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Wirkt Gott in der Geschichte der Menschen?

 

 

1. Einleitung

 

Das grundlegende christliche Glaubensbekenntnis lautet, dass Gott der Schöpfer der Welt ist, dass er der Erhalter der Welt ist, dass er der Vollender der Welt sein wird.

Mit diesem Bekenntnis ist verbunden, dass Gott in der Geschichte der Menschen wirkt.

Auf den ersten Blick ist Menschengeschichte etwas, das Menschen wirken. Sie denken alles denkbar Mögliche, sie schmieden Pläne, sie setzen sich gegeneinander und miteinander auseinander, sie führen Kriege und versuchen zu heilen. Sie versuchen mit Hilfe unterschiedlichster Gesellschaftssysteme das Leben miteinander zu ermöglichen.

Und so finden wir in unseren Geschichtsbüchern berühmte Gestalten wieder, vielfach Herrscher und ihre Vasallen, ihre Gegner und deren Vasallen. Dass aber nicht allein Herrscher die Geschichte bestimmen, Kriege und Niederlagen, das hat man erkannt und so werden inzwischen auch Philosophiegeschichte, Technikgeschichte, Literatur-/Kunstgeschichten usw. geschrieben.

 

2. Das Alte Testament: Gott geht seine Geschichte mit Menschen

 

Aber Gott? Die Bibel ist so eine Geschichtsschreibung, die Gottes Handeln mit dem Menschen wiedergibt. Die gesamte Menschheitsgeschichte ist ein Tun des Willens Gottes bzw. ein Ankämpfen gegen den Willen Gottes. Es werden Herrscher beschrieben – die Gottes Willen tun und Herrscher, die sich dagegen auflehnen. Entsprechend werden sie gewertet. Die Geschichte der Menschen begann im Grunde mit der Freiheit, die Gott dem Menschen gegeben hatte. Der Mensch missbrauchte seine Freiheit und wird unmenschlich, antigöttlich. Und Gott selbst versucht immer wieder einzugreifen, indem er den Menschen zu sich zurückruft, zur Besinnung kommen lässt und auch eingreift, damit Menschen einander nicht mehr Leid zufügen.

Ein wesentlicher Teil der Geschichte Israels begann damit, dass Gott mit einem Mann, namens Abraham sprach. Gott forderte ihn auf, den Weg zu gehen, den Gott mit ihm vorgesehen hat. Und der Mensch Abraham ging diesen Weg – und Gott verhieß ihm und seinen Nachkommen eine große Geschichte. Und diese gab es dann auch. Immer wieder kamen Gott und Menschen zusammen. Die Nachkommen Abrahams wurden versklavt – und Gott sandte nach langer Zeit einen, der sie befreite: Er berief den Mann Moses, dessen Lebensgeschichte schon entsprechend vorbereitet worden war, dieser Aufgabe gewachsen zu sein (hebräische Eltern, aufgewachsen am Hof des Pharaos). Gott stellte sich dem Moses auch mit einem Namen vor, der auf sein Handeln in der Geschichte weist: Ich werde sein, als der ich mich erweisen werde. Gott hat das Volk befreit und gab dem Volk gleichzeitig dreierlei mit auf dem Weg: Gebote und die Erinnerung an das Geschichtshandeln Gottes – und Zukunft. Wenn in der weiteren Zukunft das Volk sich an Gott gehalten hat und menschlich war, hat Gott es bewahrt. Wenn das Volk jedoch unmenschlich wurde und Gott verlassen hat, dann hat er große menschliche Herrschaften herbeigepfiffen, damit sie sein Volk zur Raison bringen. Gott ist also auch derjenige, der Menschen bewegen kann, seinen Willen zu tun, die von ihm nichts wissen oder von ihm nichts halten. Hier haben wir die Schule der Deuteronomisten im Blick, die die Grundlage für diese Geschichtssicht gelegt haben.

 

3. Jesus Christus, das Zentrum der Geschichte

 

Dann wurde Gott selbst in Jesus Christus Mensch. Das Matthäusevangelium wie das Lukasevangelium bekennen, dass von Anfang an die menschlichen Herrscher involviert waren. Herodes fühlte sich von Gott herausgefordert und ließ Kinder ermorden, so Matthäus. Im Lukasevangelium ist der Caesar Augustus derjenige, der in Gottes Diensten steht, indem er eine Bevölkerungszählung verordnet. Und so wird dann Gott in Jesus Christus Mensch an dem Ort, an dem Gott Mensch werden wollte, an dem Ort, den er durch die Propheten vorhersagen ließ. Lukas spricht von der Mitte der Zeit, das Zentrum der Menschengeschichte, das mit Jesus Christus angebrochen ist. Und die Herrscher fühlten sich wieder von Gott herausgefordert – die religiösen Herrscher und auch die politischen Herrscher, sodass sie ihn kreuzigen ließen. Doch das Ende der Geschichte ist damit nicht gekommen, sondern, so das Bekenntnis der Christen: Durch die vielen Christen, die von Gottes Geist ergriffen wurden, geht die Geschichte Gottes in der Menschheitsgeschichte nun weltweit weiter. Jeder Christ, jede Christin hat nun einen Platz in der Menschheitsgeschichte, um Gottes Auftrag zu erfüllen. Und das gilt bis in die jeweilige Gegenwart hinein. Manche Menschen bereitet Gott schon lange für den Dienst vor, so zum Beispiel den Apostel Paulus. Oder auch bei anderen großen Philosophen und Herrschern der christlichen Geschichte, bis sie erkannten: Gott stellt mich in seinen Dienst. Und jeder Mensch, der im Auftrag Gottes sein Leben lebt, ist für die anderen Menschen eine Herausforderung. Sie müssen sich entscheiden: Für oder gegen Gott. Somit greift Gott ein – es ist eine Herausforderungsgeschichte.

 

4. Gott handelt bis in die Gegenwart durch Menschen, die ihm folgen

 

Gott greift bis in die Gegenwart da in die Geschichte ein, wo Menschen seinen Willen tun, bewusst oder unbewusst: Liebe üben, Gerechtigkeit durchsetzen, Gemeinschaft fördern, Frieden, Freiheit, Wahrheit zur Grundlage ihrer Worte und Taten machen. Sie bekämpfen Leiden in Krankenhäusern, in Organisationen weltweit. Überall sind sie am Werk. Von den Geschichtsbüchern werden sie übersehen, die vielen Menschen, die in Gottes Diensten stehen. Aber sie sind es, die Jesus Christus Salz der Erde und Licht der Welt nannte, diejenigen, die erhalten und erleuchten. Hier und da werden auch manchmal manche berühmter, wie Päpste, Mutter Theresa, Albert Schweitzer, aber auch Asia Bibi, die im Gefängnis von Pakistan ihr Leben fristet, oder sie werden bekannt, obwohl sie ermordet wurden, wie Martin Luther King, Dietrich Bonhoeffer. Die vielen Menschen im Dienst Gottes, die um ihres Glaubens Willen leiden müssen, machen eben auch dadurch Geschichte, dass die Gewalttäter nichts Besseres zu tun wissen, als sich wehrlose Menschen als Ziel ihrer Wut auszusuchen und zu ermorden. Aber dieses Tun kann das Wirken Gottes nicht zerstören. Wie der Kommunismus es nicht schaffte, trotz massenhafter Ermordung von Christen in der Sowjetunion und in China den Glauben zu zerstören, so zerstören ihn auch die Kirchen selbst nicht, die sich den Herrschern anpassen, wie in der Zeit des Nationalsozialismus. Gott hat immer Menschen, die ihm dienen und damit auch die Geschichte in Gottes Richtung verändern.

 

5. Gott handelt auch durch Nichtglaubende

 

Nicht nur Christen sind in der Hand Gottes, sondern – ohne dass sie es wissen – auch Nichtchristen. Diese Geschichte Gottes mit dem Menschen ist verborgener. Wie wir aus dem Alten Testament und dem Neuen Testament jedoch lernen können, ist sie vorhanden. Gott zerstört immer wieder den Hochmut von Menschen, Gruppen, Herrschern. Es dauert, weil Gott wohl möchte, dass die Menschen selbst die Lage unter Kontrolle bekommen. Aber wenn alles aus dem Ruder zu laufen droht, dann greift Gott ein.

 

6. Eine Miteinander-Geschichte

 

Besonders spannend ist die Frage nach dem Handeln Gottes in der Geschichte mit Blick auf die Person des Judas, der Jesus verraten hatte. Und so fragen dann auch 9xKluge: Wenn Judas Jesus nicht verraten hätte, wäre Gottes ganzer Plan durcheinander geraten, Jesus wäre nicht gekreuzigt worden, wäre somit nicht für die Sünden der Menschen gestorben und eben auch nicht auferstanden, hätte den Tod nicht besiegen können. Und damit dieser Plan Gottes nicht durcheinander gerät, musste Gott den Judas so hinbiegen, dass er das getan hat, was Gott wollte. Mehr oder weniger freiwillig. Also ist Gott für den Tod Jesu verantwortlich, weil er ihn ja wollte. Die Frage „Was wäre wenn“ ist in der Geschichtsschreibung verpönt. Auch in der christlichen. Was wir freilich sehen können, durch das gesamte Alte Testament und Neue Testament hindurch: Gottes Geschichte mit Menschen ist eine Miteinander-Geschichte. Gott reagiert in seiner Freiheit auf das Handeln des Menschen, der Mensch reagiert in seiner Freiheit positiv oder negativ auf das Handeln Gottes. Von daher sind Menschen immer für ihre Taten verantwortlich. Und Gott geht seinen Weg, den er gehen wollte – und wenn der Mensch in seiner Freiheit einen anderen Weg gehen will als Gott, dann geht Gott ihn mit und akzeptiert ihn. Wenn also Gott den Weg der Befreiung des Menschen gehen will und der Mensch in seinem Kampf gegen Gott Jesus Christus hinrichtet, dann akzeptiert Gott diesen Weg. Und die Hinrichtung Jesu Christi dient der Befreiung des Menschen.

 

7. Auch Gottes Handeln in der Geschichte ist kein Gottesbeweis

 

Die Menschen haben sich nicht auf einen Schlag geändert. Die Geschichte verläuft eben so, dass sie nicht als Gottesbeweis dienen kann. Gottes Spuren in der Geschichte sind nicht von allen gleichermaßen zu sehen und als solche zu interpretieren. Denn es gilt hier auch das, was zu den anderen „Gottesbeweisen“ zu sagen ist: Wäre Gott beweisbar, dann hätte der Mensch keine Freiheit mehr. Er wäre gezwungen, sich Gott auszuliefern. Gott möchte aber Menschen, die frei sind und sich in Freiheit für oder gegen ihn entscheiden. (Man könnte sich auch dann von Gott abwenden – aber was würde man heute zu einem Menschen sagen, der behauptet: Es gibt keine Sonne?) Und so sind letztendlich die einzigen, die auf Gott hinweisen diejenigen, die ihn bekennen, mit Wort und Handeln - oder eben auch durch die Bibel selbst wirkt Gott immer wieder in die Menschheitsgeschichte hinein.

Doch wir Menschen sind allgemein nicht in der Lage, in der jeweiligen Gegenwart Gott selbst handeln zu sehen. Dadurch sind wir zu sehr involviert. Und erst im Nachhinein zeigt es sich, wer Gottes Handeln in der Geschichte richtig interpretiert hat. Diese Auseinandersetzung finden wir schon im Buch des Propheten Jeremia: Die einen sagen, Gott handelt in dem aktuellen Ereignis auf diese Weise, andere sagen: Nein, er handelt auf andere Weise. Während des Nationalsozialismus haben manche in Hitler Gott wirken sehen, manche haben in ihm schon vor 1933 den Anti-Gott gesehen. Entsprechendes galt im Blick auf den Kommunismus. Für Menschen, die involviert sind, ist die richtige Antwort nur sehr schwer zu geben und verlangt ein äußerst intensives Hören auf das, was Gott zu sagen hat. Das ist manchen nicht gegeben und sie laufen furchtbar in die Irre. Sie meinten Gott da zu sehen und zu hören – wo nur – in traditioneller Sprache gesprochen, der Teufel spricht.

 

*

 

Eine Anmerkung zum Nachdenken:

 

Wir haben häufig Berichte von Menschen, die etwas planen, doch dann kommt eine Kleinigkeit, die ihren Plan durcheinanderbringt. Zum Beispiel planen wir an einen bestimmten Ort zu fahren – doch kurz vor unserer Nase geht die U-Bahn-Tür zu. Und die U-Bahn muss keinen Unfall haben – aber unsere Geschichte kann damit vollkommen anders verlaufen, als sie verlaufen wäre, wenn wir die U-Bahn noch erreicht hätten. Und diese Momente, in denen etwas anders läuft als wir es denken (stehen im Stau, ein Hilfsbedürftiger hält uns auf, wir fühlen uns unwohl – oder im Gegenteil: die Fahrt geht wider Erwarten schnell vonstatten, ein Mensch hilft uns uneigennützig weiter, wir fühlen uns vor Kraft strotzend…) – auch diese Momente können durch Glaubende als die Momente angesehen werden, in denen Gott weltgeschichtlich seine Hand im Spiel hat. 


wf@evangelische-religion.de