Kirchen eine Art Seismographen, die Probleme wahrnehmen - und auf die Kirchen rational reagieren sollten.
  • Religionskritik hilft der christlichen Religion weiter, ihren Glauben zu durchdenken, hilft, Sprache zu finden für das, was man glaubt, hilft, in der Kommunikation Argumente zu finden.
  • Religionskritik verhilft dazu, das Wesen der christlichen Religion immer tiefer zu erfassen. So hat zum Beispiel die Marx´sche Kritik dazu geführt, dass Bonhoeffer seine Sicht formulieren konnte: Wie Gott sich in Jesus Christus zu dem Menschen hingewendet hat – und auch nur in dieser seiner Hinwendung zum Nächsten erkannt werden möchte –, so ist auch derjenige, der Jesus Christus nachfolgt, nicht darin autorisiert, Gott spekulierend zu erfassen, sondern ihn durch Nachfolge zu leben, durch Nachfolge in seinem Geist zu leben, das heißt sich dem Nächsten hinzugeben, sich ihm in seinem Leiden zuzuwenden. Aber nicht, um ihn im Leiden zu lassen, sondern in der Nachfolge Gerechtigkeit durchzusetzen, Leiden zu bekämpfen.
  • In der Auseinandersetzung zwischen Religionskritik und Religion geht es im Wesentlichen um das Menschenbild. (Was auch für die Auseinandersetzungen der Religionen untereinander gilt: das Menschenbild des Hinduismus, Islam, Christentum unterscheiden sich massiv voneinander.)
  • Grundsätzlich gesehen ist die christliche Religion dem Verstand gegenüber negativer eingestellt: Er ist wie der Trieb und das "Gewissen" ein Teil des Menschen, damit wie diese gleichermaßen von Fehlern und vom Gelingen bestimmt.

 

 

 

Literatur:

Dazu intensiver: http://www.k-l-j.de/069_religionskritik.htm

Heinz Zahrnt: Stammt Gott vom Menschen ab? Lektüre: Religion, stark-verlag 2001